Sharon

KURZGESCHICHTE | Ich sehe auf den Schmierzettel, den mir Angelika vor dem Abflug gegeben hat. Sharon Dogherty, 91st East, New York, Building No. 314, Ap. 7, 3rd floor steht drauf. Meine Übernachtungsadresse in New York, bevor es nach Denver weiter geht. Doch im Moment bin ich in der Hitze des Hochsommers auf dem Rondell des John F. Kennedy-Flughafens und halte Ausschau nach der Bus-Station. Ich entdecke einen Sicherheitsbeamten, der mir den Weg zu den Bussen nach Downtown-Manhattan erklärt, also schleppe ich mich und das Gepäck zu der beschriebenen Bushaltestelle. Grand-Central-Station steht auf einem der Busse. Ich steige ein.
Als wir endlich abfahren, lehne ich mich zurück, schließe die Augen. Nur ab und zu schaue ich nach draußen, wenn es zu sehr ruckelt. Einmal fällt mir auf der rechten Seite einer dieser typischen amerikanischen Friedhöfe auf. Ein Meer aus Grabsteinen, ungeordnet herumstehend auf vielen kleinen Hügeln. Dahinter thront ein massives Kraftwerk, gebaut aus inzwischen vom Ruß geschwärzten Klinkersteinen. Durch die Hügel des Friedhofs entsteht der Eindruck, es stünde mitten zwischen den Gräbern. Außerdem sehe ich alles durch die getönten Busscheiben, die den Himmel dunkelgelb färben, das Gras modrig wirken lassen. Das ist Blade Runner, Deckard, die Welt im Regen und völliger Depression versunken. Bald tauchen wir unter die Erde in einen Tunnel, namens Queens Midtown, mitten in einer Schlange aus Stahlblech. So etwas wie Angst breitet sich in mir aus. Selbst als wir endlich aus dem Tunnel sind, wird es nicht besser. Im Gegenteil. Von einer East 37th Street biegen wir rechts in die 3rd Avenue, Stoßstange an Stoßstange, dann links in die East 45th Street, dann zieht der Fahrer auf einen Haltestreifen und lässt uns aussteigen.

Ich will nicht hinaus in dieses Menschengewimmel, aber nutzt ja nichts. Endstation. Das bekomme ich für elf Dollar Münzgeld. Also raus. Das erste, was ich tue, ist den Himmel suchen. Ich muss den Kopf schon stark in den Nacken legen, um was zu sehen. Er ist eine Hand breit. Zwar blau, aber kaum vorhanden. Unwillkürlich drücke ich mich durch die Massen zur Hauswand des altehrwürdigen Bahnhofs, lehne mich an, Rucksack und Kameratasche immer im Auge. Eine Zigarette ist fällig. Blick nach links, nach rechts, inhalieren, wieder nach links, mit anderen Worten: Ich bin kurz davor, der Paranoia zu verfallen. Meine Ruhe hat sich in Rauch aufgelöst. Fünf Minuten New York machen offenbar einen anderen Menschen aus mir. Ich schiebe mich langsam zur Hausecke und schiele nach einem Taxistand. Als filmbegeisterter Mensch habe ich ein gelbes Yellowcab vor Augen, finde aber nur ein lindgrünes Fahrzeug mit Taxischild und einem kleinen Mann, der am hinteren Kotflügel lehnt. Er bemerkt meinen suchenden Blick.
»Ah, Mista, wanna drive with me?«, ruft er quer über den Bürgersteig.
»So ist es, yes. I wanna drive with you.«
Er kommt angerannt, will den Rucksack nehmen, schafft es aber nicht.
»No panic, I’ll take it«, sage ich und trage das Gepäck zum Wagen. Er öffnet den Kofferraumdeckel und ich lege den Rucksack hinein. Die Kameratasche lasse ich umgehängt.
»Ah, Mista, you’re very strrronkkk.« Er hat einen furchtbaren Akzent. Eine Mischung aus spanisch-karibisch, etwas in der Art. Sein Wortschatz steht diesem Kauderwelsch in nichts nach. Ich steige hinten rechts ein, die Kameratasche neben mir und versinke augenblicklich tief in der Rückbank. Wie schrecklich! Wie soll ich jemals wieder rauskommen aus diesem Alptraum von Rückbank? Der Kleine setzt sich hinters Lenkrad, drückt auf die Fahne des Taxameters und dreht sich zu mir. »Where d’ya wanna g’ao?«

Ich gebe ihm die Adresse, er liest und startet den Motor. Aufgrund der Einbahnstraßenmechanik New Yorks, fahren wir bis zur Madison Avenue, biegen zwei Mal rechts ab, um dann links in die Park Avenue zu schwenken. Der Kleine zieht, ohne den rückwärtigen Verkehr auch nur eines Blickes zu würdigen, quer über alle Spuren. Mir wird Angst und Bange. Hupen hinter uns. Es ist ihm aufgrund seiner geringen Größe schlicht unmöglich, das Sichtfeld aller Fenster und der Rückspiegel zu nutzen. Auf der rechten Spur angekommen, klappt er die Sonnenblende des Beifahrersitzes runter und es entfaltet sich ein Stadtplan von Manhattan. Auch das noch. Blind durch eine Acht-Millionen-Stadt. Er beugt sich immer wieder nach rechts und schaut auf den Plan. Tut er das zu lange, dreht das Lenkrad automatisch mit. Kurz vor einem möglichen Zusammenprall korrigiert er. Ich transpiriere außerordentlich. Zu allem Übel versucht er es mit Konversation.
»Ah, Mista, where y’a from?«
»Germany.«
»Ah, grrreattt, grrreattt. I’m from Puerto Rico. And thiiisss iss my wifffe.« Er zeigt auf ein kleines Foto, das links vom Taxameter an der Konsole klebt. Man kann kaum was erkennen vor Unschärfe.
»How long have you lived in New York?«
Er schaute zu mir nach hinten. »Two years, Mista«
»Do you like the States?«
»Ouuuh, yes, Mista, grrreattt.«
Dann verfällt er in eine Art Abwesenheit. Ein seltsamer Anblick. Zwei Mal berührt er das Foto seiner Frau. Ich hingegen entdecke die Welt vor den Scheiben. Unmengen von Menschen in allen Farben, Größen, von der Glatze bis zu den wildesten Frisuren, Kleider aus meinen Alpträumen bis zum feinsten Zwirn. Theater an Theater, Tabakläden, Pornokinos, Drugstores, Second-Hand, Unmengen Hotels mit wartenden Pagen, so habe ich mir das vorgestellt. Wir fahren die Park Avenue nordwärts, Block an Block. Endlos, wie es scheint. Die Gebäude sind nicht mal so hoch, nur zwischen vier und zwanzig Stockwerke, Kirchen mit eingerechnet und nicht wenige Häuser im kolonialen Stil sind darunter. Ab einem trutzigen Bau, der wie eine Burg aussieht, steigt die Straße leicht an und die Häuser werden bedrohlicher. Roter Klinker, von Jahrzehnten geschwärzt. Nach einem Blick auf den Plan geht es nach rechts in die 79th Street. Wir folgen ihr. Meine Zweifel bezüglich seiner Ortskenntnisse und der Fähigkeit, einen Plan zu lesen, wachsen alle hundert Meter. Am Schild 1st Avenue geht es wieder nach Norden, also links ab. Ich zähle mit. Tatsächlich nähern wir uns dem Ziel und endlich biegen wir links in die East 91th Street, halten bei Haus 314.
»Okee, Mista, Numba 314, ninetyfirst East. Here we are.«
»How much?«
Er tippt auf dem Taxameter ein paar Tasten. »Twelvethirty.«
Ich gebe ihm fünfzehn und schäle mich aus der Rückbank. Aufstehen aus einem halbvollen Wasserbett. Er bleibt sitzen und sieht sich nervös um. Ich hole den Rucksack aus dem Kofferraum und gehe noch einmal zum Fahrer, um mich zu bedanken. Er lehnt sich entsprechend seiner Körpergröße aus dem Fenster. »Mista, don’t stay here longa then five minutes wi’that baggage.« Er deutet auf die Kameratasche. Ich nicke verstehend. »Good luck«, sagt er und braust davon.

Also die wenigen Stufen zum Hauseingang hoch und Klingel Nummer sieben drücken. Namen stehen keine auf den Schildern. Das Gebäude ist schätzungsweise um die Jahrhundertwende entstanden und hat fünf Stockwerke. Derselbe rote Klinker, ebenso schwarz vor Dreck. Es dauert eine Weile, bis der Türsummer ertönt. Ich öffne und schleppe mich und das Gepäck die Treppen hoch. Im dritten Stock ist eine offene Wohnungstür, an die ich laut klopfe. Nach einem Come in betrete ich die Wohnung und bin überrascht. Der Flur ist lang und geräumig, alte Holzdielen auf dem Boden, aber gepflegt. Gleich rechts die Küche, gegenüber zwei Schlafzimmer die nach jugendlicher Unordnung aussehen. Das letzte Zimmer auf der rechten Seite ist eine Art Wohnzimmer und gegenüber das große Badezimmer, alle Türen sperrangelweit offen und im Bad singt jemand ‚I’m singing in the Rain‘. Ich lege das Gepäck im Wohnzimmer ab und gehe in die Küche, um ein Glas Wasser zu trinken, aber schon den ersten Schluck spucke ich ins Spülbecken. Es schmeckt ekelhaft. Alte Leitungen oder was weiß ich was. Im Kühlschrank finde ich Orangensaft und lösche damit meinen gröbsten Durst. Dann Schritte im Flur, ein gesummtes Lied und eine junge Frau steht im Türrahmen der Küche.
»Hi, ich bin Sharon. Du musst Heinrich sein.« Sie kommt mit ausgestreckter Hand auf mich zu.
»Ja, richtig. Einen schönen Gruß von Angelika soll ich dir überbringen.«
»Vielen Dank, ich hab sie ja schon ewig nicht mehr gesehen. Immer verspricht sie, mich zu besuchen, aber bisher hat sie es nicht geschafft.«
»Na ja, New York ist ja nicht gerade um die Ecke.«
»Stimmt, zudem ist es hässlich. Möchtest du einen Kaffee?«
»Einen Kaffee würde ich trinken. Und wenn es dir keine Umstände macht, gerne eine Dusche nehmen.«
»Kein Problem. Fühl dich hier wie zuhause. Wo hast du dein Gepäck?«
»In dem Zimmer hinten rechts. Ist das in Ordnung?«
»Ja, völlig okay. Geh duschen, ich mach Kaffee.«
»Gut.«

Erfrischt sitze ich in der Küche und schlürfe Kaffee. Heiß und dünn. Sharon lehnt an der Spüle und schneidet sich die Fingernägel. Sie ist eine klassische Schönheit. Alles an ihr ist geschmeidig, jede einzelne Bewegung macht den Eindruck völliger Kontrolle, wie eine Schlange auf zwei Beinen. Doch ich entdecke noch etwas, einen Schatten dahinter. Kleine Schwankungen in der Stimme, leichtes Zittern der Hände, immer wieder ein unsteter Blick, wenn sie sich nicht beobachtet fühlt. Als läge inmitten sternenüberfluteter Schönheit ein Schwarzes Loch mit all seinem Hunger.
»Was zahlt man für so eine Wohnung? Ist sicher nicht billig. Schöne Dielenböden, hohe Decken, gut renoviert …«
»Wir zahlen 800 Dollar, kalt.«
»800 Dollar? Puh … wie viel Quadratmeter?«
»Neunzig Quadratmeter. Und für das ganze Haus haben wir eine Putzfrau, die Treppenhaus und Wohnungen putzt. Ist im Preis drin.«
»Hm, ist das teuer für New York?«
»Nein, für die Gegend hier ist das normal.«
»Du sagtest, wir zahlen. Wohnt noch jemand hier?«
»Ja, eine Schulkollegin. Ihr Vater zahlt die Wohnung und ihren Schulaufenthalt, ich bin eigentlich die Untermieterin.«
»Auf was für einer Schule seid ihr denn?«
»Wir sind auf der Schauspielschule, Lee Strasberg Theatre and Film Institute.«
»Echt? Wow, da habt ihr ja einiges vor.«
»Na ja, ich würde das schon gerne durchziehen, aber weiß nicht, ob es das Richtige für mich ist.«
»Wie alt bist du?«
»24.«
»Da bleibt nach der Ausbildung noch Zeit für eine andere Richtung in deinem Leben.«
»Ja, sicher …« Sie betrachtet geistesabwesend ihre Fingernägel.
»Dein Vater ist bei der Army in Kaiserslautern, hat mir Angelika erzählt. Und deine Mutter eine echte Pfälzerin. Stimmt‘s?«
»Mh.«
»Du bist in Deutschland geboren und hast dort zwanzig Jahre gewohnt? Warum bist du nicht dort geblieben?«
»Ich wollte einfach weg. Army, Army, Army. Ich konnte das nicht mehr sehen.«
»Das kann ich verstehen.«
Ihre anfängliche Begeisterung hat einer Art Lethargie Platz gemacht. Sie ist wie ausgewechselt. Als wäre sie in ein tiefes Loch gefallen.
»Ich hab Hunger«, sage ich. »Lass uns etwas Essen gehen.«
Sharon hüpft aus dem Stand einen halben Meter hoch und lächelt übers ganze Gesicht. »Au ja, prima, ich zeige dir die Stadt.«
»Zeig mir nicht so viel. Mir langt es für heute, bin hundemüde. In Deutschland ist es mitten in der Nacht.«

Die Wohnungstür schließt sie mit fünf Schlössern zu, die in unterschiedlichen Höhen angebracht sind. Wir ziehen los. Sie trägt sinnigerweise ein olivgrünes Army-Unterhemd, Armeehosen mit unzähligen Taschen und weiße Turnschuhe. Ihr Haar ist zu einem Pferdeschwanz gebunden. Sharons ganze Erscheinung erinnert mich an Lieutenant Ripley vom Raumfrachter Nostromo. Sie läuft nicht neben mir, nein, sie hüpft jeden Schritt von einem Bein aufs nächste und schwingt die Arme hin und her, wie weiland Pippi Langstrumpf. Dabei redet sie oder summt ein Lied. »Wir nehmen die U-Bahn und fahren nach Lower Manhattan. Da kenne ich ein europäisches Restaurant. Die haben gutes Essen.«
»Soll mir recht sein.«
Wir laufen bis zur Park Avenue, überqueren sie und erreichen eine U-Bahn-Station. Je tiefer wir kommen, desto stickiger wird die Luft. Die Station ist alt. Beige Fliesen, dunkelgrün unterbrochen, sicherlich aus den 30er- oder 40er-Jahren. Die Enge ist nichts für Klaustrophobiker. Am Tickethäuschen kaufe ich zwei Fahrkarten, dann zwängen wir uns durch die Drehschranke. Erneut geht es über eine Treppe nach unten. Der Bahnsteig ist schmal, vielleicht vier oder fünf Meter breit und voller Menschen. Kein Lüftchen weht. Es sind sicher um die 35 Grad. Stillstehen und Körperfunktionen einschränken, ist die einzige Möglichkeit, nicht in Ohnmacht zu fallen. Nach ein paar Minuten kommt die U-Bahn. Endlich! Wir steigen ein und sofort beginne ich zu frieren. Eine Klimaanlage auf Hochtouren. Höchstens noch 20 Grad.
»Setz dich. Das ist die grüne Sechs, die kommt aus der Bronx«, erklärt Sharon. Mir ist nicht klar, was die Herkunft der Bahn mit einem Sitzplatz zu tun hat, aber sitzen ist gut für müde Jungs wie mich. Wir setzen uns auf eine längs der Fahrtrichtung montierte Bank. Sharon links von mir. Die Bahn beschleunigt sehr schnell. Man muss sich nach rechts neigen, um nicht nach links zu kippen. Gegenüber, vor den getönten Scheiben des Waggons, sitzen drei Schwarze in schwarzen Kapuzenpullovern, schwarzen Hosen und auf dem Kopf schwarze Basecaps. Die Kopfhörer ihrer Walkmans auf den Ohren. Ich kann deutlich Public Enemy hören. Jeder von ihnen bringt es auf mehr als 100 Kilo und über einsachtzig Größe. Vor allem starren sie mich die ganze Zeit mit finsterem Blick an. Mich Weißbrot. Wie ich da so hocke, ausgebleichte Jeans, weißes T-Shirt und Cowboy-Boots. Ein typischer Fall von Sklavenhalter. So komme ich mir jedenfalls vor.
»Scheißmusik«, sagte Sharon.
»Ich steh drauf.«
»Echt?«
»Klar.«
Im rechten Augenwinkel ist Bewegung. Im Reflex ziehe ich die Hände aus den Hosentaschen und nehme sie hoch, da entdecke ich einen McDonalds-Becher. Drin befindet sich Münzgeld.
»Mista, please …«
Ich mustere die Person zum Becher. Eine schwarze Frau, an die zwei Meter groß und völlig heruntergekommen, mit ehemals weißem Pullover, verlöcherter Hose, die Finger dreckig, das Gesicht kaputt wie drei Mal drübergefahren. Sie schaut mich an, nein, sie schaut an mir vorbei auf den Boden.
»Mista, please …«
Ihre Hand wackelt und die Münzen klingeln im Becher. Ich rieche Alkohol und lächle sie an, ziehe eine Dollarnote aus der Hosentasche.
»Steck das sofort wieder ein«, zischt mir Sharon zu.
»Warum?«
»Wenn du jedem, der hier betteln geht, was geben willst, stehst du morgen selbst hier.«
»Das ist zynisch …«
Ich werfe die Dollarnote hinein und will die Frau anlächeln, komme aber nicht mehr dazu, denn wir bremsten abrupt, dass ich beinahe gegen Sharon stoße. Die betrunkene Frau kann sich nicht auf den Füßen halten, fällt mit dem Kopf im Fallen gegen eine der Metallstangen. Es gibt ein dumpfes Geräusch und sie landet auf dem Boden. Der Zug steht. Kurzentschlossen will ich aufstehen, um nach ihr zu sehen, da kommt ein Wachmann, drückt mich wieder in den Sitz, packt die Frau unter den Armen, schleift sie wie einen nassen Sack aus dem Zug und legt sie an der Bahnsteigwand ab. Dann kommt er wieder herein. Die Türen schließen sich und wir fahren weiter. Durch die Scheibe sehe ich sie bewegungslos auf dem Bahnsteig liegen. An der Metallstange und auf dem Boden klebt Blut.
»Das glaub ich jetzt nicht. Oder? Bin ich im falschen Film?«
»Glaub es ruhig«, meint Sharon.
Bis zu unserem Ziel hänge ich schweigend meinen Gedanken nach. Warum erschafft der Mensch sich solche Städte, wenn er doch weiß, dass er darin verroht?

Ich bin froh, wieder an der Oberfläche zu sein. Sharon erklärt und zeigt in diverse Richtungen. Dort der Theaterbezirk, da runter Battery Park, ich schaffe es kaum, ihren Worten und Gesten zu folgen.
»Schau, das World Trade Center«, sie zupft mich am Ärmel und hebt den Arm. Tatsächlich!
»Was ist denn das für ein Licht auf dem Turm?«
»Ein Laser. Der malt Bilder an die Wolkendecke. Stars and Stripes und so Dinger.«
»Energieverschwendung.«
Sie lacht.
»Im Moment überlegen sie, in den Seitenstraßen nachts die Straßenbeleuchtung auszuschalten, um Energie zu sparen.«
Ich schüttele den Kopf ob solch groben Unfugs. Wir gehen um die Ecke und erreichen eine Bar mit Café und Essbarem. Auf dem Bürgersteig finden sich ein paar Tische und Stühle. Sharon setzt sich an einen der Tische. »Komm, sitzen wir draußen. Da kann man mehr sehen.« Ich bin einverstanden.
Kaum haben wir es uns gemütlich gemacht, bringt eine Kellnerin zwei Speisekarten. ‚European Restaurant and Bar‘ ist vorne aufgedruckt. Ich wähle einen Nizza-Salat und einen Milchkaffee. »Ich bin erstaunt. Nizza-Salat und Milchkaffee? Anscheinend gibt es hier doch so etwas wie Kultur?«
Sharon lächelt. »Du darfst nicht so ungerecht sein. Manche geben sich ja Mühe.«
»Da bin ich mal gespannt.«
Das Restaurant liegt am Ende des Blocks. In meiner Blickrichtung ist ein Kiosk, nebenan eine Buchhandlung. Am gegenüberliegenden Eck lauert ein Polizeiwagen, deren Insassen Fastfood futtern, während aus dem Funklautsprecher immer wieder schnarrende Stimmen zu hören sind.
»Sag mal, Sharon, was machen hier in New York die Behinderten mit ihren Rollstühlen? Diese Bordsteine sind ja 25 Zentimeter hoch. Das schafft doch kein Rollstuhlfahrer von alleine?«
»Auf was du alles achtest? Das hab ich mir noch nie überlegt. Keine Ahnung.«
In diesem Moment kommt die Kellnerin mit den bestellten Sachen. »Schau mal«, sage ich überrascht, »echte Champignons, Oliven, Gurkenscheiben, grüner Paprika, Kartoffeln, Sardellen und Ei! Ein echter Nizza-Salat.« Sharon beißt in ihren Burger, aber was sie sagt, kann ich nicht verstehen, denn zwei Meter links von uns parkt in diesem Moment eine schwarze Corvette, ausgerüstet mit Spoilern, roten Sitzen, extrem lauter Musik und zwei großen Auspuffendstücken. Immer wieder tritt der Fahrer aufs Gaspedal. Es stinkt nach unverbleitem Sprit.
»Mach das Auto aus!«, rufe ich. Zwecklos. Motorenlärm und die Musik von Van Halen lassen meine Stimme verschwinden. Er schaltet endlich den Achtzylinder ab, steigt aus dem Wagen und verriegelt ihn. Es hupt und jault. An allen Ecken und Enden springen Lichter an. Zufrieden mit sich und der Welt stolziert er ins Restaurant. Sharon kriegt sich kaum ein vor Lachen.
»Das ist nicht der Durchschnitts-New Yorker«, erklärt sie japsend, »das ist ein besonderes Exemplar.«
»Ich will es hoffen. Sag mal, bekommt man hier zu den Salaten eigentlich keine Salatsoße?«
»Hm, eigentlich schon. Das hat die Bedienung bestimmt vergessen. Ich geh eh rein aufs Klo und schau mal nach.«
»Okay.«
Sie steht auf und hüpft ins Restaurant. Ein paar Meter weiter erlöschen im Kiosk die Lichter. Ein Mann kommt heraus, dessen rechtes Bein fehlt. Er stützt sich auf zwei Krücken, schließt ab und hüpft ein Stück zurück. Dann zieht er mit der einen Krücke das Eisenrollo nach unten. Er hat Übung. Als er fertig ist, stakt er auf das Auto vor der Corvette zu und wie er zwischen beiden Wagen durchgeht, rumst die linken Krücke an die Stoßstange der Corvette. Die Alarmanlage legt los und umgehend kommt der Besitzer aus dem Restaurant gerannt und versetzt dem Einbeinigen ohne zu fragen, was denn überhaupt geschehen ist, einen kräftigen Hieb ins Gesicht. Der Geschlagene fällt auf den Bürgersteig. Ich stehe auf und schaue zum Polizeiwagen am Eck. Die Insassen verfolgen das Geschehen, aber die Mahlzeit unterbrechen sie nicht. Im Gegenteil. Ihr Funk plärrt eine Nummer, woraufhin sie mit Licht und Signal langsam um die Ecke verschwinden. Der Corvette-Besitzer geht wütend an mir vorbei. Ich laufe zum Einbeinigen, der immer noch auf der Straße liegt, und will ihm aufhelfen. Er stochert mit seiner Krücke nach mir und lässt mich nicht an sich heran.
»Let me help you!«, ruf ich ihm zu.
»Piss off!«, die Antwort. Also mache ich kehrt, während er sich hochquält. Sharon sitzt schon wieder auf ihrem Platz und hat Salatsoße mitgebracht.
»Ich sehe schon. Man kann dich keine Minute allein lassen.«
Ich erkläre, was vorgefallen ist und schaue misstrauisch auf die Salatsoße. Ein Aluminiumbeutel mit Fertigsoße! Ich lege sie beiseite und esse den Salat pur. Rohkost. Der Kaffee jedenfalls ist gut. »New York gefällt mir nicht«, murmele ich in eine Gabel Paprika hinein. »Warum wohnst du hier? Schauspielschulen gibt es auch in Deutschland, in Hamburg. Dein Deutsch ist perfekt. Das hier ist doch Wahnsinn.«
»Ich weiß, aber die New Yorker Schauspielschulen sind renommiert. Kommst du von hier, hast du am meisten Chancen. Eine Hamburger Schauspielschule kennt niemand. Keine Reputation.«
»Gerade das wäre ein Grund, nicht hier zu lernen. Ein Volk von Ignoranten, ts …«
»Es ist meine Heimat.«
»Es ist die Heimat deines Vaters.«
»Ja, ich weiß. Ich erzähl dir mal, was mir so vor einem halben Jahr passiert ist. Also, da war ich einkaufen, links und rechts große Tüten unter den Armen. Die Türen im Supermarkt gehen automatisch nach außen auf. Wie ich da so raus gehe, donnert die große, schwere Supermarkttür an die Schulter einer Frau. Sie stand draußen mit zwei anderen und redete. Die Frau fiel um. Die zwei anderen kamen sofort auf mich zu, begannen auf mich einzuschlagen mit ihren Händen, ihren Taschen. Ich fiel der Länge nach hin. Sie beschimpften mich unentwegt und traten auf mich ein. Mit Mühe und Not schaffte ich es, mit meinen Armen den Kopf zu schützen. Das hörte gar nicht mehr auf. Irgendwann hatten sie genug. Ich lag da, flennte und schrie. Mir tat alles weh. Da gab es niemanden, der mir half. Als sie abzogen, sammelte ich meine Sachen wieder ein. Dann sah ich einen Polizisten auf der anderen Straßenseite. Ich ging hin und wollte Anzeige erstatten. Haben sie alles gesehen, fragte ich ihn. Ja, meinte er. Dann will ich Anzeige erstatten. Ob ich mit einer Waffe bedroht worden wäre, wollte er wissen. Nein, warum? Na, dann seien sie doch froh. Sie leben noch. Damit war das Gespräch für ihn beendet. Ich war sprachlos und bin erst mal zum Arzt.«
»Toll.« Ich schaue sie an. »Eine Stadt, in der man gerne wohnt. Lass uns gehen. Ich hab genug von Rohkost.« Wir bezahlen und lassen reichlich Trinkgeld auf dem Teller, denn davon lebt die Bedienung ja schließlich.

»Gehen wir noch wohin?«, fragt mich Sharon hüpfenderweise.
»Nein, ich hab keine Lust mehr. Falls du eine Flasche Wein daheim hast, können wir die ja trinken.«
»Okay, das können wir machen.«
Sharon hüpft wieder. Der Kopf auf und nieder, die Arme wedeln. Man wird auf Dauer irre vom Zusehen. »Sag mal, wieso hüpfst du eigentlich die meiste Zeit? Irgendwas ist da ja immer in Bewegung bei dir.«
»Ach, das musst du nicht ernst nehmen. So bin ich halt. Immer in Bewegung.«
Sie lächelt mich an. Mal von oben, mal von unten.
»Ich nehme dich eigentlich schon ernst.«
Sharon beendet die Hüpferei und fixiert mich richtiggehend. »Ja, ich weiß …«
Für einen Moment bin ich irritiert. Sie hüpft weiter und ich folge. Wir erreichen die U-Bahn und fahren zurück. Als wir aussteigen, fällt mir auf, dass dies eine andere Station ist als unser Ausgangspunkt. »Wo sind wir?«
»Ich dachte, wir steigen früher aus. Dann können wir noch ein bisschen zu Fuß gehen. Es ist ein so schöner Abend.«
»Okay. Wie lange gehen wir?«
»Ach, nicht lang.«
»Na gut.«
Sie lächelt und steigt die Treppe empor. Ich weiß jetzt, was mich an ihr so irritiert. Es ist das Lächeln. Schwester Ratched fällt mir ein aus Einer flog übers Kuckucksnest. Da wohnt etwas in Sharon, zu dem sie nicht immer eine Verbindung hat. Oben angekommen, laufen wir an einem schmiedeeisernen Gitter entlang, das einen kleinen Park vom Bürgersteig trennt. Uns kommen drei schwarze Jugendliche entgegen. »Bleib stehen und setz dich auf die Mauerkante.« Ich gehorche. Sie setzt sich neben mich und legt mir ihre Arme um den Hals, ihren Kopf an meinen, Wange an Wange. »Beobachte du, wie sie kommen, ich beobachte, wie sie vorbeigehen«, flüstert sie mir ins Ohr. Um nicht ganz unbeteiligt zu sein, umarmt ich sie und kraule ihren Nacken. Die Jugendlichen ziehen vorbei, ohne uns auch nur eines Blickes zu würdigen. Ich bin in Paranoia City. So komme ich mir zumindest vor. Sharon hält mich weiterhin umarmt und ich kraule ihren Nacken.
»Ähm, sie sind weg.«
»Ich weiß. Kraul weiter. Nur einen Moment.«
Ich schlucke. Ein Bündel Einsamkeit zwischen all den Mauern hier. Aus einem Moment werden viele. Das Mechanische verschwindet und mein Kraulen wird ein Sehnen. Beiderseits. Sie küsst mich, steht auf und beginnt zu hüpfen. Kopfschüttelnd folge ich ihr. »Diese Stadt ist nix für dich. Man schwankt zwischen Paranoia und Todesangst. Zieh weg von hier.«
»Du hast recht. In New Jersey drüben gibt es ruhige Dörfer. Aber ich müsste jedes Mal mit dem Zug kommen und mir selber eine Bude mieten. Das kann ich mir nicht leisten. Die Konstellation, wie sie jetzt ist, kann ich mir erarbeiten.«
»Und wieder nach Deutschland? Doch Hamburg? Schauspiel auf guten Bühnen, Berlin, Hamburg Thalia-Theater, Bochumer Schauspielhaus. Du kannst ja immer wieder hierher zurück. Aber dann hast du was in der Hand. Ich würde dich auch ab und zu kraulen …«
Sharon bleibt stehen, stoppt mich mit der Hand vor meiner Brust und grinst mich an, so entwaffnend offen, dass ich nichts mehr denken kann. Sie springt aus dem Stand in eine solche Höhe, das sie glatt auf dem Autodach landen könnte. »Du hättest eine Karriere als Hochspringerin anstreben sollen. Du bist eindeutig ein singuläres Supertalent.«
Sie lächelt und zieht mich an der Hand weiter.
»Ich weiß, diese Theater sind bekannt und haben gute Regisseure. Aber ich kann nicht mehr zurück.«
Ich frage nicht, warum sie nicht mehr zurück kann. Es klingt bedrohlich und ist vielleicht nichts für meine Ohren. Als wir wieder bei ihr zu Hause sind, erwartet uns bereits die Mitbewohnerin in der Küche. Sie ist das Gegenteil von Sharon klein, etwas pummelig, hat eine Micky-Maus-Stimme, und als ich mich herunterbeuge, fällt sie mir um den Hals, knuddelt und knutscht an mir herum. Ich sage, ich müsste mal auf die Toilette und gehe mich waschen. Dann öffnen wir den Wein und machen das, was man Small Talk nennt. Belangloses Zeug. Ich schenke ab und zu nach, während die beiden die Gerüchte aus ihrer Schauspielschule abarbeiten. Ich werde schnell müde vom kalifornischen Zinfandel und erkundige mich nach meiner Schlafstätte. Sharon zeigt mir das Bett und ich verabschiede mich zur Nachtruhe. Ich habe es bitter nötig.

Das Bett ist außergewöhnlich bequem. Direkt am Kopfende steht es an einem Fenster, dessen untere Kante sehr tief ansetzt, etwa fünfzig Zentimeter über dem Boden. Ich hebe den Kopf und blicke direkt in den Hinterhof. Was ich sehe, gibt mir den Rest. Ein kleines Gebäude im Innenhof mit einem Dach aus Teerpappe, fünfzehn mal fünfzehn Meter. Auf dem Dach eine Sitzgruppe, Sofas, niedere Tische, Mülleimer, eine Batterie leerer Flaschen. Die linke Hälfte der den Innenhof einrahmenden Häuserwände ist weiß gestrichen, die rechte Hälfte besteht aus den schmutzigen Klinkersteinen. Die Grenze ist akkurat gezogen, schwarz und weiß. Hohe Schornsteine ragen aus dem Innenhofdach. Im Hof selbst flitzen Ratten hin und her, quieken, suchen nach Essbarem. Viele Fenster sind noch erleuchtet und offen. Aus ihnen dudelt Musik oder Fernsehstimmen, Schüsse von Colts aus Western, Indianergeheul, Polizeisirenen. Aus einem der oberen fliegt eine Bierdose aufs Dach. Ich höre jemanden schreien. Die Antwort kommt prompt und genauso laut. Dann setzt es was. Eine Frau schreit und flucht wie ich selten jemand habe fluchen hören. Kafkas Schlaraffenland. Mit diesem Eindruck schlafe ich ein.

Ich werde wach, als jemand über mich drüber klettert. Es ist Sharon. Sie legt sich neben mich und schaut mich an. »Ich wollte dich nicht wecken. Entschuldigung.«
»Mh?«
Mehr bringe ich nicht raus. Unsere Nasen trennen zwanzig Zentimeter. Wir sehen uns direkt in die Augen, die mich kirre machen. Es ist, als würde ich in eine Zeit vor dem Urknall blicken oder in die ferne Zukunft, nachdem alle Sonnen erloschen sind. Eine grundlose Tiefe. Jemand hat Sharon Ersatzaugen eingesetzt und vergessen, mit dem Rest ihres Körpers zu verbinden. Ich hebe die Hand und streiche ihr durchs Haar. Langsam, und so vorsichtig wie möglich. Sie lächelt. Mein Zeigefinger fährt die Linien ihrer Augenbrauen nach, malt kleine Kreise auf ihre Nasenflügel und bald darauf ist sie eingeschlafen. Ich stehe auf, hole Kamera, Stativ und fotografiere den Innenhof mehrere Male, wechsle die Objektive, Weitwinkel, kleines Tele, lege einen hochempfindlichen Agfa-Schwarzweißfilm ein und knipse alles nochmal. Dann beobachte ich Sharon. Sie hat sich umgedreht, nichts an, außer dem Army-Unterhemd. Die Knie bis zum Bauch angewinkelt, Arme vor der Brust gekreuzt. Hingegossen von einem Gott, der nichts als Schönes erschaffen kann, aber vom Rest keine Ahnung hat. Mir kommt der Gedanke, dass jemand sie gebrochen haben könnte. Vor langer Zeit. Ich decke sie vorsichtig zu und hole aus der Küche einen Rest Wein. Prost, Heinrich, sage ich, trinke leer, lege mich hin und schlafe ein.

»Heinrich?« Eine Hand rüttelt mich sanft an der Schulter. »Wollen wir Croissants holen?« Ich öffne ein Auge und sehe auf die Uhr. Es ist nach eins. Mein Flug geht um 17 Uhr. Ich ziehe mich an und wir machen uns auf den Weg zum Bäcker. Als wir zum westlichen Ecke der nächsten Kreuzung laufen, fallen mir die Mietskasernen auf. An die dreißig Stockwerke. Sharon folgt meinem Blick. »Alles Wohnungen«, erklärt sie. »Letzte Woche sprang ein Pärchen vom Dach, Hand in Hand. Einen einfachen Strick um die Handgelenke gebunden, so dass sie auch im Tod verbunden blieben. Waren wohl beide Junkies, stand in der Zeitung.« Ich blicke empor. Der Himmel ist diesig, grau, undefinierbar. Es ist schwül.
»Wie schrecklich.«
»Sie lagen mehrere Stunden, bis ein Krankenwagen es endlich durch die Rush hour geschafft hatte. Die Ratten waren schneller.«
Ich will ignorieren, was sie erzählt. Das ist nicht meine Welt. »Komm, lass uns zum Bäcker hüpfen«, schlage ich vor und nehme ihre Hand. Sie lächelt und wir hüpfen wie tollende Kinder durch die Klinkerwüste. Es stellt sich heraus, dass es gar kein Bäcker ist, lediglich ein koreanischer Tante Emma-Laden. Aber er hat Croissant in Rollen, backfertig für den Herd.

Wieder bei Sharon, schiebt sie die Rollen in den Herd und ich mache Kaffee, einen starken. Ihre Mitbewohnerin ist nicht da, was meine Morgenlaune bessert. Das Endprodukt aus den Teigrollen schmeckt aufgebacken gar nicht so schlecht. Wir sitzen am Tisch und sehen uns in die Augen. Dann schiebt sich Sharons rechte Hand über den Tisch und berührt meine.
»Ich bitte dich, noch ein paar Tage zu bleiben. Da gibt es so viel, was ich dir zeigen möchte. Die Freiheitsstatue ist immer einen Besuch wert. Und wir könnten aufs World Trade Center hoch, ins Metropolitan, ins Guggenheim … was meinst du?«
Ich hadere mit mir und dem verlockenden Angebot. Durch das offene Küchenfenster höre ich Neil Young vom Cinnamon Girl singen. Das trifft die Sache ziemlich genau. Sharon, so faszinierend sie ist, so rätselhaft, wohnt doch etwas Dunkles in ihr, hat sich in ihr gemütlich eingerichtet; und sie kämpft täglich damit. »Ich glaube, du bittest mich nicht, das alles mit dir anzusehen, du bittest mich, dich anzusehen. Oder?« Sie erstarrt. Ich atme tief ein. »Du bittest mich, dich nicht allein zu lassen.« Ihre Starre löst sich. Das Dunkle kriecht aus den schwarzen Augen und ist im Begriff, mich zu verschlingen. Mir wird mulmig.
»Ich kann nicht hier bleiben, Sharon. Diese Stadt macht mich krank. Und ich bin mir sicher, dass du hier auch nicht gut aufgehoben bist. Geh weg von hier.«
»Nur hier kann ich existieren.«
»Existieren ist aber nicht leben.«
Sie blickt durch mich hindurch und schweigt, taucht das Croissant in den Kaffee. Nach kurzer Zeit fällt das aufgeweichte Stück auf den Tisch.
»Sharon?«
»Ja? Oh, verzeih mir«, flüstert sie, legt den Kopf auf den Unterarm. Ich sehe den Zopf, die gebräunte Schulter, ein heller Streifen vom Army-Unterhemd auf der Haut. »Könntest du dich in mich verlieben?«, fragt sie die Kühlschranktür. Ein merkliches Zittern in der Stimme.
»Mit jeder Faser«, gebe ich zu. Wieder ist sie still und ich bin versucht, die Zeit anzuhalten. Dann nehme ich ihre Hand zwischen meine. Wie kühl sie ist …
»Heinrich?«
»Ja?«
»Ich hab mich sehr wohl gefühlt neben dir, heute Nacht. Ich wusste, du würdest mir nichts tun ..«
Mir laufen die Tränen über die Wangen. Ich drehe den Kopf zur Seite und stehe auf. »Es wird langsam Zeit für mich. Ich packe meine Sachen zusammen. Würdest du ein Taxi rufen?«
Der Schnitt ist grausam direkt. Aber ich muss weg. Vor mir auf dem Tisch ist ein leeres Universum. Je eher ich von hier wegkomme, desto schneller werde ich mich wieder besser fühlen. Das bedeutet, Abschied zu nehmen von Sharon; was noch übrig ist von dieser kleinen Blume, die in einem Plastiktöpfchen auf dem Pazifik treibt, auf Land hoffend. Ich kann sie nicht retten. Wie auch? Sie steht hinter mir im Türrahmen und beobachtet, wie ich die wenigen Sachen in den Rucksack packe.
»Sehen wir uns noch mal wieder? Wirst du mich besuchen?«
Ich zurre alles fest und nehme das Monster auf die Schulter. »Das kann ich dir nicht versprechen. New York ist weit. Du könntest mich besuchen, aber Deutschland ist genau so weit. Und so richtig Geld haben wir beide nicht. Schlechte Voraussetzungen für ein Wiedersehen.«
Sie drehte sich weg. »Ich geh mit runter. Das Taxi wird bestimmt gleich kommen.« Sharon schlurft vor mir her, zittert die Treppenstufen hinunter. Sie weint und mir schnürt es mehr und mehr die Kehle zu. Ich begehe Verrat, bin Dreck, verdiene kein Glück. Kaum stehen wir auf der Außentreppe, als schon das Taxi hält. Diesmal ein echtes Yellow Cab. Der Fahrer sieht mich, steigt aus und wuchtet den Rucksack in den Kofferraum. Ich drehe mich zu Sharon, in dem Moment klammert sie sich an mich und küsst mich auf den Mund, als wäre das der letzte Kuss auf dieser Erde vor der Apokalypse. Es fällt mir nicht schwer, ihn zu erwidern. Abrupt wie sie sich an mich klammerte, hört sie wieder auf. »Mach’s gut«, sagt sie im Wegdrehen und schließt die Tür hinter sich. Ich steige völlig benebelt ins Taxi. Als wir losfahren, blicke ich zurück. Ich lasse sie allein. Das letzte Edelweiß inmitten dieses abscheulichen, menschlichen Steinmassivs. Irgendjemand wird es pflücken, trocknen oder einfach zertreten.

Die Maschine der United startet pünktlich von La Guardia. Drei Stunden bis zum Stapleton International Airport in Denver. Die Stewardess serviert das Abendessen. Feines Käsesandwich, in Cellophan eingeschweißt und angenehm von Kondenswasser durchfeuchtet. Ich bestelle einen Whiskey und denke an Sharon.

Zwei Jahre später zieht sie nach Chicago, jobbt in einer Dosenfabrik, wird in die psychiatrische Klinik eingewiesen, wo sie sich schließlich selbst tötet. Tun Sie mir, liebe Lesende, einen Gefallen: Denken Sie für einen kurzen Augenblick an Sharon. Danke.

Diese Geschichte

Der Text ist entstanden im Jahr 1995 und beschreibt einen Augenblick im August 1991 in New York. Die Stadt hatte zu der Zeit mit David Dinkins den ersten schwarzen Bürgermeister. Er war angetreten, um etwas zu bewirken. Bei seinem Amtsantritt hatten die New Yorker die Nase voll von den Zuständen in der Stadt. Mit Dinkins begannen tatsächlich positive Veränderungen. Wer sich Filme aus den 70ern, 80ern über New York anschaut, wird feststellen, wie sehr es sich tatsächlich verändert hat.

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Heiko

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