Andrea tritt Michael in den Hintern. Warum nennen Italiener ihren Sohn Andrea? Über diese Frage möchte ich nachdenken, komme aber nicht dazu, denn eine Stilettklinge blitzt vor meiner Nase auf. Das Herausschnappen aus dem Griff ein sattes Klack, die Schneide in Eigenregie mehr schlecht als recht geschliffen. Solche Belanglosigkeiten schwirren mir durch den Kopf. Michael dreht sich dummerweise auf den Rücken, bleibt nicht auf der Seite liegen und Andreas Kumpel, den ich nicht kenne, nutzt das aus. Mit Schwung, angehobenem Ellbogen, lässt er sich fallen und rammt die Ellbogenspitze in Michaels Bauch. Es dauert zwei Atemzüge, dann erbricht er sich und die Meute springt auf die Seite. Mein rechter Arm ist auf dem Rücken fixiert, der linke ebenso, bewege ich mich, treibt es den Schmerz in die Schultergelenke. Der Kerl mit der Klinge weiß, dass ich ihm über bin, ebenso wie den anderen hier. Jedoch weiß er nicht, was auf ihn zurollen wird, bald, aus dem tiefsten meiner Täler, dem Brunnen, der nie versiegt. Dem Schacht, dessen Grund ich nicht sehen kann. Und so schwingt er die Klinge hin und her, lächelt, hat noch ein Stück Frühstück zwischen den oberen Schneidezähnen. Salami oder etwas in der Art.
»Ich schätze, Ihr beiden Pfeifen wisst, dass die beiden Billardtische besetzt sind. Und zwar solange, bis meine Kumpels und ich ihn freigeben. Und das dauert.« Ich blicke an ihm vorbei auf Michael, dem es nicht gut geht auf dem Boden, Erbrochenes auf dem T-Shirt. »Ja, schau ihn dir an, deinen Kumpel. Fünf Mark auf die Tischkante legen ist hier verboten. Aber …«, er nickt seitwärts, »wir wären versucht, Euch spielen zu lassen. Einen Fuffi und der Tisch gehört Euch. Was meinst du?«
»Wir gehen woanders hin«, erwidere ich. »Lass mich meinen Freund holen und dann sind wir weg.« Er ist einen Kopf kleiner, aber das Messer wird er nicht einstecken.
»Na gut. Und lasst Euch hier nicht mehr blicken. Ist reserviert für meine Jungs und mich. Aber das konntet Ihr natürlich vorher nicht wissen.« Er zieht für einen kurzen Moment die Augenbrauen hoch, was mich an den Rosaroten Panther erinnert. »Deswegen könnt Ihr jetzt gehen.«
»Danke. Wir werden gehen.«
Er tritt zwei Schritte zurück, dreht sich, entriegelt die Klinge und klappt sie ein. Es klickt. Das Messer ist fast identisch mit dem in meiner rechten Hosentasche. Der Kerl nickt mir zu. »Ich glaub, dein Freund braucht Hilfe.« Michael liegt immer noch auf dem Rücken, gekrümmt. Mich nach allen Seiten umblickend, gehe ich auf ihn zu, packe unter seine Schultern und hebe ihn vorsichtig an. Er stöhnt, wimmert fast unhörbar.
»Kann er sich auf der Toilette waschen?«
Der Kerl nickt, dreht sich um und lacht. Alle anderen fallen ein, hauen sich auf die Schultern. Wieder ein Sieg. An jedes der Gesichter werde ich mich erinnern. Abgelegt auf der Liste derer, die meiner Wut würdig sind. Michael stöhnt, stark eingeknickt. Um ihn habe ich Angst. In diesem Moment sind Tränen in meinen Augenwinkeln. Es ist Zorn und ich muss ihn bändigen. Wir erreichen die Toilette, ich öffne und schiebe Michael hinein, ans Waschbecken. Mit dem verfleckten T-Shirt kann er nicht nach Hause.
»Zieh das Shirt aus. Ich gebe dir meins. Hab ja noch den Pullover drüber.«
»Mh.«
»Wie stark ist der Schmerz im Bauch?«
»Scheißestark«, haucht er, bringt kaum einen Buchstaben raus.
»Hoffentlich ist nichts gerissen da drin.«
»Mh.«
Wie ein Klappstuhl hängt er vor dem Becken und versucht zu trinken. Ich ziehe beide Kleidungsstücke aus, hänge sie über das zweite Becken und helfe ihm aus dem, was mal ein weißes T-Shirt war, es landet im Mülleimer. Dann helfe ich ihm mit dem Waschen, beseitige Brocken am Hals mit Papiertüchern, säubere ihn mit Handseife so gut es geht. Vielleicht sollten wir einen Arzt aufsuchen. Ins Krankenhaus wäre eine gute Idee. Die Tür geht auf und einer der Kerle kommt herein, pinkelt ins Urinal, wirft mir einen Blick zu, den ich nicht deuten kann. Jetzt wäre der Zeitpunkt für kühle Rache, aber Michael stöhnt, als er sich aufrichtet, den Rücken nach hinten durchbiegt. Ein großer, blauer Fleck ist im Entstehen. Daran wird er einige Wochen zu knabbern haben. Ich denke ungern an sein Zuhause und vergesse den Kerl. Das Klappern der Tür höre ich, mehr als ein Luftzug bleibt nicht.
»Komm, Micha, lass uns verschwinden. Je eher, desto besser.«
Er nickt.
Das Betreten der Wohnung geschieht nicht geräuschlos, denn es liegt zu viel im Flur. Nutzloses Zeug. Leere Kartons ineinander gestapelt, sicher noch von letztem Weihnachten oder noch länger zurück. Reste zweier Küchenstühle, vier Bierkisten voller leerer Flaschen, über einen Grundig-Karton stolpere ich, Michael möglichst leise ins Kinderzimmer schiebend. Die Reaktion kommt prompt. Ein Schatten hinter der verdreckten Milchglas-Scheibe der Wohnzimmertür, die Klinke wird gedrückt, ein Kopf erscheint, sieht mich und mit zusammengekniffenen Augen fixiert Michaels Vater, was da im Flur geschieht. Eine Hand taucht auf, knipst das Licht an.
»Aha, die Jugend kehrt heim. Wurde auch Zeit. Muss noch jemand Bier holen. Ist kaum noch was da.« Da er nur meine Wenigkeit sieht, meine hochgezogenen Augenbrauen, bleibt es ruhiger. »Wo ist mein Sohn? Bist du allein?«
»Dem ist schlecht. Magen-Darm oder so was. Hat gekotzt unterwegs, als wir aus dem Kino raus sind. Soll ich das Bier holen?« Unschlüssig starrt er mich an.
»Habt Ihr wieder gesoffen?«
»Nix.« Auf die leeren Bierflaschen will ich nicht schauen. Jede Wette, ist der Couchtisch ziemlich belegt mit Leergut.
»Wer’s glaubt. In der Küche muss noch ein Fünfziger liegen. Nimm die leeren Flaschen mit und bring zwei volle Kisten. Und der Kerl am Kiosk schuldet mir noch ne Flasche Doornkaat. Frag ihn.«
»Okay. Mach ich.«
»Guter Junge.«
Michael liegt schon ausgezogen unter der Decke. Es juckt im Ohr, ich kratze mich, zwinkere ihm zu und gehe in die Küche. Nicht ganz einfach, in diesem allseitigen Chaos einen kleinen Geldschein zu entdecken. Zwischen einem Topf voll Maggi-Buchstabensuppe, abgestanden, leichte Schlieren auf der Oberfläche, Teller voller Ketchup und kalter Fritten, zwinkert mir der braune Fünfziger zu. Ein unbekannter Fleck ist drauf. Ich stecke ihn ein, hole neben dem Kühlschrank die Sackkarre hervor und staple die Bierkästen auf dem Blech, ziehe zwei Spanngurte über Kreuz. Parterre, ziemlich leichte Angelegenheit. Hoffentlich sieht mich niemand und erzählt es Leuten, die Leute kennen und die meine Eltern. Eine Streife würde mir noch fehlen. Aber ohne Probleme schaffe ich es zum Martinsbüdchen. Der Kerl packt die Kisten in die hinter dem Büdchen gezimmerte Holzbaracke, lädt zwei Kisten Gaffel auf.
»Herr Rösrath meinte, Sie würden ihm noch ne Flasche Doornkaat schulden. Die soll ich mitbringen.«
Er stoppt mitten im Stapeln, die leere Kiste vor dem Bauch und sieht mich an.
»Wat?«
»Ne Flasche Doornkaat. Für Herrn Rösrath. Sie kennen ihn doch. Ist ja schließlich ein guter Kunde. Oder nicht?«
»Sag ihm, er kann mich mal. Die hab ich ihm versprochen, wenn er rechtzeitig seine Schulden zahlt.« Er schaut mich an, gelangweilt, so ein seitwärtiges Kopfnicken, der Hals bleibt seltsam starr. Dann lächelt er. »Schickt er jetzt schon irgendwelche Lakaien?«
»Nennen Sie es, wie Sie wollen. Also keinen Doornkaat, weil Schulden nicht rechtzeitig bezahlt. Soll ich ihm das so ausrichten?«
»Jung, dat kannste ihm so ausrichten. Kein Kredit mehr. Haste Kohle dabei?«
Ich reiche ihm den Fünfziger. »Was kostet der Doornkaat?«
»Ich geb ihn dir für fünfzehn, weil de so ein guter Junge bist.«
»Dann nehme ich ihn und noch ne Cola, bitte. Literflasche. Ich bezahle das.«
»Du siehst mich überrascht, Jung. Ich denke, der Rösrath will den Schnaps? Kaufst du ihn jetzt für ihn?«
»Wenn ich keinen Doornkaat mitbringe, kriegt sein Sohn es ab.«
»Verstehe.« Er kratzt sein Kinn. »Weißte wat? Jeden Tag ne gute Tat. Ich geb dir die Flasche Cola für lau. Einverstanden?«
»Einverstanden. Besten Dank.«
Michaels Vater ist zufrieden mit meiner Leistung. Von Schulden weiß er nichts und den Doornkaat hat er umgehend einer geschmacklichen Prüfung unterzogen. Ich sitze neben Michaels Bett, einen Comic in der Hand. Rex Danny, der mit seinen Freunden gerade auf einem Flugzeugträger stationiert ist und dort eine Staffel Navy-Phantoms übernommen hat. Michael liegt auf der Seite, zusammengekrümmt, so weit ich die Form der Bettdecke richtig bewerte. Er schläft. Mein schlechtes Gewissen quält mich. Wäre es nicht doch besser gewesen, zum Arzt zu gehen? Leise lasse ich das Heft auf die Knie sinken und schaue ihn an. Ich denke an seine Mutter, die vor einem Jahr diesen dunklen Ort verlassen hat. Und der zarte, immer blasse und völlig unsportliche Junge, der in der Schule neben mir sitzt seit der dritten Klasse, der kaum den Mund auf bekommt, Ameisen und Vögel über alles liebt, fast alle Tiere naturgetreu zeichnen kann, ist zu einer einsamen Insel auf dem weiten Meer geworden. Hat ein unsichtbares Band an meinen Hosengürtel gehängt, gummiartig. Mal bleibt er zurück, dann zieht es ihn wieder mit in mein Leben, schaut von der Seite zu, wie ich in der A-Jugend gegen mächtige Handballgegner kämpfe, gewinne und verliere, feuert mich an vom Beckenrand, beim 4 x 100 Kraul-Wettkampf. Wende einwandfrei, abstoßen, langes Tauchen, nicht zu tief, rechter Arm zuerst, Michael läuft seitlich mit und klatscht rhythmisch. Ich schwimme meist als letzter, wenn es darum geht, das Ruder noch mal herumzureißen. Mein Sieg ist unser Sieg ist Michaels Sieg. Er lacht und wir sind glücklich. Und ich weiß, dass er Gefühle für mich hat, die über das hinausgehen, was Freunde füreinander empfinden. So hat er es nach langer Party in der aufkommenden Dämmerung unter einer Linde im Hof des Gastgebers erzählt. Gepafft haben wir, den Bärenfang in der Hand und ein scheuer Kuss war das Ende von Gespräch und Party. Er ist mein Schatten und ich seine Sonne. Doch Sonne sein, ist ein einsames Geschäft. Und nicht immer kann sie auf all die Planeten aufpassen. So auch heute nicht.
Die Tür geht auf. Michaels Vater schiebt den Kopf durch den Spalt. Kaum ausreichendes Flurlicht drängelt sich an Halbglatze und wirrem Resthaarschopf vorbei ins Zimmer. Von den Augen ist nicht viel zu sehen. Rillen und Falten im Gesicht, auf dem Kopf, der Hals dünn und sehnig. Er schnauft schwer, das Rasseln von ein paar tausend Reemtsma in der Luftröhre. Ein Rülpser folgt, den er nicht hat kommen sehen. Die hochgezogenen Augenbrauen erzählen mir das … und ein Hoppla.
»Wat ist mit dem Jungen? Er muss noch das Geschirr spülen. Sieht ja aus wie Sau. Von was soll ich essen? Aus dem Hundenapf?«
»Sie haben keinen Hund«, sage ich leise.
»Klugscheißer.«
»Ich spüle. Okay? Lassen Sie Michael schlafen.«
»Bist ja wie en Bruder.« Er legt den Kopf auf die Seite und lacht. »Oder besser: wie ne Schwester. Biste ne Schwester?«
»Mir egal, was ich in Ihren Augen für ihn bin. Ich spüle das Geschirr.«
»Aber spül ordentlich.«
Mehr als einen Seufzer bringe ich nicht raus. Ein letzter Blick auf Michael, dann folge ich seinem Vater. In der Küche ist Weltkrieg, und das schon seit dem Weggang der Mutter. Irgendwo fange ich an.
Von meinem Zuhause gibt es nichts zu berichten, außer von dessen Existenz. Rösrath war sichtlich zufrieden mit meiner Arbeit und hat sogleich einen Teller mit Ketchup, in das er alte Brotkanten tunkte, auf dem wieder sauberen Küchentisch stehen lassen. Ich auch. Nach einem Kontrollblick in Michaels Zimmer bin ich gegangen. Jetzt sitzen wir im Kartäuschen, einer Klause im Kartäuserwall, die uns Sechzehnjährige noch nie nach Alter, Ausweis oder sonstigem Quatsch gefragt hat. Michael hat sein zweites Kölsch, ich mein viertes. Er dreht ständig das jeweilige Glas auf dem Bierdeckel. Bis ich meine Hand auf seine lege.
»Und jetzt erzähl.«
Ein kurzer Blick in meine Augen, auf meine Hand, dann an die Decke. Der Blick an die Decke; so beginnt er über das zu reden, was ihm schwer im Magen liegt.
»Du weißt ja, ich bin in dich …«
»Ich weiß.«
»Aber du nicht in mich.«
»Nein. Aber du bist mein bester Freund. Ich habe sonst keine Freunde. Also ist das doch schon ziemlich was, oder?« Er nickt wenig überzeugt.
»Aber ich weiß, dass du mal was mit Paul hattest.«
»Ja, das stimmt. Aber jetzt bin ich mit Marion zusammen.«
»Mh.«
Wieder die Decke. Ich hebe die Hand und blicke Richtung Theke. Umgehend kommen zwei Kölsch. Der Wirt kennt uns und weiß, dass wir es im Griff haben, und sich nicht niemand berufen fühlen muss, die Grünweißen zu rufen.
»Also, was geht in deinem Kopf vor?«
»Mein Alter ist weg. Der FC spielt auswärts in Hamburg. Er übernachtet bei irgend so ner Tussi dort. Wir könnten was kochen oder so.«
»Was denn?«
»Wie meinst du? Was wir kochen sollen? Ich weiß nicht. Irgendwas halt.«
»Kannst du kochen?«
Er schaut von der Decke zu mir. Schweigen. Ich kann es auch nicht, kochen. Michaels Blick verschwimmt, versinkt in Glanz und Feuchtigkeit, wandert hinter mich an die Wand oder den Rotomat der klickt und dudelt, nur kein Geld ausspuckt. Sein Glas steht ruhig, ich sehe seine rechte Hand über den Tisch kriechen. Kurz vor meinen Fingerspitzen stoppt er. Zwei Zentimeter noch. Wie zwei Kilometer oder eine Ewigkeit für ihn.
»Wir kaufen uns bei Antonio zwei Pizzen oder zwei für mich und eine für dich. Schließlich habe ich morgen ein Spiel und brauche die Kalorien.« Die Hand passt zweimal in meine, durch die Finger kann ich fast hindurch sehen. Einen Fingernagel krallt er in die Tischplatte. »Komm, lass uns gehen. Wir holen drei Pizzen, Jacky und zwei Cola. Dann schieben wir die Scheiße von der Couch deines Alten und gucken irgend einen Film.«
Meine Worte erreichen nur sehr langsam Michaels Inneres. Er löst sich aus der Starre, atmet tief durch und nickt. Ich stehe auf und gehe zahlen, denn mit Geld ist er meist knapp und ich verdiene genug in der Gebäudereinigung meines Vaters. Am Martinsbüdchen gibt es keine Probleme mit einer Flasche Jack Daniels, denn schließlich ist sie für den alten Rösrath. Und keine Dreiviertelstunde später schiebe ich den Unrat von Rösraths Couch mit kräftigem Schwung auf das Stück Stoff, das mal ein Teppich war, lege eine einigermaßen saubere Decke auf den abgewetzten Stoff. Michael bringt frisch gespülte Gläser, wir öffnen die Pizzaschachteln, reißen uns Stücke ab und schalten die Glotze ein. Rechtzeitig zu Ekel Alfred.
Michael schläft, den Kopf in einer Haltung, die ihm morgen früh Kopfschmerz bringen wird, da bin ich sicher. Vorsichtig schiebe ich ein Kissen unters Ohr, ziehe ihn gerade, lege die Beine hoch. Dann setze ich mich ans andere Ende und warte auf den Fantastischen Film. Heute soll es Phase IV geben. Die Vorfreude beginnt schon beim Vorspann und ich trinke das Glas leer, stopfe den Rest der Margherita in mich und höre den Schlüssel im Schloss der Wohnungstür. Und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, blende ich für einen kurzen Moment aus, was da zur Tür hereinkommt. Das Bild des alten Rösrath taucht aus dem Nebel auf. Schlabbrige Jeans, zu lang, T-Shirt der Geißböcke, offene FC-Jacke, FC-Schal und irgendwas muss schiefgegangen sein mit der Fahrt nach Hamburg. Rösrath schwankt, starrt uns an. Mich, dann Michael, den Berg Unrat neben der Couch. Dann Pizzaschachteln und den Jack Daniels. Phase IV beginnt. Wissenschaftler beobachten Ameisenkolonien, sitzen in einer futuristisch aussehenden Forschungsstation. Rösrath reißt den Stecker aus der Wanddose und der Philips wird dunkel. Schwankend richtet er sich wieder auf, versucht den FC-Schal vom Hals zu reißen, erwürgt sich aber fast beim Versuch. Dann schreit er. Laut. Anhaltend. Bis ihm die Puste ausgeht. Er will losmarschieren und stolpert, schlägt der Länge nach auf. Keine Hand stützt den Fall ab. Michael erwacht.
»Oh nein«, flüstert er, rollt von der Couch auf den Boden, kriecht um die Seitenlehne vors Fenster. Rösrath gurgelt Unverständliches und rappelt sich auf.
»Arschloch«, sagt er. Zu mir oder sonst wem. Da ist eine Veränderung in seinem Gesicht, Muskeln spannen sich und er will los spurten.
»Nein!«, kommt Michaels Ruf. Rösrath holt aus. Mit dem linken Fuß trete ich ihn aus dem Schwung und er fällt wieder. Vor seinen eigenen Fernseher. Zügig bin ich auf den Beinen, stelle mich neben Michael und ziehe ihn hoch. Rösrath steht schon wieder. Ich bin erstaunt. Es muss die Wut sein. Dieses Mal nimmt er uns beide ins Visier und rennt los. Ich beuge mich vor, zwei schnelle Schritte auf ihn zu, dann prallen wir zusammen. Meine 90 Kilo gegen sein Leichtgewicht. Es haut ihn um und ich packe Michaels Hand.
»Komm! Wir gehen zu mir.«
Keine Minute später sind wir draußen, die wenigen Stufen runter zur Haustür und als wir rauskommen, zerschellt die erste Bierflasche auf dem Bürgersteig.
»Geh mit deiner Schwester! Und komm nicht wieder!«
Michaels Tränen im trüben Licht der Straßenlaterne. Die zweite Bierflasche, die dritte. Eine vierte landet auf dem Dach des Käfers neben uns. Wir verziehen uns und erste Schreie aus der Nachbarschaft folgen. Ob sie die Polizei holen sollen und der alte Rösrath brüllt Unflätiges zurück. Michael schluchzt, kann kaum gerade gehen. Ich lege seinen Arm um meine Schulter. Dreißig Minuten Weg haben wir vor uns. Ich weiß nicht, was ich meiner Mutter sagen soll, aber irgendwas wird mir einfallen.
»Ich bin in dich verliebt, Heinrich«, kommt es vom halbdunklen Gesicht an meiner Schulter. »Ist das falsch?«
»Nein. Ist nicht falsch. Nichts dran ist falsch«, erwidere ich und schweige, weil mir alle sinnvollen Worte fehlen. Ich weiß nicht weiter. Wir gehen, mehr schlecht als recht. Ich angetrunken, Michael weinend im Halbdunkel, ab und zu kaputte Laternen. Pinkeln muss ich und traue mich nicht anzuhalten.
Michael steht wie ein begossener Pudel mitten im Zimmer. »Ich bin müde, Heinrich«, sagt er, zieht sich aus. Als er das Shirt hebt, sehe ich ein Meer aus blauen, grünen, lilanen Flächen, ineinander übergehend, ein Regenbogen aus Schmerz und Scham. Schnell verdeckt von seinen Händen, dann dreht er sich weg, kriecht hastig unter meine Decke, eine ausgeleierte Unterhose an.
»Ich geh noch mal kurz zu meiner Mutter.«
»Ist dein Vater noch nicht da?«
»Nee, wohl nicht. Hockt bestimmt vorne am Ring in der Schänke und zockt.«
»Kommst du gleich wieder?«
Diese Frage, warum? Meine Augenbraue zuckt unwillkürlich.
»Du hast doch nicht etwa Angst?«
»Doch, irgendwie schon.«
Ich schalte die kleine Schreibtischlampe an, lösche das große Licht und lege den Tonarm auf den Plattenteller. Immer noch Led Zeppelin aufgelegt. Kashmir beginnt. Michael hat die Decke bis ans Kinn gezogen und riecht daran. Ich seufze leise. »Bis später«, sage ich und verlasse das Zimmer, der halbdunkle Flur. Licht ist unnötig. Barfuß auf dem hochflorigen, grünen Teppich. Ein angenehmes Gefühl, gehen auf Wolken, warm und sanft. Es kitzelt leicht an den Sohlen. Mutter sieht mich an, schaut unentwegt. An mir die rote Adidas-Turnhose, das grüne Vereins-Trikot. Nummer neun, halblinke Position.
»Du hast Michael mitgebracht?«
»Mh, er musste mal von daheim raus. Sein Alter ist schrecklich.«
»Sag nicht Alter, er ist Michaels Vater.«
»In meinen Augen nicht. Er ist ein Verlierer.«
»Niemand wird als Verlierer geboren. Man wird es. Durch was auch immer.«
»Und dann kann man nichts mehr dagegen tun? Wirft man leere Bierflaschen nach seinem Sohn? Oder sagt Arschloch zu ihm?« Sie presst die Lippen zusammen. »Du hast keine Ahnung, wie es in der Wohnung aussieht, Mama. Außerdem …« Fast wäre ich mit der Wahrheit herausgerückt, habe sie gerade noch geschluckt. Dann spüre ich Zweifel am Zurückhalten dieser Wahrheit. Mutter wartet auf die Vollendung des Satzes, zieht beide Augenbrauen hoch, schiebt den Kopf ein wenig nach vorne. Es muss raus. »Außerdem ist er in mich verliebt. Verstehst du? Er mag Jungs. Mich! Er mag mich! Ich kann ihn nicht bei seinem … Vater lassen.«
Sie bewegt sich nicht, wird aber entgegen meiner Vermutung nicht kreideweiß oder muss sich in einem Anfall von Schwäche hinsetzen. »Das hab ich mir schon gedacht«, sagt sie stattdessen. »Und du? Bist du auch in ihn verliebt?«
»Nein. Ich bin mit Marion zusammen. Weißt du doch.«
Sie seufzt und setzt sich nun doch an den Tisch. Ich mich ihr gegenüber. Zeigefinger und Mittelfinger klopfen irgendeinen Takt, aber leise. Sie schaut auf meine Hand. Also keinen Takt klopfen. Stille. Aus der Küche kommt das leise Brummen des Kühlschranks.
»Er kann gerne heute Nacht hierbleiben. Morgen auch. Aber sein Vater muss Bescheid wissen. Es wäre gut, Michael würde kurz daheim anrufen.«
»Michael wird schon schlafen. Kannst du das nicht tun?« Mutter schließt die Augen. »Oder Papa? Wenn er kommt?«
»Weißt du, wann er kommt?«
»Nee, weiß ich nicht. Ich könnte nach ihm suchen. Hockt sicher vorne am Ring.«
»Ja, vielleicht«, sagt sie und eine Art Wind trägt ihre Worte hinweg in ein Vakuum. Sie verschwinden einfach im Esszimmer. Ziegelsteinwände, Tapeten, Pflanzen, alles schluckt dieses vielleicht. Als käme Vater nie mehr zurück. Dann erhebt sich Mutter nickend. »Gut, ich rufe an. Gib mir die Nummer.«
Kein Michael in der Schule. Ich gehe den Umweg nach der sechsten Stunde, klingle einige Male, dann Sturm, aber nichts passiert. Wenn ich die Füße in die kleinen Aussparungen der Kellerfenster stecke und mich am Sims hochziehe, kann ich vielleicht durch die nikotingelbe Gardine spähen, was ich umgehend tue, aber es brennt kein Licht, nur Halbschatten, nichts zu sehen. Ratlos steige ich runter und klingle noch drei Mal. Wieder keine Reaktion. Ein Blick zum Himmel. Raben, ein ganzer Schwarm, diesiges Hellblau. Also nach Hause. Im Laufschritt bin ich zehn Minuten später daheim, öffne die Tür, ziehe die Schuhe aus und wasche die Hände. Mutter steht in der Küche, das Essen auf dem Tisch.
»Hallo. Bin etwas später. War noch bei Michael.«
Spaghetti auf den Teller ladend, mehr als genug, schaue ich nach ihr. Der schmale Rücken, dann dreht sie sich und Tränen sind im Gesicht. Die Nudelzange sinkt auf den Teller, fällt auf die Seite. Ich runzle die Stirn und lausche ob ich Vater schnarchen höre, kontrolliere die Couch im Wohnzimmer. Er ist nicht da. An ihm kann es nicht liegen.
»Mama? Was ist los?«
Sie bewegt sich endlich, setzt sich an den Tisch.
»Habt ihr euch geprügelt?«
»Wer?«
»Michael und du.«
Ich verstehe nicht, was oder wen sie meint. »Du meinst, ob wir beide uns geprügelt haben? Also ich ihn? Michael kann sich nicht prügeln. Er kann ja nicht mal einen Eimer Wasser anheben.«
»Das ist keine Antwort. Er hat einen Riss im Bauchfell. Liegt im Krankenhaus. Sein Vater hat vorhin angerufen und wollte wissen, ob ihr euch geprügelt habt.« Es reißt mich vom Stuhl, der nach hinten kippt, auf den Teppich schlägt. Mutter zuckt zurück. Zum ersten Mal sehe ich Angst in ihren Augen. Angst vor mir. Vor dem großen Kerl mit den enormen Kräften und ich will sie in den Arm nehmen, sie halten und diese Angst vor mir aus ihren Augen verbannen. Aber da ist Michaels Bild in meinem Kopf. Der Ellbogen in den Unterleib.
»In welchem Krankenhaus liegt er?«
»Sankt Antonius.«
Ich lasse Spaghetti Spaghetti sein, stolpere beinahe über die Stuhlbeine. »Nein! Niemals würde ich das tun. Er wurde verprügelt und ich habe ihm nicht geholfen. So war das!« Die letzten Worte rufe ich, bin schon im Flur, ziehe die Turnschuhe an. Mutter kommt mir nach.
»Du willst doch nicht wieder weg?«
»Natürlich will ich das. Zu Michael! Was sonst?«
»Aber iss doch erst was! Heinrich, bitte …«
Ich lasse sie stehen, gehe in mein Zimmer und schaue mich nach Mutter um, greife in meiner Schatulle unter die Kladden und stecke das Stilett ein. In einer Bewegung, schnell. Mutter steht im Rahmen.
»Ich nehme bisschen Geld mit. Vielleicht braucht er was.«
»Heinrich?«
»Mh?«
»Mach keinen Blödsinn.«
»Was für einen Blödsinn sollte ich in einem Krankenhaus schon anstellen?«
Sie nickt, aber wieder ist es der Blick, der mir sagt, dass meine Worte umsonst waren. Ich glaube sie schließlich ebenso wenig. Ein Kuss auf ihre Stirn. Dann bin ich draußen.
Mit dem Rad bin ich in wenigen Minuten in der Schillerstraße, schließe es an einem Verkehrsschild ab und hetze an die Rezeption. Dritter Stock, Zimmer 312. Aus dem Fahrstuhl kommend, sehe ich Michaels Vater und nach einigen Schritten auf ihn zu, entdeckt er mich ebenfalls. Er schwankt nicht. Vielleicht hat er nur Restalkohol, ohne nachgeladen zu haben an diesem Tag, an dem sein Sohn ins Krankenhaus kam. Das wäre ja ein Fortschritt, denke ich und versuche an ihm vorbeizusehen, um die Zimmertür zu entdecken, aber er stellt sich mir in den Weg. Die Fahne ist mächtig.
»Haste mir was zu sagen?«, sind die ersten Worte.
»Nee, hab ich nicht. Ich will nur zu Michael.«
»Haste en schlechtes Gewissen, was?« Jetzt blicke ich ihn an, auf ihn runter. Mir fällt nichts Gutes ein zu dem Mann, der vor mir steht und übel riecht.
»Hab ich, ja, weil er verprügelt wurde von nem Schwachkopf und ich ihm nicht geholfen habe.« Ich will rechts an ihm vorbei, aber er hält den Arm vor meine Brust.
»Von wem verprügelt?«
Er kann nicht sehen, wie die Seile in mir reißen. Eines nach dem anderen. Er sieht nicht mein Zittern. Mehr als sich selbst kann er nicht betrachten. Mit einem Wisch schiebe ich ihn weg, er strauchelt und greift zum Handlauf an der Wand. Was er sagt oder ruft geht zu meinem linken Ohr rein, zum rechten raus, denn ich bin vor der Zimmertür und trete ein. Michael. Liegt im Fensterbett.
»Guten Tag«, sage ich zu den beiden anderen Gestalten. Männerstation. Warum Männerstation? Ist man mit sechzehn kein Kind mehr? Zumal es Michael ist. Die Schritte seines Alten, fluchendes Gemurmel. Die beiden Mitpatienten schauen verdutzt, ich ziehe den einzigen Stuhl an Michaels Bett, das Fenster hinter mir. Endlich schlägt er die Augen auf und lächelt mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht.
»Heinrich …«
»Was machst du für ne Scheiße?«
»Hat er dich geschlagen? War er das?«, sagt der alte Rösrath, die Hände auf das vordere Ende des Betts gestützt.
»Papa, lass mich in Ruhe. Lass Heinrich in Ruhe … nichts hat er mir getan.«
»Ich trau dem Kerl nicht, hab ihm noch nie getraut …«
»Papa, bitte …«
Ich stehe auf und stelle mich neben Michaels Vater, schaue zu, wie er sich langsam dreht, beide Hände immer noch am Bettgestell.
»Wenn Sie jetzt nicht fünf Minuten rausgehen, vergesse ich mich und es passiert was. Dann wird was passieren, das verspreche ich Ihnen.«
Er schaut. Wankt leicht. Wen guckt er an? Mich oder etwas in mir oder in sich? Ich rieche den Doornkaat und will es nicht riechen. Er verzieht sich, eine Hand an der Wand, schafft es durch die Tür. Die beiden anderen Patienten sagen nichts, sehen nur staunend zu und ich setze mich wieder. Einen Augenblick schließe ich die Augen, dann wird der Kopf wieder klar. Durchatmen. Michael anschauen. Eine Infusionsnadel steckt in seinem linken Handrücken.
»Ich wurde schon operiert. Ist wieder alles in Ordnung, sagt der Doc. Mach dir keine Gedanken. An der Stelle wird es nie mehr reißen, meinte er.« Sein unechtes Lächeln lässt mich den Kopf schütteln.
»Wie lange musst du hier bleiben?«
»Eine Woche. Aber Sport darf ich erst mal keinen machen.«
»Du machst eh keinen Sport.«
»Ich weiß.«
»Ich bring dir morgen die Hausaufgaben. Hat dein Alter schon in der Schule Bescheid gesagt?«
»Weiß nicht.«
»Ich erledige das morgen. Wer weiß, ob der da draußen dazu in der Lage ist.«
Michael schweigt. Nach ein paar Atemzügen, meinem Blick zur Kochsalzlösung, sehe ich seine feuchten Augen. Und das Verliebtsein darin. Ich lege die Hand auf seinen Unterarm. Was kann ich tun?
Zwei Tage sind vergangen, ohne dass ich etwas entdeckt habe. Keine Billardspieler. Am dritten Abend nach dem Sport stehe ich erneut im Hauseingang gegenüber des Billardcafés und endlich entdecke ich den Kleinen. Den seine Eltern Andrea genannt haben. Er wirft die Kippe auf den Bürgersteig, zieht an der schweren Stahltür und geht hinein. Mutter weiß, dass ich nach dem Handball noch bei einem Freund bin und kurz vor zwölf Uhr heim komme. Und da ich das bisher immer getan habe, pünktlich wie ein Uhrwerk, wird sie keinesfalls an mir zweifeln. Über meinen Vater muss ich mir keinen Kopf zerbrechen. Der wird sich in irgendeiner Lokalität aufhalten und sowieso nicht merken, was um ihn herum geschieht. Ich löse mich aus dem Eingang, gehe über die Straße und atme tief durch vor der Cafétür, dann trete ich ein, marschiere schnurstracks an der Theke vorbei zu den Toiletten und schließe mich in einer Kabine ein. Kommt jemand herein, presse ich lautstark, rolle Klopapier von der Rolle, schaue durch einen Spalt auf die beiden Urinale, bis derjenige wieder draußen ist. Fünf weitere Pinkelkandidaten später kommt der Kleine, wirft die Kippe ins Porzellan, öffnet den Reißverschluss, holt sein Ding raus und mit einem erleichterten Gesicht beginnt das Plätschern. Ich trete aus der Kabine, direkt hinter ihn, schiebe seinen Körper gegen das Urinal, es klackt in meiner Hand und die Klinge liegt über seinem Penis.
»He!«, schafft er noch, aber das kühle Metall spricht leise zu ihm und er versteht, weiß nicht, wer hinter ihm ist, schweigt einfach. Mit der linken Hand stoße ich seinen Kopf gegen die Fliesen. Mit Wucht. Mit der Kraft, die ich für nötig halte. Blut ist auf der weißen Kachel. Andrea sinkt an mir herunter. Das Messer stecke ich weg. Er ist benommen, schleift am Urinal entlang und liegt im Dreck. Das Blut aus der Platzwunde fließt über beide Augen. Gut, um unerkannt zu bleiben. Kein Stöhnen oder Wimmern. Bewusstlos ist er nicht, trotz des festen Stoßes. Zügig verlasse ich die Toilette, Gesicht zum Boden, raus aus dem Café, ziehe den blauen Pullover aus und werfe ihn unter das Heck eines parkenden Golfs. Gegenüber im Hauseingang öffne ich die Sporttasche, hole die rote Adidas-Jacke raus und hänge sie über die Schulter. Es sind nur fünfzehn Minuten nach Hause. Dort dusche ich, schaue nach Mutter, die auf der Couch eingeschlafen ist. Von Vater keine Spur. Das Zittern kommt, als ich in der Küche stehe, vor dem geöffneten Kühlschrank und einen Joghurt raushole. Es geht nicht weg, das Zittern. Löffel um Löffel leere ich den weißen Becher. Im Licht kann ich mein Gesicht im dunklen Glas sehen. Vielleicht gehe ich morgen zu Michaels Vater und werde dort dasselbe tun. Ich atme unwillkürlich tief durch. Die Wut verlässt mich nicht, geht nicht in ihr Zimmer, ins Bett. Sie legt einen Arm um meine Schulter, steht bereit. Wir sind eins.