Da brennt Licht

KURZGESCHICHTE | Lorena zieht das linke Bein nach. Deswegen sind ihre Schritte so kurz. Wir reden nicht darüber, sind jedoch deutlich langsamer geworden, seit wir vor, ich weiß nicht mehr wie vielen Tagen, in Lennestadt aufgebrochen sind. Das ein paar Kilometer hinter uns liegende Autobahnschild war umgestürzt, auf die beschriftete Seite gefallen, viel zu schwer, um es anzuheben und die Kilometerangaben abzulesen. »Lorena … was meinst du, wie weit ist es noch bis Köln?« Unbeirrt marschiert sie auf dem gerissenen, nur noch teilweise vorhandenen Asphalt, weicht tiefen Löchern aus. Die linke Schulter sinkt bei jedem Schritt ein Stück ab, das Bein folgt, dann hebt sich ihr Körper wieder. Es muss sie eine Menge Kraft kosten.
»Weiß nicht. Ich glaube, wir sind in der Nähe von Gummersbach. Vorhin sind wir an einem Parkplatz vorbeigekommen … weißt du noch, was auf dem Schild stand?«
»Was für ein Parkplatz?«
Sie seufzt, bleibt stehen, drückt beide Hände in die Hüften, macht ein Hohlkreuz. Ich schließe auf, stoppe neben ihr und nehme den Rucksack von der Schulter. »Es ist ziemlich warm«, stelle ich fest. Nur, um etwas zu sagen, nicht an ihr Hinken zu denken.
»Ist schon seit paar Wochen zu warm. Gib mir bitte vom Wasser!« Ich nicke, hole die Flasche aus dem Rucksack und reiche sie ihr. Lorena sieht sich um, schraubt den Verschluss ab und trinkt zwei Schluck.
»Zu wenig. Du musst mehr trinken. Denk an …«
»An was?«
Niemand da, der mir beisteht, sich auskennt mit einem Hundebiss. Die Wade ist deutlich angeschwollen. Das Hosenbein ist gespannt. Lorena muss Schmerzen haben. Sie nimmt noch einen Schluck und blickt mich vorwurfsvoll an. »Ich liebe dich, Lorena und mache mir Sorgen. Vielleicht sollten wir von der Straße runter. Irgendwo wird es ja einen Arzt geben …«
»Wo sollte es hier einen Arzt geben? Mitten im Niemandsland!«
Was kann ich antworten? Ich weiß es nicht. Mein Schweigen nimmt sie als Bestätigung. Lorena dreht sich und deutet auf einen liegengebliebenen Lastwagen. »Dort werden wir übernachten. Für heute sind wir genug marschiert. In zwei Stunden ist es dunkel.«

Nickend packe ich die Flasche in den Rucksack und will weitergehen. Sie greift meinen Oberarm, dreht mich zu sich, dicht vors Gesicht. Lorenas Augen, ein klares Hellbraun, aber matt. Ohne Glanz. Ich küsse sie, öffne den Mund, suche ihre Zunge mit meiner. Aber sie ist ohne jegliches Feuer, nicht mehr die Frau, die mit ihrem unbändigen Lebenswillen meine Gefühle von einem Augenblick zum anderen völlig umgekrempelt, mitgerissen hat; fort aus Lennestadt. Kein Gedanke mehr an Tod, nein, hin zu etwas, das ich seit meiner Kindheit nicht mehr gespürt habe: Neugier auf ein Leben mit einem Menschen, den ich liebe. Lorena will mich küssen, wie ich sie, will das Feuer finden, aber da sind nur Müdigkeit und der Geschmack von kalter Krankheit. Sie weicht zurück, nimmt den hinkenden Gang wieder auf. Ich schaue ihr nach. Über ihre Schulter zum Lastwagen.
»Lorena! Der Lastwagen steht auf einer großen Brücke! Meinst du nicht, wir sollten uns auf so einer alten Brücke nur kurz aufhalten? Wer weiß, wie stabil die noch ist?« Sie hört nicht oder will es nicht hören. Schulterzucken. Weiter geht es.

Die Kabine ist einigermaßen intakt. Selbst ein schmales Bett ist im hinteren Teil eingebaut. Dreckig, aber mit Decke und passabler Matratze. Lorena liegt bereits, während ich versuche die beiden Türen zu verriegeln, aber die Mechanik ist nicht mehr in Ordnung. Also binde ich eine Schnur von Türgriff zu Türgriff, so dass sich keine von beiden öffnen lässt. Dann ein Stöhnen. Lorenas Hose ist halb heruntergezogen, bis zu den Knien. Das rechte Bein bekommt sie raus, dann gibt sie auf.
»Lass es mich aufschneiden«, bitte ich sie.
»Und dann? Ist eine von meinen zwei Hosen kaputt. Und in die andere werde ich nicht reinkommen.«
»Ich kann deine Wunde versorgen. Etwas Wasser kochen …«
Sie legt einen Zeigefinger auf meinen Mund. »Kein Wasser verschwenden. Drei Flaschen bleiben uns noch. Ich schätze, bis Köln sind es noch vierzig oder fünfzig Kilometer. Da brauchen wir jeden Tropfen.« Ich packe ihre Hand, klemme den Finger in meine Faust und kann nichts gegen die Tränen tun. Ich kann mir vorstellen, wie rot mein Gesicht ist. Lorena zieht mich an ihre Brust. So gut es geht, lege ich meine Beine neben sie, achte darauf, ihre geschwollene Wade nicht zu berühren. Dann sind wir wie eins. Nebeneinander, halb ausgezogen, das Salz klebt auf meinen Backen. Im Rucksack ist die Waffe. Warum kommt sie mir in den Sinn? Die beiden Hunde habe ich damit erschossen, als wir in Olpe nach Wasser gesucht haben und sie aus einem Haus auf Lorena zustürmten. Die Erinnerung treibt meinen Puls nach oben. Schießen und die Hunde treffen? Oder vielleicht doch Lorena? Zu spät. Ich habe gezögert und vielleicht …
»Ich weiß, an was du denkst«, flüstert sie. »Tu das nicht. Du hast keine Schuld. Wir wussten, dass so etwas passieren kann. Ohne dich wäre ich jetzt Hundefutter.«
Die Tränen sind weg. Kommen vielleicht nie wieder. Dafür ist da Lorenas Hitze; und die Hitze in meinem Schoß, mein Begehren, wenn ich mir ihren Körper vorstelle und die Zärtlichkeiten, die wir erlebt haben. Bilder von kühlem Wasser, ein Bad im See, der Sprung vom Anleger und danach liebkosten wir einander; dann begreife ich, dass Lorena Fieber hat. Es sind nicht ihre Gedanken und Gefühle für mich, die uns Hitze geben, es ist die Infektion. Ich löse mich von ihr. Gerade noch hat sie geredet, jetzt liegt sie da wie tot, atmet flach, ist eingeschlafen vor Erschöpfung. Ich muss etwas tun.

Mit Mühe habe ich die rechte Scheibe in den Rahmen gedrückt. Gerade so viel, dass ich rausklettern kann, Hände voraus, auf das Trittbrett, einige Verrenkungen, dann stehe ich auf einem Brocken Asphalt, keine drei Meter von der Brückenkante entfernt. Vorsichtig gehe ich näher heran. Die Kanten der alten Autobahnbrücken sind nicht stabil. Vier oder fünf Schritte vor dem dunklen Abgrund bleibe ich stehen. Gegen den dunkelblauen Himmel zeichnet sich ein kleines Dorf ab, wenige Dächer, teilweise eingestürzt und neben einem vertrockneten Baum eine Kirche. Der Wetterhahn ist abgeknickt. Die Welt ist totenstill. Mein Vater fällt mir ein, der eines Abends erzählte, dass draußen im Weltraum der schweigsamste Ort des ganzen Universums sei. Nichts ist so still wie die Schwärze des Alls, sagte er und ich konnte es mir nicht vorstellen. Jetzt ist das Schweigen hier unten angekommen. Ich hasse es und vermisse Lorenas Stimme. Immer kraftvoll, die weiß, wie man Probleme löst. Dann sehe ich das Licht. Da brennt Licht! Tatsächlich! In der Kirche, an ihrem hinteren Ende, das nach Osten zeigt. Vielleicht gibt es dort Hilfe. Für Lorena. Unsicher, ob ich ihr diese Entdeckung mitteilen soll, trete ich von einem Fuß auf den anderen, dann will ich nicht warten und gehe los, zum ostseitigen Brückenende, den Hang hinauf und stehe gleich darauf neben dunklen Häusern, eines kaputter als das andere. Geplündert. Ohne Zweifel.

Der steil abfallenden Straße folgend, stehe ich nach knapp hundert Metern am Pfeiler einer Mauer, die Kirche keinen Steinwurf vor mir. Im Fenster des Erkers ist das Licht jetzt deutlicher zu sehen. Es flackert nicht, also weder Kerze noch offenes Feuer. Eine Camping-Laterne oder gar elektrisch. Dann ist dort vielleicht ein Mensch, den ich um Hilfe bitten kann. Ein Gewicht im Rucksack lässt mich kurz Luft holen. Die Waffe! Ich hole sie raus, kontrolliere das Magazin, Patrone ist im Lauf, entsichere und gehe geduckt an der Mauer entlang bis auf Höhe des Erkers, wechsle die Wegseite und schleiche langsam entlang des Kirchenschiffs. Vorne muss es einen Eingang geben. An der Ecke spähe ich nach allen Seiten. Kein Hund, nichts und niemand. Stille. Die Flügeltüren existieren nicht mehr. Sind sicher Brennholz geworden. Drinnen ist alles leergeräumt, keine Bänke, die Kanzel heruntergerissen, alles Brennbare fehlt. Dafür fällt Licht durch den hinteren Türspalt. Sicher der ehemalige Raum des Predigers. Jeder Schritt ist wie ein Schlag mit dem Hammer. Jedes Knirschen von Staub unter meinen Sohlen ein Schrei. Der Hall lässt mich frieren und meine Schritte beschleunigen. Die letzten Meter renne ich, stoße die Tür auf und ziele in den Raum hinein. Nichts. Niemand. Nur eine Camping-Laterne, grelles Licht, ein kaum hörbares Zischen. Instinktiv drehe ich mich und ziele ins dunkle Kirchenschiff, vermute einen Hinterhalt. Aber niemand. Kein Leben. Nur das Licht.

Eine Weile überlege ich, die Laterne mitzunehmen, lasse es aber bleiben. Sie ist nur Gewicht und Gaskartuschen wird es nirgendwo mehr geben. Ich sehe meinen Schatten an der zerschundenen Wand, bewege die rechte Hand, ein paar Finger, entdecke eine Figur darin. Dann taucht Lorenas Gesicht aus den tanzenden Schatten auf. Ihr Mund sagt etwas, formt Worte. Das Licht greift nach mir mit kalter Hand. Ich renne. Aus der Kirche, die Straße hinauf, an den geplünderten Häusern vorbei. Im Nu bin ich auf der Autobahn und lege die restlichen Meter zum Lastwagen in Windeseile zurück. Durst übermannt mich auf dem Trittbrett, die Sehnsucht nach der Wasserflasche. Stattdessen hole ich das Messer aus der Hosentasche und schneide die Schnur durch, öffne die Tür.
»Lorena, schläfst du noch?« Über den Beifahrersitz krabble ich nach hinten. Die Matratze ist leer. Lorena weg. Wie in der Kirche. Nichts und niemand da. Ihr Rucksack liegt auf dem Lenkrad, die Hose ist zerschnitten im Fußraum. Was ist passiert? Rückwärts lasse ich mich aus der Kabine gleiten, stehe auf der Straße und drehe mich nach beiden Seiten, aber wie kann ich etwas erkennen, wo es schon so dunkel ist?
»Lorena!« Die Welt antwortet nicht. Das Schweigen des Alls ist das Schweigen hier unten. »Lorena! Wo bist du?!« Ich will losrennen, den westlichen Teil der Brücke entlang, aber ich habe kein Licht und schlage mir auf die Backe, weil ich die verfluchte Lampe dort gelassen habe. Noch einmal auf die andere. Es brennt! Ich brenne! Nach Osten, den Weg zurück! »Lorena!« Nach vielleicht hundert Metern gebe ich auf. Wenn ich Pech habe, breche ich mir einen Knöchel auf dieser kaputten Straße und werde Hundefutter. Also zurück in den Lastwagen, auf den Fahrersitz. Vor mir Lorenas Rucksack, aus dem Fußraum nehme ich die Hose und rieche daran. Ihr Duft ist weg. Der Geruch von Infektion, mehr ist da nicht. Erschöpft trinke ich Wasser, lehne mich an und schlafe ein.

Die Sonne brennt durch die Scheibe. Direkt auf die Stellen, die vom Salz der Tränen aufgeraut und rissig sind. Etwas pocht im Kopf. Mit den letzten Schlucken Wasser aus dieser Flasche löse ich die Zunge von der Mundhöhle, schmatze den Staub und schlucke ihn hinunter. Dann fällt mein Blick auf die Hose, das zerschnittene Bein und die Flecken darin. Sie stinkt. Angewidert werfe ich sie aus dem Fenster. Wieder taucht Lorenas Gesicht vor mir auf. Weiter weg als gestern Abend in der Kirche. Mühselig krieche ich nach draußen, kontrolliere die Umgebung, suche nach Hunden. Die Welt ist immer noch still. Zitternd gehe ich zum nördlichen Rand der Brücke. Etwas Weißes flattert auf den Resten der Brüstung. Ein Blatt Papier, beschwert mit einem Stein. Aus meiner Mitte kommt stechender Schmerz, kriecht durch den Hals nach oben und will raus. Ich schreie. Weil das Lorenas Papier ist. Ein Blatt aus ihrem Notizbuch. Als ich an der Kante bin, erkenne ich die schlechte Schrift. Große Buchstaben. ‚Irgendwann im Juni 2100. Liebe Klara! Vergiss mich! Geh nach Köln! Dort gibt es Leben!‘, steht da. Und ‚Ich liebe dich!‘ Auf der Rückseite nur Abdrücke von dreckigen Fingern. Lorenas Finger. ‚Ich liebe dich!‘ hat sie geschrieben, bevor …
Langsam beuge ich den Oberkörper über die Brüstung. Unter mir trockenes Gras, wenige Büsche, ausgedorrte Bäume. Da liegt sie. Verrenkt. Vorsichtig gehe ich einen Schritt zurück. Vierzig oder fünfzig Kilometer nach Köln. Dort gibt es Leben.

Diese Geschichte

Entstanden im Jahr 2023 für eine Ausschreibung, Begrenzung auf 12.000 Zeichen, wenn mich nicht alles täuscht. Irgendwas mit ‚Leben in NRW im Jahr 2100‘. Sie wollten aber eine POSITIVE Geschichte. Nicht so eine Dystopie. Tja, da frage ich mich, für wen das Leben in NRW im Jahr 2100 positiv sein wird. Für einige wahrscheinlich schon. Es wird immer Menschen geben, die aus den Resten noch Nutzen ziehen. Ich werde es nicht mehr erleben. Was denkt Ihr? Lasst mir gerne einen Kommentar da.

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Beste Grüße
Heiko

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