Die Frau, die wartet

Die Frau kommt auf mich zu, als ich einen Kiesweg auf der Deichkrone entlangwandere, inmitten einer aus grauen Schattierungen bestehenden Welt. Das einzig Vertraute ist das Knirschen der Kiesel unter meinen Füßen und das müde Heranrollen der Wellen, die eine nach der anderen auf dem feinen Sand auslaufen. Ich bleibe stehen und lausche. Kein Möwengeschrei, kein Zausen des Windes an meiner Jacke. Die Frau kommt näher, geräuschlos, mit einem kaum merklichen Lächeln. Sie bleibt unmittelbar vor mir stehen. Keinen halben Meter entfernt. Ich sehe mich um. Genug Platz, um an mir vorbeizukommen. Warum tut sie es nicht?
»Sie habe ich gesucht«, sagt sie.
Ich lege die Hand auf meine Brust. »Mich? Warum?«
»Ich wusste, dass wir uns hier treffen.«
»Aber …«
»Gehen Sie bitte nicht weg. Ich werde bald wieder da sein.« Noch bevor ich etwas erwidern kann, löst sich ihr Körper vor meinen Augen auf. Rotierenden Staubfahnen gleich, zerfällt sie innerhalb weniger Augenblicke in Myriaden kleinster dunkler Körner, hinweg getragen von aus dem Nichts auftauchenden Böen. Zügig verschwindet sie. Ich stehe allein auf der Deichkrone inmitten der grauen Welt.

Zwei kurze Piepser, dann ein langer Ton. Sechs Uhr. Der Radiowecker erwacht zum Leben und holt mich aus dem Reich der Träume. Deutschlandfunk, Nachrichten. Der Überblick. Bolsonaro nicht mehr in eine dritte Amtszeit gewählt, aber Wahlanfechtung. Betrug seitens der Opposition, sagt er, ruft das Militär zu Hilfe. Ausländische Mächte wollen ihn stürzen durch Wahlbetrug, fabuliert er. Notstand ausgerufen. Brasilien könne nur durch ihn gerettet werden.
»Idiot«, ist mein erster Gedanke. Dann erinnere ich mich an den Traum, eine unbestimmbar lange Wanderung auf der Deichkrone, die graue Welt. Und die Frau, die sich nach wenigen Worten in einer Art Staubwolke auflöst. Ich spüre Wehmut aufkommen, denn ich erinnere mich nicht an ihr Gesicht. Venezuela, Bürgerkrieg geht ins fünfte Jahr. UNHCR fordert die Weltgemeinschaft auf, für die Flüchtlingslager in Kolumbien und Guayana zu spenden. Die Menschen verhungern. Was sollen sie sonst tun? Etwa leben? Oder sterben? Ich schalte das Radio aus und denke daran, mich zu befriedigen, von etwas Schönem tagträumen, einem Sehnsuchtsort mit nur einem Sehnsuchtsmenschen, aber mir fällt nichts ein. Weder Ort noch Mensch. Also liege ich still und lausche den wenigen Geräuschen, die spärlich durch das gekippte Fenster eindringen. Das eine oder andere Flugzeug. Selten ein einsamer Vogel, dessen Zwitschern und Trällern ohne Antwort bleibt. Menschen. Sechs Uhr fünfzehn, Zeit aufzustehen.

Um diese Arbeit beneidet mich niemand. Auf eine Menge Holoschirme starren. Verkehrsüberwachung Kölner Ringe. Auf Holoschirme starren ist nicht die korrekte Bezeichnung. Ich starre darauf, zwischendurch jedenfalls, weil ich im Moment des Starrens nichts anderes zu tun habe. Die Arbeit wird von einer Software erledigt. Ich bin so eine Art Alibikontrolleur. Nichts Weltbewegendes. Solange die Software funktioniert, läuft alles tadellos. Unfallmeldungen mit GPS-Angaben, Meldung verdächtiger Personen, Gesichtserkennung. Mit dem holographischen Handschuh auf einen Mann zeigen, markieren, das rote Feld berühren. Er benimmt sich verdächtig, schätze ich. Rotes Feld ist Markierung setzen mit einem Laser. Eine Polizeidrohne startet von irgendwo und folgt ihm. Die Exekutive übernimmt. Meine Kollegin seufzt.
»Warum hast du ihn markiert?«
»Sieht verdächtig aus.«
Ich weiß, dass sie mich fixiert. Meinen Nacken, den schlecht sitzenden Hemdkragen, ungebügelt wie er nun mal ist.
»Ich werde nie verstehen, warum du das immer tust«, raunt sie.
»Das ist auch nicht notwendig.«
»Ich glaube, du bist so voller Langeweile, dass du nicht mal einen Selbstmord hinbekämst«, ätzt sie. Ich weiß nicht, was ich antworten soll. Die Software reagiert auf einen Auffahrunfall kurz vor dem Rudolfplatz. Beschädigung der Batterie wird angezeigt. Lithium-Akku. Ein Spezialfahrzeug der Feuerwehr wird angefordert. Der Ring wird gesperrt. Null Verletzte. Ich höre sie schnaufen hinter mir.
»Ich habe es schon probiert. Du hast recht«, erwidere ich und bin selbst davon überrascht, ihr das zu gestehen. Wir kennen uns seit zehn Jahren, haben unser beider Gesichter in all dieser Zeit aber höchstens ein paar Dutzend Mal eingehender betrachtet durch das Wechseln zweier Blicke, statt des üblichen Ignorierens. Sie antwortet nicht, also denke ich ebenfalls nicht mehr darüber nach.

Die Nachtschicht kommt pünktlich um 20 Uhr. Ich räume meinen Platz.
»Was Besonderes vorgefallen?«
Routinefrage. Lies dir die Logdateien durch, denke ich, dafür sind sie da. Natürlich weiß ich, dass die Menschen fragen müssen, egal wie viele exakte Informationen sie in dieser Sekunde abrufen können. »Alles wie immer. Wird sicher ‘ne ruhige Nacht.«
Er lässt sich in den Sessel fallen, stellt diverse Brotboxen auf dem Tisch ab. »Sieh bitte zu, dass nicht wieder alles voller Brotkrümel ist, morgen früh.«
Er dreht den Kopf. Gerade so weit, um nicht in meine Augen sehen zu müssen. »Jaja …«
Ich sehe die Brotkrümel, Käsebrocken und Gurkenscheibenreste förmlich vor mir. »Tschüss. Angenehme Nacht«, sage ich zu seinem Hinterkopf.
»Ja ja …«
Umkleidekabine, Fingerabdruck beim Abmelden und draußen bin ich. Meine Kollegin steht am Abstellgitter für die Fahrräder. »Gute Nacht«, sage ich.
Sie nickt, nimmt ihr altmodisches Hercules aus dem Rahmen und schwingt es vor meine Füße. »Gehen wir noch was trinken?« Ich starre auf ihren wieder verschlossenen Mund wie auf die Holoschirme oben im zweiten Stock. Für wie lange, weiß ich nicht. Die Zeit hat sich für einen Moment verabschiedet. Lediglich ihre Hand vor meinem Gesicht nehme ich wahr, und das Schnippen ihrer Finger. »Schläfst du im Stehen?«
Mir fällt die Frau aus dem Traum ein, an deren Gesicht ich mich nicht erinnere. Ich bin mir jedoch sicher, dass es nicht meine Kollegin ist. »Ich denke nur gerade an etwas.«
Sie presst die Lippen zusammen und nickt leicht mit dem Kopf. »Also was ist? Gehen wir was trinken?«
»Wo?«
Ihre Augen verdrehen sich. Ich deute es als Reaktion auf meine Frage.
»Gut, also gehen wir was trinken. Ich kenne aber nichts hier in der Nähe.«
»Ich schon«, antwortet sie und schwingt sich aufs Fahrrad. Gemütlich radelt sie los. Ich trotte hinterher, quere die Turiner Straße, weiter in den Thürmchenswall, vorbei am Eigelstein-Tor. Über unseren Köpfen surren zwei Polizeidrohnen. Gesichtserkennung. Ich winke. Der Überwachungsdienst sitzt im selben Gebäude wie die Verkehrsüberwachung. Man kennt sich. Sie fährt den Eigelstein entlang. Café an Café, Touristenmagnete, Touristenpreise. Was tue ich hier? Die Minuten verstreichen und ich fühle eine enorme Müdigkeit in mir. Mit der Schuhspitze bleibe ich an einer Gehwegplatte hängen, die nach oben absteht. Jemand kichert und ich sehe meine Kollegin nicht mehr. Dafür ihr Fahrrad, angelehnt an einen Verteilerkasten, keine zehn Meter weiter. De schäl Sick steht auf einem Holoschirm über der Tür. De schäl Sick? Ich bin verwundert und trete ein. Fünf Gäste an der Theke, zwei mit dem Kopf auf derselben, die Augen geschlossen. Einer davon mit einem langen Speichelfaden am Mundwinkel. Seine Arme hängen kerzengerade nach unten. Im hinteren Eck sitzt meine Kollegin. Durch eine Schwingtür kommt eine alte Dame und stellt ein Tablett voll mit Gläsern neben die Schankanlage.
»Nabend, Jung! Wat krichste?«
»Kölsch.«
»Is in der Mache.«

Ich setze mich ihr gegenüber. Der letzte Tisch vor den Toiletten. Es riecht ein wenig streng. Warum hier? Und warum kenne ich ihren Namen nicht?
»Da biste ja.«
»Ja. Bin draußen über eine Gehwegplatte gestolpert. Hab dann dein Fahrrad gesehen. Nette Kneipe hier. Aber …«
»Ja, falscher Tisch. Neben dem Klo. Ich sitze immer hier. Was dagegen?«
»Nein. Hab es nur angemerkt.«
Sie nickt. Die Alte bringt uns zwei Kölsch und ritzt mit einem monströsen Ring am kleinen Finger ihrer rechten Hand zwei kleine Schlitze in die Holzplatte des Tischs. Ich sehe die Alte verwundert an. Sie dreht sich um und verzieht sich an die Zapfanlage.
»Ich weiß noch nicht mal, wie du heißt“, eröffne ich meiner Kollegin und greife vorsichtig nach dem Kölsch-Glas, lasse es an ihrem Glas klacken und trinke auf einen Zug aus. Sie tut es mir gleich, wischt sich aber mit dem Jackenärmel über den Mund.
»Ariane.«
»Ariane? An so einen ungewöhnlichen Namen würde ich mich erinnern. Wir sitzen seit zehn Jahren Rücken an Rücken und schließlich wurden wir uns sicher irgendwann mal vorgestellt … oder nicht?«
»Wurden wir. Deswegen kann ich dir sagen, dass du Heinrich heißt.« Sie hält die Hand hoch und schnippt mit den Fingern. Zwei volle Gläser kommen. Der Ring kratzt in den Tisch.
»Ja, das wurden wir wohl …«
»Mach dir nichts draus. Seit zehn Jahren halte ich dich für einen Idioten. Namen sind egal, wenn es sich um Idioten handelt.«
Ich ziehe schlechte Toilettenluft ein und nicke. »Ja, da hast du recht.« Ariane verzieht den Mund zu einem gepressten Grinsen. »Jetzt sitzt du sogar mit einem Idioten in einer Kneipe. Ist das nicht ein wenig einsam?«
»Wäre es, stimmt. Aber ich brauche deine Hilfe.«
Ich lehne mich zurück und trinke leer. Mit erhobener Hand und einem Fingerschnippen bestelle ich ein neues Kölsch. Die Alte bringt gleich zwei. »Ich habe keine Ahnung, wie und bei was ich helfen könnte. Samstags die Einkäufe hochtragen?«
Ariane ignoriert meinen Schwachsinn und trinkt ihr Glas ebenfalls leer, stellt es vorsichtig beiseite und schreibt mit dem kleinen Finger ihrer rechten Hand unsichtbare Zeichen auf den grandios ramponierten Holztisch.
»Ich habe vor kurzem gelesen, dass du früher mal Analytiker warst. Datenanalyse, grafische Analyse, lauter so Zeug. Stimmt das?«
»Ja, das stimmt. Ist allerdings schon über 15 Jahre her.« Ich räuspere mich. Die Alte drüben deutet das als Bestellung und stellt zwei weitere Gläser auf den Tisch. »Woher weißt du das?«, hake ich nach. Ariane greift das Kölsch.
»Ich war letztens beim Chef drin, Urlaubsantrag und so. Er musste plötzlich dringend auf Klo. Deine Akte lag auf dem Tisch und ich war neugierig.«
»Neugierig auf was? Beim Chef liegen eine Menge Akten auf dem Tisch. Er ist notorisch unordentlich. Was also dachtest du ausgerechnet in meiner Akte zu finden?«
»Nichts!« Sie stellt das Glas ab und schwingt ein Bein über das andere. »Muss frau immer was entdecken wollen, wenn sie neugierig ist?«
»Natürlich nicht.«
»Da du ein Idiot bist, wärst du nicht neugierig gewesen in so einem Fall, was?«
»Wohl nicht.«
»Klar. Dir fehlt das Interesse für alles um dich herum.«
Ich versuche mich zu erinnern, wann ich das letzte Mal wütend wurde aufgrund von Beleidigungen. Es fällt mir nicht ein. Ariane schüttelt den Kopf.
»Du bist 52 Jahre alt. Steht in deiner Akte. Und du hast Scheiße gebaut. Bist aus dem Staatsdienst geflogen. Seither bei der Verkehrsüberwachung. Nicht verheiratet. Kinderlos. Null Urlaubsanträge in den letzten Jahren. Sie haben dich an jedem Jahresende einfach vier Wochen nach Hause geschickt.«
»Der Chef war aber ziemlich lange auf dem Klo. Bei all den Informationen, die du dir merken konntest.«
»Eidetisches Gedächtnis.«
Ich presse die Lippen aufeinander und setze mich aufrecht. »Es ist besser, mir zu verraten, wobei ich helfen könnte, denn ich würde gerne nach Hause gehen.« Ariane kratzt sich an der Stirn.
»Okay, okay, ich sag es dir. Aber falls du mir nicht helfen willst, dann bitte ich dich, nichts davon zu irgendjemandem zu sagen.« Ihren Blick deute ich als flehend. »Auch nicht, dass ich in deiner Akte geschnüffelt habe.«
»Einem Idioten wie mir, dem alles egal ist, wird das wohl auch egal sein. Nicht wahr?«
Sie grinst und hebt die Hand. »Bring mal zwei Jägermeister, bitte.«

Die Alte erledigt den Auftrag sofort.
»Also, Heinrich«, Ariane kippt den Jägermeister in ihre Kehle, rollt das Gläschen in ihrer Hand und fixiert mich, »seit ein paar Wochen schickt mir jemand täglich ein Video. Per Mail. Ist nur ein kleines Video. Ich habe den Absender blockiert. Dann kam es mit neuem Absender, es kommt auch per e-Rechnung über den Provider, über meinen Telegram-Account als Supporthinweis, es kommt von überall. Ich habe keine Ahnung, wie diese Person das macht …«
»Was ist der Inhalt des Videos?«, unterbreche ich sie.
»Ja, das ist nicht so einfach zu erklären …«, sie stellt das Gläschen ab und formt mit ihren Händen eine Art Kugel. »Es ist, nein, das erste Video war unscharf, wie graue Kartoffelsuppe oder so. Du verstehst?«
Ich nicke und trinke das Kölsch leer.
»Mit jedem neuen Video wurde es schärfer, klarer. Inzwischen bin ich mir sicher, dass es eine Frau ist, die ich da sehe, und …« Sie schweigt und mustert mich mit prüfendem Blick. Als müsse sie sich vergewissern, ob ihr Gegenüber nicht doch ein völliger Schwachkopf ist.
»Und?«
Ariane gibt sich einen Ruck. »Seit einer Woche träume ich dieses Video. Es ist eine Frau. Aber nicht ich.«
Mein Ohr juckt. Mit einem Fingernagel fahre durch eine der Rillen. »Also … bekommst du es jetzt nicht mehr geschickt? Du träumst es jetzt?«
Sie blickt kurz irritiert. »Verzeihung, ja, das habe ich jetzt vergessen. Ich träume es jetzt nur noch. Keine Mailanhänge mehr, nichts. Aber weißt du, was verrückt an der Sache ist?«
»Nein.«
»Mit jedem Traum wird es schärfer, also klarer. Und ich träume es nur in Schwarzweiß.«
»Für jeden zwei Jägermeister, bitte!«, rufe ich zur Theke und kippe den vor mir stehenden in einem Zug runter.
»Da braucht man ein Schnäpsken, was?«, stellt Ariane fest und lehnt sich zurück. »Ich meine, erst ein Video täglich, egal über welches Medium. Dann wird es immer schärfer, ich erkenne immer mehr. Dann plötzlich nichts mehr und ich träume das verdammte Ding, und auch da kann ich immer mehr erkennen! Da muss man ja durchdrehen, oder?«
Die Alte kommt und stellt den Jägermeister auf den Tisch. »Soll ich lieber die Flasche bringen?«, will sie wissen.
»Ja«, sagt Ariane.
»Nein!«, erwidere ich. »Bloß nicht.« Sie macht kehrt und verschwindet. Ich presse die Luft aus und stelle mir vor, was Ariane gerade gesagt hat. »Hat diese Frau in deinem Traum schon etwas zu dir gesagt?« Ariane sieht mich bestürzt an, als säße der Leibhaftige vor ihr.
»Wie kommst du darauf? Ich meine, woher weißt du …«
»Hat sie dir gesagt Ich habe Sie gesucht, Ich wusste, dass wir uns hier treffen, Gehen Sie bitte nicht weg. Ich werde wiederkommen?«
Ariane sitzt wie in Stein verwandelt auf dem Stuhl und starrt durch mich hindurch. Ihr Gesicht ist aschfahl. Ich reiche ihr den Jägermeister. »Hier. Trink. Das wird helfen.« Mechanisch nimmt sie mir das Glas aus der Hand und leert es. Ich ahne, welche Vermutung in ihrem Kopf entsteht. »Nein. Ich war es nicht, der dir dieses Video geschickt hat. Schließlich bin ich ein Idiot, dem alles egal ist. Auch du. Schon vergessen? Und wie sollte ich wohl in deine Träume kommen?«
Sie schüttelt leicht den Kopf, ein wenig Farbe kehrt in ihr Gesicht zurück. »Und woher …«
»Ich habe diesen Traum auch seit einer Woche.«

»Sag mir, ob ich spinne?«, will Ariane wissen. Den Deckel hat sie übernommen und wir stehen vor ihrer Wohnung im Gereonswall direkt vor der Unterführung.
»Wie soll ich das wissen? Wir haben offenbar seit einer Woche denselben Traum. Meine Mailadresse rufe ich so gut wie nie ab. Mein Handyakku ist dauernd leer. Ich kaufe so gut wie nichts, gehe kaum aus dem Haus …«
Ariane runzelt zusehends ihre Stirn. »Es könnte also sein, dass du auch ein Video bekommen hast.«
Ich nicke ihr zu. »Schon möglich.«
Sie dreht sich um, holt den Schlüssel aus ihrer Hosentasche und schließt die Haustür auf. »Komm mit hoch. Ich zeige dir die Videos.« Nase rümpfend folge ich ihr durch die Haustür in den zweiten Stock. Warum müssen Treppenhäuser immer die Düfte aus 100 Jahren speichern? Ich stelle mir vor, ein Hund zu sein, der hunderte Jahre Menschheitsgeschichte durchsteigt, innerhalb von 48 Stufen. Ariane ahnt etwas.
»Deine Nase arbeitet noch gut?«
»Scheint so. Welcher dieser Düfte ist schon tot?«
»Seit ich hier wohne, ist noch keiner gestorben.«
Sie holt den Schlüssel aus der Jackentasche und schließt auf. Das Schloss hat mehr eine Alibifunktion. Die Tür ist so verzogen, dass an mehreren Stellen der Blick in den Flur gelingt.
»Ich dachte, du könntest nachvollziehen, wer mir das Video geschickt hat? Geht das?«
Ich zucke mit den Schultern und drücke das Türblatt ins Schloss. »Geht schon, aber das kann ein bisschen dauern und es gibt keine Garantie auf Erfolg.« Es ist zu dunkel, um Arianes Gesichtszüge zu erkennen. Sie schweigt und rührt sich nicht für einige Sekunden. Um sie herum entsteht eine Art Aura, unsichtbar und kalt. Ich kann sie deutlich fühlen, mich fröstelt es einen Moment. Ariane hat Angst. »Machen wir erst mal Licht! Und ein Kaffee täte mir jetzt ganz gut, denke ich«, versuche ich sie abzulenken. Arianes Hand greift neben mich. Das Flurlicht geht an und es rumpelt deutlich im Fußboden. »S-Bahn?«
Sie nickt und zupft mich am Ärmel. »Komm. Der Rechner ist im Wohnzimmer.« Sie geht vor und ich sehe im Licht weder eine peinlich aufgeräumte Wohnung noch ein totales Chaos. Alles völlig normal. Wie bei den meisten Menschen, nehme ich an. Ich kann nicht viel sagen über Ariane, meine Kollegin der letzten zehn Jahre. Pünktlich, kaum krank. Zuverlässig und korrekt. Stürbe sie morgen, wäre sie übermorgen vergessen. Ebenso wie ich. Sie deutet auf eine Tür.
»Das Wohnzimmer. Rechner steht am Fenster. Ich mach uns einen Kaffee.«
Im Wohnzimmer ist spärliches Licht. Die Straßenlaternen und die Bahnanlagen beleuchten ein Bücherregal, einen Wandschirm mit Flachboxen, eine Couch mit Fußablage. Vor dem Fenster steht ein offensichtlich sehr alter Holztisch. Darauf liegt ein modernes Pad von Apple. Gardinen gibt es nicht. Eine weitere S-Bahn mit hell erleuchteten Fenstern zieht vorbei. Der Boden zittert wieder.
»Willst du deinen Kaffee stark?«, ruft sie aus der Küche.
»Ja, bitte. Mit einem Löffel Zucker. Keine Milch.«
Sie antwortet nicht, also wird sie es verstanden haben. Ich höre einen Wasserkocher, das Öffnen einer Blechdose, einen Löffel in einer Tasse. Meine Sinne wölben sich förmlich nach innen. Ich stürze in mich zusammen wie ein vakuumierter Gefrierbeutel. Meine Hände suchen Halt auf der Stuhllehne. Ein Güterzug rollt langsam vorbei, die dumpfen Vibrationen schaffen es nicht bis in mein Hirn. Was passiert gerade? Keine Ahnung. Das Licht geht an und ich sehe mich im Fenster. Eine Stimme sagt etwas, weit außerhalb von mir. Dann packt mich jemand, greift fest meinen Arm und dreht mich.
»Was ist mir dir?«
Nichts, denke ich, es ist doch nichts.
»Du weinst? Warum? Was ist denn?«
Ich starre Ariane in die Augen, dann auf einen Punkt am Boden hinter ihr. Parkett. Ich weine? Da spüre ich tatsächlich etwas Feuchtes über meine rechte Wange rollen, in den Mundwinkel hinein. Es ist salzig. Und auf der anderen Seite ebenso.
»Setz dich mal da hin«, sagt Ariane und zieht den Stuhl neben mir hervor. Vorsichtig drückt sie mich auf das schwarze Kunstleder. »Willst du lieber einen Schnaps?«
»Nein. Keinen Alkohol.«
»Okay, schau, der Kaffee steht auf dem Tisch. Es ist nur Löslicher. Ist das schlimm?«
Unwillkürlich ziehe ich tief Luft ein und stoße sie langsam wieder aus. Dann drehe ich mich mit Stuhl um, entdecke die Tasse und trinke einen Schluck vom löslichen Kaffee.
»Wie schmeckt er?«, will sie wissen, zieht einen weiteren Stuhl heran und setzt sich neben mich.
»Schmeckt wie löslicher Kaffee. Ist schon okay. Hauptsache Zucker drin. Vielen Dank.«
Ariane hebt ihren Ellenbogen auf den Tisch und stützt den Kopf mit der Handfläche. »Darf ich dich was fragen, Heinrich?«
»Alles.«
»Was habe ich da gerade erlebt?«
»Kann ich dir nicht sagen. Kommt ab und zu mal vor, in ganz seltenen Momenten. Ich glaube, bestimmte Dinge müssen zusammentreffen, dann geschieht es.«
»Und du willst nicht wissen, welche das sind?«
Ich schüttle den Kopf und trinke einen Schluck. Gar nicht mal so schlecht. »Lass uns anfangen«, sage ich. Ariane mustert mich für einige Sekunden, dann dreht sie den Stuhl zum Fenster und schaltet den Rechner an.
»Okay. Ich zeig dir die Videos eines nach dem anderen.«

Beim letzten Video ist meine Tasse leer. Mir ist klar, dass ich gerade mit zunehmender Schärfe meinen eigenen Traum gesehen habe. Auch wenn noch reichlich Details fehlten. Ich lehne mich zurück. Die S-Bahn nach Mönchengladbach rumpelt vorbei. »Es ist das, was ich in meinem Traum sehe. Hier fehlt der Ton«, ich sehe Ariane an, »aber in deinem Traum gibt es Stimmen, nicht wahr?«
Sie nickt.
»Und sie sagen das, was ich dir erzählt habe.«
»Ja, genau das.« Sie schluckt hörbar. »Was könnte das bedeuten, Heinrich? Drehen wir gemeinsam durch?«
Es juckt in meinem linken Ohr. Ich kratze mich. Sofort ist es mir peinlich. Als wäre ich hier daheim. Gemeinsames Durchdrehen?
»Ich denke nicht. Kopier bitte die Videos auf einen Stick. Zu Hause schau ich sie genauer an.« Ich blicke mich um. »Hast du Zettel und Stift? Dann schreib ich dir meine Mailadresse auf. Schick mir die Mails. Mal sehen, wo sie herkommen.«
Ariane zögert, schaut kurz aus dem Fenster und presst die Fingerspitzen in die Handflächen. Die Haut wird weiß.
»Was ist?«
»Ich habe Angst«, antwortet sie leise. Darauf weiß ich keine sinnvolle Antwort. Mir ist plötzlich bewusst, wie sehr ich schon außerhalb der Menschen stehe. Wie wenig ich mit ihnen rede, mich für sie interessiere. Wie egal sie mir sind. Also trinke ich den Kaffee leer. »Der Stick, Ariane. Ich bin müde.« Sie steht wortlos auf, verschwindet in der Küche und kommt mit einem Flash-Stick wieder, legt ihn auf den Tisch.
»Da sind schon alle Videos drauf. Ich hab gehofft, du würdest mitkommen.«
Ich stecke den Stick ein. »Zettel und Stift?«, erinnere ich sie.
»Sag es mir. Ich hab ein gutes Gedächtnis.«
»HeinrichPunktOhneland ät deutschemail.net.«
Sie zieht die rechte Augenbraue hoch. »Hieß der nicht Johann Ohneland?«
»Sicher. So hieß der.« Der Boden zittert heftig und lang. Wir schweigen, bis es vorbei ist. »Ich könnte hier nicht wohnen«, sage ich und stehe auf. »Ich werde zwei, drei Tage benötigen, um das zu durchforsten. Schick mir die Mails gleich, dann kann ich vielleicht heute Abend noch anfangen. Ab übermorgen habe ich frei, dann ist eh Wochenende. Das sollte also bis Montag erledigt sein.«
»Danke«, erwidert sie. »Ich habe ab heute eine Woche frei. Darf ich am Samstag kommen und dir über die Schulter schauen?«
»Frei? Das wusste ich gar nicht.«
»Du siehst auch nie auf dem Dienstplan nach, wer mit dir arbeitet, weil es dir egal ist.«
»Weil ich ein Idiot bin.«
Sie nickt. »Darf ich am Samstag kommen?«, hakt sie nach. Der Fußboden zittert erneut. Oder bin ich das? Ich blicke über ihre Schulter auf ein kleines Gemälde. Blattlose Bäume in einer Winterlandschaft. Mein Schweigen dauert an und sie räuspert sich.
»Okay. Ich will nicht mit der Tür ins Haus fallen. Sag Bescheid, wenn sich was ergibt.«
Ich nicke, öffne die Tür mit einem Ruck und gehe.

Ich kenne den Weg nach Hause, gehe ihn auch. Aber ich sehe ihn nicht vor mir. Als hangelte ich mich an einem Faden entlang, der – extra gespannt für einen Idioten – zu einem Ziel führt, an dem ich mich aufhalte, wenn ich nichts zu tun habe. Am Sundermanplatz bleibe ich stehen und suche eine Bank. Die Beine versagen fast, als ich einen Blumenkübel erreiche und mich auf die harte Kante setze. Mein Herz pulsiert, als gälte es auf den letzten Metern eines Rennens alles zu geben. Egal um welchen Preis. Eine tiefe Angst breitet sich wie ein explodierender Stern in meinem Inneren aus und erreicht meine Finger, die sich krampfhaft schließen, die Augen, aus denen Tränen quellen, meinen Mund der sagt: »Was passiert hier?« Eine Hand legt sich auf meine rechte Schulter.
»Geht es Ihnen nicht gut?«
Die Stimme einer älteren Dame. Ich drehe mich um, aber im schlechten Licht der Laternen und durch meine Tränen hindurch erkenne ich nur wenig. Worte fallen mir keine ein. Dafür zucke ich mit der Schulter und wische mit dem Ärmel die Tränen weg. »Ich weiß nicht, was gerade passiert«, wiederhole ich. Sie zieht an meiner Schulter mit überraschend viel Kraft. »Kommen Sie, da ist eine Bank. Ich will mich auch hinsetzen.«
Ich stehe auf und sie dirigiert mich zu einer Metallbank. »Setzen Sie sich«, sagt sie in einem weichen Ton und drückt mich sanft auf das kühle Aluminium. »Lehnen Sie sich mal zurück und atmen sie tief durch. So wie ich.« Sie macht es vor und ich versuche es nachzumachen. Aber schon auf der Hälfte des Erreichten ist mir, als müsste ich gehen. Die Alte bemerkt es und sieht mich mitleidvoll an. »Wie viele Menschen sehen Sie hier auf dem Platz?«, will sie wissen.
»Keine Ahnung. Zwanzig oder fünfundzwanzig.«
»Sie haben ein gutes Auge. Dabei haben sie sich noch nicht mal wirklich umgesehen.«
»Meine Arbeit setzt ein gutes Auge voraus.«
»Wo wohnen Sie?«, fragt sie überraschend.
»Warum? Wollen Sie mich ausrauben?«
»Ihr Humor ist nicht der beste«, kontert sie. Ich sehe sie an. »Wissen Sie«, beginnt sie und legt ihren Kopf ein wenig auf die Seite, »Sie sind so leer wie eine alte Gemüsekonserve. Ich glaube, da ist noch nicht mal Luft drin. Wo haben Sie das alles gelassen?«
Jetzt starre ich sie an. »Was? Wo habe ich was gelassen?!«
»Den Mensch in Ihnen. Wo haben Sie ihre Liebe gelassen? Ihre Hoffnung? Ihr Mitgefühl? Ihr Leben? Wo haben Sie ihre Träume gelassen?«
Plötzlich werde ich wütend. »Ich kann Ihnen sagen, was ich träume …«
»Ich weiß, was sie träumen. Eine Frau sagt, sie sollen warten«, unterbricht sie mich. Einen Atemzug lang sehe ich nicht die Alte, ich blicke auf die Frau auf dem Deich, auf das trotz des Winds stille Meer. Ich stehe auf und gehe voller Angst nach Hause.

Drei Tage lang habe ich versucht, verwertbare Information aus Arianes Daten zu extrahieren, die auf egal welchen Absender schließen lassen – geschweige denn konnte ich den Weg der Mails anhand von Router-Adressen nachvollziehen; alles zwecklos. Auch in den Headern der Videodateien fanden sich keinerlei Hinweise auf einen Ersteller oder gar eine Software. Als kämen die Dateien von einem anderen Planeten. An meinen Mailaccount habe ich mich erst am Samstagabend getraut, um dann tausende von sinnlosen E-Mails zu löschen. Tatsächlich fanden sich im SPAM-Ordner die gleiche Anzahl Mails, wie Ariane sie bekommen hat. Identische Dateien mit ein und derselben Quersumme, keine Unterschiede in den Headern. Am Sonntag schmeiße ich alles in die Ecke und warte auf den nächsten Tag. Ich weiß, dass in dieser Nacht wieder die Frau kommt. Ich habe Angst vor ihr. Und zum ersten Mal seit vielen Jahren denke ich ohne ein Gefühl von Leere oder Sinnlosigkeit an einen Menschen. Einfach so.

Es ist schon kurz nach zehn Uhr am Montag, als Ariane in meinen Gedanken auftaucht. Hinter mir sitzt der Brotkrümel-Kollege. Ich höre die Brocken förmlich auf den Tisch fallen. Vollkornbrotstücke und kleine Gurkenscheiben. Er schmatzt und ab und zu stößt er auf. Es klingt wie das Aufeinanderpressen feuchter Handflächen. Blitzartig zieht sich mein Magen zusammen, genau um zehn Uhr und vierzehn Minuten. Ich spüre schmerzhaft tief, wie ich Ariane vermisse. Wie ich ihr etwas sagen will. Genau jetzt! Gott! Es hält mich nicht auf meinem Stuhl. Also stehe ich auf, drehe mich um und da sitzt das Vollkornbrot. Es ist zehn Uhr und fünfzehn Minuten. Der Holoschirm Nummer vier über dem Brotkrümel verändert seine Farbe zu Rot und ein Ausschnitt wird herangezoomt. Noch bevor die Person auf dem Boden liegt, sehen wir ein großes Bild. Der Bus der Kölner Verkehrsbetriebe rollt mit beiden Achsen über den am Boden liegenden Menschen. Mit einem Ruck ziehe ich das Schwarzbrot aus dem Stuhl und drücke die Drohne in Richtung lebloser Person; direkt an den Kopf. Und ich sehe Ariane. Ihr Gesicht am zerschmetterten Körper. Es sieht verwundert aus. Wie eine Frage, wie etwas Leichtes auf einer schweren Dünung, so erstaunt über all das Geschehen in diesem Leben auf dieser Welt. Der Kollege rappelt sich geräuschvoll auf und beginnt mich zu beschimpfen. Ich schlage ihn bewusstlos und verlasse das Büro. Mein Ziel ist Arianes Gesicht neben dem Heckteil der Linie 53. Abmelden, Fingerabdruck. Ihr Fahrrad steht gar nicht dort, wo es immer steht, denke ich. Aber wo muss ich hin? Ebert-Platz! Dort hinüber. Die Beine radeln los. Den Bus sehe ich nicht kommen.

Diese Geschichte

Enstanden im Jahr 2020. Auch hier wieder Anteile von Magischem Realismus. In einer nahen Zukunft unter überwachenden Drohnen sind da zwei Menschen inmitten ihrer Einsamkeit, die das gleiche Schicksal treffen wird. Wie immer gibt es keine Ähnlichkeiten zu lebenden oder verstorbenen Personen, Orten, Kneipen. Viel Spaß beim Lesen.

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Heiko

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