Ich erinnere an … / Teil 7

Dr. Hermann Karl Apel

Dr. Hermann Karl Apel wurde am 2. Juni 1883 geboren. Er war Studienrat im Ruhestand. Seine Dissertation schrieb er an der Hohen philosophischen Fakultät der Vereinigten Friedrichs-Universität im Jahre 1910 in Halle an der Saale. Der Titel: Die Tyrannis von Herakles. Offenbar hatte sich Dr. Apel mit dem Thema Tyrannen/Tyrannei befasst. Was ihm zum Verhängnis wurde. Denn am 5. Oktober 1939 wurde er wegen der Verbreitung antinazistischer Publikationen von der Gestapo verhaftet und kam ins Polizeigefängnis Fuhlsbüttel (Haftgrund: politisch). Sechs Tage später, am 11. Oktober 1939 starb er. Er wurde ermordet.

Stolperstein in Reinbek
Studienrat Dr. Apel war Mitglied der DVP. Er wohnte in Reinbek, in der Bahnsenallee 49. Dort gibt es heute einen Stolperstein, der an ihn erinnert.

Anmerkung des Autors

Denjenigen unter uns, die der Meinung sind, Pandemie-Maßnahmen in Deutschland bzw. weltweit, seien auch nur ansatzweise mit Handlungen der Gestapo oder den totalitären Wesenszügen des Dritten Reichs vergleichbar, möchte ich nahelegen, solche kleinen Geschichten zu lesen und genau darüber nachzudenken, ob irgendjemand heutzutage so behandelt wird, nur weil er gegen Corona-Maßnahmen demonstriert. Wer diesen Vergleich zieht, verhöhnt Margarete und Paul Zinke und all die anderen Opfer des Naziterrors. Ich kann nur schlussfolgern, dass hier ein sehr begrenztes Wissen bzw. Ahnungen oder Hörensagen vorliegen und man sich in keinster Weise mit den massenhaft zur Verfügung stehenden Quellen beschäftigt hat, sondern sich auf das verlässt und man dem folgt, was moderne Rattenfänger streuen, um eigene Ziele zu verfolgen. Das ist peinlich und beschämend. Zumal im Zuge dieser Rattenfänger-Maßnahmen Rassismus und Antisemitismus aufblühen, und Mitmarschierer sich das automatisch zu eigen machen.

Ich erinnere an … / Teil 6

Kurt Karl Ewald
Originalkopf der Aussage

Vernehmung EWALD, Kurt Karl

Ich bin Kurt Karl EWALD, geb. am 6.10.1910 in Halle. Ich bin evangelisch. Ich bin Deutscher Nationalität. Ich bin verheiratet und habe 1 Kind im Alter von 4 Jahren. Ich bin Schlachter. Ich war niemals Mitglied der NSDAP oder einer anderen NS-Organisation.

Ich bin Halbarier und wurde deshalb das erste Mal bei der Judenrevolte in 1938 verhaftet, aber nach 3 Wochen wieder frei gelassen. Das zweite Mal wurde ich mit meiner Frau und meiner ganzen Verwandtschaft sowie Belegschaft am 3. Febr. 1945 verhaftet. Ich wurde dieses Mal der Feindbegünstigung und Sabotage beschuldigt. Ich kam nach Fuhlsbüttel ins Gestapo Gefängnis. Hier blieb ich 3 Wochen in Einzelhaft, dann kam ich in Dunkelhaft und Ketten. Mitte April 1945 wurde Fuhlsbüttel geräumt und es gingen verschiedene Transporte nach Kiel-Hassee. Ich selbst ging mit dem letzten Transport weg.

Unser Transport unterstand dem Wachtmeister HENNINGS von Fuhlsbüttel. Dieser war ein SS-Mann und ein sehr brutaler Mensch. Er hatte weiter noch ca. 7 oder 8 Mann Wachpersonal bei sich. Einer war ein Deutscher, er hieß HAHN, die anderen waren Flamen. Namen dieser Letzteren weiß ich nicht mehr. Der Transport bestand aus ca. 160 Mann, die den verschiedensten Nationalitäten angehörten. Die Marschverpflegung war völlig unzureichend und die Bekleidung ganz schlecht. Besonders die Schuhe waren fast alle völlig kaputt. Die Ausländer waren am schlechtesten dran, davon wiederum die Holländer am allerschlechtesten.

Der erste Tagesmarsch von ca. 35 km brachte uns nach Kaltenkirchen. Auf dem Marsch dorthin wurde bereits 1 Mann, dessen Nationalität mir nicht bekannt ist, erschossen. Wahrscheinlich hatte er schlapp gemacht, denn HENNINGS hatte bereits vorher mitgeteilt, dass wer nicht mitkommen kann während des Marsches erschossen würde. Am nächsten Morgen in Kaltenkirchen konnten 2 der Häftlinge nicht mehr aufstehen. Es handelte sich hier um einen italienischen Arzt und einen holländischen Lehrer. Als wir abmarschierten blieb der Wachmann HAHN mit diesen allein zurück. Weiter blieb auch ein anderer Häftling, der SCHLENSTEDT hieß, in Kaltenkirchen zurück und der ein Deutscher war, da er auch nicht mehr laufen konnte. HAHN kam später auf einem Fahrrad unserem Transport nach. SCHLENSTEDT sah ich einige Tage später in Kiel-Hassee wieder, die 2 Ausländer habe ich nie wieder gesehen. Ich hörte später, sie seien von HAHN erschossen worden.

Die dritte Nacht verbrachten wir in einer Scheune am Einfelder See. Am nächsten Morgen beim Appell fehlten 3 oder 4 Mann. Hierauf sagte HENNINGS, wenn die sich nicht anfinden, werde ich eine Anzahl von Euch erledigen. Daraufhin gingen die SS-Männer und der Bauer auf dessen Hof wir uns befanden, alle möglichen Verstecke absuchen. Nach einigen Minuten hörten wir schon die ersten Schreie. Dann kamen 2 oder 3 Mann vom Boden der Scheune herunter und wurden HENNINGS vorgestellt. Er fragte, warum sie sich versteckt hätten. Sie sagten, sie hätten nur die Zeit verschlafen. HENNINGS glaubte es nicht und ich hörte, wie er zu den SS-Leuten (2 Flamen) sagte, wenn es nicht gleich knallt, dann knalle ich selber. Er hatte da bereits wie übrigens immer, seine eigene Maschinenpistole in Stellung. Darauf erschoss einer der Flamen vor HENNINGS und unseren Augen diese 3 Männer. Es waren Ukrainer. Die Leichen wurden ins Gebüsch gelegt, nachdem Hennings die Papiere derselben an sich genommen hatte.

Dann marschierten wir weiter nach Kiel, wo wir am 4. Tage ankamen. Der Transport bestand nur aus Männern. Wir waren am Ende des Marsches alle in sehr schlechter Verfassung. HENNINGS hatte während des ganzen Marsches ein Fahrrad bei sich, aber alle anderen Häftlinge und Wachpersonal hatten zu marschieren.

Abschrift des Originals

Anmerkung des Autors

Denjenigen unter uns, die der Meinung sind, Pandemie-Maßnahmen in Deutschland bzw. weltweit, seien auch nur ansatzweise mit Handlungen der Gestapo oder den totalitären Wesenszügen des Dritten Reichs vergleichbar, möchte ich nahelegen, solche Zeugenaussagen aus dem Prozess II der drei Fuhslbüttel-Prozesse zu lesen. Ich kann nur schlussfolgern, dass hier ein sehr begrenztes Wissen bzw. Ahnungen oder Hörensagen vorliegen und man sich in keinster Weise mit den massenhaft zur Verfügung stehenden Quellen beschäftigt hat, sondern sich auf das verlässt und man dem folgt, was moderne Rattenfänger streuen, um eigene Ziele zu verfolgen. Das ist peinlich und beschämend. Zumal im Zuge dieser Rattenfänger-Maßnahmen der Antisemitismus aufblüht, und Mitmarschierer sich diesen automatisch zu eigen machen.

Neulich in Maikammer / 1

Neulich in Maikammer. Texte aus der Pfalz.

Schreiben?

Warum schreibe ich? Wann hast du angefangen zu schreiben? Häufig gestellte Fragen. Beide Fragen können nicht ohne die jeweils andere existieren. Wann und warum? Wann, das lässt sich rein historisch schnell beantworten. Mit dreizehn Jahren. Aber das Beben der Worte hat schon viel früher begonnen. Mit Dreizehn erfolgte einfach nur der erste, große Ausbruch. Auf einer Olympia Reiseschreibmaschine tippte ich einen Roman ab, Seite um Seite. Am Ende las ich ihn durch, fand es ganz furchtbar und schmiss das Manuskript in den Papierkorb. So kenne ich mich. Was nichts nutzt, nicht den mir gesetzten Vorstellungen entspricht, fliegt weg. Allerdings habe ich die Rechnung ohne meine Mutter gemacht, die das gute Stück wieder aus dem Mülleimer fischte und aufbewahrte. Aber um noch einmal auf das Beben der Worte zurückzukommen, das ja unmittelbar mit dem ‚Warum‘ zusammenhängt … da bin ich mir nicht schlüssig. Es ist vermutlich – wie so oft – eine Kombination aus vielen Elementen. Umwelt trifft auf Anlage. Die habe ich mit auf den Weg bekommen und lebe – wie alle anderen – mehr oder weniger gut und gerne damit; sie interessieren mich auch nicht wirklich. Dafür die Umwelt umso mehr, und da möchte ich drei Faktoren erwähnen:
1. Meine Mutter und
2. ihr Drang oder ihr Bestreben, mir frühzeitig das Lesen beizubringen und mir – um es zu fördern – viele Bücher geschenkt hat; dazu
3. mein Opa (eigentlich Stiefopa), der mich mit Geschichten quasi vollstopfte.


Die Saat …
… fällt auf einen mehr oder weniger gut vorbereiteten Boden (wobei ich als Landwirt sehr gut weiß, dass Boden nicht gleich Boden ist). In der Regel geht die Saat auf. Die Art des sich Ausdrückens ist sehr unterschiedlich. Musizieren, malen, formen, schreiben – es ist immer ein Dialog mit sich selbst und der Welt; schätze ich. Und doch braucht es einen Auslöser. Was hat die Menschen in den Höhlen von Lascaux dazu bewogen, sich, ihre Erlebnisse, ihre Welt, in Bildern an der Wand zu verewigen? Ein wichtiger Aspekt ist sicher, der Drang, etwas, das größer ist als man selbst, ein Gesicht zu geben. Da denke ich bspw. an Abbildungen des nächtlichen Firmaments oder der zyklisch wiederkehrenden Sonne. Da ahnte der Mensch schnell, dass es Dinge gibt, die er nicht so richtig versteht; könnte darum auch der Beginn von Religion und Glaube sein. Aber auch tägliche Erlebnisse (einen Bären erlegen = Adrenalin) die unbedingt raus müssen, die man „erzählen muss“, weil man ansonsten platzt. Der Drang zur Erzählung, zur Geschichte, zum Mitteilen, ist also Nichtverstehen, Nichtbegreifen, aber auch die unmittelbare Gefahr – und am Ende die daraus resultierende Neugier. Da war es ein kleiner Schritt zu Bildern, Muschelketten, Gesang bzw. Musik. Und ein noch kleinerer von Erzählenden zu den Zuhörenden.

Jemand redet
Kann man so sagen: jemand redet in meinem Kopf. Dieser Jemand ist so eine Art Sparringspartner. Er äußert dauernd Zweifel, macht mich lächerlich, ist unbequem, argumentiert von der Gegenseite und fällt dir ins Wort (in die Gedanken). Ihn abschalten geht nicht. Dieser Jemand kann sehr emotional werden oder kühl kalkulierend. In diesem Spannungsfeld entsteht ein Überdruck. In meinem Fall ist das Schreiben das Überdruckventil. In der Tat ist es so, dass – wenn es nicht rechtzeitig auslöst – der Kessel Gefahr läuft, zu platzen. Ich muss also schreiben. Die Intervalle zwischen Druck ablassen und Druckaufbau sind sehr unterschiedlich. Manchmal vergehen Monate. So war es zumindest früher. Und früher heißt, etwa bis zu meinem 45sten Lebensjahr. Bis dahin war das Schreiben eine Tätigkeit, die in Schüben kam. Das hat sich ins Gegenteil verkehrt. Der Kerl in meinem Kopf redet nun dauernd.

Schriftsteller:in
Ein komisches Wort. Was schreibt man als Schriftsteller? Ist eigentlich egal, denn ob nun Erfundenes oder Erlebtes oder beides gemischt: es ist immer ein Teil des Selbst in den Texten. Eigene Erfahrungen – oder ganz pragmatisch – erlebte Charaktere, die man in die Bücher verpflanzt. Auf irgendeine gemachte Erfahrung greifen wohl alle Autor:innen zurück. Und je mehr Erfahrung, desto einfacher, vielfältiger und tiefer wird es. Selbst in einer Fantasy-Story wie Harry Potter oder der Herr der Ringe greifen die Autor:innen auf erlebte Charaktere und Situationen zurück. Man merkt es den Texten deutlich an, wenn sie imaginiert sind, ohne eigene Erfahrungen. Künstlich. Man muss also gefühlt haben, was man schreibt … okay, nicht immer, denn es gibt auch tatsächliche Genies, die das alles imaginieren können – wenige. Kann man nun mit Kunst die Welt verändern? Besser machen? Kann man als Schriftsteller:in dazu beitragen? Die Welt, das ist ein großer Begriff. Einen Menschen, ja, den kann man beeinflussen, Wegmarken setzen, will ich mal sagen. Diese Wegmarken können Reflexion und Analogien begünstigen. Und je mehr Leser:innen, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sich in der Masse etwas verändert. Messbar ist das nicht, aber spürbar schon. Gerade Texte (aber auch Musik) aus der Beat-Generation haben die Möglichkeiten von Veränderung deutlich gezeigt. Und auch die wissenschaftliche Forschung, vor allem interdisziplinär, zum Dritten Reich, die daraus entstandenen populärwissenschaftlichen Texte und Medien, haben eine spürbare Wirkung auf die Menschen.

Schreiben!
Ich schreibe also jetzt seit 1977. Kontinuierlich. Mal mehr, mal weniger. Mal abgesehen vom ersten Roman-Fehlversuch, war es zu Beginn nur Lyrische Kurzprosa. Ab Anfang zwanzig dann Kurzgeschichten. Aber das Fernziel war der Roman. Ich wusste, ich kann das, aber die Tür war verschlossen. Erst im August 2010 habe ich sie aufgestoßen. Siebenhundert DIN-A4-Seiten in drei Monaten. Plötzlich weiß man dann, dass Schreiben auch Routine ist, Handwerkszeug. Bewusstes Setzen von Punkten, Charakteren, Dialogen. Mit einem Mal öffnen sich weitere Türen. Es läuft, sozusagen. Eine Stufe höher auf der schriftstellerischen Evolutionstreppe. Dabei lag mein Hauptaugenmerk im Deutschunterricht im Beobachten der Natur vor den Fenstern – oder im Schlaf. Wer mich nach Rechtschreibregeln, Reim, Vers und deutscher Dichter- und Denkerliteratur fragt, bekommt ein leeres Blatt – wie mein Deutschlehrer. Seltsam. Was mich zum letzten Punkt führt: dem Lesen. Was mir beim Schreiben geholfen hat, war zu 0% der Deutschunterricht, und zu 100% das Lesen von Büchern, Zeitschriften, Magazinen sowie das schwankende, unsichere Leben selbst. Und die Stimme in meinem Kopf.

Ich erinnere an … / Teil 5

Margarete und Paul Zinke

Im Juli 1944 haben Margarete und Paul Zinke geheiratet. Margarete wurde am 18. Januar 1914 geboren, Paul am 8. März 1901. Er war von Beruf Elektriker. Beide waren Mitglied in der KPD und während der Nazizeit im Widerstand, in der Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe. Zu Beginn ihrer Ehe wohnten beide wohl im Haus 10, Falkenried 26 in Hamburg, später vermutlich illegal in der Sierichstraße 18. Margarete und Paul gehörten zu den 71 Inhaftierten, die am 21. bzw. 23. April 1945 im KZ Neuengamme gehenkt bzw. ermordet wurden. Ihr könnt mehr über das Leben dieser beiden Menschen erfahren. Es gibt Stolpersteine und mehr Informationen zu Margarete und Paul auf der Internetseite der Stolpersteine Hamburg.

Margarete und Paul waren mutige Menschen. Und ihr Mut kann uns bis heute, ja, besonders heute, helfen. Denn sie strafen diejenigen Lügen, die behaupten, Nationalsozialisten seine ‚Linke‘ gewesen und somit seien linke Menschen heute ebenfalls Nazis.

Ich fand es schon immer schrecklich, hören oder lesen zu müssen, dass mancher Tod oder manche Tode nicht umsonst seien. Vielmehr möchte ich sagen, dass ihr Leben nicht umsonst war, ihr Widerstehen gegen Totalitarismus und größtmögliche Unmenschlichkeit. Man kann den beiden nicht genug danken.

Anmerkung des Autors

Denjenigen unter uns, die der Meinung sind, Pandemie-Maßnahmen in Deutschland bzw. weltweit, seien auch nur ansatzweise mit Handlungen der Gestapo oder den totalitären Wesenszügen des Dritten Reichs vergleichbar, möchte ich nahelegen, solche kleinen Geschichten zu lesen und genau darüber nachzudenken, ob irgendjemand heutzutage so behandelt wird, nur weil er gegen Corona-Maßnahmen demonstriert. Wer diesen Vergleich zieht, verhöhnt Margarete und Paul Zinke und all die anderen Opfer des Naziterrors. Ich kann nur schlussfolgern, dass hier ein sehr begrenztes Wissen bzw. Ahnungen oder Hörensagen vorliegen und man sich in keinster Weise mit den massenhaft zur Verfügung stehenden Quellen beschäftigt hat, sondern sich auf das verlässt und man dem folgt, was moderne Rattenfänger streuen, um eigene Ziele zu verfolgen. Das ist peinlich und beschämend. Zumal im Zuge dieser Rattenfänger-Maßnahmen Rassismus und Antisemitismus aufblühen, und Mitmarschierer sich das automatisch zu eigen machen.

Ich erinnere an … / Teil 4

Dr. Hans Rudolf (John) Gluck

Hans Rudolf (John) Gluck, Dr. der Medizin, geboren am 17. Februar 1906 in Johannesburg, Südafrika, gestorben am 6. Juli 1952 ebendort. Um sein Studium abzuschließen, ging er nach Deutschland. Seine Dissertation schrieb er ‚Über den Zusammenhang seniler Geistesstörungen mit Erlebnisfaktoren affektiver bzw. situativer Art‘ (Berlin, de Gruyter, 1941). Er arbeitete als Assistenzarzt am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf. Dr. Gluck war Mitglied der candidates of humanity. Einer Oppositionsbewegung im Dritten Reich. Und er gehörte dem Widerstandskreis der- etwas später so benannten – Weißen Rose Hamburg an. Am 24. Juli 1943 wurde er von der Gestapo verhaftet und in das Gestapo-Gefängnis nach Fuhlsbüttel verbracht. Am 6. Juni 1944 wurde er als Schutzhäftling in das KZ Neuengamme überstellt und wenige Wochen später ins KZ Mauthausen. Amerikanische Truppen befreiten Mauthausen am 5. Mai 1945, und somit auch Dr. Gluck, der zurück nach Südafrika ging, aber an den Folgen der Haft ebendort im Jahr 1952 verstarb. In der JAG No. 279 / Volume IV / Flag A / List of Exhibits findet sich unter No. 14 die Aussage von Dr. Gluck. Ich habe sie – so gut es ging – übersetzt.

Hinweis zur Datierung

Der Vorsitzende des Militärtribunals erwähnt im Prozess II die aufgenommene Aussage des Dr. Gluck und dass diese Aussage in Südafrika, der Heimat von Dr. Gluck, protokolliert wurde. Auf den Unterlagen ist ein Aussagedatum vermerkt: 17. Januar 1948. Allerdings fand der Prozess II in den ersten drei Septemberwochen 1947 statt. Vergleicht man die Datumsangaben auf der Aussage des Dr. Gluck mit den Daten anderer externer Vernehmungen, stellt man fest, dass alle zwischen November 1946 und Februar 1947 durchgeführt wurden. Die Vernehmungsoffiziere des JAG waren in diesen Monaten unterwegs, um alle relevanten Zeugen zu vernehmen. Insofern steht für mich fest, dass sich das Datum 17. Januar 1948 um einen Vertipper handelt. Möglicherweise aufgrund unleserlicher Handschrift.

Aussage des Dr. Hans Rudolf (John) Gluck

Aussage von GLUCK (handschriftlich)
Gelesen; markiert 14 48
TOP Vom Präsidenten unterzeichnet und dem SECRET-Protokoll beigefügt.
Eidesstattliche Erklärung
H.R. Bently Oberstleutnant Präsident Mil. Ct.

John Hans Rudolf GLUCK
?Sworn States:?
?Ich bin Arzt und wohne im Alter von 46 Jahren? … 8th Avenue, … Valley, Johannesburg. Bei Ausbruch des Krieges im September 1939 war ich als Zivilist im Universitätsklinikum Friedrichsberg, Hamburg, tätig. Ich bin von Geburt an Südafrikaner, ich wurde am 17.2.1906 in Johannesburg geboren. Ich war Medizinstudent an der … Universität und ging nach Deutschland, um mein Studium abzuschließen. Bei Ausbruch des Krieges wurde mir von … du Plessin, dem Generalkonsul für Südafrika in Deutschland, gesagt, ich solle zur dänischen Grenze gehen, mit der Absicht, über Schweden nach England zu gehen, um der britischen Armee beizutreten. Ich bin nicht in das dänische Territorium eingedrungen, da ich auf meiner Reise von der deutschen Polizei in Flensburg an der dänischen Grenze verhaftet und dort eine Nacht festgehalten wurde. In Begleitung wurde ich nach HAMBURG zurückgebracht. In HAMBURG wurde ich freigelassen und angewiesen, mich am nächsten Tag auf dem Polizeipräsidium zu melden. Unmittelbar nach meiner Entlassung ging ich zu Hauptmann F. BREHMER, einem ehemaligen südafrikanischen Generalkonsul, der in meinem Namen beim Polizeipräsidenten intervenierte, und infolgedessen wurde ich nicht in ein Internierungslager gesteckt, sondern musste mich beim Polizeipräsidium melden, zuerst einmal täglich, dann zweimal wöchentlich, dann einmal wöchentlich, dann einmal monatlich, und ich nahm die Arbeit im Krankenhaus wieder auf und wurde völlig allein gelassen.

Da ich mich nicht in die Armee einschreiben konnte, beschloss ich, für die alliierte Sache zu tun, was ich konnte. Ich war zu dieser Zeit im Besitz von zwei leistungsstarken drahtlosen Empfängern. Die deutschen Behörden wussten dies, als die Geräte registriert wurden. Ich war mit einer Gruppe von Leuten verbunden, die meisten davon Deutsche, einige Ausländer, von denen ich wusste, dass sie für die Alliierten waren, und sehr anti-nazistisch eingestellt waren. Die Namen einiger dieser Personen sind:

(1) Frau E. WILDE. Familie, beide gingen ins Konzentrationslager, der Ehemann starb während des Verhungerns im Lager.
(2) Unteroffizier ERNST ROHM von der deutschen Polizei.
(3) Dr. H. LORD aus PERU im Krankenhaus beschäftigt.
(4) M. RASPE, britischer Staatsbürger und Ehefrau, die ihr ganzes Leben in Deutschland lebten.

Dies waren die wichtigsten Führer der Partei, aber es gab noch viele andere. Es war die Gewohnheit unserer Gruppe, … Nachrichten der Alliierten zu verbreiten und solche Nachrichten an Menschen zu verbreiten, die in ihrer Meinung schwankten, und ein wenig von dieser Propaganda würde wahrscheinlich dazu beitragen, sie auf die Seite der Alliierten zu bringen. Bei diesen Bemühungen waren wir sehr erfolgreich. Dies ging eine Zeit lang so weiter. Im Jahre 1940 nahm ich Kontakt mit einem gewissen Herrn PORTER auf, ich weiß nicht, ob dies sein eigentlicher Name ist. Ich kontaktierte ihn über eine schwedische Dame, eine gewisse Dr. LILY STROMBERG in HAMBURG, und über sie sandte ich zu verschiedenen Zeiten bestimmte Informationen an Herrn PORTER, der in MALMÖ, in Schweden, wohnte. Diese Dame wurde dann an der Rückkehr nach Deutschland gehindert, und der Kontakt wurde abgebrochen. Das letzte Mal, dass sie dort war, war entweder Ende 1941 oder Anfang 1942. Ich fuhr fort und versuchte, einen neuen Kontakt zu suchen, was ich bei den beiden norwegischen Priestern in HAMBURG gefunden zu haben glaubte, so lauteten ihre Namen:
Pastor A. BERGE
… SVENSON
der sich schließlich als große Hilfe erwies. …, kontaktierte ich eine Frau, die mir als schwedische Staatsbürgerin empfohlen wurde, und eine Person, die mich aus Deutschland herausholen konnte. Sie wurde mir als britische Agentin beschrieben, ihr Name war Mrs. GLASS-TOFOHR. Ich habe sie während etwa 3 oder 4 Wochen mehrmals kontaktiert, und im Laufe dieser Kontakte gewann ich die Überzeugung, dass sie zuverlässig war, da sie mehrere Namen von Personen nannte, von denen ich wusste, dass sie sehr zuverlässig waren. Sie sagte, sie sei eine Agentin, die nicht zu Söldnerzwecken, sondern aus Idealismus handelt. Sie versprach, mir eine Überfahrt auf einem schwedischen Boot von LÜBECK aus zu besorgen. Unmittelbar danach wurde HAMBURG während des Bombenangriffs, der am 24. Juli 1943 begann, zerstört.

Unmittelbar nach dem Ende der Bombenangriffe kamen die norwegischen Priester zu mir und sagten mir, dass ich zusammen mit meiner Verlobten, jetzt meine Frau, mit einer Gruppe von etwa 40 oder 50 Schweden, die in HAMBURG wohnten und völlig ausgebombt worden waren, nach Schweden geschmuggelt werden könnte. Wir beide traten der Partei in LÜBECK bei, der Parteichef wusste von unserer Identität, er war ein schwedischer Priester. Wir verbrachten die Nacht in der schwedischen Kirche in LÜBECK, & sollten am nächsten Morgen mit dem Boot abreisen. Kurz vor dem Einsteigen in das Schiff hatte mich der Parteivorsitzende informiert, dass 30 Gestapoleute eingetroffen waren und ich die ganze Partei gefährden würde, also kehrten ich & Verlobte nach Hamburg zurück. Der norwegische Pfarrer versprach, in der nächsten Woche eine weitere Überfahrt zu arrangieren. Während ich in HAMBURG auf eine Passage wartete, wurde ich in meinem Zimmer im Krankenhaus von dem Gestapo-Offizier REINHARD verhaftet (der, als die alliierten Streitkräfte eintrafen, sofort Selbstmord beging). Mein Zimmer wurde gründlich durchsucht und enthielt Dokumente & zwei automatische Pistolen wurden gefunden. Das Radio im Zimmer wurde ebenfalls beschlagnahmt. Ich wurde in das Gefängnis FUHLSBÜTTEL gebracht und in Einzelhaft genommen. Zum Zeitpunkt meiner Verhaftung wusste ich nicht, wer mich verraten hatte, aber später erfuhr ich, dass es die Schwedin war, die Gestapoagentin GLASS-TOFOHR.

Ich wurde 4 Tage lang in Einzelhaft gehalten, bevor ich zum ersten Mal von REINHARD in Anwesenheit von TESSMANN, dem Kommandanten des Gefängnisses, verhört wurde. Vor dem ersten Verhör wurde ich von REINHARD verprügelt. Er griff mich mit den Fäusten an, & sagte mir, das sei nur eine Kostprobe dessen, was auf mich zukommt. Ich erhielt etwa 8 bis 19 Schläge ins Gesicht. Im Laufe der nächsten Monate wurde ich viele Male verhört und erhielt mehrere Schläge, jeweils nur mit den Fäusten, als REINHARD mich angriff, aber es gab auch Fälle, in denen TESSMANN, der Kommandant, ohne Grund in meine Zelle kam und mich angriff. Er kam in meine Zelle und benutzte die schrecklichste Sprache, die ich je gehört habe. Dann sagte er spöttisch zu mir: „Ihr wartet auf die Alliierten“. Ihr werdet singen, lange bevor dieser Krieg vorbei ist, und wenn die Alliierten jemals eintreten sollten, wird jeder von euch erschossen. Dann schlug er mir mit drei großen, zusammengehängten Schlüsselbunden unter den Kiefer, wobei er die Schlüssel fest in seinen Händen hielt, manchmal nahm er Blut ab. Schläge mit solchen Schlüsseln in der Hand verhielten sich wie Schläge mit einem Schlagring. Solche Übergriffe fanden manchmal nachts statt, wenn ich im Bett war. Anfang 1944 war ich zu diesem Zeitpunkt bereits seit etwa 8 Monaten in Einzelhaft. TESSMANN brachte dann einen Franzosen namens MAURICE ETTINGHAUSEN alias SAXE in die Zelle, der angeblich für die französische Delegation für die französischen Zivilarbeiter arbeitete. Er war ein bedeutender Autor und sprach akzentfrei Englisch. Indem er mir seine … … und Einzelheiten über die illegale Arbeit, die er in Deutschland geleistet hatte, erzählte, entlockte er mir nach und nach Einzelheiten über meine Aktivitäten und die Namen meiner Helfer. Eines Tages wurde er aus der Zelle geholt, um TESSMANN zu befragen. Er kam ziemlich aufgeregt zurück und erzählte mir, dass sein Chef die Erlaubnis erhalten hatte, dass er das Gefängnis verlassen und unter Begleitung und Ehrenwort in sein Büro zurückkehren konnte, um einige Arbeiten zu erledigen, die nur er erledigen konnte. Zweimal in der Woche wurde er gerufen, jedes Mal meldete er sich freiwillig, um Briefe an verschiedene Personen herauszubringen, in denen ich um einen Strick und eine Feile gebeten hatte, die er beim nächsten Mal mitzubringen versprach. Beides wurde mir zu gegebener Zeit zugestellt. Da ich fünf Briefe geschrieben hatte, weiß ich nicht, wer sie geschickt hat. Inzwischen habe ich erfahren, dass Seil und Feile von TESSMANN geschickt wurden. Im Laufe der nächsten Nächte begann ich an einer der Stangen zu feilen. Drei Nächte, bevor ich mich auf den Weg machen wollte, war einer der Stäbe an einem Ende durchgefeilt, das Licht wurde plötzlich um etwa 9 Uhr eingeschaltet … . TESSMANN und REINHARD eilten in die Zelle, entdeckten die abgefeilten Gitterstäbe, & ETTINGHAUSEN wurde von einem SS-Mann entfernt. Die Zelle wurde durchsucht und ein weiterer Brief gefunden, in dem ich den Empfang der Instrumente bestätigte & meine Freunde über meine beabsichtigte Agenda informierte. Ich wurde dann sowohl von TESSMANN als auch von REINHARD mit den Fäusten und Stiefeln so verprügelt, dass ich bewusstlos wurde. Als ich zu mir kam, wurde ich vom Boden aufgehoben und erneut von TESSMANN mit Fäusten und Stiefeln geschlagen, so dass ich unfreiwillig Wasser ließ und zitterte. Durch die Schläge von TESSMANN wurde der zweite … Zahn …, & meine Sehkraft … Membran … . Ich blutete tief aus einer Wunde über dem linken Auge. Als Mediziner würde ich die Behandlung als brutal bezeichnen, ich trage immer noch Narben als Ergebnis einer solchen Behandlung (verifiziert).

Dann wurde ich aus meiner Zelle im dritten Stock genommen und mit dem Gesicht zur Wand vor dem Büro von TESSMANNS im Erdgeschoss platziert. Ich trug nichts als ein Hemd, und es war mitten im Winter, am 3.3.44, der Schnee lag auf dem Boden. Ich wurde 2 Stunden lang in dieser Position stehen gelassen, während die Sekretärin von TESSMANN, REINHARD, STANGE & REINHARDS Sekretärin Frau SCHMIDT (… beging Selbstmord) ein Trinkgelage veranstalteten. Immer wenn STANGE auf dem Weg zur Toilette aus dem Büro kam, stieß er meinen Kopf von hinten gegen die Wand. Um etwa 23.30 Uhr wurde ich in eine Zelle … … gebracht, die die einzige ihrer Art im Gefängnis war. Es war ein Kerker. Am nächsten Tag erhielt ich eine … Decke, eine Hose, eine Jacke und ein Paar Schuhe, meine Hände wurden hinter meinem Rücken gefesselt, und zwei schwere Ringe, die durch eine Kette verbunden waren, wurden an meine Knöchel gelegt. Da ich meine Hände nicht an die Vorderseite meines Körpers bringen konnte, urinierte ich in meinen Kleidern. Danach wurden meine Hände vor meinem Körper gefesselt. Das einzige Fenster, das sich auf gleicher Höhe mit dem Boden befand, wurde dann auf Anordnung von TESSMANN zementiert, wobei ein Loch von etwa 6 x 6 Zoll ausgespart und ein Eisengitter hineingelegt wurde. Es gab kein Bett oder eine Matratze, nur eine Art Holzbank. Das WC bestand aus einem Eimer in einer Holzverkleidung, TESSMANN besuchte mich häufig in dieser Zelle & sagte mir, dass dies meine letzte Etappe sei. Ich würde diese Zelle niemals lebend verlassen. Ich wurde häufig von REINHARD und seiner Sekretärin Frau SCHMIDT besucht und gelegentlich mit den Fäusten geschlagen. Einmal wurde ich von TESSMANN geschlagen, – wieder mit den Schlüsseln – dass ich zu Boden fiel. Ich wurde auf eine Diät von 350 g Brot pro Tag und Kaffeeersatz gesetzt. Jeden vierten Tag erhielt ich eine warme Mahlzeit. Die Zelle wurde in völliger Dunkelheit gehalten, es sei denn, es wurde Essen ausgeteilt, oder mein Eimer … ich war die meiste Zeit in Einzelhaft & kam überhaupt nicht mit ihnen in Berührung. Ich weiß nur von einem Fall eines jungen Holländers (Name nicht bekannt) in der Zelle neben meiner, der unbeaufsichtigt an den Folgen von Knochenfleckfieber durch Läuse starb [Medizinische Bezeichnung prüfen]. Anfang Juni 1944 wurde ich in das Konzentrationslager NEUENGAMME geschickt und traf dort eine Reihe von … Franzosen, die MAURICE ETTINGHAUSEN kannten und mir mitteilten, dass er ein bekannter Autor und Kunstkritiker sei, der unter dem Namen SAXE schrieb und seit Beginn der deutschen Besatzung in Frankreich und Deutschland für die Gestapo gearbeitet habe, … dass er für den Tod von Hunderten seiner Landsleute verantwortlich sei.
Dr. J.H.R. Gluck

Der Deponent hat bestätigt, dass er den Inhalt dieser eidesstattlichen Erklärung kennt und versteht, die mir in Johannesburg am 17. Januar 1948 vorgelegt wurde.

[Unterschrift nicht lesbar]
Captain, active …
Ex-officer … of Oaths for the …

Anmerkung des Autors

Denjenigen unter uns, die der Meinung sind, Pandemie-Maßnahmen in Deutschland bzw. weltweit, seien auch nur ansatzweise mit Handlungen der Gestapo oder den totalitären Wesenszügen des Dritten Reichs vergleichbar, möchte ich nahelegen, solche Zeugenaussagen aus dem Prozess II der drei Fuhslbüttel-Prozesse zu lesen. Ich kann nur schlussfolgern, dass hier ein sehr begrenztes Wissen bzw. Ahnungen oder Hörensagen vorliegen und man sich in keinster Weise mit den massenhaft zur Verfügung stehenden Quellen beschäftigt hat, sondern sich auf das verlässt und man dem folgt, was moderne Rattenfänger streuen, um eigene Ziele zu verfolgen. Das ist peinlich und beschämend. Zumal im Zuge dieser Rattenfänger-Maßnahmen der Antisemitismus aufblüht, und Mitmarschierer sich diesen automatisch zu eigen machen.