Mulka

Erster Akt

KURZGESCHICHTE | Das Feuer hat im Süden den Ganami überquert und im Westen bereits Manaŋaymi erreicht. Mandawuy blickt in den linken Außenspiegel. Nichts als Staub. Himmelweite Gebirge aus feinstem Sand. Die Welt hat nur noch eine Farbe: Orange. Nach Osten, über dem nahen Pazifik, mit einem leichten Stich ins Gelbe. Im Westen und Süden wird es verdrängt vom Rot des Feuers. Mandawuy konzentriert sich. Er muss nur die Spur halten, die ausgeschlagene Lenkung bändigen.
»Siehst du überhaupt, wohin du fährst?« Mandawuy ignoriert die Frage des Mannes neben ihm; und den schlechten Geruch von dessen drei Kollegen auf der Rückbank.
»Lass ihn, Michael. Er kennt sich hier aus«, kommt es von hinten. Michael quittiert das mit einem Knurren und Mandawuy wagt einen Blick in den Rückspiegel, trifft dort auf die Augen eines bisher schweigsamen Rothaarigen. Es sind die Augen einer Braunschlange, denkt er. Kalt und leer wie das Meer um Arnhem Land. Lieber konzentriert er sich auf die rötliche Piste vor sich und tut so, als könnte der Wagen jeden Moment ausbrechen. Der Hyundai schlingert um die Kurve, lässt die elektrische Schaltzentrale der Gove-Bauxitmine hinter sich. Hol vier Männer aus der Mine und bring sie hierher, hat der Flughafenchef gesagt. Es sind die letzten Arbeiter, die die Mine verlassen. Alle Anlagen herunterfahren, Wasserpumpen deaktivieren, Klimaanlagen abschalten, das war ihr Auftrag. So viel konnte Mandawuy den kargen Wortwechseln entnehmen. Und nun zum Flughafen. Auf die letzte Maschine von Port Moresby warten. Langsam schält sich aus dem Dunst das Empfangsgebäude des Gove-East Arnhem-Flughafens.

Mit angelegten Staubschutzmasken steigen die Männer und Mandawuy aus dem Hyundai, gehen die drei Meter zum Eingang. Der Rothaarige stemmt sich gegen die Tür. Ein Luftschwall kommt heraus und fegt den Sand vor dem Eingang weg. Die Fünf stürzen hinein, schließen hinter sich und drücken mit verzerrtem Gesicht beide Hände auf die Ohren.
»Gott!«, schreit der Rothaarige und tritt gegen den Getränkeautomaten neben der Eingangstür. »Ich werde mich nie daran gewöhnen!« Feiner roter Staub drückt durch die Fugen. Es dauert etwas, bis die Umwälzung den Überdruck wiederhergestellt hat und das Eindringen des Staubs unterbindet. Die Vier versuchen zu gähnen, die Luft mit zugehaltener Nase durch den Rachen zu drücken und gelangen über die Empfangshalle in den Restaurantbereich. Mandawuy hat Durst, wirft eine Münze in den Getränkeautomaten, zieht eine der acht letzten Wasserflaschen und folgt ihnen. Sein Auftrag ist erledigt. Ich könnte jetzt nach Yirrkala zurück, denkt er, beschließt aber noch etwas zu essen. Schließlich kann niemand die Lebensmittel mitnehmen und alle anderen Arbeiter, die zum Essen ins Flughafen-Restaurant kamen, sind ebenso verschwunden wie der Rest, der mit der Bauxitmine zu tun hatte. Arnhem ist entvölkert. Nur wenige vom Stamm der Yolŋu leben noch in Yirrkala. Mandawuy schlendert durch die leere Halle. Vor den großen Scheiben nimmt die Stärke des Windes zu. Die Feuer ziehen den Sauerstoff ab, erzeugen einen enormen Sog, dem sich alles, was nicht stabil und fest im Boden verankert ist, kaum wird entziehen können. Auch Yirrkala nicht, befürchtet Mandawuy. Doch wo sollte er hin? Dies ist die Heimat der Ahnen. Die vier Minenarbeiter drücken sich in eine der Eckgruppen. Einer hebt den Arm und winkt. »He! Alvarez! Hast du noch Bier?«
»Noch ein ganzes Fass, Liam!«
»Dann bis zum Abwinken«, sagt der, den sie Michael nennen.

Alvarez kommt näher, stellt sich vor die Zapfanlage und beginnt, die Gläser zu füllen. »Job erledigt, gut gemacht!«, sagt er in Mandawuys Richtung und stellt ihm ein Bier vor die Nase. »Du hast dir ein Essen verdient!« Alvarez, Brasilianer und Chef des Flughafens, den der Minenkonzern vor Jahren hat bauen lassen. Und sicherlich der letzte Barmann im Nördlichen Territorium. Mandawuy geht an den Tresen, setzt sich auf einen der roten Hocker und schwenkt die Beine unter die Kante. Er greift in das Schälchen mit Pistazien. Alvarez hustet. »Der verdammte Staub!« Mit einem Grinsen zündet er sich eine Zigarette an, inhaliert tief und trägt die Gläser zum Tisch der Männer. Mandawuy wundert sich, dass kein Qualm mehr aus Alvarez herauskommt. Nur einmal hat er versucht, eine Zigarette zu rauchen. Der Brasilianer bot sie ihm während eines Trinkgelages an. Mit Ekel erinnert er sich an die Übelkeit, das Übergeben, den schrecklichen Husten. Alvarez verschwand damals auf dem Boden hinterm Tresen, hielt sich den Bauch vor Lachen. Mandawuy schämte sich in Grund und Boden und bat die Ahnen um Vergebung.

»Ich habe noch Thunfisch-Steak mit Reis«, erklärt er auf dem Rückweg »Oder Hai-Steak mit Linsen und Mango. Was kann ich dir anbieten, mein Freund?«
Beide Gerichte machen keinen Eindruck auf Mandawuy. Fisch und Fleisch hat er seit langem abgeschworen. Neben sich hört er Schritte. Es ist der Rothaarige. Er setzt sich auf einen der Barhocker. Dicht bei Mandawuy. Zu dicht, wie er findet. »Wann kommt das Flugzeug?«, erkundigt er sich und trommelt mit den Fingern einen monotonen Takt auf das Holz.
»Im Lauf der nächsten Stunde«, erwidert Alvarez. Der Rothaarige nickt ausgiebig. Wie einer dieser Dackel, den sich manche auf die Ablage stellen. Dabei starrt er Mandawuy an. »Fliegst du auch mit uns nach Port Moresby?«
»Nein. Ich bleibe hier.«
Der Rothaarige runzelt die Stirn und schüttelt unmerklich den Kopf. »Warum bleibst du hier? Das Feuer ist bald da. Nichts wird übrig bleiben von euren Dörfern. Den Rest werden die Staubstürme erledigen. Die Menschen haben Australien verlassen und du willst hier bleiben?«
Mandawuy windet sich innerlich. Er weiß, dass seine Erklärung für den Minenarbeiter keine seine wird. »Es ist das Land meiner Ahnen. Ich kann es nicht verlassen«, sagt er so freundlich wie möglich. Der Rothaarige nickt. Fast abwesend.
»Das Land deiner Ahnen …«, wiederholt er leise. »Tja, die sind tot die Ahnen.« Dann steht er auf, wendet sich ab und stoppt, dreht sich wieder zur Bar. »Ich habe da was von Hai-Steak gehört … wie viel hast du noch von dem Zeug, Alvarez?«
»Noch sieben Packungen.«
»Mach sie alle und bring sie uns!«
»Ist gut.«
Der Rothaarige geht wieder an den Tisch. Alvarez zuckt mit den Schultern. »Sieben Steaks für vier Personen! Na ja, das Essen muss weg …«
»Kennst du die Männer, Alvarez?«
»Ja, ab und zu kommt jeder mal hier her.«
Mandawuy dreht den Kopf leicht zur Seite, so dass er im Augenwinkel die Eckgruppe sehen kann. »Wie sind ihre Namen?«
Alvarez kratzt seine dunkle Haarpracht. »Puh, also der Rothaarige ist ihr Boss, Leyland heißt der. Dann sind da Miles, Michael und Liam. Alles Elektriker.«
»Ich ahne, die werden Ärger machen«, mutmaßt Mandawuy.
Alvarez lacht, klopft auf den Tresen. »Red‘ keinen Mist. Was darf ich dir bringen, mein Freund?«
»Hast du noch von dem vegetarischen Curry?«
»Noch zwei Portionen.«
Mandawuys Augen weiten sich. Er lächelt. »Dann nehme ich die.«

Zweiter Akt

Schon mehr als eine Stunde ist vergangen. Alvarez legt den Kopfhörer auf die Seite und seufzt, nimmt eine Zigarette aus der Packung, zündet sie an, saugt Papier und Tabak förmlich in einem Zug weg. Sein Hals kratzt. Der verdammte Staub, denkt er. Es hilft nichts, er muss es den Männern mitteilen. Schwerfällig steht er auf, geht aus dem Funkraum ins Restaurant. Mandawuys Kopf liegt auf dem Tresen. Er schnarcht. Zu viel Bier. Die vier Minenarbeiter kippen dagegen ein Glas nach dem anderen, die Reste von sieben Haifisch-Steaks verzieren den kleinen Tisch. Er stellt sich neben sie.
»Willst du etwa abkassieren?«, lacht Michael ihn an und zwei von ihnen fallen mit ein. Nur Leyland setzt einen misstrauischen Blick auf, fährt sich über die roten Haare.
»Ich habe schlechte Nachrichten für uns«, eröffnet Alvarez ihnen. Sie schweigen und starren ihn an, setzen sich aufrecht. »Was verstehst du unter schlechten Nachrichten?«, fragt einer.
»Die Maschine hat kehrt gemacht, ist wieder auf dem Weg nach Port Moresby. Zu viel Staub in der Luft. Beide Motoren haben Aussetzer. Und der Sturm wird sich noch mindestens zwei Tage halten.« Alvarez zieht einen Stuhl vom Nachbartisch heran und setzt sich. Die Vier blicken sich an, kratzen Stirn, Dreitagebart, ein Ohr und trinken leer; aber schweigen. Als ginge sie diese Information nichts an. »Habt ihr gehört?!«, setzt Alvarez verwundert nach. »Wir kommen nicht hier weg!«
Ein lauter Schnarcher. Dann verschluckt sich Mandawuy, hustet, fällt vom Hocker, schlägt auf und bleibt liegen. Die Männer sehen nur kurz hin, dann fixieren sie Alvarez.
»Erzählst du uns Scheiße?«, fragt Leyland mit drohendem Unterton.
»Natürlich«, kontert Alvarez. »Ich will hier weg und erzähle euch deshalb Scheiße. Genau mein Humor.« Er steht auf, geht zu Mandawuy, hebt ihn an und verfrachtet den schlaffen Körper auf eine Eckbank.
»Und was sollen wir jetzt tun?« Alvarez weiß nicht, wer das gefragt hat, weil er versucht Mandawuy mit leichten Schlägen auf die Wangen wachzubekommen. Es bleibt nur eine Möglichkeit.
»Die Aborigines in Yirrkala haben ein Boot für Touristen«, informiert er die Vier. »Damit fahren sie nach Bremer Island und Cape Arnhem … oder fuhren, als es noch Touristen gab.«
»Dann holen wir uns das Boot«, stellt Leyland fest.
»Genau dafür brauchen wir Mandawuy, denn er fährt das Boot«, erklärt Alvarez. Er holt einen Krug Eiswasser und kippt es ihm über den Schädel. Prustend reagiert der und übergibt sich spontan auf den Boden. »Er verträgt absolut keinen Alkohol«, sagt Alvarez entschuldigend zu den Männern.
»Ich habe noch keinen Aborigine gesehen, der Alkohol verträgt. Ist nicht ihr Ding. Trotzdem saufen viele«, behauptet Leyland, schnappt sich Mandawuy, legt ihn sich über die Schulter. »Wir müssen weg. Auf nach Yirrkala«, setzt er nach und sieht sich um, schaut seinen Kollegen in die Augen, dann, zu Alvarez gewandt: »Mach ne Tasche voll mit den Wasserflaschen aus dem Automaten. Dazu alles was an Essbarem aufzufinden ist. Nur keine Tiefkühlware. Michael! Du hilfst Alvarez!«

Mandawuy liegt quer über dem Schoss der drei auf der Rückbank sitzenden Männer. »Hoffentlich muss er nicht kotzen«, sagt Michael. Niemand lacht. Leyland fährt, Alvarez dirigiert ihn durch den Dunst. Mehr als zehn oder fünfzehn Meter kann man nicht sehen. Die Scheinwerfer bringen überhaupt nichts.
»Leyland, bisher waren deine Haare so rot wie der Boden. Jetzt sind sie so rot wie alles«, behauptet Liam und lacht. Leyland sieht in den Rückspiegel und Liam verstummt. Vom Flughafen nach Yirrkala sind es gerade einmal zehn Kilometer. Und doch kommt ihnen jeder Meter wie eine Weltreise vor. Keine Anhaltspunkte, nichts. Staub und die rötliche, unebene Fahrbahn. Ein böiger Wind rüttelt am Hyundai als wolle er ihn zurücktreiben, den Feuerwänden entgegen.
»Was ist das für ein Boot?«, will Leyland wissen.
»Ist für zehn Passagiere und hat zwei Außenborder«, erklärt Alvarez. »Allerdings kommen wir damit nicht nach Port Moresby. Das ist ein Boot für Sightseeing. Wir müssen alles an Treibstoff mitnehmen, was sinnvoll ist, aber nicht zu viel, sonst frisst das Gewicht den mitgenommenen Treibstoff vorzeitig auf.«
»Und wenn wir nur mit einem Motor fahren, minimale Geschwindigkeit?«, kommt es aus dem Fond.
Alvarez dreht sich zur Rückbank. »Dann besteht die Gefahr, dass uns die Strömung irgendwohin treibt. Es gibt ein Temperaturgefälle zwischen Arafurasee und dem Korallenmeer. Da brauchen wir schon Geschwindigkeit.«
Mandawuy hebt den Kopf und stöhnt. »Bleib liegen. Kein Platz für dich hier hinten. Wir sind gleich in Yirrkala«, sagt Michael und drückt ihn nach unten. Die Worte wirken.
»Alvarez, gibt es eine andere Möglichkeit? Ich meine, außer Port Moresby?«, fragt Leyland gegen die Windschutzscheibe, sieht dann nach links. Zu lange. Alvarez bedeutet ihm mit einem Nicken, sich wieder auf die Straße zu konzentrieren.
»Sieh du nach vorne. Es müsste gleich eine Linkskurve kommen. Und nein, es gibt keine andere Möglichkeit. Für die ganze Küste von Papua und Papua-Neuguinea liegt eine Viruswarnung vor. Lediglich Port Moresby soll noch sicher sein.«
»Wer’s glaubt …« flüstert Michael. Sie schweigen und Alvarez sieht im letzten Moment die Kurve, greift Leyland ins Lenkrad. Der Hyundai schaukelt verdächtig hin und her, fängt sich wieder. »Aufpassen!«, ermahnt ihn Alvarez.

»Halt da vorne an!«, fordert Alvarez Leyland auf.
»Was ist das?«, will der wissen.
»Das lokale Kunstzentrum. Dort halten sich die verbliebenen Aborigines auf. Wir können sie um das Boot und Treibstoff bitten.«
»Wir nehmen uns das Boot«, erwidert Leyland brummelnd, schaltet den Motor ab und starrt durch die Scheibe. »Für was brauchen die ein Boot, wenn sie hier sterben wollen?«, setzt er nach und dreht sich um. Niemand antwortet. Sie steigen aus. Miles und Michael schleppen Mandawuy zum Eingang. Liam hustet und Alvarez zieht die Plastikfolie beiseite. »Nichts wie hinein«, ruft er in den Dunst hinter sich. Da sind plötzlich vier runzlige Hände, ziehen an ihnen und verschließen sofort die Tür. Eine Gruppe Yolŋu empfängt sie. Alte Männer und Frauen. Alvarez zählt zwanzig. Unter ihnen der Chef des Buku-Larrŋgay-Mulka-Zentrums. Miles und Michael legen Mandawuy an der Wand ab, nicken der Gruppe zu. Alvarez tritt vor.
»Ich grüße dich, Gawarrin Yunupiŋu …«, mit der Hand zeigt er auf die Männer. »Wir hätten abgeholt werden sollen von einem Flugzeug, doch es wird nicht kommen. Zu viel Staub. Wir müssen hier weg und möchten euch um das Boot bitten und den Treibstoff, den ihr habt. Unser Ziel ist Port Moresby.«
Der Alte nickt und wirft einen missmutigen Blick auf Mandawuy. Dann tritt er einen Schritt auf Alvarez zu, breitet die Hand vor ihm aus.
»Freund Alvarez, mit dem Boot, das wir euch gerne geben werden, werdet ihr nicht nach Port Moresby kommen. Unser Treibstoff reicht für ungefähr 200 Seemeilen. Nach Port Moresby sind es aber 700 Seemeilen.«
»Und wenn wir nur mit einem Motor fahren?«, kommt Michaels Frage von hinten.
»Mit einem Motor werdet ihr es nicht durch die Torres-Straße schaffen. Die Strömung drückt euch zwischen die Riffe. Ihr werdet auf Grund laufen«, erwidert Gawarrin.
»Sagst du …«, knurrt Miles. Alvarez verdreht die Augen.
»Ich sage nur, was ich weiß. Nicht, was ich vermute, mein Freund«, kontert der Alte. »Aber ich kann euch natürlich nicht davon abhalten, es zu versuchen.«
»Was können wir sonst tun, Gawarrin?«, beeilt sich Alvarez zu fragen, bevor noch mehr Blödsinn von den Männern kommt. Gawarrin Yunupiŋu tritt dicht an ihn heran, legt die Hand auf Alvarez Unterarm.
»Wartet hier mit uns. Der Sandsturm wird nicht ewig wüten. Dann kann das Flugzeug sicher wieder fliegen. Wir haben genug zu essen, ausreichend Wasser. Seid unsere Gäste.« Der Alte blickt an Alvarez vorbei und macht eine einladende Geste.
»Schätze, uns bleibt nichts anderes übrig«, sagt Leyland.

Dritter Akt

Sie sitzen im Empfangsraum auf den Holzbänken aus Eukalyptusbäumen, die ein hiesiger Künstler hergestellt hat. Der Abend rückt näher. Anstatt eines Sonnenuntergangs und zunehmender Dunkelheit, verändert sich draußen lediglich die Farbe von Orange zu Karminrot. Die Feuerwände rücken unaufhaltsam heran. Hellrote Tage und dunkelrote Nächte, und das schon seit Monaten. Eine ältere Frau kommt mit einem Korb auf die Männer zu, das Rückgrat sehr gebeugt, der Blick fast auf den Boden gerichtet.
»Essen kommt, Jungs«, murmelt Miles.
»Dhuwa«, sagt die alte Frau und legt Leyland grüne Pflaumen in die Handschale. Er mustert die Alte. »Wehe, es schmeckt nicht …«
»Pflaumen heißt Dhuwa?«, fragt Michael. Mandawuy sitzt mit geschlossenen Augen neben ihm und schüttelt den Kopf. »Nein, es gibt Dhuwa und Yirritja. Aus diesen beiden Polen besteht unser Yolŋu-Universum. Die Pflanzen, Tiere und Geistwesen sind Dhuwa.«
»So ganz hab ich das mit dieser Aborigines-Welt noch nie verstanden«, gibt Michael zu.
»Wo ist Alvarez?«, unterbricht Miles.
»Sitzt am Funkgerät und sucht die Kanäle ab nach Neuigkeiten«, klärt ihn Leyland auf, steckt eine Pflaume in den Mund und macht eine anerkennende Grimasse. »Hm, gar nicht mal so schlecht.« Dann schweigen sie, beobachten die Aborigines, wie sie Gegenstände auf dem Boden ausbreiten, zwischen den Kunstwerken sitzen; schlanken, weißen Stelen, Strohtaschen für den Verkauf, geschnitzten Holzpuppen. Die letzte Pflaume verschwindet in Leylands Mund und er steht auf.
»Ich hätte auf meine Schwester hören sollen …«, sagt Leyland und dreht sich um. Sieht auf Mandawuy und seine Kollegen herab als erwarte er eine Frage zu seiner Andeutung. Sie kommt nicht und er seufzt. »Sie ist in Oahu auf eine dieser Stahl-Inseln gegangen mit ihrem Mann. Der ist Meeresbiologe. Hat mich damals angerufen und gesagt, ich solle mich auch bewerben. Als Hochspannungs-Elektriker bekäme ich sicher eine Zuweisung …«
»… aber du hast es nicht getan«, unterbricht ihn Michael.
»Nein. Hab ich nicht. Ausgelacht hab ich sie.«
»Schön doof«, stellt Miles fest. Leyland denkt daran, ihm eine in die Fresse zu schlagen, muss ihm aber recht geben und hält sich zurück. Er sieht sich um. All die Kunstwerke hier werden bald Opfer des Feuers sein und die Aborigines sind seltsamerweise so ruhig wie nach einem entspannten Schlaf. »Ich gehe mal zu Alvarez«, sagt er dann. »Mal sehen, ob es Nachrichten aus Port Moresby gibt.«

Alvarez bröselt eine Menge Gras in ein Drehmaschinchen, legt das Blättchen ein, verschließt es und rollt einen Joint.
»Aha«, sagt Leyland, im Türrahmen stehend. »Macht die ganze Sache ein wenig erträglicher. Gibt es das hier bei den Aborigines?« Alvarez zwinkert mit einem Auge, zündet die Gerollte an, zieht und saugt wie ein Sterbender, hält den Rauch und blickt an die Decke. Aus dem Funkgerät kommt permanentes Rauschen.
»Gibt es Neuigkeiten?« Er setzt sich auf den zweiten Stuhl und betrachtet das Funkgerät. Trotz dass er Elektriker ist, versteht er davon absolut nichts. Alvarez zieht wieder und dreht den Kanalschalter zwei Klicks weiter. Eine Stimme ertönt. Leise. Leyland beugt sich vor, lauscht dieser Stimme und bemerkt gleich, dass es lediglich eine Aufnahme ist, die sich stetig wiederholt.
Dies ist eine automatische Warnung. Kommen sie nicht nach Port Moresby! Die Stadt wurde überrannt, das Kriegsrecht ausgerufen! Es besteht akute Lebensgefahr für alle. Infizierte Gruppen haben die Oberhand und töten alles, was noch nicht infiziert ist. Kommen sie nicht nach Port Moresby! Versuchen sie es in Neukaledonien oder Neuseeland. Viel Glück. Dies ist eine automatische Warnung. Kommen sie nicht nach …
Alvarez schaltet ab und raucht den Joint in einem letzten Zug leer, wirft den Rest auf den Boden und tritt ihn aus. »Und jetzt?«, fragt er. Leyland lehnt sich zurück, kratzt mit allen Fingern durch die roten Haare. Wieder und wieder als fiele die Lösung wie eine Schuppe daraus hervor.
»Ich müsste mal wieder duschen …«, merkt er an, ignoriert Alvarez‘ amüsierten Blick. »Und mich rasieren. Ich kann einen roten Bart nicht leiden.« Dann fixiert er den Brasilianer. »200 Seemeilen kommt man mit dem Boot. Wenn alle zehn Plätze besetzt sind, plus Reiseführer. Also elf Leute.«
Alvarez zuckt mit der rechten Schulter. »Kann schon sein.«
»Nehmen wir mal an, nur wir beide sind auf dem Boot, haben genug Treibstoff dabei und fahren nach Westen. Etwa nach Darwin. Das ist nicht so weit entfernt wie Port Moresby. Dort gibt es einen großen Hafen, mit größeren Booten und mehr Treibstoff …« Leyland schließt die Augen, legt den Kopf nach hinten, auf die gefalteten Hände gestützt. »Das könnten wir doch schaffen, nicht wahr?«, setzt er nach.
Alvarez steckt beide Hände in die Hosentaschen und richtet sich auf. »Dein Ernst?«
Leyland nickt. »Mein Ernst«, bestätigt er. »Hast du eine Waffe?«
»Klar«, sagt Alvarez. »Im Hyundai ist unter der Rückbank eine Remington. Im Falle, dass man auf Krokodile trifft.«
Leyland lächelt.
»Krokodile habe ich schon lange keine mehr gesehen.«

Vierter Akt

»Ich werde zusehen, dass ich nach Großbritannien komme«, erklärt Liam. »Dort habe ich noch Familie. Onkel, Tante, Cousinen. Die meisten aus meinem Dorf sind in Großbritannien untergekommen.«
»Ich habe niemanden«, erwidert Michael tonlos. »Meine Eltern sind tot. Keine Geschwister, keine Großeltern. Mir egal, wo ich unterkomme. Vielleicht bleibe ich in Port Moresby. Oder Rio Tonto kann mich zu einer ihrer anderen Minen schicken. Ein Freund arbeitet in der Bauxitmine in Porto Trombetas. Er könnte ein gutes Wort für mich …«
»Gott!«, unterbricht Miles mit einem Schrei. »Verschont mich mit eurer Scheiße!« Er springt auf, stakst an die gegenüberliegende Wand und betrachtet die Fotos. Große Abzüge der vorgelagerten Insel Bremer Island, ein Ritual auf einer Lichtung. Rot angemalte Aborigines beim Tanz. Seine Kollegen schweigen. Er dreht sich um.
»Ihr kapiert es nicht, oder?«, fragt er fast flehend. »Die Erde ist rund! Egal, wohin ihr geht oder flieht, es holt euch ein! Keiner von uns kommt auf eine dieser tollen Inseln. Dafür sind wir zu bescheuert! Nicht gut genug! Ein paar dämliche Elektriker! Überlegt doch mal!« Beide Hände zur Faust geballt, stampft er mit einem Fuß auf den Boden. Die Aborigines lassen sich nicht stören, murmeln in einem sonoren Singsang Unverständliches, drehen ein paar rote Stäbchen auf dem Boden in diverse Richtungen. Miles meint, alles niederbrennen zu müssen. »Millionen Australier sind schon an dieser komischen Seuche gestorben! Der Rest ist weg. Flieht vor Dürren, Feuerwänden, Wassermangel. Überall hin! Und meint ihr etwa, der Rest der Welt wird davon verschont bleiben?!« Er starrt in leere Augen, betretene Gesichter. Als wären Liam und Michael nicht von diesem Planeten, hörten genau jetzt zum ersten Mal von all den Problemen. Miles schüttelt den Kopf und muss raus. Nur raus hier, denkt er, geht zum Eingang, reißt die Plane beiseite, öffnet die Tür und findet sich in der zunehmend karminrot werdenden Außenwelt wieder. Er beschließt, einmal um das Gebäude zu gehen, stülpt den Atemschutz übers Gesicht und folgt dem Lehrpfad der Steine. Er versteht nicht, wie diese Ureinwohner so ruhig bleiben können, dem Ende einfach so entgegensehen. Als er um die Ecke kommt, sieht er Leyland vor sich stehen.
»Mit den roten Haaren bist du perfekt getarnt«, ruft er ihm durch den starken Wind entgegen, sieht nicht die Reaktion hinter der Maske und nimmt nur unmerklich das Messer wahr. Leyland drückt es ihm unter dem Brustbein ins Fleisch, hebelt den Griff nach unten. Die Klinge erreicht Miles‘ Herz. Er stirbt.

Alvarez verlässt den Raum in dem das Funkgerät steht und gesellt sich zu Mandawuy, der im Empfangsraum an der Wand lehnt und Kekse knabbert. »Na? Wieder nüchtern? Was machen deine Landsleute da?« Mandawuy reicht Alvarez einen Keks, den er dankend ablehnt.
»Buku-Larrŋgay Mulka. Das bedeutet, eine heilige Zeremonie zu zelebrieren, die aber vor allen Menschen abgehalten werden kann. So was wie eine öffentliche und doch heilige Zeremonie«, erläutert er.
»Und um was geht es in dieser Zeremonie?«
»Ich weiß nicht, ob ich dir das erklären kann …«
»Versuch es.«
»Buku-Larrŋgay ist etwa das Gefühl, dass du hast, wenn im Osten die Sonne aufgeht und die ersten Strahlen dein Gesicht treffen. Mulka ist die Zeremonie …«
»Tja«, unterbricht Alvarez ihn, »jetzt ist es nicht die Sonne aus dem Osten, sondern es kommen die Feuer aus dem Westen und Süden, und im Osten ist der Pazifik, in dem kein Leben mehr ist. Die Sonne scheint bald auf eine tote Erde.«
Mandawuy sieht ihn an. Dann wendet er sich ab. Alvarez zuckt mit den Schultern. Sie werden hier sterben, denkt er und geht zu Michael und Liam, die neben der Eingangstür auf den Eukalyptusbänken liegen, die Augen geschlossen. Sie dösen. Alvarez weckt sie.
»Der Älteste hat uns erlaubt, in seinem Haus zu warten. Sie wollen hier in Ruhe ihre Zeremonie durchführen. Los, zum Wagen, ihr Schlafmützen …«
Beide richten sich mehr als schwerfällig auf, atmen tief durch und sind wie weggetreten. »Wo sind Leyland und Miles?«
»Schon auf dem Weg in die Hütte vom Alten. Sind nur fünfzig Meter«, sagt Alvarez.
»Gibt es Neuigkeiten aus Port Moresby?«
»Nicht wirklich. Ein erneuter Versuch kann erst in zwei Tagen erfolgen. Die Meteorologen sagen eine Änderung der Windrichtung für übermorgen voraus.«
Michael streckt sich, sieht zu der Zeremonie, deren sparsame Bewegungen ihm nichts sagen. »Okay, in der Hütte des Alten stören wir jedenfalls nicht dieses komische Dings …« Alvarez nickt und öffnet die Tür. Sie treten ins Freie, verschließen sorgfältig hinter sich. Alle ihre Bewegungen sind unhörbar, so sehr ist der Sog des Feuers angewachsen. Rauschend zieht es mehr und mehr Gegenstände, Staub, abgerissene Zweige, Unrat nach Westen. Sie gehen durch eine rote Welt.
»Wie auf dem Mars!«, schreit Liam.
»Warst du schon mal da!?«, ruft Michael.
Sie folgen Alvarez, der zwar nur wenige Meter Vorsprung hat, aber fast im Dunst verschwindet. Als sie um eine Hausecke kommen, steht Leyland vor ihnen. Alvarez tritt neben ihn. Sie hören die Schüsse nicht kommen. Sehen für einen Bruchteil ihres letzten Atemzuges den Feuerschwall aus dem Lauf der Remington. Dann sind Michael und Liam tot. Alvarez grinst und geht weiter Richtung Bootrampe. Leyland drückt erneut ab. Das Geschoss durchschlägt Alvarez Oberkörper auf Höhe des Herzens. Mit dem Fuß dreht er ihn um, sieht das große Austrittsloch und weiß, dass sich auch das erledigt hat. Er geht zurück zum Hyundai, öffnet die Tür, da sieht er Gawarrin Yunupiŋu auf sich zukommen. Sofort hebt er den Lauf, lädt nach und legt an; aber drückt nicht ab. Er weiß, dass der alte Aborigine ihm nichts tun wird. Einen Meter vor ihm bleibt er stehen. Dann hebt er die geöffnete Hand. Ein Schlüssel liegt darauf. Leyland versteht. Der Zündschlüssel des Bootes. Er nimmt ihn und beschließt, das Boot alleine zu fahren. Mandawuy soll leben. Gawarrin sieht ihn nur an. Das rot angemalte Gesicht ist kaum vom Karminrot der Umgebung zu unterscheiden. Wie ein Geist, denkt Leyland und steigt in den Wagen.

Fünfter Akt

Endlich ist er unterwegs. Zwanzig Kanister, zusammen 1.000 Liter Treibstoff. Und im Bordtank sind weitere 800 Liter. Er hat keine Ahnung, wie viel zwei Außenborder verbrauchen, beschließt aber, nur mit halber Kraft zu fahren. Zudem ist die Strömung im Osten und er will schließlich nach Westen. Nach einer Stunde hat er Yirrkala schon weit hinter sich gelassen und steuert südlich von Cotton Island westwärts. Das Feuer liegt ebenso weit im Süden. Der Horizont ist dunkelrot und eine immense Rauchwolke liegt über dem Kontinent. Blickt er nach Norden, kann er blauen Himmel sehen. Blauer Himmel, denkt Leyland. Dass er sich jemals über eine solche Farbe am Himmel derart freuen würde, hätte er bis zu diesem Zeitpunkt nicht geglaubt. Er pfeift ein Lied und kontrolliert den Kompass. Auf 280 Grad westwärts mit leichtem Einschlag nach Norden. Sein nächstes Ziel ist die Durchfahrt von Bumaga nach Drysdale Island. Es könnte alles so schön sein, schießt ihm durch den Kopf. Das Wasser wird immer türkisfarbener, je weiter er sich von diesem brennenden, trockenen Moloch entfernt. Es muss irgendwo noch ein Fleckchen Erde geben, auf dem er überleben kann ohne den ganzen Mist, der gerade passiert. Ohne Angst haben zu müssen vor Infizierten, ohne ständig vor Dürren und Stürmen zu fliehen. Nach Norden, Richtung Timor oder den Molukken vielleicht … es braucht nur ein seetüchtiges Schiff.

Mit dem Stab kontrolliert er den Füllstand im unteren Treibstofftank. Er ist so gut wie leer. Also schleppt Leyland einen Kanister nach dem anderen unter Deck und kippt deren Inhalt über den Füllstutzen in den Haupttank. Vierzehn Kanister!, wundert er sich. Der Verbrauch ist doch höher als gedacht. Wenn der Geschwindigkeitsanzeiger korrekt arbeitet und er richtig gerechnet hat, ist er genau nördlich Maningrida, 80 Kilometer vor der Küste und 190 Kilometer westlich von Drysdale. Ein Drittel der Gesamtstrecke. Seit einer Stunde herrscht zunehmender Ostwind, was ihm in seiner Situation mit Westkurs zwar nützlich sein kann, aber er glaubt nicht an Glück. Nur an Berechnung. Auf der Karte findet er einen Ort namens Warruwi auf South Goulburn Island. Möglicherweise gibt es dort Treibstoff. Eine bessere Chance gibt es nicht. Leyland dreht auf 210 Grad Südsüdwest, lehnt sich an und legt die Beine auf den Steuerstand.

»Vielleicht sollte ich unnötigen Ballast über Bord werfen?«, fragt er den Kompass. Er bestätigt sich, dass diese Idee was hat und wirft als erstes die leeren Kanister über Bord, dann alles, was unnütz herumliegt. Die Sitze schraubt er aus den Verankerungen, den Anker löst er von der Trommel, Kisten, Werkzeug, alles übergibt er dem Meer. Selbst das Sonnenschutzdach reißt er mitsamt der Befestigung ab, denn der Wind kann das Boot über die Plane bremsen. Nach einer Stunde Arbeit wirkt das Boot nackt und Leyland trinkt eine ganze Flasche Wasser leer, wirft sie ebenfalls über die Reling und setzt sich. Er atmet tief ein und aus. In dieser Sekunde erhellt ein grelles Leuchten das Meer und tiefer Donner rollt über das Wasser heran. Er sieht sich um. Der Himmel ist schwarz und das Meer hat seine türkisgrüne Farbe verloren. Es ist grau geworden.

»Gottverdammt!«, flucht Leyland. »Wie konnte das so schnell näherkommen!?« Wie durch Zauberhand wächst die Dünung in die Höhe. Leyland schiebt den Fahrtenregler nach vorne. Der Bug kommt aus dem Wasser und er rennt nach unten, füllt die restlichen Kanister in den Tank, wirft sie ins Wasser und beobachtet den Kompass. Immer noch 210 Grad. South Goulburn Island sollte doch bald in Sichtweite kommen. Die Abstände zwischen den Blitzen werden kürzer und jeder Blitz immer monströser. Sie wachsen zu wahren Lichtwäldern, die an dutzenden Stellen das Wasser berühren oder nach oben in die Wolken sprießen, aus dem schwarzen Himmel eine dreidimensionale Wand aus purer Gefahr formen. Inzwischen bricht die Dünung, scharfkantige Wellenkronen entstehen. Der Wind formt sich zu Böen und die Böen wachsen zu einem Sturm, der wesentlich schneller ist als Leyland und sein Touristenboot. Mit Wucht haut er auf den Fahrtenregler, aber das Ende ist erreicht. Zweiundzwanzig Knoten und die Nadel auf dem Treibstoffanzeiger hat ein Eigenleben entwickelt, zittert sich dem absoluten Minimum entgegen. Leyland schreit, aber selbst dieser Schrei wird ihm vom aufkommenden Sturm geklaut. Ein Königreich für ein Fernglas, denkt er und sucht danach. Aber warum sollte es auf einem Aborigine-Boot ein Fernglas geben, wenn man damit nur zwei Kilometer zur nächsten Insel fährt? Sein Magen meldet sich, denn der Bug steigt nun jedem Wellenkamm entgegen, kippt darüber hinweg ins Tal und nimmt Fahrt auf für den nächsten Kamm. Gerade als er sich übergeben will, hört er ein Fauchen. Das Fauchen von eintausend Schlangen, aus eintausend langen, großen Röhren. Das Wasser zittert. Oder ist es Leyland, der zittert? Das ganze Boot? Er dreht sich um und sieht wie ein Schlauch das Wasser hinaufzieht, dem Meer klaut, als wäre es nichts. Eine ganze Bohrinsel könnte man darin unterbringen, erkennt Leyland. Und er erkennt ebenso, dass es keinen Zweck mehr hat. Mit einer schnellen Bewegung schaltet er die Motoren aus. Das Boot treibt quer zur nächsten Welle, die er nicht überblicken kann. Leyland denkt an Gott, dann hebt ihn die Kraft aus dem Wasser wie ein dürres Blatt.

Diese Geschichte

Entstanden im Jahr 2022 und die Nummer vier der zwölf Klimageschichten. Wir sind in Nordaustralien. Der Kontinent brennt. Ein Minenkonzern muss seine Bauxit-Mine schließen. Mit einem letzten Flugzeug sollen die Arbeiter geholt werden. Es kommt nicht. Zu viel Staub in der Luft. Um wegzukommen, tun die Männer alles. Vor allem sich wundern, dass die Aborigines so ruhig bleiben und das Land der Ahnen nicht verlassen können. Australien wird geräumt.

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Beste Grüße
Heiko

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