Heinrich-Roman illustriert …

Teilabbildung des Covers
Das Cover mit einer Zeichnung von Caroline Dabrunz

Ein lang gehegter Wunsch

Ein Buch mit illustriertem Text … der Gedanke geistert schon viele Jahre durch meinen Schädel. Ab und zu traf ich Menschen, deren Zeichnungen mir gefielen und ich fragte sie, bat sie um Zeichnungen. Aber na ja, wie es halt so ist … jede/r hat dies und das zu tun, hat Beruf, Kinder, fühlt sich nicht dazu in der Lage, weil ’so gut kann ich doch gar nicht zeichnen‘. Dann hatte ich es wieder vergessen. Unbefriedigend. Jetzt hat es endlich geklappt und ich würde das gerne noch vertiefen, mehr Texte, mehr Zeichnungen, aber es bleibt zäh. Wie das Leben nun mal ist. Dann erinnerte ich mich einer Kunstmappe mit eigenen Zeichnungen und Gemälden. Und weil noch ein paar Bilder fehlten, nahm ich aus dieser Mappe den Rest. Jedenfalls gibt es dieses Buch ja schon, aber das hier ist wesentlich schöner! Na gut, manch eine/r wird denken: Huch! Wie düster! Aber ich finde, es passt zu den Texten und ich bedanke mich herzlich bei Caroline für die schönen Illustrationen. Wer also zu den Texten noch ein paar tolle Eindrücke möchte, darf gerne zugreifen oder auch als Geschenk in Erwägung ziehen.

Klappentext

Irgendwann gegen Ende der 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Heinrich entdeckt die Welt um sich herum. Und dabei allerlei seltsame Erwachsene, die offenbar – kleinen Irrlichtern gleich – am Rande von Heinrichs Welt umherstreifen oder auch mal mittendurch trampeln. Heinrich muss sich sehr wundern. Doch seine Altersgenossen hinterlassen selten einen besseren Eindruck. Das alles zu sortieren, ist ein enorm schwieriges Unterfangen. Einzig Heinrichs Mutter ist den wirren Situationen ab und zu gewachsen und gibt sich Mühe, den kleinen Kopf ordentlich zu halten. Aber das klappt auch nicht immer. So ist Heinrichs Welt ein Potpourri aus menschlichen Schwächen, schwachen und manchmal starken Menschen, kleinen Leuchtfeuern und tiefen Abgründen. Das Leben eben. Was bleibt dem Kleinen, als sich irgendwie zu arrangieren.

Heinrich und die Reste vom Krieg
Roman
Autor: Heiko Tessmann
Genre: Alltägliches, Kindheit
Taschenbuch, 248 Seiten
ISBN: 978-3-7568-3560-7
Verlag: Books on Demand
Erscheinungsdatum: 23.09.2022
Preis: 19,90 EUR

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Viel Spaß beim Lesen wünscht Euch
Heiko

Rezension zu ‚Der lange Arm der Gewalt‘

Auf der Internetseite socialnet.de wurde Anfang des neuen Jahres eine Rezension meines Buches ‚Der lange Arm der Gewalt‘ veröffentlicht. Geschrieben wurde sie von Prof. Dr. phil. habil. Joachim Weber Professor an der Hochschule Mannheim, Fakultät für Sozialwesen in den Bereichen Theorie, Handlungstheorie und Ethik Sozialer Arbeit und Privatdozent an der Goethe-Universität Frankfurt am Fachbereich 04 (Erziehungswissenschaften). In seinem Fazit schreibt Professor Weber:

Das Werk bereitet systematisch und äußerst sorgfältig in gewissenhafter Analyse und Interpretation die Quellen des KZ-Kommandanten und Großvaters des Autors Willi Tessmann auf. Es leistet damit einen besonderen Beitrag zur Aufarbeitung der NS-Zeit mit einer klaren Botschaft, den Kreislauf der Gewalt, der diese Bewegung prägte, zu durchbrechen und verantwortlich mit der Welt unter Menschen umzugehen. Es sticht heraus durch die lebensweltliche Nähe, die anhand des Quellenmaterials erzeugt wird, insbesondere durch den Briefwechsel des Täters mit seiner Frau aus der Haft bis zu seiner Hinrichtung.

Seit einigen Monaten erleben wir in der Öffentlichkeit zunehmende Vergleiche unserer Demokratie mit dem Dritten Reich bzw. dessen Strukturen sowie Partei- und Exekutivorganen (SS und Gestapo). Menschen gehen auf die Straße mit angeheftetem ‚Judenstern‘ auf dem ‚ungeimpft‘ steht oder die Pappschilder tragen mit der Aufschrift ‚Impfen macht frei‘, angelehnt an die von den Nationalsozialisten über den KZ-Toren angebrachten Formeln. Die Unerträglichkeit dieser Vergleiche macht wütend. Wie kann man Geschichte so (bewusst?) missverstehen? Hier treffen sich gezielte, bewusst eingesetzte Provokation, bewusste und unbewusste Unwissenheit, kognitive Dissonanz, esoterisches Gemurmel zu einer Melange, die nun tatsächlich eine gewisse Ähnlichkeit mit der Zeit vor 1933 hat, dem unwissenschaftlichen Geschwurbel um Rassen und jüdischer Weltverschwörung, umgarnt von Deutschnationalem, Ahnensuche, Germanentum und allerlei anderem Kroppzeug. Neonazis riechen Morgenluft und eine erkleckliche Anzahl Menschen klebt an deren süßen Worten, auf der Suche nach stabilen Ankerpunkten in einer zunehmend instabilen Welt im schnellen Strom der Veränderungen. Die ’schon immer wussten‘, dass irgendwas nicht stimmt und ‚irgendwer‚ ihre Geschicke bestimmen will. Der einzige Ausweg für sie ist es, sich immer tiefer in ihr Paradigma zu graben. Denn dass wir anderen das Gegenteil behaupten, ist Beweis genug für ihre Wahnvorstellungen. Damit sind sie geistiges und emotionales Freiwild für die professionellen Hetzer und Rattenfänger.

Nachzulesen im Buch …

Wie das, was heute funktioniert in diesen Kreisen, damals schon rationalen und empathischen Humanismus desintegrierte, kann man aus manchem Dokument gut herauslesen. Besonders aus den Briefen. Wie Menschen sich ihr Handeln schönreden, nur um nicht zugeben zu müssen, schuldig zu sein. Unmenschlich gehandelt zu haben. Traurig. Umso mehr, weil die Gräben damals wie heute mitten durch die Familien gehen. Einige von ihnen jedoch hetzen und drohen einfach nur gerne. Deren Erziehung hat versagt oder war nicht vorhanden.

Euer Heiko

Ich erinnere an … / Teil 8

Heute denke ich an Hermann, Friedrich, Moriz, Anna und Aron

Hier ist die Verbindung

Hermann ALLERS
Wohnhaft in Hamburg, geboren 1887. Gehörte zu den 71 Inhaftierten, die am 21. bzw. 23. April 1945 im KZ Neuengamme gehenkt bzw. ermordet wurden.

Warum? Warum wurden Hermann und 70 andere Menschen von Fuhlsbüttel nach Neuengamme verbracht und hingerichtet? 13 Frauen und 58 Männer. Bestialisch. Im Arrestbunker mit Handgranaten, Kopfschüssen oder erschlagen. Niemand von ihnen war ein/e Kriminelle/r. Und was mich dabei besonders ärgert, sind Menschen, die sich heutzutage mit Hermann und all den anderen damaligen Opfern identifizieren, etwa auf Querdenker-Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen. Menschen, die allen Ernstes Mord mit Handgranaten, Kopfschüssen oder Knüppel dem gleichsetzen, was die Polizei tut, wenn nachvollziehbare Auflagen nicht eingehalten werden. Egozentriker. Da sehen wir keine Weltbilder mehr, nur noch ICH-Bilder. Viele der 71 Ermordeten waren hingegen Widerstandskämpfer:innen im Sinne des Wortes. Keine Freizeithelden aus Gründen von ‚mir geht es zu gut‘.

Friedrich ANDERSEN
Friedrich war von Beruf Schneider. Er wohnte in Hamburg in der Große Theaterstraße 48 und wurde am 7.10.1897 geboren. Vielleicht war Friedrich in der KPD oder der SPD, der Haftgrund ist wohl nicht verzeichnet, ab er wurde am 28.10.1937 ermordet.

Moriz APPERMANN
Von Beruf war Moriz ein Kaufmann, ein kaufmännischer Angestellter. Auch er wohnte in Hamburg, in der Emilienstraße 87 und wurde geboren am 15.4.1883 in Wien. Er war Österreicher und weigerte sich, einen jüdischen Vornamen anzunehmen, wie die Nazis es den jüdischen Mitbürgern vorschrieben. Dafür wurde er verurteilt. Er wurde am 30.3.1942 ermordet.

Anna ARAPOWA
Anna war eine der Zwangsarbeiterinnen, die beim Norddeutschen Leichtmetall- und Colbenwerk (NOLEICO) in Altona als gefangene Soldatinnen der Roten Armee zur täglichen Arbeit gezwungen wurde, und das bei schlechter Verpflegung. Genau dagegen haben die Frauen dann protestiert, die Arbeit niedergelegt. Das Werk rief die Gestapo. Fünf der Frauen ließ man als ‚Rädelsführerinnen‘ verhaften. Sie kamen nach Fuhlsbüttel. Anna wurde geboren am 22. Oktober 1916 in Sverdlowsk, in der Sowjetunion. Am 15. November 1943 wurden sie in den Winsbergen bei Eidelstedt nördlich von Altona durch Genickschuss hingerichtet. Die anderen russischen Zwangsarbeiterinnen aus dem Werk mussten zur Abschreckung zuschauen.

Aron AUERBACH
So wie Moriz, war auch Aron von Beruf Kaufmann, wohnhaft in Hamburg in der Hansastraße 74, geboren am 20.4.1869 und ermordet am 5.7.1938, Haftgrund war rassisch, denn Aron war ebenso wie Moriz Jude.

Wären Moriz und Aron noch unter uns und sähen die Benutzung des von den Nazis im September 1941 eingeführten ‚Judensterns‘ als Meinungs- und Identifikationssymbol von Menschen, die eine Impfung mit den ‚Sofortmaßnahmen der Judenfrage‘ gleichsetzen, würden beide den Kopf schütteln und sich mindestens ungläubig wegdrehen. Eine Beleidigung all der Opfer. Eine Verhöhnung des Leids. Mir fehlt dafür jegliches Verständnis. Dafür gibt es noch nicht mal den Hauch einer Entschuldigung. Ein einziger Grund, sich fremdzuschämen.

Hier ist die Verantwortung

Seit mehr als 20 Jahren beschäftige ich mich jetzt mit dem Komplex um meinen Opa (ja, ich sage immer noch ‚Opa‘, denn das war er ja und wird es immer sein). Vor allem das Buch von Herbert Diercks (das es leider nicht mehr gibt) habe ich mehr als einmal durchgearbeitet, bis es auseinanderfiel und ich mir ein neues besorgte. Und dort drinnen die Namen, von denen ich nach all den Jahren schon einige zu kennen meine. Sich mit diesen Namen beschäftigen und dahinter erst Personen, dann Menschen, dann deren Leben (sofern aufgezeichnet) und Wirken zu sehen, schafft eine Verbindung. Man kann Menschen kennenlernen, indem man sich nur mit ihrem Vermächtnis beschäftigt. Eine emotionale Verbindung aufbauen. Was zeigt, dass sie nur physisch nicht mehr hier sind. Sie leben immer noch unter uns. In unserem Gedächtnis und den damit verbundenen Emotionen. Sie sind nicht tot. Und das ist die Verantwortung, die sie uns aufbürden, die wir uns selbst aufbürden. Das ist unsere Pflicht. Keine Schuld, sondern Pflicht. Das tut Geschichte, wenn man sich mit ihr im besten menschlichen Sinne beschäftigt. Die Nazis, die Neurechten, Populisten, Ewiggestrigen können das nicht. Geschichte ist ihr Feind. Dort steht, dass sie unrecht haben.

Anmerkung des Autors

Denjenigen unter uns, die der Meinung sind, Pandemie-Maßnahmen in Deutschland bzw. weltweit, seien auch nur ansatzweise mit Handlungen der Gestapo oder den totalitären Wesenszügen des Dritten Reichs vergleichbar, möchte ich nahelegen, solche kleinen Geschichten zu lesen und genau darüber nachzudenken, ob irgendjemand heutzutage so behandelt wird, nur weil er gegen Corona-Maßnahmen demonstriert. Wer diesen Vergleich zieht, verhöhnt Hermann, Friedrich, Moriz, Anna und Aron und all die anderen Opfer des Naziterrors. Ich kann nur schlussfolgern, dass hier ein sehr begrenztes Wissen bzw. Ahnungen oder Hörensagen vorliegen und man sich in keinster Weise mit den massenhaft zur Verfügung stehenden Quellen beschäftigt hat, sondern sich auf das verlässt und man dem folgt, was moderne Rattenfänger streuen, um eigene Ziele zu verfolgen. Das ist peinlich und beschämend. Zumal im Zuge dieser Rattenfänger-Maßnahmen Rassismus und Antisemitismus aufblühen, und Mitmarschierer sich das automatisch zu eigen machen.

Wahn und Wirklichkeit / 1

Filme, Serien, Verschwörungen, Politiker und die Realität

Wie verbreitet sich eine Idee? Also in den 70ern haben wir uns freitags im ZDF immer ‚Der phantastische Film‘ angesehen. Und natürlich musste die ARD mitziehen. Sie brachte in der Reihe ‚Science Fiction‘ zweimal im Monat samstags um 22 Uhr echte Klassiker, darunter den nach wie vor hochaktuellen „2022 – die überleben wollen“, mit Charlton Heston. Ende der 70er, Anfang der 80er, bevor das Unheil der Privaten über uns hereinbrach, waren aus meiner Sicht die Glanzzeiten des Fernsehens. Weltspiegel, Auslandsjournal, Monitor, Autorenfilme von Schlöndorff oder Fassbinder. Ein Traum. Und echtes Bildungsfernsehen. Na gut, was haben wir Jungs also damals gemacht? Salzstangen, Erdnüsse, Chips und jede Menge Bacardi-Cola, Filme geguckt und drüber geredet, über ‚1984‘ oder ‚Fahrenheit 451‘ oder ‚Angst essen Seele auf‘. Danach kam das Thema auf den Eisernen Vorhang, die Sowjets, Mehrfachsprengköpfe, Petting statt Pershing und dann kamen wir zu den Mädels. Am Ende aber, kurz vor dem Einschlafen, mussten wir noch einmal an die Filme und unsere Diskussion denken. Was hatten wir gesehen? Und wie unterscheidet sich das Gesehene von der Welt da draußen? Telefon mit Wählscheibe. Drei TV-Sender. Radio. SWF3, Frank Laufenberg stellt coole Musik vor.

Wir lebten

Wir lebten in der realen Welt. Und tauchten wir einmal ab in das Phantastische, das (Un)Denkbare, wussten wir doch, woher wir kamen. Aus dem realen Leben. Mit all seinen Fehlern und Schönheiten. Und diese Fehler und Schönheiten gab es überall. In der KPdSU ebenso wie im Westen. In Fernost ebenso wie in Nahost. Wir wussten auch, dass die CIA Pinochet ermöglichte, dass Apartheid in Südafrika scheiße ist und dass manch Alte mit ihren Sprüchen (Mach doch rüber, wenn es dir hier nicht passt!) mit mindestens einem Fuß noch in ihrer Naziwohnung lebten. Wir wussten, dass Arafat und die Israelis es nur schafften, wenn jeder den anderen so akzeptierte, wie er war. Wir wussten, dass manche unserer Lehrer Nazis waren und die FDP ebenjene aufgenommen hat nach dem Krieg. Alles war Realität. Nichts war Fiktion oder Verschwörung. Natürlich traf man hin und wieder christliche oder andere Fundamentalisten, Flacherdler, Esoteriker, in Orange gekleidete Bhagwan-Buchverkäufer und Hippies aller Art mit bunten VW-Bussen und jeder Menge Gras im Reservereifen. Selbst Ali unten im Gemüseladen sagte immer: „Mein Jott, wat für ne Spinner.“ Wir schafften es immer, in die Realität zurückzukehren. Denn wenn wir diese Menschen hinter uns ließen, erreichten ihre Botschaften uns nicht mehr. Bücher musste man nicht kaufen. Im Fernsehen kam der Quatsch nicht. Höchstens Däniken schaffte es mal auf einen Sendeplatz, aber danach war Abendessen und Handballtraining. Danach diskutierten wir darüber und stellten fest: Morgen ist Schule und die Sabine ist ein heißer Feger. Wir waren geerdet.

Das Multiversum der Botschaften

Das hat sich geändert. Radikal. Nichts ist mehr so, wie es war. Die Geschwindigkeit von Veränderung hat sich mehrfach potenziert. Und überall sind die Botschaften. Auf Twitter, Instagram, Mastodon, Gab (rechtes Netzwerk), TikTok, Snapchat, WhatsApp, Facebook, Telegram. Alle Botschaften laufen unzählige Male hin und her, hochgradig vernetzt, vom einen erweitert um dies Gerücht, von der anderen als Fakt von der Freundin einer Cousine, deren Tante schon mal was gelesen hat, ins Netz gestellt. Unumstößliche Wahrheiten allenthalben und wesentlich mehr, als es überhaupt Wahrheit gibt. In diesen Moloch aus Verbreitung, stoßen Filme und Serien von Fox, HBC, Netflix, Amazon Prime, Disney+ und wie sie nicht alle heißen. Und ein Großteil der Serien MUSS sich verkaufen. Und was verkauft sich besser als Verschwörung? House of Cards, Matrix, Deep State, Blacklist usw. Filme und Serien, die das Potential des Menschen, an Verschwörungen aller Art zu glauben, in höchstem Maße nutzen, gibt es wie Sand am Meer. Doch anders als wir damals, die sich einen Film ansahen, danach diskutierten und das wars, hat aus irgendeinem Grund die soziale und emotionale Deprivation zugenommen und die Menschen suchen sich Gleichgesinnte im Ozean des Internets, im Sumpf der Sozialen Medien. Sie wachen nicht mehr auf, finden nicht mehr den Weg in die reale Welt. Und nach einer gewissen Zeit, wird ihre Gedankenwelt zur Realität. Leben in einer Sackgasse, die gleichzeitig Einbahnstraße ist. Alles was von außerhalb kommt, findet nicht mehr den Weg dort hinein – oder wenn, dann kann es nur falsch sein. Ein Fake. Realitätsverlust, Hunger nach dem, was nicht sein kann, der Verschwörung, dem zündenden ‚ich hab es schon immer gewusst‘-Effekt. Plötzlich sieht man überall passende Sätze, Zeichen, Symbole, Geschehnisse. Fäden werden gesponnen, wo es in tausend Jahren keinen Zusammenhang gab und gibt. Und nun wird es fatal: die Politik macht sich das zunutze. So wird bestätigt, was vorher nur Verschwörung war. Nicht gehört zu werden, verstärkt den Außenseiter-Trotz umso mehr.

Der Untergang der Realität

Das Perfide: Die Melange aus Deep State-Quatsch, QAnon-Mist, Esoterik, Verschwörung allenthalben ist als Rezeptur geeignet, Wahlen zu beeinflussen, direkt und unmittelbar. Demokratien zu unterminieren. Familien zu zerstören. Chaos zu produzieren. Etwa: Die Unwetterfronten in NRW und RLP wurden erzeugt, gesteuert, um die Umvolkung zu beschleunigen. Hauptsächlich zwei Sorten von Menschen produzieren solche Idiotien:
1. die bewusst Lenkenden und
2. die unter Selbstsucht und Aufklärungswahn leidenden Paranoiker.

Zu 1: Die bewusst Lenkenden
Darunter fallen solche Menschen wie Friedrich Merz oder Hubert Aiwanger, aber auch der Führungstrupp der AfD. Allerdings gibt es unter den Lenkenden ein unsichtbares Levelsystem, ähnlich einem Computerspiel. Deutsche Politiker gehören auf jeden Fall NICHT zu den Endgegnern. Immerhin: mit der Verbreitung, dem dauernd am Kochen halten von Schwachsinn, verfolgen diese als Politiker auftretenden Menschen genau EIN Ziel: Angst schüren/verbreiten, Unsicherheiten bei labilen Menschen verstärken, also Wähler für sich zu gewinnen – oder zumindest Nichtwähler zu generieren. Die wirklichen Verursacher/Anwender dieser Taktik, die Hebammen der Verschwörungen, kann man auf eine relativ geringe Anzahl eingrenzen. Aber sie nutzen die Sozialen Medien, die Privatkanäle, die Möglichkeiten des digitalen Zeitalters wie Weltmeister. In dieser Disziplin sind sie allen anderen überlegen. Das muss man mal so sagen. Und sie sind vernetzt. Und sie haben Geld. Eine Menge. Ihre Strategien sind ausgereift, ausgefeilt und sehr flexibel. Ihr Tun folgt immer einer Agenda. Auch wenn sich Gruppierungen unter ihnen nicht so mit anderen Gruppierungen verstehen, gibt es gemeinsame Schnittmengen(-personen), die die Zusammenarbeit effektiv machen. Da denken wir an die Kohlebergbaubetreiber (unter anderen) als Geldgeber für Thinktanks gegen die wissenschaftlichen Studien zum menschengemachten Klimawandel bzw., die Verunglimpfung des IPCC und der vielen tausend Wissenschaftler weltweit. Und diese Thinktanks bestehen wiederum aus Menschen mit nationalkonservativem und/oder neurechtem Hintergrund, die bspw. auch diesen Leugner-Verein E.I.K.E. unterstützen, indem dann wieder Menschen aus der AfD reüssieren, denen Klima egal ist, aber was gegen die Umvolkung tun wollen usw. usf., und als Lautsprecherwagen und Verkünder tauchen dann die Medienzaren der Verschwörung auf, etwa Oliver Janich oder Ken Jebsen oder Samuel Eckert. Zwischen diesen einzelnen Zentren der Verschwörungsgläubigen wandern dann die Themen je nach momentaner politischer Lage hin und her, werden angepasst, neu formuliert, mit einem anderen Kontext versehen, und am Ende … weiß kaum noch einer der Zuhörer:innen, was eigentlich so passiert, real ist oder Fake. In diesem Universum an erschaffener, künstlicher Unsicherheit, braucht es nur noch einen Kulminationspunkt, und schon haben wir die Scheiße. Genau die Scheiße, vor denen die Verschwörungstrottel:innen Angst haben. Dass nämlich ihre Welt zugrunde geht. Dass sie dabei selbst am meisten beteiligt sind, ist jenseits ihrer Realität.

Zu 2: die unter Selbstsucht und Aufklärungswahn leidenden Paranoiker
Ach ja, die hätte ich fast vergessen. Für die gibt es Tabletten.

Viele Politiker sind sich für nichts zu schade

In Zeiten schwindender Mehrheiten und der Transformation von ehemaligen Volksparteien zu Fanclubs eines Drittligisten, sind Politiker geradezu zwanghaft bemüht, aus dem ganzen Mist Kapital zu schlagen. Ihre politische Daseinsberechtigung ziehen sie nicht mehr aus klaren, abgrenzbaren Utopien (einen Fahrplan dorthin mit eingeschlossen), sondern nur noch aus Diffamierung und verbalem Ätznatron, Teile von Verschwörungsquatsch mit eingebaut. Nicht die Politik ist in einer Krise oder die Demokratie, nein, die Politiker sind in einer Krise und spülen dadurch das ganze politische System die eigene Toilette hinunter. Und es ist ihnen nicht mal bewusst. Offenbar gehen wirklich nicht die Klügsten in die Politik. Was Politiker:innen aber wirklich drauf haben: sich von Lobbys die Butter aufs Brot streichen zu lassen. Und da wären wir wieder beim Kohlebergbau, Energieunternehmen, dem Bauernverband, der Automobilindustrie. Es ist ja nicht so, dass man mit anderen Produkten KEIN Geld verdienen könnte. Klar kann man. Aber solange es mit der Technik aus dem vorvorigen Jahrhundert noch geht, ziehen wir es durch. Für alles Neue muss man ja erst mal investieren. Da geben diese Leute sich die Hand mit den Politikern. Die sind auch nicht so für das Neue. Manchmal ist sogar der Name Programm (Altmaier). Und leider haben Politiker noch was mit dem Thema gemein: sie leben in ihrer eigenen Realität. Also weit hinterm Mond. Die Frage ist ja nicht mehr: Wer hat das Haus angezündet? Die Frage ist vielmehr: Wie kommen wir da raus? Zurück in die Realität. Dorthin, wo wir klar denken können.

Anmerkung
Falls es nicht ganz klar ist. Der Text oben ist Meinung.

Ich erinnere an … / Teil 7

Dr. Hermann Karl Apel

Dr. Hermann Karl Apel wurde am 2. Juni 1883 geboren. Er war Studienrat im Ruhestand. Seine Dissertation schrieb er an der Hohen philosophischen Fakultät der Vereinigten Friedrichs-Universität im Jahre 1910 in Halle an der Saale. Der Titel: Die Tyrannis von Herakles. Offenbar hatte sich Dr. Apel mit dem Thema Tyrannen/Tyrannei befasst. Was ihm zum Verhängnis wurde. Denn am 5. Oktober 1939 wurde er wegen der Verbreitung antinazistischer Publikationen von der Gestapo verhaftet und kam ins Polizeigefängnis Fuhlsbüttel (Haftgrund: politisch). Sechs Tage später, am 11. Oktober 1939 starb er. Er wurde ermordet.

Stolperstein in Reinbek
Studienrat Dr. Apel war Mitglied der DVP. Er wohnte in Reinbek, in der Bahnsenallee 49. Dort gibt es heute einen Stolperstein, der an ihn erinnert.

Anmerkung des Autors

Denjenigen unter uns, die der Meinung sind, Pandemie-Maßnahmen in Deutschland bzw. weltweit, seien auch nur ansatzweise mit Handlungen der Gestapo oder den totalitären Wesenszügen des Dritten Reichs vergleichbar, möchte ich nahelegen, solche kleinen Geschichten zu lesen und genau darüber nachzudenken, ob irgendjemand heutzutage so behandelt wird, nur weil er gegen Corona-Maßnahmen demonstriert. Wer diesen Vergleich zieht, verhöhnt Margarete und Paul Zinke und all die anderen Opfer des Naziterrors. Ich kann nur schlussfolgern, dass hier ein sehr begrenztes Wissen bzw. Ahnungen oder Hörensagen vorliegen und man sich in keinster Weise mit den massenhaft zur Verfügung stehenden Quellen beschäftigt hat, sondern sich auf das verlässt und man dem folgt, was moderne Rattenfänger streuen, um eigene Ziele zu verfolgen. Das ist peinlich und beschämend. Zumal im Zuge dieser Rattenfänger-Maßnahmen Rassismus und Antisemitismus aufblühen, und Mitmarschierer sich das automatisch zu eigen machen.