Jadegrün

KURZGESCHICHTE | Das Bier schmeckt schal. Viel Druck ist nicht mehr im Fass. Ich pumpe und pumpe, aber da lässt sich nichts verbessern. Also weg mit der Pumpe, den Hahn herausdrehen und den Rest ins Glas kippen.
»Was tust du?«
»Was wohl? Ist nix mehr drin. Schmeckt eh scheiße. Musste nicht mehr kaufen, das Zeug. Hol lieber das dunkle Einbek beim nächsten Mal.«
»Das ist teuer. Kann ich mir nicht leisten.«
Ich sehe Paule an, dann seine Bude. Drei Zimmer, jedes gestopft voll mit Dingen, die hier aufzuzählen drei Romane füllen können. Wer hier umfällt, wird nie den Boden berühren. »Ich lass dir nen Hunni da. Aber verprass die Kohle um Gottes willen nicht bis Samstag. Davon werden Bier und Chips gekauft.«
»Mein Führerschein ist weg. Wie soll ich das Zeug hierher bringen?«
»Wie?« Kopfschüttelnd stelle ich das Fass auf einen Stapel Musikmagazine. »Seit wann hast du keinen Lappen mehr?«
»Na, weißte, also …«
»Drucks nicht rum. Immer raus mit der Sprache.«
»Hab ihn schon seit zwei Jahren nicht mehr. Bin halt ohne gefahren. Ich kann gut fahren …«
»Naja …«
»Ich hole Captain Morgan, willste auch ein Glas?«
»Weich nicht aus. Und nein, ich will keinen Captain Morgan jetzt.« Doch schon ist er auf und davon. Er muss nur die Wäscheberge von der Tiefkühltruhe schieben und das schwarze Getränk aus dem Seitenfach nehmen, das auch bei -24 Grad nicht friert. Er schafft es, in einer der Müllkavernen im Flur eine Flasche Cola aufzutreiben. Saubere Gläser sind Luxus, aber der Captain wird es desinfizieren, daran besteht kein Zweifel. Er trinkt ein volles Glas, halb und halb, hustet wie verrückt an die Wand, die dankbar ist für jeden neuen Fleck. Dynamische Kunst, so nennt er den farblichen Veränderungsprozess der Tapete. Ich schiebe ein paar Rolling Stone-Magazine auf den Stapeln beiseite und im Nu kann ich mich auf eine Papierbank setzen, den rechten Arm auf Pink Floyd, den linken auf Prince, angelehnt an die Historie der Progressive Rock-Bands. Vor zwei Jahren war das, hat er gesagt. Ich ahne, wann genau. »Ich wette, du bist mit Aljona durch die Gegend gefahren und auf der Rückbank war die geklaute Wochenration Wodka ihres Mannes.«
»So ungefähr.« Ein brüllendes Räuspern kommt aus seiner Kehle. Schwarzer Rum ins Glas, bisschen Cola drüber.
»Hatte ich dir nicht damals geraten, du sollst die Finger von ihr lassen?«
»Ich hab sie geliebt.«
»Ja, ich weiß, aber …«
»Tu ich immer noch.« Er kippt das Zeug in die Kehle. Zum Husten arbeitet er sich zur Balkontür durch, öffnet sie und die Nachbarschaft kommt in den Genuss des Auswurfs. Auf dem Lampenschirm liegen neue Musik-CDs und eine Kassette, beschriftet mit Hieroglyphen. Niemand kann das lesen. Zwischen Kleidern, Bettwäsche und dem Weinkistenregal hat er sich aus Kalksandsteinen und Holzbrettern ein Regal für die Musikanlage gebaut. Ich achte auf jeden Schritt, schalte den Nakamichi an, die Yamaha-Endstufe und drücke Play. Aus den mannshohen Infinity Kappas kommt wilder Rap. Public Enemy. Die beiden Boxen sind die einzigen Wesen, denen er einen gewissen Freiraum gönnt. Schallwellen müssen schließlich laufen. Er kommt zurück, klettert über Bügelbrett und Couchtisch, zwei Teller, vermutlich mit Hähnchenbrust und getrocknetem Ketchup, fallen zu Boden. Den Regler des Yamaha dreht er eine halbe Umdrehung höher. Etwas klirrt im Raum. Gläser, Tassen, irgendwo, und die Balkontür ist noch offen. Sonntagmittag im Wohngebiet am Stadtrand. Er sagt etwas, aber Lippen lesen ist nicht meine Stärke. Ich weiß, das hier ist Grenzland. Diese Wohnung, die Landschaft in seinem Kopf, alles Grenzgebiete. Wer sich zu weit vorwagt, wird den Rückweg nicht mehr finden.
»Mach leiser!«
Er antwortet, nur was, das weiß ich nicht. Dann zieht er unter dem verfleckten Schiesser-Unterhemd einen grünen Stein hervor. Ein Jadestein. Sein Talisman. Die Lederkordel ist speckig. Er trägt ihn immer. Selbst beim Sex mit Aljona. Das hat er stolz erzählt. Sie hat sich beschwert und wollte dann nur noch oben sitzen. Aber Aljona hat sich ja erledigt. Sie bekam Prügel von ihrem Mann und dann hat es Paule erwischt. Eine Woche Krankenhaus. Sein Auto hat es noch abbekommen. Zumindest dachten die Russen, es wäre sein Auto. Aber es war der Opel von Paules schwerhörigem Onkel, der ein Stockwerk höher wohnt. Ein alter A-Kadett. Danach war er nicht mehr zu gebrauchen.
Der Lärm hört auf. Ich lausche nach Martinshörnern. Bei der Polizei führen sie sicher Strichlisten für die Anfahrten.
»Lass uns rausgehen«, schlägt er vor.
»Raus? Wohin?«
»Oben im Wald gibt es eine magische Stelle. Wir nehmen ein bisschen Percussion mit. Lass dich überraschen.«
»Immer, wenn du mich überraschen willst, passiert was.« Aber wem sage ich das? Er hat schon das weite Meditationshemd übergezogen, Regenbogenfarben, die ausladend geschnittene, grüne Stoffhose, Jesuslatschen und den abgegriffenen Lederhut auf dem Kopf. Captain Morgan, der treue Begleiter, steckt in der Jutetasche, dazu Klangschalen, eine Triangel, Schellen und allerlei Klanghölzer. Der Gang zur Tür ist stapfen durch einen Schützengraben nach einstündigem Sperrfeuer. Links und rechts sind keine Wände zu sehen. Kisten, Schuhkartons, CDs, Schallplatten, Plastikmüll, ein Schuhregal mit Steinen aus der Umgebung, von irgendwelchen Baustellen mitgenommen und unten Onkels Staubsauger; das Hoover-Modell von 1963. Die Wicklungen sind durchgebrannt. Aus dem Kühlschrank holt er drei Tüten Chips. Der einzige Ort, der die Tüten vor dem Ereignishorizont retten kann, der sich Wohnung schimpft.


Direkt am Haus schließt der Niederwald an, durchzogen von kleinen Wegen. Wir stapfen durchs Gebüsch. Paule haut alle paar Sekunden auf ein Klangholz. Ein dumpfes ‚Pock’.
»Spürst du es?«, will er wissen. »Heute ist ein besonderer Tag. Nimm du die Triangel. Schlag antizyklisch. Ich aufs Holz und du alle drei Winkelseiten.« Er bleibt stehen und kramt die Triangel aus der Tasche. Ich schlage den Metallstab antizyklisch gegen alle drei Seiten. »Sehr gut«, sagt er. Weiter geht es. Auf dem kleinen Hügel treffen seltsamerweise aus allen vier Richtungen kleine Wege am Scheitelpunkt zusammen. Kiefern und Eichen stehen um einen etwa zehn Meter durchmessenden Platz. Immerhin ist es etwas kühler zwischen den Bäumen.
»Wir machen es so. Laufen entgegengesetzt fünfzig Schritte, drehen uns und dann bewegen wir uns aufeinander zu. Antizyklisch schlagen, denk dran.«
»Klar, kein Problem. Mein ganzes Leben ist antizyklisch.« Er grinst. Es geht los. Fünfzig Schritte, vorbei an zwei großen Ameisenhaufen. Rote Waldameisen. Die haben andere Sorgen. Laut zählend erreiche ich die 50, drehe mich um. Alles still. Es könnte wunderbar sein, so allein im Wald. Mir fällt die Triangel auf der Veranda der Shiloh Ranch ein, die täglich zum Mittagessen geschlagen wurde. Alte Western-Serie der Sechziger. Also schlage ich wild auf das Metall ein und rufe ‚Essen!‘ Niemand kommt, nur die Ameisen werden wahnsinnig. Dann gehe ich langsam, bedacht, Schritt für Schritt, Ding Dang Dong, die Frequenz ist hoch und verläuft sich zwischen den Bäumen. Gar nicht schlecht. Das hat was. Es geht mir schon bald viel besser als … als … ich weiß gar nicht, ob es mir besser geht. Am Platz angekommen ist von Paule nix zu sehen. Ich lausche. Kein Klangholz. Dafür plötzliches Getrappel, ein Schnauben. Zwei vorschriftsmäßig angezogene Reiterinnen samt ihrer schönen Pferde kommen aus Paules Richtung. Sie runzeln die Stirn bei meinem Anblick. Triangel hoch gehoben. Zur Sicherheit schlage ich mehrmals aufs Metall.
»Guten Tag«, sage ich und nicke. »Möge Frieden Ihre Seelen erleuchten. Und die Ihrer Pferde natürlich.« Im Schritt ziehen sie an mir vorbei, lassen mich keine Sekunde aus den Augen. »Da wo Sie herkommen, haben Sie da den Meister gesehen? Den Klangholz-Guru? Regenbogen-Shirt und Jesus-Latschen? Vielleicht eine Flasche Captain Morgan an den Lippen?« Jetzt fallen die Tiere in den Trab und ihre Herrinnen sehen sich nicht um. Die meisten Menschen haben zu viel Angst. Bevor die Ameisen mich erobern, mache ich mich auf, Richtung Paule. Er wird sich doch nicht verlaufen haben?


Nichts. Ein Eichelhäher warnt lautstark vor mir, was ich sehr vernünftig finde. Ob er auch Paule gesehen hat? Klugerweise habe ich die Schritte gezählt. Exakt 50 bis an diesen einsamen Ort. Es geht hangabwärts. Nicht steil. Links und rechts ein Meer aus Heidelbeer-Sträuchern. Abgeerntet. Vermutlich von den Bewohnern des Waldes.
»Paule!«
Nichts. Hat er mich vereimert und ist schon daheim? Zieht die letzte Pizza aus der Kühltruhe und will sie allein futtern?
»He! Captain Morgan!«
Die Roten Waldameisen beginnen mit der Inspektion meiner Adidas Universal. »Habt ihr ihn in euren Bau gezogen? Kennt ihr den Film Phase IV? Das wart ihr, oder?« Einige tippen sich an die Stirn. Die Triangel. Wild entschlossen den Wald mit Höllenlärm zu überziehen, dresche ich auf den verchromten Stahl ein, was gar nicht einfach ist, denn das Ding gerät in unkontrollierte Bewegungen. Ein paar Tritte gegen eine Kiefer befördern die Ameisen ins pheromonfreie Unterholz. Ich muss ihn suchen. Nach geschätzten hundertfünfzig Metern kommt eine Sandsteinformation, die ich bisher nicht kannte. Kantig unten, oben rundgeschliffen, formen vier große Brocken eine Art Zimmer mit zwei Ausgängen. Mitten drin steht Paule, einen Zettel in der Hand. Er redet mit dem Sandstein. Nein, er zitiert ein Gedicht. Jetzt erkenne ich die Worte. Rilke. Ich stelle mich so, dass er mich nicht sehen kann und warte. Vielleicht ein Moment von in sich gekehrt sein. Wer weiß schon, was im anderen Menschen vorgeht; egal wie lange man ihn kennt. Meine Hand geht zur Gesäßtasche, die Blechdose ist noch drin und eine Tüte wäre jetzt sehr angenehm, aber der Waldboden ist furztrocken. Paule kommt um die Ecke.
»Was machst du hier?«
»Dich suchen? Wir wollten aufeinander zugehen und auf die Instrumente einschlagen. Schon vergessen?«
»Hm, ja, okay. Hatte auf einmal einen anderen Gedanken.« Es lohnt nicht, laut ein und auszuatmen. Aber den Kopf kratzen ist in Ordnung.
»Eigentlich müsste ich dich das fragen.«
»Was?«
»Na, was du hier tust! Rilke lesen im Sandsteinforum?«
Paule setzt sich auf den Waldboden, zeichnet Kreise in das Meer aus Kiefernadeln. Auf seiner Brust schimmert der Jadestein. Er behauptet, es wäre Kaiserjade. Aber im Brockhaus steht, dass man mit Kaiserjade in dieser Größe einen Mittelklassewagen kaufen kann. Alles Geld, das Paule verdient, wenn er denn mal etwas verdient, wird in Musik und Hifi-Technik investiert. Und Alkohol. Und Firlefanz.
»Ich habe Morbus Hodgkin.«
»Morbus Hodgkin? Das ist doch …«
»Krebs im Lymphsystem.«
»Willst du mich auf den Arm nehmen? Ich sehe dich jede Woche. Aber nie beim Arzt oder im Krankenhaus oder schlapp durch eine Chemo und auch sonst keine Medikamente …«
»Vergiss doch die Schulmedizin! Die labern dir nur die Ohren voll und kassieren«, erwidert er und steht auf. »Du kannst mich unterstützen. Leg deine Hände auf meine Schultern. Stell dich hinter mich. Dein Chakra ist stark. Das wird mit meinem kumulieren. Ich lese noch zwei Rilke.«
»Warum?«
»Weil mein Schamane das gesagt hat. Die meisten seiner Krebspatienten fokussieren ihre Energie nach innen, meint er. Direkt auf den Krebs. Also komm!« Ich breite die Handflächen aus.
»Und wie viele dieser Krebspatienten sind schon tot?«
»Keiner.« Jetzt muss ich laut seufzen. Unwillentlich. Es rutscht mir raus. »Du musst dran glauben«, sagt er. »Sonst kann mir deine Energie nicht helfen.«
Seltsamerweise gibt es in diesem Sandstein-Kochtopf keine Ameisen. Vermutlich sind die Energieströme ameisennegativ. Für das Krabbelzeug sind das die Badlands. Also beide Hände auf Paules Schultern. Er versucht die Handflächen nach oben aufeinanderzulegen und den rechten Fuß gegen das linke Knie zu stellen. Ich muss ihn stützen, sonst läge er jetzt schon auf dem Boden. Immerhin zitiert er zwei Rilke-Gedichte aus dem Kopf. Mein Chakra strömt in ihn hinein und vereinigt sich mit seinem zu einem krebszerstörenden Tsunami. Ich kann es deutlich spüren. Rom soll brennen. Und das wird es auch. Nur heute nicht. Paule brüllt und fällt um, das Bein angewinkelt.
»Krampf! Wadenkrampf! Tu was!«
Das ist kein Problem. Bei Wadenkrämpfen kenne ich mich aus. Ich ziehe das Bein lang, biege die Jesuslatschen bis zur Überdehnung. Lang und länger, den Muskel strecken. Sein Schmerz lässt nach. Das kann sogar ich fühlen.
»Weniger Captain Morgan, mehr Magnesium.«
»Ach, leck mich …«
Wir humpeln nach Hause. Tatsächlich finden sich noch zwei Pizzen in der Truhe. Ablaufdatum letztes Jahr.


Wie schmeckt man, ob eine Tiefkühlpizza nicht mehr gut ist? Sie wandert ja direkt in den 200 Grad heißen Backofen und das tötet alles, was sich an Leben entfalten möchte. Gegessen haben wir sie auf dem Umkarton der JBL Control 5-Boxen, die gerade in Reichweite lagen.
»Also, dass ich es richtig verstehe: Dein Arzt – ist es ein Arzt? – sagt, um den Krebs zu bekämpfen, sollst du jeden Tag einmal in den Wald und Rilke zitieren?«
»Natürlich ist er Arzt. Steht ja auf dem Schild. Und Heilpraktiker und etwas mit anthroposophischer Medizin, Naturheilkunde und so, wie bei den Indianern, verstehst du?«
»Woher ist denn die Diagnose?«
»Ja, aus dem Krankenhaus natürlich. Mein Doc hat ja nicht die ganze Apparatur da rumstehen, geschweige denn ein Riesenlabor. Ist doch arschteuer.« Paule steht auf. Eine Menge Brösel fallen auf alte Zeitungen, zwei Salamischeiben dazu. Der Boden ist ein Paradies für Kleintiere und Mikroorganismen. Es schüttelt mich. »Außerdem lese ich Rilke erst seit drei Wochen. Du hast ihn mir ja empfohlen.«
»Und was zitierst du sonst noch?«
»Hölderlin, Schiller und den ganzen Kram.«
»Du kannst es ja mal mit Bukowski versuchen. Das wird dem Krebs nicht schmecken.« Paule sieht mich an. Das war eine ätzende Bemerkung zu viel. »Vergiss es«, schicke ich hinterher. »Seit wann hast du die Diagnose?«
»Anderthalb Jahre.«
»Anderthalb Jahre?!« Könnte man hier umfallen, würde ich das jetzt tun. Anderthalb Jahre. Die weiten Schlabberhosen und Batikshirts sind Mist. Wenn ich im Gedächtnis krame, muss ich zugeben, dass er abgenommen hat. Die Wangen, sehnigere Arme, aber bei Paule war es immer ein Auf und Ab. Ich kneife ein Stück seiner Haut auf dem Unterarm zusammen und lasse los. Viele kleine Runzeln, wie ausgetrocknet. Die Stelle bleibt lange heller als die Umgebung.
»Was tust du?«
»Geht es dir denn besser nach anderthalb Jahren Gedichte rezitieren?«
»Nein, aber mein Doc sagt, das ist ganz normal. Der Krebs bäumt sich ein letztes Mal auf, bevor er verschwindet. Der Mistkerl weiß ja, dass ich ihn bekämpfe.«
»Hast du noch vom Southern Comfort?« Er sieht mich überrascht an.
»Klar. Hab ich ja extra für dich gekauft. Ein Glas?«
»Ich trink aus der Flasche.« Paule nickt und macht sich auf die Suche. Ich muss mich setzen. Anderthalb Jahre wütet das Ding in ihm und er rezitiert Gedichte … das kann doch nicht sein? Wie bekomme ich ihn nur von diesem Hokus Pokus weg? Die Suche nach dem Southern gestaltet sich schwierig und nicht geräuschfrei. Vielleicht sollte ich dem Schamanen einen Besuch abstatten. Ihm untertänigst nahelegen, Paule in eine normale Klinik zu überweisen. Ich habe keine Ahnung, was dieser Morbus Hodgkin kann und wie weit er sich schon vorgearbeitet hat. Paule kommt zurück mit dem Southern, dem nicht überraschend schon ein Drittel des Inhalts fehlt.
»Hier. Ich musste ihn mal probieren.«
»Schon gut. Sag mal, wie heißt denn dein Doc?« Paule kneift ein Auge zu.
»Warum willst du das wissen?«
»Na, weil … also, ich …«
»Vergiss es. Du willst ihn aufsuchen und ihm deine Leviten lesen. Aber das sind nicht meine Leviten. Wenn, dann muss ich das tun. Aber dazu besteht kein Anlass. Ich kann schon spüren, wie da in mir das Gute gegen das Böse kämpft. Worte wirken! Das hast du mir doch immer gesagt! Du bist schließlich der Dichter! Nee, das machen wir auf meine Art. Hab die Nase voll.« Er setzt sich auf einen Stapel Schallplatten. Tangerine Dream obenauf.
»Von was hast du die Nase voll? Von deinem Leben, oder was? Mit den paar Konzerten im Jahr stirbste immerhin nicht den Hungertod. Miete musste keine zahlen. Konzentrier dich auf die Musik. Fokussieren, schau, dass du einen Agenten bekommst. Klangschalen-Gedöns geht überall wie nix. Mach VHS-Kurse. Gib Schlagzeug-Unterricht.« Ich schaue mich um. »Und räum mal auf. Container vor den Balkon und alles rein damit. Ich helfe dir auch, egal, wie lange es dauert, aber … geh um Himmels willen zu einem anständigen Onkologen!«
Die Worte verhallen ungerührt zwischen dem Krempel. Paule sagt gar nichts mehr. Unter einem Playboy zieht er ein Jojo hervor, wickelt es auf und fängt an zu spielen. Den Southern stelle ich in der Küche in einen leeren Blumentopf auf dem Sims. Dann arbeite ich mich zur Wohnungstür durch.


Zwei Fässer Einbek stehen im Fußraum. Sogar ein Dunkelbier ist dabei. Dazu die Zapfausrüstung, acht Tüten Chips, eine große Packung Spaghetti, Dosentomaten, Knoblauch, genug Peperoni, Salz, Pfeffer, Southern Comfort und Cola. Schließlich wollen wir heute den nächsten Auftritt planen. Wir brauchen mindestens zwei Quadratmeter Platz für die Metallaufhängung der Percussion. Eventuell gehen wir auf die hintere Terrasse. Genug Weinkisten für Klangschalen sind vorhanden. Einen Tausender soll Paule bekommen für zwei Stunden Beglückung inkl. Pause und zwanzig Minuten lang lese ich Gedichte. Abwechslung vom Alltag für die Menschen. Es macht Spaß und die Leute sind zufrieden.
Das Haus sieht aus wie immer. Was bedeutet, es macht den Eindruck, schon seit zehntausend Jahren hier zu stehen. Allerdings öffnet niemand das geschmiedete Tor. Die schrille Klingel höre ich bis hier draußen. Ein Gang zur Toilette? Ein Bad nehmen ist nicht. Die Wanne ist voll mit Blumenerde. Geduscht wird ein Stockwerk höher. Na gut, dann drücke ich die obere Klingel. Hat der Onkel das Hörgerät im Ohr, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er den Summer drückt. Aber egal wie lange ich klingle, es geschieht nichts. Zwei Kinder radeln hinter mir Richtung Schrebergärten, ein Mann mit Cockerspaniel zieht vorbei. Kurzentschlossen nehme ich das Einbek aus dem Fußraum und stelle es unters Auto. Dann schließe ich ab und mache ich auf den Weg zur Lichtung. Den Ameisenpfaden folgend. Alles schleppen sie mit sich, die kleinen Muskelprotze. Heute sind keine Reiterinnen unterwegs, nur der Eichelhäher hat alles im Blick und gibt Alarm. Sinnlos. Niemand ist oben. Vielleicht sitzt Paule im Sandsteinforum. Also Richtungswechsel. Nach kurzer Zeit stehe ich vor den roten Blöcken.
»Paule!«
Keine Antwort. Einmal ganz herum, dann hinein. Man kommt sich tatsächlich wie in einer schalldichten Kabine vor. Die Geräusche des Waldes sind gedämpft, über mir Kieferwipfel und der blaue Himmel. Auch jetzt kann ich auf dem Boden keine Ameisen entdecken. Sie meiden diesen geschützten Ort wie der Teufel das Weihwasser. Nach vorne gebeugt suche ich den ganzen Boden ab. Vielleicht sechs oder sieben Quadratmeter. Paule ist jedenfalls nicht hier. Beim Hinausgehen leuchtet etwas in einer Sandsteinmulde. Vorsichtig äuge ich hinein, um nicht zufällig einer monströsen Spinne in ihre acht Augen starren zu müssen. Es ist das Jadeamulett. Paules Talisman, samt der speckigen Lederkordel. Mein Puls schnellt in die Höhe. Es muss einen Grund haben, dass dieses Amulett hier liegt. Paule tut nichts ohne Grund, wenngleich der für uns andere nicht immer Sinn ergibt. Ich höre ihn Rilke zitieren. Vielleicht den Panther. Den grünen Stein in der Faust, gehe ich zügig zurück zum Auto. Alles ist so, wie ich es verlassen habe. Nochmaliges Klingeln bringt nichts. Ein Gedanke schleicht sich an und ich gehe zwanzig Meter weiter, klingle beim Nachbar. Der kommt mit der Gartenschlauchrolle aus der Garage.
»Guten Tag …« Ein Blick aufs selbst angefertigte Familienschild aus Ton. »Guten Tag, Herr Wittgenstein.«
»Guten Tag … ich kenne Sie doch. Vom Nachbar, dem Jesuslatschenmann.«
»Umso besser. Denn ich habe nur eine Frage: Wissen Sie, wo Paule ist? Der junge Mann von nebenan. Obwohl wir verabredet sind, macht niemand auf.«
»Wissen Sie«, erwidert er nickend. »Das musste ja mal so kommen. Drei Mal im Monat haben wir die Polizei gerufen, wegen Lärmbelästigung …«
»WAS musste mal so kommen? Hat ihn ein Mobiles Einsatzkommando geholt?« Er grinst und kichert still vor sich hin. Dann winkt er ab.
»Nein, nein. Gestern Mittag kam der Rettungswagen. Irgendwas war mit ihm. Seither ist herrliche Ruhe hier.«
»Das freut mich für Sie. In welches Krankenhaus er gebracht wurde, davon haben Sie keine Ahnung, oder?«
Schulterzucken. »Geht mich ja nichts an.«
»Nein. Sie sind ja nur der Nachbar.«
»Eben.«
»Wiedersehen. Und danke.«


Wenn der Rettungswagen den kürzesten Weg nimmt, was nahe liegt, kann nur das Franziskus-Hospital sein Ziel gewesen sein. Also Bierfässer in den Fußraum und los geht es. Zehn Minuten, länger brauche ich nicht. Ich finde sogar einen schattigen Parkplatz. Kühl muss es bleiben, wegen des Einbeks. Den Jadestein in der Hosentasche, quere ich die Straße, kaufe im Kiosk eine Flasche Hohes C, zwei Äpfel und ein Rätselheft. Gleich darauf bin ich vor dem Glaskasten des Empfangs.
»Guten Tag. Ich möchte Paul Zimmermann besuchen.« Mehr muss sie nicht wissen. Das Gesicht ist völlig neutral, emotionslos, die Mimik eingeschlafen. Kein Muskel rührt sich. Grüne Schrift auf einem Monitor, die sich in ihrer Brille spiegelt. Die Tastatur klappert fortlaufend, dann greift sie zum Hörer und erkundigt sich, ob Besuch möglich sei. Langes und langsames Nicken. Endlich legt sie auf und schnauft einmal durch.
»Die Stationsleitung sagt, zehn Minuten sind in Ordnung. Länger nicht. Fahren Sie mit dem Fahrstuhl in den vierten Stock, rechts halten. Klingeln Sie an der Tür, man wird ihnen aufmachen.« Sie wirft einen Blick auf meine Mitbringsel. »Das müssen Sie hier lassen. Wenn Sie wollen, verwahre ich es für Sie.« Das Zeug hier lassen? Also völlig umsonst gekauft? Und was ist das für eine ominöse Station, auf die man nichts mitbringen darf?
»Kann ich es spenden? Ich brauche das Zeug nicht.« Jetzt lächelt sie.
»Das geht. Wir haben für Patienten, die von niemand besucht werden, einen Spendentopf für solch kleine Geschenke.«
»Na, das klingt doch gut. Sehr sinnvoll.« Sie schiebt eine Hälfte der Glasscheibe auf Seite und nimmt mir alles ab, stellt es in eine Kiste unter der Theke.«
»Das Krankenhaus bedankt sich.«
»Gerne.« Ich hebe die Hand und suche den Fahrstuhl, finde drei Stück nebeneinander und drücke die Aufwärts-Taste. Der mittlere kommt. Vierter Stock. Intensivstation Onkologie steht neben der Vier. Gedichte rezitieren. Mit Rilke gegen den Körperfresser. Vierter Stock. Den Jadestein in der Tasche umschließe ich mit der Faust und verlasse den Fahrstuhl. Rechts halten, keine zehn Meter weiter ist eine doppelflügelige Tür. Bitte klingeln, steht auf der rechten Hälfte und Nicht ohne Genehmigung eintreten auf der linken. Mein Finger ist kurz vor dem Drücker, dann stoppe ich in der Bewegung. Angst ist es, die mich ausbremst. Keine Ahnung, was mich hier erwartet. Diese Prozedur ist kein normaler Krankenhausbesuch. So viel ist klar. Hinter der großen Stahltür endet alle Lyrik. Ich drücke. Es dauert. Eine ältere Schwester in grüner Kleidung öffnet, Haube auf dem Kopf, Mundschutz.
»Sie wollen zu Herrn Zimmermann?«
»Wenn es okay ist.«
»Kommen Sie.« Ihre Hand weist gleich rechts in einen Raum. Das kann nicht das Zimmer sein. Nein, Umkleide steht neben dem Rahmen. »Gehen Sie dort hinein …« Sie sieht mich von oben bis unten an. »Holen Sie aus dem Regal ganz links einen grünen Anzug, ziehen Sie ihn über, Haube und Mundschutz auf, dann gehen Sie zur Seitentür wieder hinaus.«
»Mach ich.« Sie dreht sich und schließt die Tür hinter mir. Allein in einem mäßig beleuchteten Raum voller Regale. Grüne Ganzkörperanzüge überall. Linkes Regal, große Größen, ab einsneunzig. Sogar meine Schuhe verschwinden darin, einfach alles. Reißverschluss zu. Es riecht furchtbar. Eine Mischung aus Ethylalkohol und Seife, Haube und Maske auf, Handschuhe sind am Ärmel angeklebt, auch die muss ich anziehen. Dann öffne ich die Tür. Der Jadestein fällt mir ein. Wie komme ich jetzt an meine Hosentasche? Egal, die Schwester wartet bereits.
»Steht Ihnen gut.«
»Danke.«
Sie dreht sich um und tippelt den Flur entlang. So gut das eben geht in diesem Ganzkörper-Kondom. Hin und wieder habe ich den Eindruck, auf die Nase zu fallen, wenn der Schritt zu groß wird und das Material sich spannt. Alle hier haben dasselbe an und ihre Nasen sehen noch gut aus. Sie bleibt vor einer Tür stehen und beinahe wäre ich aufgelaufen.
»Zehn Minuten», sagt sie und öffnet. Ich nicke und trete in ein halbdunkles Zimmer, geschlossene Lamellenrollos am Fenster, zwei oder drei Maschinen, eine davon wohl die Infusion, die anderen sind wie leuchtende Weihnachtsbäume. Lichter und zwei Linien auf einer Art Oszilloskop. In Paules Mund verschwindet ein Schlauch, zwei kleine in den Nasenlöchern. Das Licht der Deckenlampen geben Pauls Gesicht einen warmen Ton, obwohl ich mir sicher bin, dass seine Hautfarbe so weiß wie die Wand ist. Der verdammte Jadestein. Sein Grün könnte hier vielleicht ein Wunder bewirken. Mitten auf der Bettdecke ein grünes Wunder. Aber wie bekomme ich ihn aus dem Kondom? So ein Anzug macht schließlich Sinn und den will ich nicht unterwandern.
Paule hat ein Einzelzimmer, nur Bett, ein kleiner Tisch, ein Stuhl. Ich stelle ihn leise neben das Bettgestell. Seine Wangen sind tiefe Täler. Die Lider zucken nicht mal. Ich würde viel geben, um jemanden neben mir zu haben, der mir das erklären kann. Stattdessen sitze ich nur und beobachte jedes Detail. Welches Kabel führt wohin, kommt woher, hat welche Farbe. Paule ist jetzt Teil eines Systems, das ich nicht verstehe. Aber ich weiß, an was er denkt. Es kann nur Rilke sein.

"Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe so müd geworden, daß er nichts mehr hält. Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt." // Auszug aus 'Der Panther' von Rainer Maria Rilke

Ich denke, hier liegt nur noch die Hülle, der Käfig. Darin wandert Paules Geist und schlägt Klangschalen an, murmelt einen monotonen Singsang Richtung Publikum, das ganz verzückt an irgendwelche Rituale denkt und der Spirit sie alle von den spießigen Socken haut. Wahrscheinlich werde ich unseren Auftritt absagen müssen. Mit Sicherheit sogar.
»Paule?« Etwas hier drin hört sich an, als würde jemand einen Fahrradreifen aufpumpen. »Paul Zimmermann, du dämliches Arschloch. Ich gehe jetzt. Deinen Jadestein gebe ich der Schwester, wenn sie ihn nehmen darf. Morgen sage ich unseren Auftritt ab und schreibe ein paar Gedichte. Übermorgen komme ich wieder.« Die Maschine antwortet für ihn mit einem außer der Reihe liegenden Piepen. Ich stehe auf. Alles treibt mich zur Tür. Paules Bild in meinen Augen lässt mich hier verharren. Trostlosigkeit, nach diesem Wort habe ich gesucht. Es ist trostlos. Schon eine Zeile für ein Gedicht.
»Mach’s gut, Paule. Ich schau mal, was dein Onkel macht. Er soll mich reinlassen. Schließlich liegen noch eine Menge meiner CDs bei dir. Hoffentlich breche ich mir nicht das Genick in deinem Tohuwabohu.« Idiotischerweise hebe ich die Hand. Leise verlasse ich das Zimmer und atme auf. Die Schwester kommt vorbei. Tausend Fragen im Kopf, schaffe ich nur eine.
»Er hat ziemlich Krebs, nicht wahr?« Sie nickt und zieht mich in ein Nebenzimmer der Stationsleitung. Bequeme Stühle, eine kleine Couch, daneben ein Trinkwasserbehälter und auf dem Tisch ein Becher Kaffee. Sie zieht den Mundschutz vom Gesicht.
»Sind Sie ein Verwandter?«
»Nein, nur ein …« Ja, was bin ich eigentlich? »Also, wenn er jemals Freunde hatte, dann bin ich eventuell einer. Ansonsten ist da nur noch sein Onkel. Die Eltern sind tot und Geschwister hat er nicht.« Sie trinkt Kaffee aus einem ‚Der Morgen ist gut‘-Becher und lässt den Blick nicht von mir, setzt endlich ab und atmet tief durch. Ich vertraue ihr. Wer auf so einer Station arbeitet, dem muss man vertrauen.
»Er hat sich ins Koma getrunken«, sagt sie. »Der Rettungsdienst hat hochprozentigen Schnaps bei ihm gefunden.«
»Ja, bestimmt Captain Morgan.« Sie zieht die Augenbrauen hoch. Ihr Gesicht zu sehen, beruhigt mich. Es ist ein ganz und gar friedliches Gesicht.
»Er ist seither nicht mehr aufgewacht«, erklärt sie. »Zuerst war er auf der Inneren, bis klar wurde, dass seine Organe voller Metastasen sind.« Sie macht eine Pause. »War er denn nie bei einem Arzt? Wussten Sie davon?«
»Seit paar Tagen. Den Krebs hat man vor anderthalb Jahren entdeckt, sagte er. Der Wunderheiler hat ihn in den Wald geschickt. Gedichte rezitieren, von wegen kosmischer Energie gegen Krebs und Haarausfall.«
»Verstehe …«
»Hören Sie, ich habe seinen Talisman dabei. Ein Jadestein. Darf ich den bei Ihnen lassen? Er würde sich freuen, das weiß ich.«
»Warum nicht … Sie können ihn mir vor der Station geben.«
Ich stehe auf. Länger bleiben kann ich nicht. Will ich nicht. Die letzte Frage bleibt ungestellt. Die Schwester weiß die Antwort. Und ich auch.

Diese Geschichte

Entstanden im Jahr 2024 als ein Text aus der Farbenreihe, die sich um Abschiede dreht. Die Welt von Heilpraktiker*innen, Globuli-Anhänger, Homöopathie, Esoterik, Chakra, kosmischen Energien, Astrologie etc. pp. ist eine Welt ohne Empirie, ohne wissenschaftliche Fakten, aber mit viel Glaube. Auf Wissenschaft beruhende Medizin ist nicht allmächtig, doch stete Forschung erspart manchem von uns viel Leid. Und stete Forschung heißt auch steter Fortschritt. Noch ist kein Meister vom Himmel gefallen. Aber Lebenserwartung und besiegte Seuchen zeigen doch deutlich, was Medizin und Hygiene können und schon getan haben. Ganz ohne Esoterik. Lasst mir gerne einen Kommentar da. Viel Spaß beim Lesen!

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Beste Grüße
Heiko

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