Ich weiß nicht, wie du heißt

KURZGESCHICHTEN | Ich sehe die Hand nach dem Knauf greifen. Meine linke Hand. Rote Stahltür. Sie ist schwer. Dutzende Aufkleber drauf. ‚Gelbe Seiten wissen alles‘ oder ‚Ich liebe Köln‘ und so Zeug. Öffnen und hinein. Nichts als Zigarettenrauch, Gelächter, Earth, Wind and Fire strömt mir entgegen. Ein alter Kalender hängt zwischen zwei verblichenen Nacktfotos. Kleine und große Brüste neben dick markiertem 12. August 1979. Warum ausgerechnet dieser Tag? Schon mehr als ein Jahr vergangen. Ich schleiche durch den Spalt zweier übel riechender Vorhanghälften, beider Saum mit einem dicken Speckrand überzogen. Endlich drin und hoffentlich ist niemand da, der mich kennt oder den ich kenne. Aber nichts als rotes Leuchten auf allem lebendem und totem Inventar. Tische, Wände, Gesichter, Arme, Beine, Busen, alles rot. Da hinten im Alkoven ist ein freier Tisch. Zügig flüchte ich dorthin, quetsche mich auf die verranzte, halbrunde Bank, aber lehne nicht den Kopf an den roten Plüsch. Wer weiß, wessen Haare dort schon welche Spuren hinterlassen haben.

»Kölsch?« Verwirrt beobachte ich den vor mir landenden Bierdeckel, die runzlige Hand, wie sie ein Glas Reissdorf darauf abstellt. »Wenn du hier sitzen willst, musst du was trinken. Am besten gleich ein paar Gläser, sonst schmeiße ich dich raus.«
Los, heb den Kopf, Heinrich!, zwingt mich etwas in mir und ich folge der Stimme, starre fasziniert auf eine ältere Frau. Ihr herausfordernder Blick löst in mir Unbehagen aus. »Danke«, erwidere ich und nicke dazu, um mein Einverständnis zu untermauern. »Bring mir bitte noch einen Jägermeister«, setze ich nach und hoffe, eine männlich feste Stimme zu haben. Hab ich das wirklich gesagt? Sie kneift ein Auge halb zu und mustert mich eine unbequeme Ewigkeit lang. Earth, Wind and Fire lassen es gut sein und Mick Jagger hilft mir mit Gimme Shelter, was ich als sehr angenehm empfinde. Da ist der prüfende Blick, ob dieser Kerl schon achtzehn ist oder vielleicht ein Irrer, vermute ich. Genau das wird sie denken. Spüre ich da Schweiß auf dem Rücken?

»Jägermeister, geht klar.« Sie dreht sich weg, bleibt stehen, den Rücken zu mir. »Aber besaufen ist nicht! Dann schmeiße ich dich raus!« Ich nicke, aber das kann sie ja nicht sehen, also schicke ich ein lässiges ‚Alles klar‘ hinterher. Das wird sie schon tausend Mal gehört haben. Ich fühle mich dem Fleischwolf entronnen. Das panische Gefühl verschwindet in einer stillen Herzkammer. Warum sitze ich auf einer mit eingeritzten Jahreszahlen, Vornamen, wüsten Beschimpfungen und Sprüchen verunstalteten Holzbank? Darf man hier Messer mitbringen? Fehlt nur noch, dass plötzlich jemand Bekanntes aus einem Separee auftaucht und eine überraschte, lautstarke Begrüßung äußert. He! Heinrich! Du hier? Köln ist ein Dorf. Da muss man sich nichts vormachen.

Die Panik kommt wieder als Kribbeln, erhöhter Puls, Zittern in den Beinen. Sie quillt aus dem nassen Sand unter jedem deiner Strandschritte, kriecht aus der stillen Herzkammer, sickert durch das rötliche Licht ins Hirn. Blickt mich strafend an, will wissen, was um alles in der Welt ich hier eigentlich tue. Eine jüngere Hand stellt einen mehr als winzigen Jägermeister vor meine Nase und gleich darauf sitze ich mitten in einer Duftwolke aus Rosen und Patschuli. Der Strand verweht zwischen fernen blauen Augen die mich einfangen. Endlich. »Ich glaube, du bist keine achtzehn«, sagt eine angenehme Stimme. Zuerst kippe ich den Jägermeister, um allen Mut auszugraben. Hinter dem Augenblau entdecke ich eine blonde Frau im roten Negligé.
»Hier ist irgendwie alles rot«, rutscht mir raus. Sie lacht. Ihr Busen wippt auf und ab, dunkle Warzenhöfe, vibrierende Erhebungen und ich starre zügig auf das Reissdorf, nehme gleich noch einen tiefen Schluck. Das Gute an dem ganzen Rot ist, dass niemand erkennt, wie ich rot werde.
»Magst du kein Rot?«
»Nein. Ich mag Blau.«
»Blau ist kalt. Ich denke an kalte Menschen. Ich mag keine kalten Menschen«, erklärt sie. »Bist du kalt?«, setzt sie einen Augenblick später nach. Das Direkte wirft mich aus der Bahn.
»Nee, ich … ich hoffe doch nicht.«
»Dann solltest du deine Lieblingsfarbe wechseln«, lächelt sie, legt die Hand auf meine und drückt zwei Mal vorsichtig. »Noch keine achtzehn, was?« Es bleibt nur die Wahrheit. Sie ist mir über.
»Nein«, gebe ich zu und seufze. »Ist das so offensichtlich?«
Sie nickt mit einer sparsamen Kopfbewegung. »Durchaus. Wie alt bist du?«
»Sechzehn.«
»Hm, und du bist dir sicher, dass du hier richtig bist?« Sicher? Verlegen kippe ich den Rest Reissdorf in mich und hebe das Glas. Die alte Frau kommt mit zwei frisch Gezapften und einem vollen Kelchglas perlendem Etwas inklusive Kirsche darin.

»Na, ihr zwei Hübschen?«, grinst sie. »Habt ihr euch das schon gemütlich gemacht?« Bevor ich nicken kann, fährt sie fort. »Ist so üblich, dass unseren Damen zwei Gläser Champagner ausgegeben werden. Ansonsten …«
»… schmeißen Sie mich raus«, vollende ich. Jetzt lacht sie und ihre obere Zahnreihe ist auf jeden Fall ein Kunstprodukt, das abends im Reinigungsbad landet. Das kenne ich von Oma.
»Wie darf ich dich nennen?«, holt mich meine Banknachbarin ins Jetzt zurück.
»Heinrich.«
Sie zieht beide Augenbrauen hoch. »Sechzehn Jahre und ein so alter Name … das ist ungewöhnlich.«
»Mir gefällt er.«
»Mir auch«, haucht sie und rutscht dicht an mich heran. Es ist, als bekomme ich auf einen Schlag Fieber, 42 Grad, Eiweiß gerinnt. Das Negligé raschelt an meiner dünnen Adidas-Jacke, kratzt einen Pfad in meine Sinne. »Spürst du dein Herz schlagen?« Woher weiß sie das? Ich ahne, dass meine Gesichtsfarbe das Rot im Raum an Intensität um Meilen übertrifft.
»Ja …«, bringe ich röchelnd heraus.
»Man sieht es an deinem Hals. Dein Puls …« Sie leert den Champagner in einem Zug und nimmt meine Hand. »Komm mit, Heinrich.«

Ich folge. Die kunststoffbezahnte Alte trocknet grinsend Kölschgläser. Patschulis dezenter Fingerdruck führt mich durch einen Plüschgang, um die Ecke, eine Treppe hinauf, inmitten von viel zu wenig Licht, leisem Stöhnen, grunzendem Gebrabbel hinter dünnen Türen, hinein in die Kammer der Tiere und Dämonen. Ich stolpere und greife nach Patschulis Schulter. Sie lacht und bremst mich mit rötlich scheinendem, kühlem Rücken. Geschickt öffnet sie dabei eine Tür, Nordpol folgt Südpol, die Tür geht wie von Zauberhand zu. Das Rot ist verschwunden. Alles ist orange und gelb. Teppich, Tapete, Bett, Laken, zwei Sessel, ein Schminktisch, gelb lackiert. Fenster gibt es zwei, mit gelben Brettern abgedichtet und Brokat davor, die Welt muss draußen bleiben. Sie geht zum mit Glühbirnen eingerahmten Spiegel und setzt sich. Ich höre mich husten und starre auf die Wand rechts.

Ein mannshohes, bald zwei Meter breites Poster mit einem … schwarzen Mond? Tausende Sterne und ein schwarzer Mond! Ich habe Negligé, Brüste, Warzen, Patschuli-Rücken vergessen und will in diesen schwarzen Mond fallen. Dort wird mir nie mehr etwas passieren … ein Hauchen hält mich zurück, eine Hand im Schritt, kraulend und tastend, als läge dort ein neugeborenes Lamm, das nur durch Sanftheit in dieser Welt wird existieren können. Panik und Mondsehnsucht lösen sich in Nichts auf, verschwinden schlicht im Irgendwo; nur noch mein Blut bleibt. Es beginnt, gegen die Schwerkraft zu arbeiten.
»150 Mark«, haucht Patschuli, »für eine Stunde.« Ich nicke, lege das Geld auf ein kleines Bord an der Wand. Ohne es zu beachten, ohne nachzuzählen, greift die sommersprossige Hand in meinen Schritt, packt zu und dreht mich. Das Negligé liegt auf dem Stuhl, meine Hose rutscht auf den gelben Teppich, die Unterhose hinterher. Bin ich noch anwesend? Wer zieht mich so schnell aus? Sie muss mein Herz klopfen sehen, schlagen hören, durch Rippen, Muskeln und Haut. »Du darfst mich anfassen, Heinrich«, flüstert sie nickend. Ich muss es in Gedanken wiederholen. Und in Worten.
»Ich darf dich anfassen …«
»Aber ja, sei nicht so scheu.« Rose und Patschuli verduften neben Augenblau. Ich atme wieder, sehe Sommersprossen vor gelbem Brokat, einen Mund, den ich ganz wunderbar finde. Nun ist sie das Lamm, kaum traue ich mich, zu berühren, was ich sehe und erahne. Sie ist nackt und ich bin es auch. Warum umarmen wir uns? Tut sie das immer? Ihren Kopf an die Brust eines Mannes legen? Bin ich ein Mann? Ein Jeder? Mehr nicht. Keine Ahnung. Doch. Nur ein Jeder.

Schritt für Schritt, einem alten Tanzpaar gleich, tippeln wir auf das Bett zu, ihre Hand fest um mein Glied, so gibt sie mir und sich einen Stoß, dann sitzt Patschuli auf mir, reibt den Unterleib auf meinem Penis hin und her, vor und zurück. Und lächelt. Duftet. Mit glänzender Stirn und weißen Zähnen. »Gefällt es dir?«
»Hm.«
»Leg deine Hände auf meinen Busen, nimm die Brustwarzen zwischen die Finger und stell dir vor, du streust mit ihnen Gewürze ins Essen. Schön vorsichtig, denn du willst ja ein guter Koch sein, oder?«
»Ich bin ein guter Koch, ich kann schon …«
»Scht …« Patschuli senkt den Kopf, rutscht mit Kinn und Lippen von Bauchnabel zu Scham, an den Punkt, von dem sie weiß, dass er in meiner Fantasie klammheimlich an Macht gewinnt, dem ich mich nicht widersetzen will. Ich kann nur noch blonde Haare sehen, dann reißt etwas auf, ziept und zerrt, legt sich klamm um das Steife in Patschulis Hand. Wie ein Gummiband. »Nur die Lümmeltüte«, flüstert sie. Ich stutze, dann krallt Elektrizität nach meinem Zentrum, kriecht durch die Oberschenkel, krabbelt in den Bauch. Als wäre das Glied in warme, feuchte Watte gepackt. Auf einmal bin ich in einer Art Saugglocke, dann wieder die Watte. Vergessen ist der schwarze Mond. Möge es nie vergehen, sinniere ich ächzend. Herrisches Klopfen schneidet brachial in meine Empfindungen und Patschulis Bemühungen. Die Tür wird ohne ein ‚Herein‘ aufgestoßen. Mit ordentlich Schwung, so dass der Knauf dem schwarzen Mond in einen seiner Krater fährt und das Türblatt wieder zurückschlägt ins Schloss.

»Schatzi! Hast du noch Gummis?! Sind mir ausgegangen. War heute nicht einkaufen!« Der Körper zur gewaltigen Stimme ist groß und üppig, voller Energie, nackt, mit enormen Brüsten und sehr geschminkt. Der Boden zittert bei jedem ihrer Schritte Richtung Schminktisch. Die Watte verlässt mein Zentrum und die Schwerkraft wird schlagartig Herr der Situation.
»Klar, Maus! Schau mal in der rechten Schublade. Karin hat heute Morgen ein paar Packungen mitgebracht. Welche Größe?«
Das Energiebündel reißt die Schublade auf. Ich friere an den Füßen und will mich zudecken, liege aber auf dem Laken und keine Decke weit und breit. Wie konnte ich nur in so eine Situation kommen? Allen Augen ausgeliefert. Ein Sechzehnjähriger neben der offenen Zimmertür. Halb Köln geht draußen vorbei und wird ab morgen einen Kübel Scheiße über mir ausgießen.
»Größe?«, wiederholt Patschulis Kollegin und lacht. »Ist eher ein Gnom. Ich könnte die langen Dinger einmal durchschneiden und eine Hälfte verknoten, reicht für die saure Gurke. Da spare ich was. Der Typ kommt ja jeden Tag …«
Patschuli lacht und die Große fällt mit ein. Sie sehen sich an, winken sich zu, dann verschwindet sie. Ich friere immer noch. Prompt wandert mein Blick von der nackten Frau neben mir zum schwarzen Mond. Er hüllt mich ein, Rose und Patschuli verwehen zwischen seiner Finsternis. Die Kälte bleibt und ich stütze mich auf die Ellenbogen.

»Heinrich«, sagt sie und hat die Schwellkörperveränderung wahrgenommen, »mach dir nichts draus. So ist das eben hier.« Unter dem Bett ist ein Bettkasten, aus dem sie eine Decke hervorholt, frisch gewaschen, duftend wie Mutters Waschmittel. Patschuli deckt uns zu, legt sich dicht an meine linke Seite, drückt mich auf die Matratze. Mehr als sie ansehen kann ich nicht. Der Kerl, der viel quasseln kann, schweigt wie ein Tiefseefisch. Eine Sommersprossenhand wandert zu meiner linken Brustwarze, ihr Mund zur rechten. Was passiert? Warum tut sie das? Schnell verschwindet der schwarze Mond aus meinem Blickfeld, taucht unter den Horizont und nichts als neuer Zauber bleibt. Das Drehen und Knabbern treibt mich durch ein Labyrinth aus lustvollen Höhen, Freudentaumel, heißen Herdplatten, in einen Raum, der auf keinen Fall in mir sein kann. Bisher hatte ich ihn zumindest noch nicht entdeckt. Ist das die endgültige Freiheit? Oder finales Glück? Kann ich alles loslassen? Werde ich fallen? Die Hitze ist so unerträglich, brandet durch Fleisch und Muskeln, quer und längs. Ich falle und will das ewig tun. Ich merke nicht mal, dass sie plötzlich auf mir sitzt, ich in ihr bin, warm und behütet. Bis ich aufschlage in einem Meer aus lieblichen Rosen und betörendem Patschuli. Schwer atmend.

»Ich möchte dich küssen«, haucht ein Mund. »Das tue ich normal nicht, aber jetzt möchte ich es.« Ohne Reaktion lasse ich es geschehen, schließe lieber die Augen. Gebe der Zunge sehnsüchtig Einlass, begrüße sie mit meiner. So suchen wir, kreisen umeinander in unseren Mündern. Und dann nur liegen. Warten, bis die Hitze verklingt, die Lava erkaltet. Patschuli steht auf. Kühle Luft, eine Hand zieht etwas von meinem Glied, trocknet es, tupft vorsichtig. Ein kleiner Mülleimerdeckel quietscht. Sie atmet deutlich.
»Rauchst du?« Noch benommen von Lust und Geborgenheit, Bilderkarussell im Kopf, schüttle ich den Kopf. Schweige, weil mir die Worte fehlen. »Dann rauche ich eben später. Hab bald eine kleine Pause.« Ein Schraubverschluss, zwei Mal wird eingeschenkt. Es gluckert angenehm. »Aber einen Whiskey trinkst du, oder?«
»Gerne«, antworte ich, öffne endlich die Augen und ziehe die Decke über mich, voller Scham, so nackt vor ihr zu liegen. Die Idiotie dieses Gedankens brennt wie ein kleines Strohfeuer, dann ist mein Blick auf sie gerichtet. Patschuli hat einen Bademantel an, bringt mir ein halbvolles Glas.
»Ich komme in den Knast«, stellt sie grinsend fest. »Einen Minderjährigen verführt, mit Alkohol abgefüllt …« Stumm vor Ahnungslosigkeit trinke ich. Einmal, zweimal, dann leer. Was soll ich jetzt sagen? Patschuli zieht die Augenbrauen hoch. Da zeigt sich Erstaunen in ihrem Gesicht, wenn ich es richtig deute.
»Hui! Ganz schöner Zug. Ist nicht dein erstes Glas Alkohol, was?«
»Nein«, gebe ich zu. Sie hebt ihres vors Gesicht. Das Augenblau knapp über dem glitzernden Rand. Fixiert mich. Das hoffe ich, nein, wünsche ich mir. Ich werde gerne von ihr angesehen werden. Lange oder immer wieder.
»Gefällt es dir, wenn ich dich anschaue?«
»Hm.«
»Warum?«
Patschulis Blick zu erwidern, ihm nicht auszuweichen, macht mich glücklich, wandert wie der wärmende Whiskey durch mein Inneres. Ich grabe mich in das, wie ein Teufelsfisch in den Meeresgrund. »Ich weiß nicht … vielleicht siehst du, was ich gerne in mir fände. Etwas, das ich noch nicht kenne. Einen anderen …«
»Einen anderen?« Sie trinkt aus, stellt das Glas auf die Schminkkommode, lehnt sich an, überdehnt den Oberkörper. Der Bademantel öffnet sich zentimeterweise. Staunend bewundere ich ihre Beine. Übereinandergeschlagen, eines nackt bis zum Becken und leicht wippend, das andere wie aus einem Guss darunter. Sie ist im Bademantel umwerfender, attraktiver, geheimnisvoller als ich sie nackt in Erinnerung habe. Eine andere Person vielleicht. Nacktheit wechselt Persönlichkeiten aus? Ist man angezogen schutzloser? »Warum sagst du so wenig, Heinrich? Hast du Angst?« Patschuli rutscht mitsamt Sessel dicht vor mich, Knie an Knie. Wir sehen uns in die Augen wie Paladine vor dem Lanzenturnier. Warum sage ich so wenig? Weil ich nicht weiß, was ich sagen soll. Was könnte ich hier und jetzt sagen? So viele Fragen schwirren durch meinen Kopf, so viele Antworten, die ich gar nicht hören will. Ein Berg aus Scham sitzt auf meinem Hals.
»Ich … also …« Ein Zeigefinger landet auf meinem Nasenflügel und reibt. Der rechte oder linke? »Hm, ja, ich weiß nicht, was ich fragen kann oder was reden …« Dann bricht das Gerüst zusammen. Meine Schultern zucken willkürlich, dann der ganze Heinrich. Jemand anderes muss an meiner Stelle hier sitzen. Der, den sie gesehen hat? Ich spüre, dass ihm Tränen kommen. Zwei oder drei? Schnell die Nase hochziehen, Mund auf, tief einatmen. Tut mir leid, will ich sagen. Nur ein halbtoter Frosch purzelt aus meinem Mund. Patschuli lacht nicht, sieht mich ernst an. Beugt sich herüber und zieht mich an den Schultern zu sich. Wange an Wange. Kraulende Finger nehmen sich meiner Haare an. Ich schäme mich in einen tiefen Abgrund hinein und kann nicht genau sagen, warum.

»Musst kein schlechtes Gewissen haben, weil du hierher gekommen bist. Aber ich hab so ne leise Ahnung, dass du das nicht mehr tun solltest. Ist nichts für dich. Man kann sich hier verlieren.«
»Hm«, nicke ich, das Kinn auf dem dunkelgelben Frottee. Sie schiebt mich zurück, ein flüchtiger Kuss landet auf meiner Stirn. Dann greift sie nach der Flasche, öffnet sie und trinkt zwei Schluck. Hebt sie mir unter die Nase.
»Einen noch, dann hast du genug. Nicht dass dich Otto noch raustragen muss.«
»Otto?« Ich trinke eine ordentliche Portion. Angenehmes Brennen in der Kehle, bis hinunter in den Mageneingang.
»Der Rausschmeißer. Hat nen Kabuff am Ende des Flurs. Wir klingeln, er kommt.«
Sofort geht mein Puls nach oben. Rausschmeißer? Zwei Meter auf zwei Meter? Wegen mir vielleicht? Patschuli beobachtet mich genau. Sie lacht und in diesem Moment kann ich mich gar nicht mehr genau erinnern, was wir zehn Minuten zuvor getan haben. Es ist so weit entfernt wie mein letztjähriger Sommercamp-Aufenthalt. Ich sehe volle Lippen, tiefes Augenblau das glänzt, feucht wird vor Lachen, feine, sommersprossige Unterarme und Hände mit langen Fingern. Der Bademantel rutscht auseinander. Ihre Vagina hinter kurzen Haaren. Mir fällt auf, dass es mich gar nicht nach dem rosafarbenem Hügel verlangt, dessen Wärme, nein, dass ich lieber an ihrer Stimme hänge, ihr Lachen hören will, den Worten, die sie spricht, dem Blau ihrer Augen folgen möchte. Ihr nackt gegenüberzusitzen ist so normal wie das Samstagabendprogramm, Rudi Carrell oder sowas. Da macht sich Angst auf den Weg, aus meinem Unterleib Richtung Kopf. Angst, hier hängenzubleiben, mit den Gedanken an Umarmung, dem Kraulen meiner Haare, ihr Atem in meinem Nacken, unsere suchenden Zungen. Das ist es, was ich befürchte und trinke noch einen kräftigen Schluck.
»He! Heinrich! Jetzt ist aber gut!« Sie nimmt mir die Flasche ab. »Nicht dass du noch betrunken wirst …«

»Dann kommt Otto«, erwidere ich. Sie grinst und geht in den Schneidersitz, sieht an sich herab, auf das Zartrosa zwischen den Oberschenkeln, das sich langsam öffnet und schimmert.
»Otto sitzt an seinem kleinen Tisch und liest bestimmt irgendeinen Roman. Heute Morgen war er in der Stadtbibliothek und hat einen Wochenstapel Bücher mitgebracht.«
»Er liest?«, wundere ich mich.
»Er liest, seit ich ihn kenne und hat das sicher schon zuvor gemacht.«
»Was liest er denn so?«
Patschuli legt die Stirn in Falten und denkt offensichtlich angestrengt nach. Ich komme nicht umhin, mein Glied ungelenk zu bedecken, zu verbiegen, was so mir nichts dir nichts wieder gewachsen ist.
»Also Steinbeck, den hab ich schon bei ihm gesehen. Jenseits von Eden und Die Straße der Ölsardinen. Da hab ich ihn bis hier lachen hören.« Sie nickt und grinst über meine Versuche, mich zu bedecken. Dann steht sie auf. »Komm, zieh dich an. Wir gehen runter. Ich gebe dir noch ne Cola aus.« Ich nicke schnell und stehe gebeugt auf. Meine Kleider liegen noch dort, wo wer auch immer sie mir ausgezogen hat. Patschuli bleibt im Bademantel, nimmt mich an die Hand. Vor der Tür stoppt sie abrupt. Ich will nicht zum schwarzen Mond blicken, starre lieber aufs Bett. Zwei kräftige Hände drehen meinen Kopf und ich spüre ihre Zunge nach meiner suchen. Schnell gebe ich nach, will antworten, genießen. Da hört sie wieder auf.
»Heinrich, Heinrich … ich könnte in den Knast kommen.« Heinrich nennt sie mich. Wie eine alte Freundin. Ich stutze.
»Sag mal, ich weiß gar nicht, wie du heißt …«
»Ist unwichtig«, stellt sie fest und öffnet die Tür.

Diese Geschichte

Entstanden im Jahr 2022. Erzählt von einem Sechzehnjährigen, den es ins Rotlichtviertel zieht. Scham, Schuld, Unsicherheit, scheu sein, sich trauen oder nicht trauen, was erwartet ihn … denken und fühlen wie auf der Rennbahn, wenn alle durcheinander laufen. Es ist Anfang der 1980er. Wer kommentieren möchte, darf das gerne tun. Aber denkt daran: bitte sachlich bleiben. Vielen Dank.

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Heiko

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