Veränderungen

KURZGESCHICHTE | In Sekundenschnelle entsteht ein gleißend heller Streifen entlang der Planetenrundung. Wie ein atmosphärisches Feuer. Ein Viertelring aus Flammen, dann zeigt sich die Sonne. Dook’haan wischt mit dem Finger über das Sichtsymbol und polarisiert die Optik. Es schaudert. Ein Hochgefühl rieselt durch es. Auf dem Kopf zeigen sich Wassertropfen der Erregung.
»Sondenfunktionen sind ausgezeichnet. Parameter optimal eingestellt«, hört es S’silet sagen. Dook’haan genießt das Panoramabild in allen Einzelheiten. Die Lichter der großen Städte erlöschen nach und nach, ein weiterer Tag im Leben der Menschen bricht an.
»Dook’haan?«
»Was gibt es, S’silet?«
»Du sinnierst.«
»Das ist nicht ungewöhnlich für mich. Stimmst du mir zu?«
»Ich stimme dir zu. Aber da ist noch mehr …«
S’silet schweigt und Dook’haan sieht sich im Beobachtungsraum um. Hinter sich entdeckt es das orange leuchtende Audiofeld. »Natürlich kann ich es vor dir nicht verbergen. Wäre dies gelungen, gäbe es Anlass zur Überprüfung deiner Parameter. Richtig?«
»Das ist korrekt.«
»Gab es diesen Fall schon einmal? Dass eine Quanteneinheit nichts mehr fühlen kann? Empathielos wurde?«
S’silet platzierte das Audiofeld vor Dook’haans Kopf. »Darüber gibt es genug Aufzeichnungen. Diese Fälle beschränken sich jedoch auf den Zeitraum der Entwicklung meiner Spezies.«
Dook’haan lächelte dem Wort ‚Spezies‘ nach. »Du bist keine Spezies, S’silet. Du bist eine Quanteneinheit, eingebettet in ein neuronales Netzwerk aus Nervenzellen.«
»Ich lebe«, entgegnet S’silet.
»Natürlich. Du lebst mittels Energie und Nährflüssigkeit.«
»Ebenso wie du, Dook’haan. Du lebst durch Nahrung und Blut.«
»Ich wurde geboren.«
»Und ich wurde erschaffen. Durch was unterscheiden sich Geburt und Erschaffen?«
Dook’haan atmet tief ein und aus. Die Atmosphäre ist frisch, kühl und ein wenig würzig.
»Lass uns arbeiten, S’silet.«
S’silet steuerte das Audiofeld vor das Bild des Planeten. »Ich habe gewonnen«, stellt er fest.
»Nein, S’silet, ich möchte nur zum jetzigen Zeitpunkt keine Diskussion darüber.«
»Wie du meinst, Dook’haan. Dann lass uns arbeiten, aber ich erinnere dich daran, dass ich vorhin anmerkte, „da ist noch mehr“.«
»Du vergisst nichts.«
»Natürlich nicht. Wie könnte ich?«
»Siehst du, S’silet? Das ist der Unterschied. Ich vergesse. Du nie.«

Dook’haan lässt S’silet einen Bericht über den Planeten erstellen, vom Zeitpunkt des Beginns der Aufzeichnungen bis zu dieser Stunde. S’silet kontrolliert sämtliche Sonden in orbitalen Bahnen und auf dem Planeten. Weder gibt es Ausfälle noch werden Entdeckungen von Sonden seitens der Menschen registriert.
»Wie hoch ist die Zahl der Sonden im Orbit?«
»Eintausend orbitale Sonden.«
»Und planetare?«
»Exakt zwei Millionen.«
»Um welchen Faktor müssen wir die Zahl der Sonden erhöhen, damit wir den seit der letzten Anpassung veränderten Parametern Rechnung tragen können?«
»Orbital um den Faktor zwei und planetar um den Faktor vier.«
»Dann erledige das. Passen wir die Zahl der Sonden an, planetar um den Faktor sechs.«
»Wie du meinst, Dook’haan.« S’silets Audiofeld wechselt in ein blaues Leuchten. Er ist beschäftigt. Dook’haans Blick fällt auf die westliche Afrika-Küste, die stetig auf dem Panorama-Bild nach Osten wandert. Große, weiße Wolkenfelder sammeln sich zu einem Tiefdruckzentrum mitten über dem tiefblauen Atlantik. Es denkt an Pieter Willem Botha.
»S’silet? Was macht unser Forschungsobjekt?«
»Pieter Willem Botha ist vorhin aufgestanden und kocht sich gerade einen Tee. Er hat die Nacht durchgearbeitet. Soll ich die Informationen kopieren und anzeigen?«
»Nein, aber … S’silet?«
»Ja?«
»Ich denke, der Zeitpunkt ist gekommen.«
»Welchen Zeitpunkt meinst du? Den deines Übergangs oder Pieter Willem Bothas Implementierung?«
Dook’haan lächelt in sich hinein. Es fühlt Glück und ist froh, mit S’silet eine Art Freund um sich zu haben, mit dem es sich immer auf eine angenehme Art reden lässt. »S’silet, bitte wecke Laarcht’haan und Troocht’haan. Wir müssen nun eine Entscheidung treffen.«
»Natürlich. Also Pieter Willem Bothas Implementierung. Ich werde die notwendigen Maßnahmen einleiten.«
»Vielen Dank, S’silet.«

Dook’haan lehnt sich zurück und sieht fasziniert auf den größer werdenden Tiefdruckwirbel. Wassertemperatur unter der Wolkendecke 28 Grad im Mittel. Hoch genug, um aus dem Tiefdruckgebiet einen Taifun werden zu lassen. Mit den Fingern zieht es das Abbild des Sondennetzes heran und dreht, bis es die Sondengruppe in Pieter Willem Bothas Haus entdeckt. Es tippt auf eine der Sonden und ein Konglomerat an Echtzeitübertragungen wird in einem gesonderten Teil des Holoschirms sichtbar. Botha sitzt vor dem Computer, tippt schnell und konzentriert Buchstaben auf der Tastatur. Dook’haan nimmt das Bild des Monitors zwischen zwei Finger und zieht mit einer Bewegung eine Kopie der Datei vor sich. Es ist ein Text. Geschrieben in Englisch. Es bereitet Dook’haan keine Probleme, den Text zu lesen. Alle an Bord beherrschten die Hauptsprachen dieses Planeten fast vollendet. Was in diesem Text steht, erregt Dook’haan auf wundervolle Weise. Text und Pieter Willem Botha geben den Ausschlag für Dook’haans Entscheidung. Die Entscheidung zum Übergang und zur Implementierung.

S’silets Audiofeld kreist langsam um Laarcht’haan und Troocht’haan. Dabei verändert es rhythmisch die Farben. Beide sitzen mit Dook’haan im Rund um ein halbluzentes, großes Abbild des Planeten herum, das sich in Echtzeit vor ihnen dreht. S’silet projiziert das Sondennetzwerk in angepasster Ausbaustufe auf die Oberfläche. Von wichtigen, planetaren Ereignissen zoomt er Liveübertragungen heran.
»Wie ist euer Zustand?«, will S’silet von beiden wissen. Laarcht’haan wendete den Blick von der blauen Kugel und starrt zu Dook’haan.
»Unsere Biowerte sind vorzüglich. Es geht uns gut. Danke der Nachfrage, S’silet. Was uns vielmehr interessiert, ist der Grund unseres vorzeitigen Erwachens. Laut S’silet waren wirr achtzig Planetenjahre in Stase. Somit fehlen zwanzig.« Laarcht’haan nickte zu Troocht’haan und zieht die Luft ein. »Ich nehme an, Dook’haan, dafür gibt es einen guten Grund?«
Dook’haan reduziert die Sichtbarkeit des Planeten. »In der Tat gibt es sogar zwei gute Gründe für Euer vorzeitiges Erwachen. Laarcht’haan, Troocht’haan … ich bin bereit für den Übergang.« Es schwieg und sieht durch das transparente Blau des Pazifiks auf seine Gefährten.
Laarcht’haan streckt sich, dann erhebt er sich und geht auf Dook’haan zu, schreitet mitten durch die Erde. »Das ist in der Tat ein mehr als guter Grund. All meine Segnungsgedanken möchte ich dir übermitteln.« Dook’haan erhebt sich ebenfalls und beide legen die Arme aufeinander. »Das ist sehr eindrucksvoll, Dook’haan. Zumal in unserer Situation. Es zeigt, dass unsere Spezies nach vorne schaut, immer. Auch wenn die Parameter widrig sind.« Laarcht’haan dreht sich zu Troocht’haan. »Du scheinst überrascht, Troocht’haan. Hat es dir die Gedanken geklaut? Komm zu uns herüber!«
Troocht’haan setzt sich aufrecht. Der Kontursessel folgt seiner Bewegung. Er hebt den rechten Arm, lässt ihn aber wieder sinken. »Du hast von zwei Gründen berichtet. Bitte, Dook’haan, nenne uns nun den zweiten Grund.«
Dook’haan senkt den Kopf, so wie es Erdenbewohner tun, wenn sie bereit zu einem Geständnis sind. »Ich habe einen Würdigen für die Implementierung gefunden.«

S’silet formt zwei Synapsen-Anschlüsse hinter Laarcht’haans und Troocht’haans Nacken. Daraus bilden Lichtleiter ein Bündel und verbinden sich mit den Nacken-Konnektoren der beiden. »Ich etabliere die Verbindung«, meldet S’silet. Dook’haan beobachtet das Prozedere vom Kontursessel. Es denkt an Pieter Willem Botha. Wie wird er reagieren?
»Verbindung etabliert. Ihr seht eine Zusammenfassung über die Zeit seit unserer Ankunft. Das Raster ist grobmaschig bis zum Beginn eurer Stase, dem Planetenjahr 1934. Ab da werde ich kategorisieren nach Bedeutung. Übertragungen laufen.«
Dook’haan steht auf und geht in die Biokammer. Der Daten-Uplink wird Zeit beanspruchen. »S’silet?«
»Ja, Dook’haan?«
»Ist die Schlafbox vorbereitet?«
»Alle medizinischen Parameter sind gegeben und überprüft. Du musst dich nur in die Box begeben.«
»Das ist gut. Kannst du in etwa sagen, wie lange Laarcht’haan und Troocht’haan am Datenlink hängen werden?«
»Nicht genau. Ich interpoliere die Werte und komme dabei auf … 45 Einheiten oder – in der Zeitmessung der Menschen – auf dreißig Stunden. In den letzten achtzig Menschenjahren sind Anzahl und Umfang der Ereignisse auf dem Planeten exponentiell angestiegen. Das dadurch gesammelte Datenvolumen entspricht dem von fünf Jahrhunderten.«
»Die Menschen können äußerst fleißig sein.«
»So formuliert, klingt es sehr positiv.«
»S’silet, höre ich das von den Menschen angewandte Konzept der Ironie heraus?«
»Ein sehr effizientes Konzept der Infragestellung von Handlung jeglicher Art.«
»Die Menschen sind sprachbegabt.«
»Das sind sie in der Tat.«
S’silet schweigt, wechselt von orange zu grün und wieder zurück. »Dook’haan. Hast du dich entschieden, wonach du strebst? Was soll ich vorbereiten?«
»Ich werde weiblich«, sagt es langsam.
»Eine kluge Wahl.«
»Vielen Dank, S’silet.«
»Bitte begib dich in die Schlafbox.«

»Ich registriere, du bist wach. Ich hebe deinen neuen Namen ins Vermächtnis aller, die diesen Weg gegangen sind. Willkommen Dook’heen.«
Dook’heen hält die Augen geschlossen. Sätze aus einem Buch Pieter Willem Bothas kommen ihr in den Sinn. Sätze, die sie ab diesem Tag verstehen wird. Sie kann fühlen.
»Ich fühle. Es ist überwältigend, S’silet. Überwältigend. Bei allen Völkern …«
S’silet öffnet die Schlafbox. »Du weinst, Dook’heen.«
»Ich spüre es.«
»Möchtest du, dass ich die Tränen trockne?«
»Nein. Es ist faszinierend.«
S’silet schweigt. Dook’heen hebt eine Hand an die Augen, benetzt zwei Finger mit Tränen. Wärme. Sie sind so warm, direkt aus mir, denkt sie und richtet sich auf, öffnet die Lider, sieht an sich herunter. Sie ist ein Weibchen. »Ich möchte mich betrachten, S’silet.«
»Aber natürlich. Ich werde eine Projektionsfläche errichten.« Dook’heen steigt aus der Schlafbox. Die Füße sind schmäler geworden, länger vielleicht und die Farbe der Haut hat sich verändert. Dunkler als sie zuvor war. »Du kannst dich nun betrachten, Dook’heen. Direkt vor dir.« Zögerlich fällt ihr Blick auf die Projektionsfläche. Das Abbild lässt sie all die Gedanken vergessen. Dook‘heen staunt.
»Das bin nun ich.«
»Das bist du, Dook’heen. Bis ans Ende Deiner Tage. Das ist der Weg, den du gewählt hast.«
Schmerz breitet sich aus wie Licht im Raum. Ein Klumpen davon in ihrem Bauch, der rasend schnell größer wird und erneut Tränen aufsteigen lässt. Sie schluchzt unvermittelt.
»S’silet …«
»Beruhige dich, Dook’heen. Beruhige dich. Alles ist normal. Erzähle mir, an was du gedacht hast.«
»Wir kommen nie mehr nach Hause.«
»Das ist technisch gesehen korrekt. Aber wir keine Kenntnis über noch nicht entdeckte Möglichkeiten oder Linien des Lebens, denen wir noch begegnen können. Deshalb ist es nicht sinnvoll, eine solche Feststellung zu treffen.«
Dook’heen zieht Flüssigkeit in der Nase nach oben. »Ja, du hast recht. Natürlich. Verzeih mir. Bitte gib mir Kleidung, damit ich mich anziehen kann.«
»Gerne. Schau bitte nach rechts. Dort liegt schon passende Kleidung. Bedenke, dass dein Zustand ungewohnt ist. Gefühle zu empfinden und mit ihnen umzugehen, ist ein komplexer und langwieriger Lernprozess.«
Dook’heen starrt auf den Einteiler, der ab nun ihre Bekleidung ist. Er besteht aus einem dunkelblauen Nanomaterial. Die Farbe der Weibchen. Sie steigt hinein und atmet tief ein und aus.

Laarcht’haan und Troocht’haan beobachten halbtransparente Teilausschnitte des blauen Planeten, tuscheln miteinander und vernehmen Dook’heens Schritte, als sie den Observationsraumraum betritt. Sie unterbrechen ihr Gespräch und drehen sich zu ihr. Für einen Augenblick meint Dook’heen Erstaunen in beider Gesichter zu sehen. Laarcht’haan verbeugt sich.
»Wir heben deinen neuen Namen hinauf in das Vermächtnis aller, die diesen Weg gegangen sind. Willkommen.«
Dook’heen berührt Laarcht’haans Arme und schaut zu Troocht’haan. Das Erstaunen ist nicht aus seinen Augen entwichen. Zögernd berührt er Dook’heens Schulter.
»Dook’heen … die Metamorphose ist erstaunlich gut gelungen. Ich drücke meine Bewunderung aus.«
»Lasst mich euch danken. Wie ich sehe, habt ihr euer Update beendet.«
»Ja, das haben wir in der Tat. Schon vor einigen Einheiten. Dein Übergang hat um einiges länger gedauert als üblich. Dafür ist das Ergebnis umso beeindruckender.«
Dook’heen lächelt Troocht’haan an. »Ich danke dir, ich danke euch beiden für Langmut und Verständnis. Konntet ihr in dieser Zeit prüfen, ob die Möglichkeit einer Zustimmung zur Implementierung besteht?«
Laarcht’haan und Troocht’haan sehen sich an, drehen die Innenseiten ihrer Handflächen nach oben. »Wir haben alle Informationen geprüft und sind zu dem Entschluss gekommen, dass eine Implementierung dieses Menschen gerechtfertigt ist«, erklärt Laarcht’haan. »Allerdings gibt es einen Punkt, zu dem wir noch Informationen benötigen.«
»Bitte, äußert eure Überlegungen.«
»Er ist ein Schreiber«, gibt Laarcht’haan zu bedenken, »ein Schriftsteller, wie die Menschen sagen, und es ist absehbar, aufgrund seiner persönlichen Umstände, dass er auf keinen Fall jemals Bedeutung erlangen wird. Außer in dem, was er tut: Schreiben. Doch auch hier ist sein Wirken eher regional begrenzt. Wir meinen, dass eine Implementierung hier zu keinem Ziel führen wird.« Laarcht’haan legt eine bedeutungsvolle Pause ein. Er beobachtet Dook’heens Gesicht, entdeckt aber keine Reaktion. Sie weiß, dass er mit den Ausführungen noch nicht fertig ist. »Troocht’haan und ich sind der Ansicht, dass wir es hier nicht mit einem Menschen zu tun haben, der diese Spezies insgesamt voranbringt. Die Kultur ist zwar ein sehr wichtiger Aspekt in der Entwicklung, aber kaum eine Spezies entwickelt ihren Fortschritt über die Kultur, besonders nicht die Menschen. Unsere bisherigen Beobachtungen bestätigen, dass die Menschen sich über Krieg definieren und Krieg den Fortschritt bringt.« Laarcht’haan schweigt und Dook’heen blickt abwechselnd ihre beiden Weggefährten an. Dann setzt sie sich in einen Kontursessel.
»Bitte, nehmt Platz. S’silet, zeig die von uns implementierten Menschen in einer Zeitspirale nach dem Zeitmaßstab der Menschen.«
S’silet erzeugt eine leuchtende Spirale. An verdickten Punkten auf der Spirale, bildet er Gesichter von Menschen ab. Hinter der Spirale leuchtet eine weiße Linie mit Zeitangaben. Dook’heen dreht die Spirale mit den Fingern. Menschengesichter huschen vorbei. Dann stoppt sie und berührt den ersten Knoten. Ein männliches Wesen, gezeichnet vom Leben, voller Haarbewuchs.
»Ihr werdet euch erinnern. Nach unseren Maßstäben eine primitive Existenz mit einem Gespür für das Ganze. Unsere Erstimplementation. Gelungen, wie wir wissen. Er war ein ‚gefürchteten Anführer‘.« Dook’heen dreht die Spirale, tippt auf Knoten, Gesicht um Gesicht taucht auf. »Was seht ihr, wenn ihr diese Gesichter und deren Biographien mustert? Ihr seht Kampf, Krieg, Fortschritt durch Kampf und Krieg. Jeder Krieg hat die Menschen mehr und schneller vorangebracht, als fünfzig Jahre Frieden. Warum?«
Dook’heen schaut zu Laarcht’haan, dann zu Troocht’haan. Unbewegte Gesichter. Troocht’haan räuspert sich und hebt einen Arm. »Weil es der Natur der Menschen entspricht. Wir haben aus diesem Grund den Menschen Darwin implementiert, weil er seiner Spezies erklären kann, warum es Kampf und Krieg geben muss. Des Fortschritts wegen. Die Menschen haben mehr und größere Fortschritte in kürzerer Zeit absolviert als vergleichbare Völker.«
»Habt ihr die Aufzeichnungen der letzten achtzig Jahre genau studiert?«, will Dook’heen wissen.
»Das haben wir.«
»Und euch ist nichts aufgefallen?«
Dook’heens Gegenüber sahen sich an. »Doch«, erwidert Laarcht’haan. »Die Entwicklung hat sich verlangsamt.«
»Verlangsamt?«, hakt Dook’heen nach.
»Sie stagniert«, gibt Troocht’haan zu. Dook’heen fährt aus dem Sessel hoch und wischt das Leuchtband der Gesichter beiseite. Mit einem Griff holt sie den blauen Planeten in den Raum zwischen ihnen und vergrößert ihn.

»Wir waren es, die Kampf und Krieg gefördert haben, indem wir nur Kämpfer und Krieger implementierten. Wir haben diesen Weg vorgegeben. Außer Acht lassend, dass es auch andere Wege geben kann für die Menschen. Wir sind blind geworden in unserer Arbeit.«
»Wir sind ausschließlich den Regeln gefolgt«, erwidert Troocht’haan. »Sie besagen, die genetische Hauptausrichtung zu fördern, die sich über die diversen Spezies zeigt, und das ist eindeutig das Prinzip des oder der Stärkeren. Aggressivität ist eine Kernanlage. Und schließlich nur die Fortführung ihrer Vorfahren bis hin zur ersten Eiweißkette.«
Dook’heen stellte sich mitten in das Abbild der Erde.
»Falsch. Wir sind davon ausgegangen, dass dies ihre Hauptausrichtung ist, eben weil wir ein Standardverfahren anwenden, das uns alle Entscheidungen leicht macht, das schon Äonen alt ist, nicht angepasst wurde und wir zu arrogant wurden, um ein beständiges evaluieren zuzulassen. Doch was ist passiert?« Dook‘heen lässt den Planeten verschwinden. Der Raum wirkt kühl. »Passiert ist, dass wir übersehen haben, wie breit das Spektrum der Möglichkeiten ist. Wir haben ihre Entwicklung nach unserer Arroganz determiniert. Dadurch haben sich bei ihnen Regeln herausgebildet, nach denen wir unser Vorgehen ausrichten. Sie sagen uns, was wir als nächstes tun werden, ohne dass sie es wissen und wir es infrage stellen. Wir haben übersehen, dass es Anlagen und kulturelle Strömungen gibt, die weitaus wirkungsvoller sind als Kampf und Krieg. Und ich habe genug Evidenz für diese Strömungen.«
Dook‘heen atmet tief ein. Sie fühlt ein Kribbeln in der Körpermitte. Die Hände sind feucht. Das ist also das Fühlen. Mit einem Wink ordert sie S’silet herbei. »Bitte zeig uns die kulturell-künstlerischen Aspekte, also Malerei, Musik, Gesang, Dichtung, Plastiken. Setze sie in Korrelation zu den Kriegen, den Implementierten und bilde eine Zeitlinie. Zeige Höhen und Tiefen im Vergleich zu Kampf- und Kriegsereignissen.«
Leuchtende Bänder entstehen, schweben in der Helligkeit an- und abschwellend nebeneinander. Knoten bilden und verbinden sich untereinander.
»S’silet! Welche der beiden Linien hat nicht nur am wenigsten Höhen und Tiefen, sondern stattdessen ein durchgehend höheres Level als Kriege?«
»Ausschließlich die kulturell-künstlerischen Aspekte.«
»Verändert sich die Intensivität des künstlerischen Ausdrucks in Kriegszeiten?«
»Nein, Dook’heen. Nur die Qualität verändert sich, nicht die Quantität.«
»Das heißt, egal ob Krieg oder Frieden, die Menschen müssen dem Drang nach Mitteilung nachgeben durch künstlerische Betätigung?«
»Aus den Daten lässt sich zweifelsfrei herleiten, dass der Drang, sich mitzuteilen, wesentlich stärker ist, als der Drang, zu zerstören, der meist von einzelnen oder wenigen Individuen ausgeht.« Dook’heen schweigt, lässt das Hologramm des Planeten erscheinen und betrachtet den tiefblauen Pazifik. Die Fülle an Leben in seinen Tiefen ist unermesslich.
Laarcht’haan erhebt sich. »Wir haben versagt.«
Dook’heen lässt das Hologramm verschwinden. »Ja. Blind und dogmatisch. Ich vermeide den Gedanken an die vielen Völker, denen wir endlose Lethargie brachten.«
Laarcht’haan und Troocht’haan stellen sich zu Dook’heen, legen die Arme aufeinander. So verharren sie einige Augenblicke. »Es klingt logisch, was du sagst, Dook’heen.«
Laarcht’haans Stimme zittert ein wenig. »Wir verstehen nun dein Anliegen, diesen Menschen zu implementieren. Bist du sicher, dass er eine gute Wahl ist?«
Dook’heen nickt wie ein Mensch.

Pieter Willem Botha zieht die Toilettentür hinter sich zu und geht in die Küche. Sein rechtes Bein ist eingeschlafen, weil er zu lange auf der Klobrille saß und sich müde durch ein Magazin geblättert hatte. Als er die Küchentür öffnet, bleibt er auf der Stelle stehen. Was er sieht, könnte eine Frau sein. Im weitesten Sinne. Eine Menschenfrau jedoch nicht. Sie sitzt auf einem Stuhl am Birkenholztisch. Ihr Körper steckt in einer dunkelblauen Kombination. Der Blick, die ganze Erscheinung, strahlt Ruhe aus, keine Gefahr. Im Gegenteil. Sie wirkt gelassen. Also setzt Pieter sich wortlos gegenüber.
»Guten Tag, Pieter Willem Botha.«
Ihr Englisch ist klar und akzentfrei.
»Guten Tag …«
»Dook’heen ist mein Name.«
»Dook’heen?«
»Sie müssen die erste Silbe von der zweiten trennen, in dem sie die erste Silbe in den Rachen schieben und dann die zweite aus der Lunge kommen lassen.«
»Dook’heen.«
»Gar nicht schlecht.«
»Danke, Dook’heen. Möchten sie etwas trinken?«
»Ja, bitte. Vielleicht einen Schluck Wasser.«
Pieter steht auf, füllt ein großes Glas mit klarem Leitungswasser, stellt es der Frau in Blau auf den Tisch und schenkt sich Kaffee ein. »So, bitte. Wasser für sie und Kaffee für mich.« Dook’heen setzt das Glas an und trinkt einen großen Schluck.
»Ihr Wasser schmeckt wirklich ausgezeichnet. Ein ganz wunderbares Getränk.«
Pieter lächelt. »Das kann man wohl sagen. Das Wasser hier schmeckt sehr gut. Ich bevorzuge im Moment jedoch einen guten Kaffee.«
»Pieter Willem Botha …«
»Ja?«
»Sie sind nicht besonders überrascht, mich hier in Ihrer Küche sitzen zu sehen. Was macht sie so gelassen, wenn ich fragen darf?«
Er mustert diese Frau. Wenn es denn eine ist. Hautfarbe im Gesicht und auf den Händen ist wie Ocker, etwas dunkler vielleicht. Am Gesicht ist alles dran. Mund, Nase, Augen; die allerdings größer und dunkel. Erdbraune Pupillen auf sandfarbenem Augapfel. Die Lippen sind fast menschlich, der Mund breiter und er meint, eine Art Kauleiste darin entdeckt zu haben. Fasziniert sucht er Haare, findet aber keine, lediglich eine etwas aufgeraute Kopfhaut.
»Es ist, was sie ausstrahlen, eine Art Frieden.«
Sie nickt.
»Nicken ist universell, was?«
»Nicht ganz, Pieter. Ich habe es mir von euch abgeschaut.«
Dieses Mal nickt Pieter und Dook’heen lächelt. »Vertrauen sie mir, Pieter?«
Pieter sieht auf Dook’heens lange, schlanke Finger. Sechsfingrige Hände.
»Ja, ich denke schon.«

Dook’heen beobachtet Pieter, wie er leicht atmend in der Schlafbox liegt. Ein großes Exemplar der Spezies Mensch. »Ist alles in Ordnung mit ihm, S’silet?«
»Aber ja. Er hat den Transport sehr gut überstanden. Sein Allgemeinzustand lässt jedoch zu wünschen übrig. Er leidet an Bluthochdruck, genetisch bedingt. Dazu kommt ein beginnender Tumor in der rechten Hirnhälfte, direkt über dem Gehörorgan. Ich habe seine Ausbreitung extrapoliert. Innerhalb von 12 Monaten wird sich dieser Tumor um das Doppelte vergrößern. Ich gehe davon aus, dass Pieter Willem Botha seit geraumer Zeit über Kopfschmerzen klagt. Sein Blutreinigungssystem ist nicht voll funktionsfähig. Das rechte der beiden Organe hat Dysfunktionen aufgrund einer nachlässigen Lebensweise. Sein Immunsystem arbeitet ausgesprochen gut. Er hatte im Laufe seines Lebens mehrere schwere Infektionen. Antikörper sind noch vorhanden. Die Produktion von weißen Blutkörperchen ist auf ausgesprochen hohem Stand. Es ist mir möglich, alle von mir aufgezählten Beeinträchtigungen zu beseitigen. Soll ich anfangen?«
Dook’heen sieht lange auf Pieter. Er ist in seinem dreiundvierzigsten Lebensjahr und sie weiß, dass dies die erste richtige Entscheidung in ihrem Leben ist. »Beginne mit den Maßnahmen, S’silet.« Die Box bildete eine transparente Haube. Dook’heen wendet sich ab und begibt sich auf die Suche nach ihren beiden Weggefährten. Sie findet Troocht’haan im Beobachtungsraum. Er starrt auf ein virtuelles Abbild einer Spiralgalaxie.
»Du betrachtest unsere Heimat, Troocht’haan?«
Er drehte sich zu Dook’heen um. »Sie ist vergleichbar mit dieser Sterneninsel, der Milchstraße, wie die Menschen sie nennen. «
»Seltsam, oder?«
»Was ist seltsam, Dook’heen?«
»Die Sprache der Menschen. Sie benennen Dinge oft sehr pragmatisch. Viele auch mit einem künstlerisch-lyrischen Ausdruck, was unserer revidierten Ausgangslage entspricht. Die Menschen sagen: Ihre Sprache sei blumig.«
Troocht’haan mustert sie sorgfältig. »Ich habe deine Daten überprüft. Sie sind korrekt und die Schlussfolgerungen logisch. S’silet hat eine Mehrfachanalyse aller bisherigen DNA-Sequenzen durchgeführt und sie mit Verhalten, Entwicklung und Ereignissen korreliert. Es ist eindeutig.« Troocht’haan senkt den Kopf. »Wir haben versagt.« Bevor Dook‘heen etwas erwidern kann, hebt er die Hand. »Es ist unsere Pflicht, eine Revision der Protokolle anzuregen«, fährt er fort, »aber wir versagen auch hier, denn unsere Heimat werden wir nicht mehr wiedersehen.«
Dook’heen will antworten. Muss antworten, aber es gibt nichts zu sagen. Die Fakten sind nicht veränderbar. Der Weg zurück ist versperrt.

Troocht’haan sieht die Veränderungen in Dook’heens Gesicht. Kleine Falten, die raue Haut auf dem Kopf verändert die Farbe. Der Übergang hat mehr als gut funktioniert. »Ich habe den Eindruck, du bist sehr emotionalisiert. Das erinnert mich an die Menschen. Hat dies mit dem Übergang oder mit deiner Affinität zu der Spezies auf dem blauen Planeten zu tun?«
»Beides, vermute ich. Das eine hat das andere stark beeinflusst. Es wird noch eine geraume Zeit dauern, die Komplexität meines neuen Zustands auszuloten und ihn zu akzeptieren. Dook’haan ist ja nicht verschwunden, zumindest nicht dessen Erfahrungen. Und Dook’heen ist noch jung. Ich kann nun erahnen, in welchen Konflikten die Menschen seit ihrem Erwachen stecken.«
Troocht’haan hebt den Arm, um zuzustimmen. »Unser Leben, unsere Arbeit, ist paradoxerweise eine Verschwendung von Wissen und Zeit, denn wir werden unsere Heimat nicht mehr wiedersehen.«
Dook’heen legt die Hand auf Troocht’haans Unterarm. »Wie sagen die Menschen? Sag niemals nie.«
»Ja, das sagen sie. Weil sie es nicht besser wissen. Sie nennen es Hoffnung. Wir, Dook’heen, wissen jedoch, dass Hoffnung kein natürliches Prinzip ist.«
Dook’heen fährt einige Mal auf Troocht’haans Unterarm hin und her, bis er ihn hastig zurückzieht. »Troocht’haan … die Menschen sind aufgrund eines natürlichen Prinzips entstanden. Wir nennen es Beercht’woon, die Menschen Evolution. Korrekt?«
»Das ist natürlich korrekt.«
»Wenn die natürlich ablaufende Evolution eine Spezies hervorbringt, und diese Spezies aus sich heraus Lebensweisen, Werte und Erkenntnisse entwickelt, dann basieren diese Faktoren unmittelbar aus dem immer weiter fortlaufenden, evolutionären Prozess. Nicht wahr?«
»Das ist logisch.«
»Dann ist innerhalb dieses Kontinuums in dem eine Spezies sich gebildet hat, auch Hoffnung logisch. Ob Hoffnung genannt oder Wahrscheinlichkeit, die Möglichkeit des Eintretens ist gegeben.«
Troocht’haan wendet sich von ihr ab und fixiert die langsam drehende Sterneninsel. Neben Dook’heen entsteht ein oranges Audiofeld. »Dook’heen, ich habe alle Heilungsprozesse erfolgreich zum Abschluss gebracht.«
»Ich danke dir, S’silet.«

Als Pieter Willem Botha erwacht, fühlt er sich besser denn je. Wenn es einen Umstand gäbe, der dem eines Neugeborenen gleicht, dann genau dieser. Er blickt durch eine Art transparente Kuppel. Das Licht bricht je nach Winkel. Als er die Finger nach der Fläche ausstrecken will, löst sie sich auf und Dook’heen tritt in sein Blickfeld.
»Pieter Willem Botha. Wie geht es dir?«
»Ich könnte Bäume ausreißen.«
Dook’heen lächelt. »Mit Bäumen kann ich leider nicht dienen.«
»Ich dachte es mir schon. Aber vielleicht mit Wasser? Ich habe Durst.«
»Sehr gerne. Steig einfach aus der Box und folge mir bitte.« Bevor er etwas erwidern kann, dreht sie sich um. Also klettert er aus dem Kasten, den sie Box nannte, und sieht sie gerade noch durch einen Ausgang verschwinden. Er beeilt sich. Dook’heen geht in einen Raum am Ende des breiten Gangs und Pieter folgt ihr zügig. Als er den Raum erreicht, setzt sich Dook’heen in eine Art Schalensitz. Vor ihr entsteht ein Tisch aus dem Nichts. Pieter wählt den zweiten Schalensitz zu und nimmt gegenüber von Dook’heen Platz. Die Form passt sich augenblicklich seinem Körper an. »Ich bin beeindruckt.«
»Von was?«, fragt Dook’heen.
»Von diesem unglaublich bequemen Sitz.«
»Ja, es ist eine Wohltat, in ihnen zu ruhen. S’silet?«
»Ja?«
»Würdest du uns bitte zwei Behältnisse mit frischem Wasser auf den Tisch bringen?«
»Sehr gerne.«
Pieter schaut sich suchend um, entdeckt aber nur ein orangen leuchtendes Licht im Raum schweben. »Wer ist S’silet?«
»Das ist eine sehr gute Frage«, hört er eine Stimme ohne sichtbare Quelle. Und Dook’heens glucksende Laute. Etwas wie ein permanenter Schluckauf.
»Alles in Ordnung? Kann ich irgendwie helfen?« Ein Nein und glucksende Laute sind die Antwort. Auf dem Tisch entstehen zwei Behälter, großen Biergläsern nicht unähnlich. »Dook’heen? Was ist mir dir?«
Sie hebt den Arm und schluckt einige Male. »Es geht schon wieder. Verzeihung, ich habe mich noch nicht an das Lachen gewöhnt. Es kam nicht oft vor während meines bisherigen Lebens. Um genau zu sein gar nicht.«
Pieter hebt den Behälter, stellt ihn aber wieder zurück und starrt sie an. »Ich möchte nicht aufdringlich sein, aber ein paar Erklärungen wären jetzt angebracht.«
Dook’heen trinkt einen Schluck Wasser und sieht ihn an. »Ja. Du hast recht.«

Dook’heen führt Pieter in einen weiteren Raum. Sie nennt ihn Besprechungsraum. Als sie eintreten, entdeckt Pieter die beiden anderen Wesen, die Dook’heen sehr ähneln, wenngleich sie offensichtlich keine Frauen sind. Pieter schluckt, setzt sich aber dann auf den ihm von Dook’heen zugewiesenen Kontursessel.
»Wir grüßen dich, Pieter Willem Botha«, spricht ihn der linke der beiden Fremden an.
»Bitte nennen sie mich nur Pieter. Das macht es für mich und sie einfacher.«
»Wie sie möchten, Pieter. Mein Name ist Laarcht’haan, rechts neben Ihnen sitzt Troocht’haan und Dook’heen kennen sie ja bereits.« Laarcht’haan machte eine kurze Pause. »Zunächst einmal möchten wir uns entschuldigen, für die Unannehmlichkeiten, die wir verursacht haben. Wir bemerken, dass sie nicht besonders überrascht sind, uns zu begegnen. Das bestätigt uns, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.«
Pieter runzelte die Stirn. Laarcht’haan ist ebenso wie Troocht’haan um einiges kühler, ohne eine besondere Mimik im Gesicht. »Verzeihung, welche Entscheidung?«
Laarcht’haan winkt mit der rechten Hand. »S’silet? Bitte zeig uns die Milchstraße und die Position der Erde darin.« Direkt vor ihnen, Pieter schätzt die kreisförmige Fläche, um die sie sitzen, auf etwa acht Meter im Durchmesser, wird ein transparentes Abbild der Milchstraße sichtbar. Ein heller blauer Punkt in einem Spiralarm verdeutlicht die Position der Erde.
»Das ist der Orion-Arm«, sagt Pieter. Troocht’haans Hand bewegt sich auf und ab. Eine Form der Zustimmung?
»Korrekt. Sie kennen ihre Heimat. S’silet. Bitte bewege dich mit zeitreduzierter Geschwindigkeit zu unserer heimatlichen Sterneninsel.«
Pieter beobachtet, wie die unsichtbare Kamera durch die Milchstraße hindurch taucht, mitten durch das hell leuchtende Zentrum, hinein in die Schwärze des Alls. Immer und immer wieder ziehen Galaxien entlang ihrer Flugbahn vorbei. Kugelsternhaufen, offene Haufen, bis schließlich eine der eigenen Milchstraße ähnliche Spiralgalaxie vor ihnen schwebt.
»Pieter, das ist Neecht’or. Unsere heimatliche Sterneninsel. S’silet? Zeige uns Neecht’haan.« S’silets Flug steuert auf das Zentrum der Galaxis zu, wendet sich einem Sonnensystem mit vier Planeten zu. Über dem zweiten Planeten stoppt S’silets Flug. »Neecht’haan. Unsere Heimat.«
Pieter mustert jeden der Fremden. Mit entrücktem Blick starren alle drei auf die sich langsam drehende Kugel. Dem Planeten selbst kann er nicht sehr viel abgewinnen. Er bestand, so scheint es, hauptsächlich aus sandfarbenem Gelände, ohne bedeutende Höhenzüge, kaum Wasserflächen. Aber er ist ihre Heimat. »Er ist älter als die Erde.«
»Das ist korrekt, Pieter. Um einiges älter. Die hohen Gebirge sind erodiert, Täler versandet. Unsere Zivilisation lebt seit langer Zeit nicht mehr auf ihm. Trotzdem haben wir dort unseren Ursprung. Wir sind ihm auf ewig verbunden.«
Alle drei heben unvermittelt ihre Arme und tauchen die Hände in das virtuelle Abbild Neecht’haans. Pieter wartet. Dann verblasst das Hologramm.
»Was möchten sie nun von mir?«
Laarcht’haan senkt die Arme und sieht ihn an. »Pieter, sie sollen wissen, dass es außerhalb unserer moralischen und ethischen Normen liegt, Ihnen etwas aufzuzwingen, was nicht von Ihnen autorisiert wird. Der freie Wille, die freie Entscheidung, ist uns mehr wert als alles andere.«
»Gut. Ich begrüße das.«
»Wir möchten eine weitere Stufe der Entwicklung in Ihnen implementieren«, erklärt Troocht’haan.
Pieter dreht den Kopf zu Troocht’haan und runzelt die Stirn. »Eine ‚weitere Stufe der Entwicklung‘?«

»Komm bitte, Pieter. Ich zeige dir unsere Behausung.« Dook’heen steht auf, greift Pieters Hand und führt ihn aus dem Besprechungsraum. Er schweigt und lässt sich anstandslos führen. Sie zieht ihn geradewegs in die Tunnelkammer, die nur mäßig beleuchtet ist. Pieter löst sich aus dem Griff und geht von Gerät zu Gerät, bis er vor einem großen Ring stehenbleibt.
»Wo sind wir hier, Dook’heen?«
»Wir sind auf eurem Mond. Auf der erdabgewandten Seite. Tief in seinem Inneren. Für den jetzigen Stand eurer Technik ist es unmöglich, uns zu entdecken.«
Pieter nickt. »Und wie lange seid ihr schon hier?«
»Nach eurer Zeitrechnung etwas über zwölftausend Jahre.«
»Zwölftausend!?« Pieter setzt sich auf einen metallenen Kasten.
»Zwölftausend … alle Achtung. Da habt ihr euch gut gehalten.«
Dook’heen setzt sich vor ihn auf den Boden und sieht zu ihm auf. »Wir verbringen die meiste Zeit in Stase. Immer einhundert eurer Jahre, wachen in leicht versetzten Zeitabständen auf. Wer zuerst erwacht, schläft wieder als erster und hat die Aufgabe, alle Informationen, die S’silet gesammelt hat, gemäß unserer Richtlinien aufzubereiten und sie den anderen zu präsentieren. Dann werden Entscheidungen getroffen.«
»Über weitere Stufen der Entwicklung …«
»Korrekt.«
»Was ist, wenn innerhalb des Zyklus Entscheidungen getroffen werden müssen?«
»Dann weckt uns S’silet.«
»S’silet kann also keine Entscheidungen über eine Entwicklung treffen?«
»Nein. Das obliegt uns.«
»Aber er ist fähig, die Umstände, die eine Entscheidung benötigen, zu erkennen?«
»Dazu ist er mehr als fähig, ja.«
Pieter betrachtete Dook’heen, ihre sandfarbenen Augen mit den kräftig erdbraunen Pupillen. »Dook’heen … warum endet dein Name auf heen und nicht auf haan?«
»Ich wurde ein Weibchen, eine Frau, in deiner Sprache. Vor einem Übergang sind wir bipolare Wesen, Zwitter, könnte man sagen. Wir tragen beide Anlagen in uns.«
Pieter atmet tief ein und aus. Er lehnt an die Wand hinter dem Kasten und schüttelt leicht den Kopf.
»Was ist mit dir, Pieter? Geht es dir nicht gut?« Dook’heen legt aus Reflex die Hand auf seinen Unterarm. Pieter betrachtet die sechs Finger. Eine angenehme Ruhe erfasst ihn.
»Es geht mir gut, Dook’heen. Aber ich muss das alles erst mal verarbeiten.«
»Ich verstehe. Du wirst keine Schwierigkeiten haben. Das verspreche ich dir.«
Pieter lächelt sie an.
»Das ist lieb. Mein Verstand macht mir keine Sorgen. Eher meine Gefühle. Wir Menschen sind Gefühlswesen. Reduziert kann man sagen, wir sind hormongesteuert.«
»Das weiß ich, Pieter Willem Botha. Mir ergeht es seit dem Übergang genau so wie dir. Für mich ist es neu und – wie soll ich sagen – es erschlägt mich fast.«

Dook’heen springt auf. Wie eine Feder schnellt sie empor. Sie will platzen oder etwas zertreten, so sehr brennt es in ihrem Bauch.
»Dook’heen?!« Pieter tut einen Schritt auf sie zu, will sie stützen, aber sie dreht sich und verschwindet aus dem Raum. Pieter setzt sich wieder und weiß nicht, wie ihm geschieht. Vor ihm materialisiert ein oranges Licht.
»Pieter Willem Botha …«
»Das bist du, S’silet, nicht wahr?«
»Exakt. Dook’heen durchlebt einen natürlichen Prozess. Nach dem Übergang in einen männlichen oder weiblichen Zustand, erleben alle Haan einen mehr oder weniger starken Anpassungsprozess. Bei den Menschen gibt es einen analogen Prozess. Ihr nennt es Pubertät. Eure Kinder werden bis dahin fast noch als etwas Sächliches gesehen. Tatsächlich beginnt in der Pubertät ein Umbau eures Gehirns sowie anderer Körperteile. Durchaus vergleichbar mit dem Übergang der Haan in einen geschlechtsspezifischen Zustand.«
»Sehe ich das richtig, dass die Haan – so heißen sie wohl – vor diesem Übergang irgendwie … na, ohne Gefühle sind?«
»Diese Eigenschaft ist nicht sehr ausgeprägt. Latent vorhanden. In dieser Zeit vor dem Übergang sind die Haan äußerst vernunft- und logikorientierte Wesen. Sie werden als solche geboren und werden den sehr gefühlsbetonten Eltern nach der Geburt sofort entnommen. Ein Haan, der keinen Übergang erlebt, wird sich nicht fortpflanzen, denn erst während des Übergangs werden die Geschlechtsmerkmale ausgebildet. Natürlich haben die Haan im Laufe ihrer Existenz die Methoden des Übergangs perfektioniert. Maschinen wie ich übernehmen die Kontrolle und die Durchführung. Der Haan erfährt nur noch die Initiation selbst.«
»Die Initiation … wie kann man sich das vorstellen?«
»Die Haan beobachten, erleben und erfahren Dinge aus ihrer Umwelt. Das sind die Auslöser. Wenn ich mir eine Bemerkung diesbezüglich erlauben darf …« S’silet legte eine kleine Pause ein.
»Nur zu, S’silet.«
»Ich habe den Eindruck, dass Sie der Auslöser waren.«
»Ich!?«
»Ja. Das, was Sie schreiben. Sie sind Autor, so wird ihre Berufsgruppe genannt. Literat, Schreiberling, Schriftsteller …«
»Schreiberling, das ist gut. Und das soll der Auslöser gewesen sein? Meine Texte?«
»Die Interpretation meiner Daten erlaubt nur diese eine Antwort.«
»Das ist jetzt aber wirklich irre.«

S’silet führt Pieter eine Etage tiefer.
»Wie viele Etagen hat die Behausung?«
»Insgesamt sechsunddreißig. Mit unterschiedlichen Höhen. Die unteren Etagen enthalten die Energie- und Lebensversorgung. In der Mitte die Wohnbereiche und oben ist alles, was mit Beobachtung und Auswertung zu tun hat.«
»Ihr seid komplett autark?«
»Korrekt.«
»Sehr beeindruckend. Und das schon seit zwölftausend Jahren.«
»Die Haan sind ein sehr altes Volk und in ihrer technischen Entwicklung weit fortgeschritten.«
»Bei Gelegenheit würde ich dich gerne zu diesen technischen Entwicklungen befragen, aber jetzt zeig mir bitte, wo Dook’heen sich aufhält. Wir Menschen meinen, dass es nicht gut ist, wenn man in Zeiten verwirrter Gefühle alleine ist. Besonders da braucht es Zuspruch.«
»Ich kenne das Konzept und kann nur zustimmen. Dook’heen ist dort vorne. Hinter der ersten Tür liegt ihre private Behausung.« S’silets Audiofeld löst sich auf und Pieter klopft mangels eines erkennbaren Klingelknopfes oder was die Haan sonst verwenden, an die Tür. Dook’heen öffnet und Pieter beißt sich verlegen auf die Unterlippe.
»Entschuldigung, wenn ich dich störe, Dook’heen. Ich habe mir Sorgen gemacht. S’silet hat mir nun einiges erklärt und ich finde, du solltest nicht alleine sein. Zumindest wir Menschen sind in solchen Momenten nicht gerne alleine.«
»S’silet hat dir einiges erklärt?«
»Du solltest ihm nicht böse sein. Er hat nur beschrieben, was ein Übergang ist.«
»Komm herein, bitte.« Dook’heen tritt auf die Seite und lässt Pieter hinein. »Bitte, setz dich an den Tisch.«
»Vielen Dank.«
Pieter sieht sich um, nachdem er sich gesetzt hat, entdeckt aber kaum etwas, das man als persönlich bezeichnen kann. Eine spartanische Einrichtung.
»Ich bin S’silet nicht böse. Vermutlich hat er erzählt, was meinen Übergang – seiner Ansicht nach – ausgelöst hat. Deine Texte. Das ist korrekt. Deine Worte haben mich mehr und mehr überwältigt, in den Bann gezogen, aufgewühlt. Ich habe dich beobachtet. Tag und Nacht. Ich wusste nicht, was mit mir geschieht, bis ich erkannte, dass du meinen Übergang ausgelöst hast. Es war mir von Anbeginn an klar, was ich werden wollte. Werden musste. Unbedingt. Ein Weibchen.«
Pieter starrt sie an und wird rot.
»Was ist mit dir, Pieter? Du hast ein stark gerötetes Gesicht.«
»Ach«, Pieter verschluckt sich, hustet. »Das ist ganz normal. Wenn wir Menschen so ein großes Kompliment bekommen, dann schießt uns Blut ins Gesicht.«
Dook’heen lächelt. Spontan legt sie die Hände auf Pieters Unterarme und drückt sie leicht in rhythmischen Abständen. Ihre Haut ist sehr warm. Wärmer als die eines Menschen und Pieter ist fasziniert von den schlanken Fingern und den hellgrauen Fingernägel. »Dook’heen?«
»Ja?«
»Was passiert gerade?«
Dook’heen schließt die Augen und schweigt. Ihre Hände ruhen nach wie vor auf Pieters Unterarmen und will sie nicht bewegen. Davon abgesehen, gefällt es ihm. Von diesen Händen geht eindeutig etwas intensiv Beruhigendes aus. Pieter denkt an die ersten wärmenden Sonnenstrahlen eines nahenden Frühlings, die sich auf einem winterkalten Rücken ausbreiten. Ein wohliges Schaudern auslösen. Er denkt an Südafrika, an Durban, die Stadt, in der er wohnt. Und an die vielen verrückten Dinge, die in seinem Leben bisher passierten. Dies hier ist jedoch außerhalb jeder Skala für Verrücktheiten. Dook’heen öffnet die Augen. Pieter stockt der Atem.

*

Sie zieht Pieter vor eine zweiflügelige Tür zwei Etagen über dem Wohnbereich.
»Dook’heen. Bitte warte.«
»Pieter, ich möchte mit dir weg von hier.«
»Was? Aber wohin sollten wir denn gehen?«
»Vertrau mir.«
Pieter setzt zu einer Erwiderung an, als S’silets Audiofeld entsteht. »Dook’heen! Ich habe extrapoliert, dass du alle Regeln bezüglich einer Kontaktaufnahme brechen willst. Ist das korrekt?«
»S’silet. Bitte. Du bist fähig zu fühlen. Du musst wissen, was in mir vorgeht. Lass uns einfach ziehen. Lass mich bitte ziehen.«
»Meine Fähigkeit zu fühlen beeinflusst nicht meine Handlungsweise. Vernunft sollte dem Gefühl immer vorstehen. Du befindest dich auf dem Weg zur Transporteinheit. Ich gehe davon aus, dass du mit Pieter Willem Botha und dem einzigen uns zur Verfügung stehenden Transportmittel zur Erde möchtest, um dort deine Faacht’heen zu vollziehen.«
»Deine Faacht’heen?«, wiederholt Pieter irritiert.
»S’silet. Es gibt niemand, der entscheiden kann, was besser ist. Vernunft oder Gefühl? Willst du das für mich entscheiden? Bin ich nicht frei und Weibchen meiner selbst?«
»Das bist du. Aber du brichst die Regeln und schränkst damit die Freiheit aller anderen Haan in dieser Behausung ein. Die Regeln wurden vor Jahrhunderttausenden aufgestellt. Und alle Haan haben sie für alle Ewigkeit akzeptiert. Kein Haan hat es je gewagt, diese Regeln zu brechen. Jedoch gibt es auch dafür eine Regel. Für den Fall, dass die Regeln gebrochen werden. Ich bin für die Einhaltung verantwortlich und somit für die Konsequenz. Du wirst die Behausung nicht verlassen. Für die Zeit deiner offensichtlichen Gefühlsverwirrung, werde ich dich unter Arrest stellen.« Neben S’silets Audiofeld wächst ein zweites Leuchten, von blauer Farbe. Aus ihm zuckt ein blauer Finger nach Dook’heen. Sie bricht ohne einen Laut zusammen. Ihre Hand um Pieters Finger erschlafft. Das blaue Leuchten vergrößert sich und hüllt Dook’heen komplett ein, dann trägt es sie schwebend fort.
»Ich muss mich jetzt mal kurz setzen«, sagt Pieter, bevor die Kraft aus seinen Beinen weicht. Aus den Augenwinkeln bemerkte er Laarcht’haan hinter sich, der ihn auffängt und mit Leichtigkeit in den Besprechungsraum trägt, ihn dort auf einen Kontursessel legt. Dann geht er zu Troocht’haan, der auf ein Abbild der Erde starrt und Ausschnitte aus irdischen Nachrichtensendungen betrachtet, zuhört, auf die Seite wischt, um die nächste zu holen. Beide reden über etwas, aber ihre Sprache ist so fremd, dass Pieter resigniert den Versuch aufgab, etwas verstehen zu wollen. Nach geraumer Zeit kommt Laarcht’haan auf ihn zu.
»Pieter, wir möchten uns bei dir entschuldigen, für all das, dessen du hier gewahr wurdest. In der Geschichte der Implementation fremder Völker ist dies nach unserem Wissen noch nicht vorgekommen. Wir können verstehen, dass du keine sehr hohe Meinung mehr von uns und unserem Vorhaben hast und so zügig als möglich wieder auf deinen Planeten möchtest. Wir können dich die erlebten Dinge hier vergessen lassen. Ohne dass du etwas spürst oder Nachteile davon hast.«
Laarcht’haan öffnet beide Hände und dreht die Handflächen nach oben. Der Friedensgruß. So viel hat Pieter gelernt. Also tut er es ihm gleich.
»Laarcht’haan, Troocht’haan, ich kann euch versichern, dass meine Meinung über euch in keinster Weise durch ein solches Ereignis beeinflusst wird. Fast bin ich geneigt zu sagen, dass dies sehr menschlich war. Zunächst einmal möchte ich euch bitten, mir endlich einmal die Implementation zu erläutern.«
Laarcht’haan setzt sich Pieter gegenüber. »Natürlich. Implementation bedeutet, dass wir einer Person, die wir über einen langen Zeitraum beobachten, eine Erweiterung seiner geistigen Fähigkeiten gewähren. Aber nicht nur das. Wir implementieren in sein Gehirn Fragmente von Ideen, Theorien, Wissensfragmente. Die Erweiterung der kognitiven Fähigkeiten bewirkt, dass die Person sich durch das Ausüben von alltäglichen Tätigkeiten dieser Wissensfragmente erinnert. Haben wir seine Fähigkeiten richtig eingeschätzt und diese korrekt gefördert, wird die Neugier ihn antreiben, er wird weitere Wissensfragmente finden und diese korrekt zusammensetzen. Die Erweiterung der kognitiven Fähigkeiten werden von dieser Person vererbt. So erweitert sich im Laufe vieler Generationen das Gehirn der Menschen.« Laarcht’haan schweigt und Pieter schaut ihn an, nicht sicher, ob er das, was er gehört hat, richtig deutet.
»Moment, ihr beiden, das würde bedeuten, dass wir …, dass wir von dem, was wir erfunden haben im Laufe der Jahrtausende, nichts selbst hätten entwickeln können? Ohne euch wären wir dumm geblieben?«
»Nein. Eure Kapazitäten sind ausreichend für eine lange und erfolgversprechende Entwicklung. All das wäre von euch entwickelt worden. Wir haben dem Faktor Zeit eine Beschleunigung zugeführt. Und Zeit ist kostbar. Es gibt nichts kostbareres in diesem Universum. Eine zu lange Entwicklungszeit erhöht die Wahrscheinlichkeit einer Auslöschung durch eine Katastrophe. Die meisten Spezies gehen vor dem Erreichen ihres Zenits wieder unter. Hier helfen wir nach.«
»Warum?«
»Die Vernunft darf nicht sterben.«
Pieter Willem Botha lacht laut. Er hält sich den Bauch vor Lachen. Tränen kommen. »Vernunft?! Ihr sucht die Vernunft? Ausgerechnet auf der Erde?«
»Ihr steht am Anfang eurer Entwicklung. Ganz am Anfang. Sie verläuft zwar sehr schnell, außergewöhnlich schnell. Aber es werden noch Tausende von Jahren vergehen, bis die Vernunft wirklich jeden von euch leitet.«
Pieter runzelt die Stirn, wischt die Tränen ab. »Wir sind triebgesteuert. Habt ihr das noch nicht bemerkt?«
Troocht’haan erhebt sich, geht zu Pieter, nimmt seine Hände. »Doch, Pieter Willem Botha! Wir haben es bemerkt und ganz darauf konzentriert, euch schnell weiterzubringen. Damit haben wir den größten aller Fehler begangen: Unser Tun nicht infrage gestellt. Ihr wart so gut im Begreifen, so enorm im Verstehen, wir nahmen an, eure Triebe bringen euch schneller voran, führen euch schneller zur letztendlichen Vernunft, denn Vernunft wird sich am Ende immer einstellen.« Troocht’haan lässt ihn los und verlässt den Raum.
»Was meint er?«, will Pieter von Laarcht’haan wissen.
»Wir haben nicht erkannt, was euer wahrer Kern ist. Das Schwerkraftzentrum eurer Kultur. Die tatsächliche Triebfeder. Aus diesem Grund, haben wir die falschen Personen ausgesucht.«
»Im Moment kann ich nicht wirklich folgen. Welche Personen?«
»Du wirst einige von ihnen kennen, wie fast alle Menschen. Nebukadnezar, Alexander der Große, Attila, Gajus Julius Cäsar, Widukind, Heinrich von Navarra, einige der Päpste, einen Kardinal Richelieu, Napoleon Bonaparte, natürlich auch Herrscher auf den anderen Kontinenten. Aber auch Menschen mit Forscherdrang, wie Newton oder Kopernikus oder Darwin. Ich werde sie nicht alle aufzählen. Aber ihr hattet oder habt auch eigene Kapazitäten. Einstein oder ein Stephen Hawking.« Laarcht’haan sieht Pieter erwartungsvoll an, legt die Hände auf seine Unterarme. Pieter jedoch steht auf.
»Das heißt, ihr habt den Krieg gefördert? Und vielleicht ist über Jahrtausende unnötiges Blut geflossen?«
»Möglicherweise. Euer Aggressionspotential ist sehr hoch. Wir können nicht sagen, was ohne uns passiert wäre. Wir wissen nur, was durch uns geschehen ist. Aggressivität ist ein wichtiger Teil eurer schnellen Entwicklung.«
Pieter starrte Laarcht’haan fassungslos an. Dann dreht er sich um und geht hinaus.

»S’silet?«
»Ja, Pieter Willem Botha?«
»Wo ist Dook’heen?«
»In ihrer Behausung?«
»Wie geht es ihr?«
»Sie ist wach und ruht. Es geht ihr körperlich sehr gut.«
»Darf ich zu ihr?«
»Natürlich.«
Pieter steht vor Dook’heens Behausung, klopft vorsichtig. Die Tür öffnet sich und er sah sie auf einer breiten Variante des Kontursessels liegen. Sie blickt ihn an. Pieter setzt sich daneben und legt die Hände auf ihre Arme. Dook’heen lächelt ihr sanftes Lächeln, die erdbraunen Pupillen weiten sich und drängen das Sandfarbene zurück. Pieter hebt beide Hände an ihren Kopf und legt sie vorsichtig auf Dook’heens Wangen ab. Mit den Daumen streichelt er die Nasenflügel, fährt über die Augenbrauen hinab zu ihren Lippen. Dook’heen schließt die Augen.
»Laarcht’haan hat mir von euren Fehlern erzählt. Ich bin fassungslos. Aber ich kann noch nicht mal richtig wütend sein. Das klingt alles so unendlich weit weg von mir und meinem bisherigen Leben. Ich weiß nur eines: Du bist nicht gefühlslos. Als ich dich in meiner Küche sah, war mir, als würde ich dich seit Jahren kennen. So vertraut. Ich glaube, du empfindest etwas für mich«, Pieter holt tief Luft. »Und ich empfinde etwas für dich. Was da in mir wächst, in so kurzer Zeit, das … das überwältigt mich.«
Dook’heen öffnet ihre Augen, nimmt Pieters Hände von ihrem Kopf. Mit einer fließenden Bewegung richtet sie sich auf und legt die Arme um ihn, den Kopf an seinen, Wange an Wange. »Ich hab es gehört, Pieter. Auch ich bin überwältigt. Ich weiß, wo mir der Kopf steht. Ist es das Konzept Liebe? Wenn ich das Wort richtig deute, dann haben wir Haan dafür kein Äquivalent. Wir kennen nur Faacht’heen, die Vereinigung. Wir kennen weder Verliebtsein, noch die Bedeutung von Romantik. Ich weiß nicht, was falsch ist in mir, aber ich will es nicht mehr missen, dieses Gefühl.«
Pieter öffnet den Mund, wartet auf einen Satz, aber sie kommen nicht.

*

Laarcht’haan und Troocht’haan sehen sich an.
»Ich befürchte, wir sind in dieser Situation überfordert. Es gibt keine Vergleichsdaten in unseren Datenbanken. Niemals zuvor ist etwas derartiges vorgefallen. Ist das korrekt, S’silet?«
»Das ist korrekt, Laarcht’haan.«
»Denk logisch, Laarcht’haan«, fordert ihn Dook’heen auf. »Wenn ich euch verlasse, breche ich die Regeln. Mir ist bewusst, dass das nicht geht. Ich kann also Pieter nicht auf die Erde folgen, denn die Menschen bekämen es über kurz oder lang mit, dass eine Fremde unter ihnen weilt. Aber als eine Heen mit besonders starken Gefühlen für den Menschen Pieter Willem Botha, kann ich nicht ohne ihn leben und will es auch gar nicht. Die Qual wäre zu groß. Für Pieter ebenso. Wir haben den Menschen gegenüber bisher falsch gehandelt. Mit Pieter aber werden wir unseren Auftrag umso besser erfüllen können. Es ist also logisch, dass er hier bei uns in der Behausung bleibt und sein Alterungsprozess ebenso reduziert wird.«
»S’silet. Kannst du Pieters Genetik ohne Folgen für ihn beeinflussen? Kannst du seinen Alterungsprozess so weit verlangsamen?«
»Das liegt in meinen Möglichkeiten. Ich gebe jedoch zu Bedenken, dass die Menschen eine junge Spezies sind. Ihr natürlicher Alterungsprozess wird nach wie vor schneller ablaufen, als es bei den Haan der Fall ist, die seit Äonen an der Evolution teilnehmen. Und ich kann nur bedingt eine biomechanische Kompatibilität herstellen zwischen Dook’heen und Pieter Willem Botha. Ein Faacht’heen wird dadurch nicht ermöglicht.«
»Damit kann ich leben«, lächelt Dook’heen.
Laarcht’haan stellt sich vor Pieter und legt ihm beide Hände auf die Arme. »Bist du bereit, dein verbleibendes Leben hier bei uns zu verbringen? Als ein Teil dieser Behausung? Bist du dir bewusst, dass wir in anderen Zeiträumen denken?«
»Nein, ich kann diese Zeiträume nicht erfassen. Ich weiß auch nicht, wie dies alles auf mich wirken wird. Aber ich will es versuchen. Ich will euch gerne bei eurer Aufgabe unterstützen. Und ich will bei Dook’heen bleiben.«
»Dann sei willkommen, Pieter Willem Botha.«

Dook’heen öffnet die Tür zum Transportraum. »Du erinnerst dich an diesen Raum, Pieter?«
»Aber ja. Was ist hier drin so besonders?«
»Dieses Gerät vor dir. Der Ring. Er ist irreparabel beschädigt. Vermutlich eine Rückkopplung. Wir können ihn nicht reparieren.«
»Ich schätze, meine Autowerkstatt kann es dann auch nicht.«
Dook’heen sieht ihn von der Seite an. »Ich werde bei Gelegenheit hinter diesen Witz kommen. Es war doch ein Witz, nicht wahr?«
»Ein ziemlich schlechter. Was macht denn nun dieses Gerät?«
»Das ist unsere Verbindung nach Hause.«
»Eure Verbindung nach Hause?«
»Ja. Aber wir können nicht mehr nach Hause. Es gibt keine Möglichkeit, diese gewaltige Entfernung jemals auf eine andere Art als mit diesem Gerät zurückzulegen. Die Haan sind darauf bedacht, ihre Implementationen immer zu kontrollieren, und auch alternde Haans auszutauschen. Ich nehme an, unsere Exkursion gilt als gescheitert. Ich denke, dass wir alle drei aus diesem Grund den Menschen so massiv auf die falsche Art geholfen haben. Instinktiv. In der Hoffnung, dass die Menschen eines Tages auch solche Geräte bauen. Da wir bisher annahmen, Hoffnung sei kein natürliches Prinzip, haben wir uns selbst herein gelegt, und damit den Menschen vielleicht irreparablen Schaden zugefügt.«
»Alles hat seinen Preis«, merkt Pieter an.
»Wie meinst du das?«
»Wenn du etwas tust, dann hat dieses Tun Folgen. Wir sagen dazu: Alles hat seinen Preis. Die Frage ist nur: Wirst du diese Antwort auch als solche erkennen und daraus lernen? Oder tust du sie nur als zufälliges Schicksal ab.«
Dook’heen betrachtet Pieter lange. »Ich hatte recht mit meiner Vermutung.«
»Mit welcher Vermutung?«
»Ihr Menschen habt eine viel stärkere Triebfeder als Kampf und Krieg. Ihr Menschen besitzt immense philosophische und künstlerische Kapazitäten. Das ist euer eigentlicher Antrieb. Das wird eure Zukunft sein.«
Je länger er Dook’heen ansieht, desto mehr fällt ihm auf, wie wunderschön sie ist. Faszinierend schön. Und wie sehr ihn das, was sie sagt, in den Bann zieht. Sie hält den Kopf vor seinen und küsst ihn.

Diese Geschichte

Enstanden im Jahr 2013. In diesem doch recht langen Text (fast eine Novelle) gibt es eine Spezies, die geschlechtsneutral geboren wird und erst sehr spät eine Entscheidung treffen muss, welchen geschlechtlichen Weg sie wählt. Das war damals mein Ausgangsgedanke. Was trägt zur Entscheidung bei? Okay, als Schiftsteller wähle ich den Weg der Kunst. Aber diese sehr, sehr alte Spezies hat sich durch eine ewig gleiche Routine auch eine Arroganz des Ewiggleichen angewöhnt. Das bedeutet für andere nichts Gutes. Ihr seht: Es ist Science Fiction. Aber stille SF. Wenn es Euch gefällt, würde ich mich über einen Kommentar freuen. Viel Spaß beim Lesen.

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Beste Grüße
Heiko

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