Wahn und Wirklichkeit / 1

Filme, Serien, Verschwörungen, Politiker und die Realität

Wie verbreitet sich eine Idee? Also in den 70ern haben wir uns freitags im ZDF immer ‚Der phantastische Film‘ angesehen. Und natürlich musste die ARD mitziehen. Sie brachte in der Reihe ‚Science Fiction‘ zweimal im Monat samstags um 22 Uhr echte Klassiker, darunter den nach wie vor hochaktuellen „2022 – die überleben wollen“, mit Charlton Heston. Ende der 70er, Anfang der 80er, bevor das Unheil der Privaten über uns hereinbrach, waren aus meiner Sicht die Glanzzeiten des Fernsehens. Weltspiegel, Auslandsjournal, Monitor, Autorenfilme von Schlöndorff oder Fassbinder. Ein Traum. Und echtes Bildungsfernsehen. Na gut, was haben wir Jungs also damals gemacht? Salzstangen, Erdnüsse, Chips und jede Menge Bacardi-Cola, Filme geguckt und drüber geredet, über ‚1984‘ oder ‚Fahrenheit 451‘ oder ‚Angst essen Seele auf‘. Danach kam das Thema auf den Eisernen Vorhang, die Sowjets, Mehrfachsprengköpfe, Petting statt Pershing und dann kamen wir zu den Mädels. Am Ende aber, kurz vor dem Einschlafen, mussten wir noch einmal an die Filme und unsere Diskussion denken. Was hatten wir gesehen? Und wie unterscheidet sich das Gesehene von der Welt da draußen? Telefon mit Wählscheibe. Drei TV-Sender. Radio. SWF3, Frank Laufenberg stellt coole Musik vor.

Wir lebten

Wir lebten in der realen Welt. Und tauchten wir einmal ab in das Phantastische, das (Un)Denkbare, wussten wir doch, woher wir kamen. Aus dem realen Leben. Mit all seinen Fehlern und Schönheiten. Und diese Fehler und Schönheiten gab es überall. In der KPdSU ebenso wie im Westen. In Fernost ebenso wie in Nahost. Wir wussten auch, dass die CIA Pinochet ermöglichte, dass Apartheid in Südafrika scheiße ist und dass manch Alte mit ihren Sprüchen (Mach doch rüber, wenn es dir hier nicht passt!) mit mindestens einem Fuß noch in ihrer Naziwohnung lebten. Wir wussten, dass Arafat und die Israelis es nur schafften, wenn jeder den anderen so akzeptierte, wie er war. Wir wussten, dass manche unserer Lehrer Nazis waren und die FDP ebenjene aufgenommen hat nach dem Krieg. Alles war Realität. Nichts war Fiktion oder Verschwörung. Natürlich traf man hin und wieder christliche oder andere Fundamentalisten, Flacherdler, Esoteriker, in Orange gekleidete Bhagwan-Buchverkäufer und Hippies aller Art mit bunten VW-Bussen und jeder Menge Gras im Reservereifen. Selbst Ali unten im Gemüseladen sagte immer: „Mein Jott, wat für ne Spinner.“ Wir schafften es immer, in die Realität zurückzukehren. Denn wenn wir diese Menschen hinter uns ließen, erreichten ihre Botschaften uns nicht mehr. Bücher musste man nicht kaufen. Im Fernsehen kam der Quatsch nicht. Höchstens Däniken schaffte es mal auf einen Sendeplatz, aber danach war Abendessen und Handballtraining. Danach diskutierten wir darüber und stellten fest: Morgen ist Schule und die Sabine ist ein heißer Feger. Wir waren geerdet.

Das Multiversum der Botschaften

Das hat sich geändert. Radikal. Nichts ist mehr so, wie es war. Die Geschwindigkeit von Veränderung hat sich mehrfach potenziert. Und überall sind die Botschaften. Auf Twitter, Instagram, Mastodon, Gab (rechtes Netzwerk), TikTok, Snapchat, WhatsApp, Facebook, Telegram. Alle Botschaften laufen unzählige Male hin und her, hochgradig vernetzt, vom einen erweitert um dies Gerücht, von der anderen als Fakt von der Freundin einer Cousine, deren Tante schon mal was gelesen hat, ins Netz gestellt. Unumstößliche Wahrheiten allenthalben und wesentlich mehr, als es überhaupt Wahrheit gibt. In diesen Moloch aus Verbreitung, stoßen Filme und Serien von Fox, HBC, Netflix, Amazon Prime, Disney+ und wie sie nicht alle heißen. Und ein Großteil der Serien MUSS sich verkaufen. Und was verkauft sich besser als Verschwörung? House of Cards, Matrix, Deep State, Blacklist usw. Filme und Serien, die das Potential des Menschen, an Verschwörungen aller Art zu glauben, in höchstem Maße nutzen, gibt es wie Sand am Meer. Doch anders als wir damals, die sich einen Film ansahen, danach diskutierten und das wars, hat aus irgendeinem Grund die soziale und emotionale Deprivation zugenommen und die Menschen suchen sich Gleichgesinnte im Ozean des Internets, im Sumpf der Sozialen Medien. Sie wachen nicht mehr auf, finden nicht mehr den Weg in die reale Welt. Und nach einer gewissen Zeit, wird ihre Gedankenwelt zur Realität. Leben in einer Sackgasse, die gleichzeitig Einbahnstraße ist. Alles was von außerhalb kommt, findet nicht mehr den Weg dort hinein – oder wenn, dann kann es nur falsch sein. Ein Fake. Realitätsverlust, Hunger nach dem, was nicht sein kann, der Verschwörung, dem zündenden ‚ich hab es schon immer gewusst‘-Effekt. Plötzlich sieht man überall passende Sätze, Zeichen, Symbole, Geschehnisse. Fäden werden gesponnen, wo es in tausend Jahren keinen Zusammenhang gab und gibt. Und nun wird es fatal: die Politik macht sich das zunutze. So wird bestätigt, was vorher nur Verschwörung war. Nicht gehört zu werden, verstärkt den Außenseiter-Trotz umso mehr.

Der Untergang der Realität

Das Perfide: Die Melange aus Deep State-Quatsch, QAnon-Mist, Esoterik, Verschwörung allenthalben ist als Rezeptur geeignet, Wahlen zu beeinflussen, direkt und unmittelbar. Demokratien zu unterminieren. Familien zu zerstören. Chaos zu produzieren. Etwa: Die Unwetterfronten in NRW und RLP wurden erzeugt, gesteuert, um die Umvolkung zu beschleunigen. Hauptsächlich zwei Sorten von Menschen produzieren solche Idiotien:
1. die bewusst Lenkenden und
2. die unter Selbstsucht und Aufklärungswahn leidenden Paranoiker.

Zu 1: Die bewusst Lenkenden
Darunter fallen solche Menschen wie Friedrich Merz oder Hubert Aiwanger, aber auch der Führungstrupp der AfD. Allerdings gibt es unter den Lenkenden ein unsichtbares Levelsystem, ähnlich einem Computerspiel. Deutsche Politiker gehören auf jeden Fall NICHT zu den Endgegnern. Immerhin: mit der Verbreitung, dem dauernd am Kochen halten von Schwachsinn, verfolgen diese als Politiker auftretenden Menschen genau EIN Ziel: Angst schüren/verbreiten, Unsicherheiten bei labilen Menschen verstärken, also Wähler für sich zu gewinnen – oder zumindest Nichtwähler zu generieren. Die wirklichen Verursacher/Anwender dieser Taktik, die Hebammen der Verschwörungen, kann man auf eine relativ geringe Anzahl eingrenzen. Aber sie nutzen die Sozialen Medien, die Privatkanäle, die Möglichkeiten des digitalen Zeitalters wie Weltmeister. In dieser Disziplin sind sie allen anderen überlegen. Das muss man mal so sagen. Und sie sind vernetzt. Und sie haben Geld. Eine Menge. Ihre Strategien sind ausgereift, ausgefeilt und sehr flexibel. Ihr Tun folgt immer einer Agenda. Auch wenn sich Gruppierungen unter ihnen nicht so mit anderen Gruppierungen verstehen, gibt es gemeinsame Schnittmengen(-personen), die die Zusammenarbeit effektiv machen. Da denken wir an die Kohlebergbaubetreiber (unter anderen) als Geldgeber für Thinktanks gegen die wissenschaftlichen Studien zum menschengemachten Klimawandel bzw., die Verunglimpfung des IPCC und der vielen tausend Wissenschaftler weltweit. Und diese Thinktanks bestehen wiederum aus Menschen mit nationalkonservativem und/oder neurechtem Hintergrund, die bspw. auch diesen Leugner-Verein E.I.K.E. unterstützen, indem dann wieder Menschen aus der AfD reüssieren, denen Klima egal ist, aber was gegen die Umvolkung tun wollen usw. usf., und als Lautsprecherwagen und Verkünder tauchen dann die Medienzaren der Verschwörung auf, etwa Oliver Janich oder Ken Jebsen oder Samuel Eckert. Zwischen diesen einzelnen Zentren der Verschwörungsgläubigen wandern dann die Themen je nach momentaner politischer Lage hin und her, werden angepasst, neu formuliert, mit einem anderen Kontext versehen, und am Ende … weiß kaum noch einer der Zuhörer:innen, was eigentlich so passiert, real ist oder Fake. In diesem Universum an erschaffener, künstlicher Unsicherheit, braucht es nur noch einen Kulminationspunkt, und schon haben wir die Scheiße. Genau die Scheiße, vor denen die Verschwörungstrottel:innen Angst haben. Dass nämlich ihre Welt zugrunde geht. Dass sie dabei selbst am meisten beteiligt sind, ist jenseits ihrer Realität.

Zu 2: die unter Selbstsucht und Aufklärungswahn leidenden Paranoiker
Ach ja, die hätte ich fast vergessen. Für die gibt es Tabletten.

Viele Politiker sind sich für nichts zu schade

In Zeiten schwindender Mehrheiten und der Transformation von ehemaligen Volksparteien zu Fanclubs eines Drittligisten, sind Politiker geradezu zwanghaft bemüht, aus dem ganzen Mist Kapital zu schlagen. Ihre politische Daseinsberechtigung ziehen sie nicht mehr aus klaren, abgrenzbaren Utopien (einen Fahrplan dorthin mit eingeschlossen), sondern nur noch aus Diffamierung und verbalem Ätznatron, Teile von Verschwörungsquatsch mit eingebaut. Nicht die Politik ist in einer Krise oder die Demokratie, nein, die Politiker sind in einer Krise und spülen dadurch das ganze politische System die eigene Toilette hinunter. Und es ist ihnen nicht mal bewusst. Offenbar gehen wirklich nicht die Klügsten in die Politik. Was Politiker:innen aber wirklich drauf haben: sich von Lobbys die Butter aufs Brot streichen zu lassen. Und da wären wir wieder beim Kohlebergbau, Energieunternehmen, dem Bauernverband, der Automobilindustrie. Es ist ja nicht so, dass man mit anderen Produkten KEIN Geld verdienen könnte. Klar kann man. Aber solange es mit der Technik aus dem vorvorigen Jahrhundert noch geht, ziehen wir es durch. Für alles Neue muss man ja erst mal investieren. Da geben diese Leute sich die Hand mit den Politikern. Die sind auch nicht so für das Neue. Manchmal ist sogar der Name Programm (Altmaier). Und leider haben Politiker noch was mit dem Thema gemein: sie leben in ihrer eigenen Realität. Also weit hinterm Mond. Die Frage ist ja nicht mehr: Wer hat das Haus angezündet? Die Frage ist vielmehr: Wie kommen wir da raus? Zurück in die Realität. Dorthin, wo wir klar denken können.

Anmerkung
Falls es nicht ganz klar ist. Der Text oben ist Meinung.

Menschen aufs Maul geschaut / 2

Meine Sammlung der Widerwärtigkeiten

Die meisten Fundstücke habe ich übrigens von den Insidern. Einer Gruppe von Menschen, denen man nicht dankbar genug sein kann. Sucht nach ihnen auf Facebook, Twitter oder Instagram und folgt ihnen. Teilt das, was sie uns mitteilen über die gefundenen Widerwärtigkeiten. Aber auch viele eigene Funde sind dabei. Da die Widerwärtigkeiten zeitlos sind, habe ich sie nicht nach Jahr und Ereignissen geordnet. Beginnen wir mit dieser Zusammenstellung von Screenshots aus Facebook. Beachtet bitte die unter jedem Screenshot stehenden Insider-Hinweise. Dort findet ihr die Quellendaten.

Originalzusammenstellung von ‚Die Insider‘

‚… mit Vorsatz zu verunstalten‘

Ich habe den Artikel in Junge Freiheit gelesen und die Nachrichtensendung nachträglich angesehen (am nächsten Tag), und bewusst auf das geachtet, was hier moniert wird (wie oben abgebildet). Verunstaltung der Sprache, Migranten im ÖRR. Ich frage mich, wo da ein Aufreger sein soll? Drei oder vier Mal habe ich bewusst wahrgenommen und festgestellt, dass Frau Pareigis das Gendersternchen benutzt, eine geplante Pause macht, um die Aufmerksamkeit auf beide Formen zu lenken. So what? Nichts Verwerfliches dabei, überhaupt kein Problem. So wie sich Sprache schon seit Anbeginn verändert, anpasst, wird sie es auch jetzt tun. Das Bewusstsein für die vielen unterschiedlichen Menschengruppen, deren Religion, Lebensart, Kultur(en) oder sexuelle Ausrichtung sprachlich zu berücksichtigen ist mehr als nötig und schon lange überfällig. Und dass es weltweit passiert, zeigt, dass die Menschen dieser Welt dies als gemeinsame Problematik begreifen und überall dafür eintreten. Es beweist, dass sich sehr viele Menschen als eine Familie begreifen. Dass die Menschen zusammenwachsen. Vor allem ist diese Entwicklung ja nur EIN Schritt in einer Reihe von vielen Entwicklungsschritten in der Sprache. Durch das Zusammenwachsen der Welt, wachsen auch Sprachen zusammen … fast hätte ich geschrieben, dass die Menschen dabei sind, die babylonische Sprachverwirrung (die natürlich nicht stattgefunden hat) im Begriff ist, aufzuheben. Gut so. Was natürlich nicht bedeutet, dass lokale Sprachblüten oder Dialekte, verschwinden müssen. Sie dürfen gerne in Schulen gelehrt werden. Die Menschen werden von Grund auf eben mehrsprachig. Eine logische und nötige Entwicklung und andere Länder sind uns da weit voraus.

Sprachliche Veränderungen sind ja nichts Neues. Eltern musste man vor einigen Jahrzehnten noch Siezen, den Hochadel durfte man/frau gar nicht ansprechen, ohne geköpft zu werden. Wo ist also das Problem? Genau auf diesen Screenshots der Insider kann man das Problem sehen. Es sind diejenigen, die sich geistig-kulturell nicht bewegen wollen – und/oder bewegen können. Besitzstandswahrer, Ewiggestrige. Im Übrigen können ja alle daheim reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Frau Pareigis betont ja selbst, dass andere Nachrichtensprecher:innen dies nicht tun – und auch nicht tun müssen. Trotz allem wird sich der Wandel durchsetzen und durchsetzen müssen, denn er ist ja Teil einer viel größeren Problematik. Einfach gesagt: zu kapieren, dass wir eine Menschenfamilie sind. Dass wir nicht mehr ausgrenzen, aufgrund irgendwelcher Eigenschaften, von denen Ewiggestrige sagen, sie gehören nicht zu uns. Nicht zu Deutschen oder dem Abendland oder den Christen oder tollen Männern oder was weiß ich was. Diese Separierung, diese Einteilung in Kategorien und Klassen, dieses aus der Gruppe ausstoßen oder gar nicht erst hineinlassen, muss ein Ende haben. Und das haben sehr viele weltweit begriffen. Andere nicht, wie an den Kommentaren zu sehen ist.

Originalzusammenstellung von ‚Die Insider‘

Der banale Rassismus dahinter

Die Sprache ist das eine. Das andere ist, dass das Thema ‚Gendern‘ bei einigen nur als Aufhänger dient, billigsten Rassismus loszuwerden, denn sie verknüpfen das Gendern mit einer Herkunft, die sie aus Name oder Hautfarbe oder was auch immer ihnen einfällt, herleiten. Die kulturell-soziale Leistungsfähigkeit der hier Beleidigenden reicht nicht aus, in Frau Pareigis eine Frau zu sehen, die Nachrichten vorträgt. Wer sich diese Kommentare ganz genau durchliest, wird sogar heftige Drohungen entdecken (Sie möchte Besuch haben). Da hat jemand seine Menschlichkeit wohl schon lange hinter sich gelassen (wenn sie denn schon mal anwesend war). Ich frage mich jedes Mal, welch fatale, inhumane Ansichten sie in der Erziehung mit auf den Weg bekommen haben? Vorurteilsfrei? Geht nicht! Klischeefrei? Unmöglich! Wertend? Immer! Geringschätzend? Durchgehend! Ganz furchtbar. Ich bin mir sicher, dass diese Menschen aber genau diese Werte für sich selbst grundsätzlich und immer einfordern. Egal von wem. Nur geben möchten sie es nicht. Und schon mal gar nicht für Menschen wie Frau Pareigis. Die Frage nach den Mitläufern des Dritten Reichs? Die Frage, wer Totalitarismus unterstützt, wenn es in den Kram passt? Mit den oben stehenden Kommentaren ist das beantwortet.

Der Dealer und Nutznießer

Michael Beyerbach weiß, wie er den Plebs triggert. Die Zutaten sind die Worte ‚verunstalten‘, ‚Migranten‘, ‚D(d)eutsche (Variable eintragen)‘, mehr müssen er und seine Mitstreiter:innen nicht in die Sozialen Medien hinausposaunen. Den Auswurf an Hass und Hetze bekommen sie gratis dazu. Wird prompt geliefert. Zuverlässig. Es ist beinahe, als säßen die Berufshater vor dem Rechner, und warteten geradezu auf neuen Trigger-Input, weil manche Existenz aus Langeweile und Überdruß, Wut auf die eigene Unzulänglichkeit, Neid und Missgunst bestehen. Und viele sind sich für nichts zu schade. Verbal völlig entgleiste Bemerkungen, aus denen fast schon der Speichel tropft, sind garantiert. Mission erfüllt, denkt sich Beyerbach. Die Blase bei Laune gehalten. Aber er ist ja nicht nur Nutznießer. Das kommt später. Zuerst ist er ein Dealer. Ein Dealer von Emotionen. Der Hass, die zustimmenden, sich ereifernden Kommentare, sind sein Profit.

Die Facebook-Seite von Michael Beyerbach. Wühlt Euch durch. Seitenweise Mist, Troll-Meldungen, verfälschte Informationen, aus dem Kontext gerissen. Schlichte Hetze. Man schämt sich für so etwas.

Ich erinnere an … / Teil 7

Dr. Hermann Karl Apel

Dr. Hermann Karl Apel wurde am 2. Juni 1883 geboren. Er war Studienrat im Ruhestand. Seine Dissertation schrieb er an der Hohen philosophischen Fakultät der Vereinigten Friedrichs-Universität im Jahre 1910 in Halle an der Saale. Der Titel: Die Tyrannis von Herakles. Offenbar hatte sich Dr. Apel mit dem Thema Tyrannen/Tyrannei befasst. Was ihm zum Verhängnis wurde. Denn am 5. Oktober 1939 wurde er wegen der Verbreitung antinazistischer Publikationen von der Gestapo verhaftet und kam ins Polizeigefängnis Fuhlsbüttel (Haftgrund: politisch). Sechs Tage später, am 11. Oktober 1939 starb er. Er wurde ermordet.

Stolperstein in Reinbek
Studienrat Dr. Apel war Mitglied der DVP. Er wohnte in Reinbek, in der Bahnsenallee 49. Dort gibt es heute einen Stolperstein, der an ihn erinnert.

Anmerkung des Autors

Denjenigen unter uns, die der Meinung sind, Pandemie-Maßnahmen in Deutschland bzw. weltweit, seien auch nur ansatzweise mit Handlungen der Gestapo oder den totalitären Wesenszügen des Dritten Reichs vergleichbar, möchte ich nahelegen, solche kleinen Geschichten zu lesen und genau darüber nachzudenken, ob irgendjemand heutzutage so behandelt wird, nur weil er gegen Corona-Maßnahmen demonstriert. Wer diesen Vergleich zieht, verhöhnt Margarete und Paul Zinke und all die anderen Opfer des Naziterrors. Ich kann nur schlussfolgern, dass hier ein sehr begrenztes Wissen bzw. Ahnungen oder Hörensagen vorliegen und man sich in keinster Weise mit den massenhaft zur Verfügung stehenden Quellen beschäftigt hat, sondern sich auf das verlässt und man dem folgt, was moderne Rattenfänger streuen, um eigene Ziele zu verfolgen. Das ist peinlich und beschämend. Zumal im Zuge dieser Rattenfänger-Maßnahmen Rassismus und Antisemitismus aufblühen, und Mitmarschierer sich das automatisch zu eigen machen.

Ich erinnere an … / Teil 6

Kurt Karl Ewald
Originalkopf der Aussage

Vernehmung EWALD, Kurt Karl

Ich bin Kurt Karl EWALD, geb. am 6.10.1910 in Halle. Ich bin evangelisch. Ich bin Deutscher Nationalität. Ich bin verheiratet und habe 1 Kind im Alter von 4 Jahren. Ich bin Schlachter. Ich war niemals Mitglied der NSDAP oder einer anderen NS-Organisation.

Ich bin Halbarier und wurde deshalb das erste Mal bei der Judenrevolte in 1938 verhaftet, aber nach 3 Wochen wieder frei gelassen. Das zweite Mal wurde ich mit meiner Frau und meiner ganzen Verwandtschaft sowie Belegschaft am 3. Febr. 1945 verhaftet. Ich wurde dieses Mal der Feindbegünstigung und Sabotage beschuldigt. Ich kam nach Fuhlsbüttel ins Gestapo Gefängnis. Hier blieb ich 3 Wochen in Einzelhaft, dann kam ich in Dunkelhaft und Ketten. Mitte April 1945 wurde Fuhlsbüttel geräumt und es gingen verschiedene Transporte nach Kiel-Hassee. Ich selbst ging mit dem letzten Transport weg.

Unser Transport unterstand dem Wachtmeister HENNINGS von Fuhlsbüttel. Dieser war ein SS-Mann und ein sehr brutaler Mensch. Er hatte weiter noch ca. 7 oder 8 Mann Wachpersonal bei sich. Einer war ein Deutscher, er hieß HAHN, die anderen waren Flamen. Namen dieser Letzteren weiß ich nicht mehr. Der Transport bestand aus ca. 160 Mann, die den verschiedensten Nationalitäten angehörten. Die Marschverpflegung war völlig unzureichend und die Bekleidung ganz schlecht. Besonders die Schuhe waren fast alle völlig kaputt. Die Ausländer waren am schlechtesten dran, davon wiederum die Holländer am allerschlechtesten.

Der erste Tagesmarsch von ca. 35 km brachte uns nach Kaltenkirchen. Auf dem Marsch dorthin wurde bereits 1 Mann, dessen Nationalität mir nicht bekannt ist, erschossen. Wahrscheinlich hatte er schlapp gemacht, denn HENNINGS hatte bereits vorher mitgeteilt, dass wer nicht mitkommen kann während des Marsches erschossen würde. Am nächsten Morgen in Kaltenkirchen konnten 2 der Häftlinge nicht mehr aufstehen. Es handelte sich hier um einen italienischen Arzt und einen holländischen Lehrer. Als wir abmarschierten blieb der Wachmann HAHN mit diesen allein zurück. Weiter blieb auch ein anderer Häftling, der SCHLENSTEDT hieß, in Kaltenkirchen zurück und der ein Deutscher war, da er auch nicht mehr laufen konnte. HAHN kam später auf einem Fahrrad unserem Transport nach. SCHLENSTEDT sah ich einige Tage später in Kiel-Hassee wieder, die 2 Ausländer habe ich nie wieder gesehen. Ich hörte später, sie seien von HAHN erschossen worden.

Die dritte Nacht verbrachten wir in einer Scheune am Einfelder See. Am nächsten Morgen beim Appell fehlten 3 oder 4 Mann. Hierauf sagte HENNINGS, wenn die sich nicht anfinden, werde ich eine Anzahl von Euch erledigen. Daraufhin gingen die SS-Männer und der Bauer auf dessen Hof wir uns befanden, alle möglichen Verstecke absuchen. Nach einigen Minuten hörten wir schon die ersten Schreie. Dann kamen 2 oder 3 Mann vom Boden der Scheune herunter und wurden HENNINGS vorgestellt. Er fragte, warum sie sich versteckt hätten. Sie sagten, sie hätten nur die Zeit verschlafen. HENNINGS glaubte es nicht und ich hörte, wie er zu den SS-Leuten (2 Flamen) sagte, wenn es nicht gleich knallt, dann knalle ich selber. Er hatte da bereits wie übrigens immer, seine eigene Maschinenpistole in Stellung. Darauf erschoss einer der Flamen vor HENNINGS und unseren Augen diese 3 Männer. Es waren Ukrainer. Die Leichen wurden ins Gebüsch gelegt, nachdem Hennings die Papiere derselben an sich genommen hatte.

Dann marschierten wir weiter nach Kiel, wo wir am 4. Tage ankamen. Der Transport bestand nur aus Männern. Wir waren am Ende des Marsches alle in sehr schlechter Verfassung. HENNINGS hatte während des ganzen Marsches ein Fahrrad bei sich, aber alle anderen Häftlinge und Wachpersonal hatten zu marschieren.

Abschrift des Originals

Anmerkung des Autors

Denjenigen unter uns, die der Meinung sind, Pandemie-Maßnahmen in Deutschland bzw. weltweit, seien auch nur ansatzweise mit Handlungen der Gestapo oder den totalitären Wesenszügen des Dritten Reichs vergleichbar, möchte ich nahelegen, solche Zeugenaussagen aus dem Prozess II der drei Fuhslbüttel-Prozesse zu lesen. Ich kann nur schlussfolgern, dass hier ein sehr begrenztes Wissen bzw. Ahnungen oder Hörensagen vorliegen und man sich in keinster Weise mit den massenhaft zur Verfügung stehenden Quellen beschäftigt hat, sondern sich auf das verlässt und man dem folgt, was moderne Rattenfänger streuen, um eigene Ziele zu verfolgen. Das ist peinlich und beschämend. Zumal im Zuge dieser Rattenfänger-Maßnahmen der Antisemitismus aufblüht, und Mitmarschierer sich diesen automatisch zu eigen machen.

Neulich in Maikammer / 1

Neulich in Maikammer. Texte aus der Pfalz.

Schreiben?

Warum schreibe ich? Wann hast du angefangen zu schreiben? Häufig gestellte Fragen. Beide Fragen können nicht ohne die jeweils andere existieren. Wann und warum? Wann, das lässt sich rein historisch schnell beantworten. Mit dreizehn Jahren. Aber das Beben der Worte hat schon viel früher begonnen. Mit Dreizehn erfolgte einfach nur der erste, große Ausbruch. Auf einer Olympia Reiseschreibmaschine tippte ich einen Roman ab, Seite um Seite. Am Ende las ich ihn durch, fand es ganz furchtbar und schmiss das Manuskript in den Papierkorb. So kenne ich mich. Was nichts nutzt, nicht den mir gesetzten Vorstellungen entspricht, fliegt weg. Allerdings habe ich die Rechnung ohne meine Mutter gemacht, die das gute Stück wieder aus dem Mülleimer fischte und aufbewahrte. Aber um noch einmal auf das Beben der Worte zurückzukommen, das ja unmittelbar mit dem ‚Warum‘ zusammenhängt … da bin ich mir nicht schlüssig. Es ist vermutlich – wie so oft – eine Kombination aus vielen Elementen. Umwelt trifft auf Anlage. Die habe ich mit auf den Weg bekommen und lebe – wie alle anderen – mehr oder weniger gut und gerne damit; sie interessieren mich auch nicht wirklich. Dafür die Umwelt umso mehr, und da möchte ich drei Faktoren erwähnen:
1. Meine Mutter und
2. ihr Drang oder ihr Bestreben, mir frühzeitig das Lesen beizubringen und mir – um es zu fördern – viele Bücher geschenkt hat; dazu
3. mein Opa (eigentlich Stiefopa), der mich mit Geschichten quasi vollstopfte.


Die Saat …
… fällt auf einen mehr oder weniger gut vorbereiteten Boden (wobei ich als Landwirt sehr gut weiß, dass Boden nicht gleich Boden ist). In der Regel geht die Saat auf. Die Art des sich Ausdrückens ist sehr unterschiedlich. Musizieren, malen, formen, schreiben – es ist immer ein Dialog mit sich selbst und der Welt; schätze ich. Und doch braucht es einen Auslöser. Was hat die Menschen in den Höhlen von Lascaux dazu bewogen, sich, ihre Erlebnisse, ihre Welt, in Bildern an der Wand zu verewigen? Ein wichtiger Aspekt ist sicher, der Drang, etwas, das größer ist als man selbst, ein Gesicht zu geben. Da denke ich bspw. an Abbildungen des nächtlichen Firmaments oder der zyklisch wiederkehrenden Sonne. Da ahnte der Mensch schnell, dass es Dinge gibt, die er nicht so richtig versteht; könnte darum auch der Beginn von Religion und Glaube sein. Aber auch tägliche Erlebnisse (einen Bären erlegen = Adrenalin) die unbedingt raus müssen, die man „erzählen muss“, weil man ansonsten platzt. Der Drang zur Erzählung, zur Geschichte, zum Mitteilen, ist also Nichtverstehen, Nichtbegreifen, aber auch die unmittelbare Gefahr – und am Ende die daraus resultierende Neugier. Da war es ein kleiner Schritt zu Bildern, Muschelketten, Gesang bzw. Musik. Und ein noch kleinerer von Erzählenden zu den Zuhörenden.

Jemand redet
Kann man so sagen: jemand redet in meinem Kopf. Dieser Jemand ist so eine Art Sparringspartner. Er äußert dauernd Zweifel, macht mich lächerlich, ist unbequem, argumentiert von der Gegenseite und fällt dir ins Wort (in die Gedanken). Ihn abschalten geht nicht. Dieser Jemand kann sehr emotional werden oder kühl kalkulierend. In diesem Spannungsfeld entsteht ein Überdruck. In meinem Fall ist das Schreiben das Überdruckventil. In der Tat ist es so, dass – wenn es nicht rechtzeitig auslöst – der Kessel Gefahr läuft, zu platzen. Ich muss also schreiben. Die Intervalle zwischen Druck ablassen und Druckaufbau sind sehr unterschiedlich. Manchmal vergehen Monate. So war es zumindest früher. Und früher heißt, etwa bis zu meinem 45sten Lebensjahr. Bis dahin war das Schreiben eine Tätigkeit, die in Schüben kam. Das hat sich ins Gegenteil verkehrt. Der Kerl in meinem Kopf redet nun dauernd.

Schriftsteller:in
Ein komisches Wort. Was schreibt man als Schriftsteller? Ist eigentlich egal, denn ob nun Erfundenes oder Erlebtes oder beides gemischt: es ist immer ein Teil des Selbst in den Texten. Eigene Erfahrungen – oder ganz pragmatisch – erlebte Charaktere, die man in die Bücher verpflanzt. Auf irgendeine gemachte Erfahrung greifen wohl alle Autor:innen zurück. Und je mehr Erfahrung, desto einfacher, vielfältiger und tiefer wird es. Selbst in einer Fantasy-Story wie Harry Potter oder der Herr der Ringe greifen die Autor:innen auf erlebte Charaktere und Situationen zurück. Man merkt es den Texten deutlich an, wenn sie imaginiert sind, ohne eigene Erfahrungen. Künstlich. Man muss also gefühlt haben, was man schreibt … okay, nicht immer, denn es gibt auch tatsächliche Genies, die das alles imaginieren können – wenige. Kann man nun mit Kunst die Welt verändern? Besser machen? Kann man als Schriftsteller:in dazu beitragen? Die Welt, das ist ein großer Begriff. Einen Menschen, ja, den kann man beeinflussen, Wegmarken setzen, will ich mal sagen. Diese Wegmarken können Reflexion und Analogien begünstigen. Und je mehr Leser:innen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sich in der Masse etwas verändert. Messbar ist das nicht, aber spürbar schon. Gerade Texte (aber auch Musik) aus der Beat-Generation haben die Möglichkeiten von Veränderung deutlich gezeigt. Und auch die wissenschaftliche Forschung, vor allem interdisziplinär, zum Dritten Reich, die daraus entstandenen populärwissenschaftlichen Texte und Medien, haben eine spürbare Wirkung auf die Menschen.

Schreiben!
Ich schreibe also jetzt seit 1977. Kontinuierlich. Mal mehr, mal weniger. Mal abgesehen vom ersten Roman-Fehlversuch, war es zu Beginn nur Lyrische Kurzprosa. Ab Anfang zwanzig dann Kurzgeschichten. Aber das Fernziel war der Roman. Ich wusste, ich kann das, aber die Tür war verschlossen. Erst im August 2010 habe ich sie aufgestoßen. Siebenhundert DIN-A4-Seiten in drei Monaten. Plötzlich weiß man dann, dass Schreiben auch Routine ist, Handwerkszeug. Bewusstes Setzen von Punkten, Charakteren, Dialogen. Mit einem Mal öffnen sich weitere Türen. Es läuft, sozusagen. Eine Stufe höher auf der schriftstellerischen Evolutionstreppe. Dabei lag mein Hauptaugenmerk im Deutschunterricht im Beobachten der Natur vor den Fenstern – oder im Schlaf. Wer mich nach Rechtschreibregeln, Reim, Vers und deutscher Dichter- und Denkerliteratur fragt, bekommt ein leeres Blatt – wie mein Deutschlehrer. Seltsam. Was mich zum letzten Punkt führt: dem Lesen. Was mir beim Schreiben geholfen hat, war zu 0% der Deutschunterricht, und zu 100% das Lesen von Büchern, Zeitschriften, Magazinen sowie das schwankende, unsichere Leben selbst. Und die Stimme in meinem Kopf.