Die neun Kreise

Erster Akt

KURZGESCHICHTE | Maxim Poljakow entsperrt die Teleskopbeine des Stativs, lässt sie herausrutschen, arretiert alle Klemmen und stellt das schwarze Gestell vor sich auf den felsigen Boden. In der rechten Hosentasche kramt er nach dem Adapter und findet ihn nicht. Maxim seufzt, hebt die Optik hoch und stellt fest, dass die Schraube noch im Gewinde steckt. »Ich werde nachlässig«, murmelt er, dreht die Adapterhalterung an der Schraube fest und fixiert das Instrument auf dem Stativ. Aus der Brusttasche zieht er einen Joint, riecht daran und steckt ihn in den Mund. Wo habe ich das Feuerzeug? Ah, in der Kabine …
Im Westen berühren die letzten dunkelroten Streifen des vergehenden Tages Hügelketten und Wälder. Wie schwarze Nadeln recken sich Baumspitzen der feuergleichen Farbe entgegen und malen das Bild einer heilen Welt. Hinter sich hat Maxim die sibirische Nacht. Er geht zum Unimog, öffnet die Fahrertür und kramt in der Kabine nach dem Feuerzeug. Nichts.
»Verflucht!«
Hastig korrigiert er den Sitz der Brille, steckt den Joint wieder in die Tasche und geht zum Stativ. Mit einem Griff löst er den Knebel des Höhenauszugs und hebt die Okulare auf seine Größe, lässt los. Dann blickt er hindurch. Bilibino ist zu sehen. Über das Stellrad vergrößert er den Ausschnitt. Zehnfache … zwanzigfache Vergrößerung. Per Knopfdruck aktiviert er die Entfernungsmessung. Der rote Laser bringt Staubpartikel in der Luft zum schillern. Es herrscht absolute Windstille. Eine Zahl wird im Sichtfenster eingeblendet. Knapp fünfzig Kilometer bis zum Reaktor, dessen Hauptgebäude zur Hälfte im Boden versunken ist, geneigt wie ein torpediertes Kriegsschiff, verlassen von seiner Besatzung. Das kaum noch existierende Dach ist eine Trümmerwüste. Zwei hell leuchtende Feuer brennen darin, fressen sich durch jegliches Material. Atomare Feuer. Maxim löst sich von den Okularen, setzt die Hände an die Nieren und biegt den Rücken durch. Dann zieht er das Tablet aus der Tasche und wischt durch die Infoseiten von Energoatom. Vier Reaktoren mit je zwölf Megawatt. Zwei davon abgeschaltet, die Brennstäbe im Abklingbecken. Die restlichen beiden erhellen die Nacht mit einer Kernschmelze.
»Und das Abklingbecken ist ebenso im Boden versunken, wie alles andere in Bilibino«, flüstert Maxim und legt das Tablet in den Koffer zurück. Er sieht wieder durch die Okulare, stellt den Winkel an. Kurz hinter dem AKW taucht die Stadt auf. Deren Überreste. Kein Gebäude, das nicht auf irgendeine Art, in einem unmöglichen Winkel, im Boden feststeckt. Als hätte Gott im Sumpf mit Häusern gewürfelt und dann die Lust verloren. In spätestens einem Jahr ist von alldem nichts mehr zu sehen. Die atomaren Feuer werden den morastigen Boden kochen und ihre Strahlung alles verbleibende Leben sterben lassen. Er atmet tief ein und aus. Dann packt er zusammen.

Maxim hat die Karte auf dem Lenkrad ausgebreitet und legt den Kompass drauf. Bis nach Pewek sind es rund 500 Kilometer. Es gibt nur eine Schotterpiste und deren Zustand ist ihm völlig unbekannt. Mit dem Unimog wäre es grundsätzlich möglich, entlang der Stromtrasse nach Pewek zu fahren, birgt jedoch ungleich mehr Risiken. Ein umgekippter Mast und die Fahrt endet im Nirgendwo. Es kann nur über die Winterpiste gehen; so viel steht fest. Die Fahrt nach Anadyr oder gar Wladiwostok zu versuchen, käme einem Selbstmord gleich. Das Kontrollinstrument zeigt eine Summe von verbleibenden 1.200 Litern für alle vier Tanks. Maxim startet den Motor, schaltet den Allrad dazu und lässt das Gefährt den Hang hinabrollen Richtung Piste. Fast geräuschlos bewegt sich der Unimog des Geologischen Instituts Wladiwostok über die leicht unebene Geröllfläche. Bremsen ist völlig überflüssig. Die Motorbremse arbeitet erstklassig. Er holt den Joint aus der Tasche und findet auf Anhieb das Feuerzeug unter seinem Tagebuch. Zufrieden gibt er sich Feuer, zieht so intensiv es ihm möglich ist und hält den Rauch in der Lunge. Dann schaltet er das Radio ein, Langwelle, drückt den Sendersuchlauf. Knistern, Rauschen, Stille, das ganze Band hindurch. Einfach nichts. Kopfschüttelnd versucht er es mit dem Funkgerät. Kanal um Kanal. Nichts. Die Menschen haben den Planeten offenbar verlassen. Die Nacht ist endgültig über ihm und Maxim schaltet die oberen Scheinwerfer an. Abgestorbene Lärchen und Fichten säumen den Weg. Wo sind all die Moskitos geblieben, die ich auf meinen früheren Reisen ins sibirische Hinterland so oft verflucht habe? Wo die Bären, Vielfraße und Rentiere? Maxim zieht am Joint und steckt den USB-Stick in die Buchse. Das Radio wechselt zu den darauf gespeicherten Titeln. Cream. Born Under A Bad Sign. Er grinst und fühlt sich wohl.

Die Schotterpiste ist in einem annehmbaren Zustand. Der weniger gewordene Regen, kaum noch Winterfröste, das schont den Belag. Bis auf die Schlaglöcher, gibt es kaum Hindernisse. Maxim hat den Tempomaten auf 50 km/h eingestellt. Im starken Licht der LED-Scheinwerfer bleibt ihm dadurch genug Zeit, den gröbsten Senken auszuweichen. Funkgerät und Radio schweigen weiterhin. Er denkt an Pewek, den Hafen und dass es dort möglicherweise niemanden mehr gibt, keine Schiffe existieren – oder nur noch Wracks. Vielleicht auch eine Stadt voll mit Infizierten, die nur darauf warten, ihm Lebensmittel und Unimog zu entreißen. Was mache ich hier eigentlich? Wie soll er es auf eine der Inseln schaffen? ‚Die einzige Möglichkeit, sich zu retten, ist es, eine dieser Inseln zu erreichen‘, lautete die letzte Nachricht aus Wladiwostok. Aus dem Unterleib erreicht ein drückendes Gefühl sein Bewusstsein.
»Verdammt!«, ruft er der Windschutzscheibe entgegen, deaktiviert den Tempomat und bringt den Unimog zum Stehen. Pinkelpause. Außerdem Zeit für eine Dose Thunfisch.

Zweiter Akt

Der Blechschrank an der vorderen Wand ist voll mit Konserven. Hauptsächlich in Öl oder Lake konservierter Fisch, Obst und Hülsenfrüchte. Maxim nimmt zwei Dosen japanischen Tuna heraus, öffnet sie und setzt sich an den kleinen Tisch. Schon die erste Gabel lässt ihn ans Meer vor Wladiwostok denken. Er sieht sich auf einer weit ins Wasser reichenden Mole sitzen, die Angel neben sich. Das war einmal, denkt er und leert die erste Dose. MSC steht auf dem Deckel. Nachhaltige Fischerei. Hat wohl nicht geholfen. Immerhin sind sie noch nicht abgelaufen. Allerdings … er zieht aus der Schublade hinter sich das Dosimeter, schaltet es an und wartet auf die Kalibrierung. Dann misst er die Strahlenwerte des Thunfischs. Es piept nach kurzer Zeit und das Display zeigt 0,07 Mikrosievert. Bilibino hat zumindest seine Lebensmittel nicht kontaminiert. Der Kauf des Unimogs bei der Spezialfirma in Deutschland hat sich gelohnt. Maxim nimmt die zweite Dose, steht auf und öffnet die Hecktür, steigt vorsichtig die Stufen hinab. Das kalte Licht der LED-Deckenlampe erhellt den Schotter. Er drückt den Lichtschalter auf der Innenseite der Tür. Für einen Moment wird es stockdunkel. Dann setzt sich das Licht der Milchstraße durch. Es knirscht rechts von ihm und ein Schlag bringt die Ohnmacht.

„Erschieß ihn!“, ist das erste, was Maxim deutlich hören kann. „Red keine Scheiße, Artjom!“, das nächste und deshalb beschließt er, die Augen geschlossen zu halten und sich nicht zu rühren. Aufgrund der Geräusche kann er mit Sicherheit sagen, dass er sich im Aufbau befindet, auf der Liege. Und mindestens zwei Männer sind anwesend. Schwerer wiegen da schon der enorme Kopfschmerz und eine deutlich spürbare Beule an der rechten Schläfe.
»Er wird nur Ärger machen!«, sagt dieser Artjom.
»Ich sehe hier nur einen, der Ärger macht! Und das schon, seit wir unterwegs sind!«
»Ohne diesen Fresser haben wir mehr Vorräte, Danil! Lass mich ihn erschießen, wenn du es nicht kannst!« Etwas klatscht heftig und Artjom schreit laut „Aua!“
»Artjom! Wenn du nicht so dumm wärst, würde ich dich dumm prügeln! Aber das hat ja keinen Zweck mehr …«
»Warum?«
Derjenige, den Artjom Danil genannt hat, seufzt schwer. Fast tut er Maxim leid.
»Artjom … kannst du vielleicht dieses Monstrum fahren?! Hä?!«
Es bleibt still.
»Na also! Und ich ebenfalls nicht! Ich hab ja noch nicht mal einen Führerschein, geschweige denn jemals ein Auto gehabt! Wir brauchen diesen Kerl also!«
Wieder bleibt es still, aber Maxim kann sich Artjoms Gesicht deutlich vorstellen. Etwas klackert auf dem Tisch. Wie eine Flasche … »Hier, trink, Artjom! Unser letzter Wodka. Danach sitzen wir auf dem Trockenen.«
»Ich habe noch vier Flaschen«, sagt Maxim und öffnet die Augen.

Artjom stößt einen unterdrückten Schrei aus, zieht ein Jagdmesser aus dem Gürtel. »Er hat uns reingelegt!«, brüllt er, steigt auf die Bank und setzt zu einem Sprung über den Tisch an. Maxim hat nicht damit gerechnet, hebt abwehrend beide Arme. Danils Faust trifft Artjom am Kinn. Der bricht mitten auf dem Tisch zusammen. Das Jagdmesser landet auf dem Boden. Danil hebt es auf, greift nach der schwankenden Flasche, trinkt sie in einem Zug leer, wirft sie durch die Tür auf den Schotter und setzt sich. »Artjom … wieso kannst du nicht einfach die Fresse halten …«, murmelt er. Maxim sieht auf seine Hände. Sie zittern. Langsam setzt er sich aufrecht, lehnt an die Wand und nimmt sich vor, nur etwas zu sagen, wenn er gefragt wird. Artjom stöhnt und Danil schiebt ihn vom Tisch runter. Wie ein nasser Sack fällt er auf den Aluminiumboden, schlägt mit dem Kopf an einen der Unterschränke und jammert.
»Au! Danil! Das tut weh! Warum tust du das immer?«
»Weil du ein Idiot bist!«
Danil betrachtet das Messer von allen Seiten, was er bestimmt schon viele Male gemacht hat. ‚Vermutlich sucht er so nach den nächsten Worten‘ ist Maxims Überlegung, und versucht abzuschätzen, wie groß seine Überlebenschancen mit diesen Männern sind. »Wie heißt du, Kamerad?«
»Maxim.«
»Maxim …«, wiederholt Danil gedehnt und nickt. »Das ist ein schöner Name. Jetzt sag mir, Maxim, wo ist der Wodka?«
»Du sitzt drauf. In der Kühltruhe.«
Danil verzieht das Gesicht zu einer anerkennenden Grimasse. »Kühltruhe … da hätte ich von selbst drauf kommen können. Was für ein Luxus!« Er beugt den Kopf unter die Tischplatte. »Artjom, steh auf und sieh nach!« Das lässt der sich nicht zweimal sagen. Wie eine gespannte Feder springt er auf, als wäre nichts gewesen. Danil räumt seinen Platz und Artjom versucht sich am Deckel. Er schafft es nicht. Danil verdreht die Augen. »Hast du die zwei Metallschnallen gesehen, werter Bruder?«
Maxim horcht auf. Zwei Brüder. Der eine grenzdebil und ohne Hemmungen, der andere schwer einschätzbar. Artjom kratzt sich den Bart. Allerlei Grob- und Feinkörniges fällt raus, dann öffnet er die Schnallen, packt mit beiden Händen den Deckel und hebt ihn an. Er starrt hinein. Nur für eine Sekunde. Dann schreit er, lässt los und rennt hinaus in die Nacht. Danil kneift ein Auge zu. Mit dem anderen fixiert er Maxim, dann die Truhe. Vorsichtig öffnet er sie. »Da liegen zwei Tote. Mann und Frau. Sehen aus wie schon mal gekocht. Was fällt dir dazu ein, Maxim?«
»Meine Kollegin Jana und mein Kollege Pjotr. Gestorben am Virus. Ich wette, du weißt, wie die Menschen aussehen, wenn das Virus sie erwischt. Sie bekommen eine Embolie, Wasser in die Lungen, jämmerliches Ersticken.«
Zwischen den gefrorenen Leichen entdeckt Danil den Wodka, nimmt zwei Flaschen heraus, stellt eine auf den Tisch und schraubt die zweite auf, setzt an und trinkt. Von Artjom ist nichts zu sehen oder zu hören. Danil setzt ab. Er mustert Maxim. »Hm, ja, kenne ich. Haben wir in Bilibino gesehen. Nur haben wir sie liegen lassen. Ich frage mich also, warum packst du sie in deine Kühltruhe?«
»Es sind meine Freunde. Ich will sie zuhause beerdigen.« Danil reagiert nicht. Sieht ihn nur an. Maxim atmet tief ein und aus. Mehr kann er dazu nicht sagen. Die Minuten vergehen und vom Wodka fehlt schon ein Viertel des Inhalts.
»Das kann ich verstehen, Maxim«, antwortet Danil endlich und reicht ihm die Flasche. Er nimmt einen großen Schluck, setzt ab und erinnert sich an Danils Worte.
»Ihr wart in Bilibino?«

Dritter Akt

»Ja. Artjom und ich wollten dort unsere wenigen Pelze verkaufen, das Fleisch an den Mann bringen. Als wir ankamen, trafen wir nur noch Verrückte, Kranke, Tote auf den Straßen. Es war Nacht und so heiß wie am Tag. Unsere beiden Pferde drehten durch. Also sind wir so schnell wie möglich von dort verschwunden, vorbei an diesem leuchtenden Gebäude. Vor einem Tag sind unsere Pferde verendet, waren auch nicht mehr die jüngsten. Haben Blut gehustet …« Danil zieht Schleim nach oben, rollt ihn durch den Mund und will auf den Boden spucken. Er hält inne, schaut sich um und steht auf. Mit der Flasche in der Hand geht er hinaus. Maxim hört ihn den Auswurf loswerden und folgt ihm. Ein paar Meter neben dem Unimog liegt Artjom auf dem Boden und schluchzt. Danil gibt ihm die Flasche und Artjom lässt den ganzen Inhalt restlos in sich hineinlaufen. Maxim staunt. Es ist kein Schluckgeräusch zu hören.
»Tote Menschen sind nicht gut für Artjom. Besonders nicht tote Frauen …«, sagt Danil in die dunkle Nacht. »Das erinnert ihn an unsere tote Mutter.«
»Woran ist sie gestorben?«
»An Artjom«, erklärt Danil. Maxim rätselt und denkt an einen Tod bei der Geburt oder vielleicht auch später, aus Gram, weil ihr Sohn grenzdebil ist. Er fragt nicht nach.
»Wie lange wart ihr in Bilibino?«
Danil sieht hinauf zu den Sternen, dann zu Maxim. »Einen Tag etwa. Von Nacht bis Nacht.«
»War das leuchtende Gebäude schon kaputt, als ihr die Stadt erreicht habt?«
Danil nickt. Seine Gesichtszüge sind gut zu erkennen im Licht der Milchstraße. »Ja. Das Leuchten war schon von Weitem zu sehen.«
Maxim zieht die kühler werdende Luft ein. Der Duft der Lärchen ist ungebrochen, auch wenn die meisten von ihnen abgestorben sind. Er zuckt zusammen, als Danil die Hand auf seine Schulter legt. Doch sie liegt nur. Ohne Druck, ohne einen Gedanken an Gewalt dahinter, das kann er deutlich spüren. Von diesem Gesicht im Schein des Lichtbandes über ihnen geht keine Gefahr aus. Die Hand liegt dort wie auf einem alten Freund.
»Was habt ihr hier gemacht, Maxim? Du und die beiden Toten in der Truhe.«
»Wir sind aus Wladiwostok vom Geologischen Institut. Unsere Aufgabe war es, den aufgetauten Permafrostboden zu untersuchen, die Sinkgeschwindigkeit …«
»Du meinst, ihr wolltet nachsehen, wie schnell die Häuser im Boden verschwinden?«
»Genau. Und …«
Danil sieht ihn an. »Und?« »Die Methanquellen kartografieren.«
»Die brennenden Löcher in der Erde?«
»Genau die«, bestätigt Maxim.
»Ist es dafür nicht reichlich spät?«, fragt Danil und hebt die Augen wieder gen Himmel.
»He, Bruderherz! Kann ich noch ne Flasche ham?«
»Halt die Fresse, Artjom!«

»Willst du deinen Bruder einfach da draußen liegen lassen?«
»Er kann überall schlafen. Das macht ihm nichts aus.«
Maxim nickt. Eine andere Antwort hat er nicht erwartet. Die zweite Flasche ist fast leer und der meiste Inhalt in Danil verschwunden. Ihm ist nichts anzumerken, wundert sich Maxim.
»Sag mal, Wissenschaftler Maxim, das hatte doch bestimmt einen Grund, warum du gefragt hast, wie lange wir in Bilibino waren, oder?« Maxim erstarrt, reibt die Oberschenkel, den rechten Nasenflügel. »Du musst nicht lügen oder so, sag einfach, was ist«, setzt Danil nach.
Erneut holt er das Dosimeter aus der Wandschublade, schaltet es an. Nach dem Kalibrieren zählt es rasant hoch. Maxim hält es vor Danils Brust, wandert zum Kopf, wieder nach unten. Auf Knopfdruck aktiviert er den Lautsprecher. Es prasselt. »Das hört sich scheiße an«, stellt Danil fest.
»Zieh deine Klamotten aus«, fordert ihn Maxim auf. »Schmeiß sie aus dem Wagen. So weit weg wie möglich. Hinter dir im Schrank hat es Kombis, die passen dir. Alles, was ihr dabei habt, so weit weg wie nur geht. Ich werde eine Schere holen, deine Haare abschneiden, den Rest rasieren. Aber draußen!« Für einen Moment sind Zweifel in Danils Blick, dann rennt er hinaus und befolgt den Ratschlag, läuft nackt zu Artjom und schneidet mit dem Messer dessen Kleider in Stücke, deckt ihn zu und trägt die Fetzen hinter einen Erdwall. Maxim baut einen Campingstuhl auf, schaltet die Außenbeleuchtung an. Mit der Schere aus dem Erste-Hilfe-Kasten schneidet er Danils Haare ab, rasiert anschließend den Rest. Artjom schnarcht und Danil lacht. »Das glaubt mir keiner«, sagt er und schaut auf die vielen Haare zwischen seinen Beinen. »Wir könnten sie verbrennen …«
»Das werden wir nicht. Damit setzen wir die Isotope wieder frei.«
»Das klingt gefährlich …«
Maxim geht zur Seite des Unimogs, zieht die Wasseranlage aus dem Unterboden des Aufbaus, rollt den Schlauch ab und hängt ihn in Kopfhöhe an einen Haken.
»Duschen, Danil! Hier im Fach ist Seife.«
»Okay, und was machen wir mit Artjom?«
»Dasselbe wie mit dir.«
Danil lacht und kriegt sich kaum noch ein.

Es ist vier Uhr morgens. Artjom schläft im Aufbau, Danil lehnt mit dem Kopf an der Beifahrerseite und döst. Es geht mit knapp 50 Kilometer pro Stunde nach Osten. Nichts im Radio, das Funkgerät bringt nur Rauschen. Maxim schätzt, dass es noch vierhundert Kilometer bis nach Pewek sind. Es geht in leichter Steigung hügelaufwärts. Über der Kuppe bricht langsam der neue Tag an. Als sie oben sind und die Ebene sich vor ihnen erstreckt, bremst Maxim vorsichtig, hält an und holt die Optik aus dem Fach über sich. Mit einem Blick kontrolliert er den Akku des Geräts und setzt es an die Augen. Er schaltet das Spektrometer dazu. Nach einigen Sekunden piept es. Langsam schwenkt er nach links, markiert einen Nullpunkt, zieht nach rechts bis 75 Grad und markiert erneut.
»Was kannst du sehen?«, hört er Danils Stimme, setzt aber das Glas nicht ab sondern zählt noch einmal. Markiert jeden einzelnen Punkt.
»Ich zähle neun brennende Methanquellen. In etwa zehn Kilometer Entfernung. Es muss sich um eine einzige große Blase handeln. Auf einer Breite von drei Kilometern. Die Piste führt mitten hindurch.«
»Ist das schlecht?«
Maxim setzt das Gerät ab, legt es neben sich.
»Die Quellen brennen intensiv blau, sie ziehen Sauerstoff. Ab und zu gibt es Verpuffungen, kleine Explosionen. Ist gut möglich, dass die Sauerstoffkonzentration dort unten gefährlich niedrig ist.«
Danil nimmt die Optik in die Hand und betrachtet sie genau, sieht aber nicht hindurch.
»Du meinst, es bleibt vielleicht nicht genug für uns?«
Maxim nickt.
»Und was machen wir dann? Wir wollen ja da durch …«
»Wir fahren bis einen Kilometer heran, dann aktiviere ich die Messgeräte auf dem Dach. Sie zeigen uns die Zusammensetzung der Atemluft, die Anteile der Gase. Sinkt der Sauerstoff unter siebzehn Prozent, werden wir die Atemgeräte aufziehen.«
Danil zieht den Kopf zurück. »Atemgeräte? Das ist aber nichts für mein Bruderherz. Da dreht er durch …« Maxim rollt wieder an. Hinab in die Ebene. Auf die neun Löcher im Boden zu.
»Was meinst du mit ‚Da dreht er durch‘?« Aus dem Augenwinkel sieht er den Boden der dritten Flasche nach oben gehen, konzentriert sich aber lieber auf die Löcher in der Piste.
»Was gibt es da zu sagen … mein Bruder ist ein Schwachkopf. Unsere Mutter hat uns zu Hause auf die Welt gebracht. Erst mich, dann ihn. Bei Artjom hat unser Vater am Kopf gezogen. Wollte wohl drin bleiben, der Balg. Wusste vielleicht, was kommt …« Danil schweigt und sieht aus der Seitenscheibe. Lärchenreste, Fichtenkrüppel. Dazwischen immer wieder grüne Bauminseln. Bald würde auch das aufhören. Der Übergang in die Tundra ist nicht mehr weit. »Der Alte war zu besoffen, um das hinzubekommen. Hat Artjom fallen lassen. Mit dem Kopf auf den Holzboden. Einen Tag später bekam er Fieber. Seitdem stimmt etwas nicht in seinem Schädel. Etwas über den Kopf ziehen geht nicht.« Danil sieht zu Maxim. »Auf keinen Fall geht das.«
»Dann betäuben wir ihn.«
Danil zieht die Augenbrauen nach oben und lacht. Nach einigen Sekunden hört er schlagartig auf, kurbelt wie verrückt die Scheibe runter und übergibt sich.

Vierter Akt

Danil hustet, erbricht sich am Rand der Piste. Artjom rennt durch die Gegend, um den Unimog herum, springt wie ein Feldhase hin und her.
»Wo sind meine Haare?!«, schreit er am laufenden Band. »Danil, du bist ein Scheißbruder! Mutter liebt dich nicht mehr!«
»Mutter ist seit zwanzig Jahren tot, du Idiot!«, ruft Danil zurück und würgt. Maxim schüttelt den Kopf, nimmt eine der vorgefertigten Spritzen aus dem chirurgischen Koffer im Kühlschrank. Er weiß nicht, ob das alles so korrekt ist, schließlich war Jana die ausgebildete Medizinerin und nicht er, aber allemal besser als Artjom mit dem Messer hinter sich. Er stellt sich in den Metallrahmen der Tür und pfeift. Danil hustet. Auf dem linken Rahmen der Metallzarge landen einige Spritzer Blut. Maxim kann sie deutlich sehen. Danil nicht, oder ignoriert sie und hebt die Hand.
»Artjom! Lass uns was trinken!«, ruft er und geht auf seinen Bruder zu, der sofort stehen bleibt, als wäre er gegen eine Wand gelaufen.
»Haben wir noch was zu trinken?«
»Klar, bei den Toten liegt noch eine Flasche …«
»Nein! Geh du! Hol du sie! Ich komme nach!«
Danil nickt und geht an Maxim vorbei in den Aufbau, tritt gegen Blechwände, schlägt eine Schranktür auf und zu. »Kannst kommen, Artjom!«, ruft er dann.
»Heiliger Georg, lass den Toten ihre Ruhe«, flüstert Artjom und springt aus dem Stand fast einen Meter hoch, dann rennt er die Stufen hinauf und gegen Danils Faust. Einem flügellahmen Schmetterling gleich, fällt er zurück, kracht mit dem Rücken auf den Schotter und stöhnt benommen. Maxim springt neben ihn, sticht die Nadel in Artjoms Hals und presst den Inhalt der Spritze hinein.
»Bist du sicher, dass das richtig ist?«, fragt Danil in der Tür stehend.
»So gut wie …«
»Er ist ein Idiot, aber niemand wird ihm etwas tun. Nur ich darf das«, betont er. Artjoms Bewegungen erschlaffen und Maxim prüft den Puls.
»Er schläft. Wir tragen ihn auf die Liege und ziehen das Atemgerät über. Aber …«
»Was aber?«
»Du musst bei ihm bleiben. Er muss auf der Seite liegen. Wenn er sich erbricht, nimm die Maske ab, sonst erstickt er. Ihr hättet nicht so viel …«
»Ja ja, schon gut. Ich bleibe bei ihm.«

Maxim fährt mit offener Scheibe, atmet ruhig und gleichmäßig unter der Gummimaske. Das Fauchen und Zischen der brennenden Methanquellen erinnert ihn an manche der unter hohem Druck stehenden Schwefellöcher in Kamtschatkas Vulkanen. Er verwünscht die Umstände, denn die Zusammensetzung der lokalen Atmosphäre über den neun Löchern wäre einen eigenen Forschungsbericht wert. Gäbe es denn noch jemanden, den es interessieren würde. Weniger als sechzehn Prozent Sauerstoff! Die Methankonzentration schwankt beständig. Immer wieder gibt es Ozonblasen, durch die Maxim den Unimog steuert. Außerdem registriert das Messgerät einen Abfall der Stickstoffkonzentration, erhöhte Edelgaswerte. Fasziniert wünscht er sich, anhalten zu können, Daten zu sammeln, aber sie müssen hindurch, müssen nach Pewek. Die Uhr zeigt kurz vor Mittag. Noch etwa eine halbe Stunde bis sie aus der Gefahrenzone heraus sind. Was die beiden wohl da hinten machen? Maxim denkt an die roten Tropfen auf dem Türrahmen und das Messergebnis des Dosimeters. Strahlung ist eines seiner Fachgebiete, nur nicht die medizinischen Auswirkungen. Allerdings sind 4,56 Sievert ganz klar eine letale Dosis. Und ich bin ebenso gefährdet, weiß er. Entsorgung der Kleidung, die Dusche, das Entfernen der Haare, Mindestanforderungen einer Dekontamination, aber womöglich viel zu spät. Fragt sich nur, für wen zu spät? Die beiden Brüder? Oder auch ihn selbst? Er denkt an die Löcher im Boden, gespeist von einer großen Methanblase im Untergrund. Vielleicht sogar eine aufsteigende Erdgasblase aus größeren Tiefen? Wie könnte ich das beobachten? Dann kommt ihm eine Idee, die er umzusetzen gedenkt, sobald sie hindurch und in Sicherheit sind.

Knapp zwanzig Prozent Sauerstoff. Dauerhaft seit zehn Minuten. Maxim stoppt, zieht die Atemmaske ab und steigt aus. Es ist heiß und unter der Maske hat er stark geschwitzt. Er sieht sich um, geht zum Heck des Unimogs, klopft an die Tür. Als niemand öffnet, tut er es und steigt die Stufen hinauf. Es ist angenehm kühl im Aufbau. Danil liegt neben Artjom, hält dessen Kopf. Auf dem Tisch steht die letzte Wodkaflasche. Leer.
»Danil? Wir haben es geschafft.« Es kommt keine Reaktion, obwohl Danil eindeutig wach ist und das Atemgerät nicht die Ohren abdeckt. Maxim wirft die Flasche nach draußen und setzt sich neben ihn auf die Kante der Liege. Artjoms Brust hebt und senkt sich unter dem dünnen Laken. Langsam zieht Maxim den Atemluftschlauch aus dem Wandanschluss. Es zischt. Danil macht keine Anstalten, die Maske abzusetzen, wiegt nur sanft Artjoms Kopf.
»Ich nehme dir jetzt die Maske ab, Danil. Die Luft ist gut. Man schwitzt stark unter dem Ding, das muss ja nicht sein.« Er tut es, schiebt sie von unten nach oben, löst die Gummibänder und legt sie an das Fußende der Liege. »Und jetzt Artjoms Maske …«
Danil sieht ihn an und hebt das Laken von Artjoms Oberkörper. Eine Menge blauer Flecken zeigen sich im Hüftbereich, an den Oberschenkeln. Blutergüsse. Dunkel und nicht direkt an der Hautoberfläche. Tiefer sitzend. Vielleicht aus dem inneren Bauchraum, denkt Maxim und nimmt Artjom vorsichtig die Maske ab. Danil lässt den Kopf seines Bruders sanft auf das kleine Kissen sinken, legt dann eine Hand auf Maxims Schulter. »Was bedeuten die blauen Flecken?«, will er wissen und streicht mit zwei Fingern der anderen Hand über die Blutergüsse als wäre er ein Schamane der Beschwörungen durchführt.
»Es ist ein sichtbares Symptom der Strahlenkrankheit. Innere Blutungen, tief sitzend. Vermutlich im Darmbereich oder der Blase.«
»Ich verstehe nicht wirklich, was du da sagst. Aber kannst du ihm helfen?« Maxim schließt die Augen und schüttelt den Kopf. Nur wenig. Gerade so, dass Danil es sehen muss. »Du bist kein Arzt?«
»Nein, ich bin Geophysiker und kann dir viel über Strahlung erzählen, aber mehr als das, was wir getan haben, können wir nicht tun. Selbst …«, er schweigt und schluckt trocken. Warum ist der Wodka leer?
»Sieh mich an und rede weiter, Maxim.« Der nickt, öffnet die Augen. Danils Blick ist ein anderer. Vielleicht der eines Bruders.
»Selbst in einem Krankenhaus würde man Artjom vermutlich nicht mehr helfen können.«
Danil steht auf und zieht den Reißverschluss der Kombi bis ganz nach unten, schiebt den Stoff beiseite. Sein Oberkörper ist übersät mit blauen Flecken. Maxim dreht den Kopf weg. Er will nicht, dass Danil die aufkommenden Tränen sieht.
»Wie lange wird Artjom noch schlafen?«
Heftig zieht Maxim die Luft in sich hinein und hält sie für einen Moment. Es hilft, die Feuchtigkeit aus seinen Augen zu drücken. »Ich schätze, noch eine Stunde.«
Danil setzt sich an den Tisch und verzieht das Gesicht.
»Du hast Schmerzen«, stellt Maxim fest. »Ich kann dir ebenfalls eine Spritze geben, nur so viel, dass die Schmerzen erträglicher sind.«
Danil winkt ab und sucht Maxims Blick. »Werden wir sterben?«
Maxim nickt mit geschlossenen Augen.

Fünfter Akt

Maxim fügt die Teile der Drohne zusammen.
»Was willst du in Pewek, Maxim? Was gibt es dort?«
Wie soll Maxim ihm das erklären? Das mit den Inseln … »Viele Staaten bauen große Inseln, um auf das Meer zu flüchten. Vielleicht kann ich es auf eine Insel schaffen. Wenn ich irgendwie nach Wladiwostok komme …«
»Inseln? In Bilibino hat das ein Sterbender erzählt. Ich hab’s für ein Ergebnis von zu viel Wodka gehalten …«
»Nein, es stimmt.«
Danil reibt seine Glatze. »Das ist nichts für mich. Ich habe Angst vor Wasser.« Er lacht und sieht eine Weile zu, wie die Drohne entsteht, Maxim die Funktionen der App prüft. »Was tust du da, Herr Geophysiker?«
»Ich baue diese Drohne zusammen und lasse sie hier. Sie wird die Methanquellen überfliegen, filmen und die Daten an eine Empfangsstation im Unimog senden.«
Danil hustet. Der Schotter zu seinen Füßen sieht aus wie mit roter Farbe gesprenkelt. »Warum tust du das? Für was?«
Maxim setzt die VR-Brille auf und kontrolliert die Steuerung, ist zufrieden und packt Brille samt Steuerung in die Fahrerkabine. »Weil ich Wissenschaftler bin. Ich kann nicht anders! Das ist ein innerer Zwang.«
»Irgendwie erinnert mich das an Artjom. Er kann auch nicht anders, als den Leuten auf die Nerven zu gehen.«
Das Lachen bricht aus Maxim heraus wie zuvor die Tränen, er muss sich am Griff des Einstiegs festhalten, um nicht zu fallen. Zwischen seinem Gackern und Gluckern hört er, dass es Danil nicht anders geht. Sie lachen bis zur Erschöpfung, bis Danils lachende Erlösung in einen blutspuckenden Anfall übergeht, er vornüber aus dem Campingstuhl kippt und schmerzverkrümmt auf dem Schotter liegen bleibt. Maxim rennt um den Unimog herum, die Stufen hinauf, nimmt aus dem Kühlschrank eine der Spritzen, drückt Tropfen der gelblichen Flüssigkeit aus der Nadel und klopft gegen das Glas. Ein Blick auf den schlafenden Artjom, dann eilt er zu Danil, der sich stöhnend den Bauch hält.
»Lass mich dir ein wenig von dem Zeug geben, Danil. Nicht viel, nur dass die Schmerzen besser werden.« Ob er einverstanden ist, kann Maxim nicht beurteilen und will auch nicht abwarten. Er setzt die Nadel an, drückt sie in die Schulter und leert die Spritze zu einem Viertel. Es dauert einige Minuten, dann entspannt sich Danils verkrampfte Haltung. Aus seinem Mundwinkel rinnt eine dünne Linie Blut. Maxim greift unter dessen Achseln und schleift den schweren Körper zum Unimog, lehnt ihn an den hinteren Radkasten. Aus der Trinkwassereinheit zieht er den Schlauch, lässt einen dünnen Strahl kühles Nass über Danils Gesicht laufen, reibt den Hals ab, wäscht das Blut weg. Danil hebt die Hand, greift nach dem Schlauch und hebt ihn hoch. Er trinkt in kleinen Schlucken.
»Ich fühle mich wie im Wodkahimmel«, murmelt er. »Alles ist so dumpf und weit weg.« Maxim setzt sich daneben und starrt auf die beginnende Tundra. Die Gräser und niederen Kräuter sind vertrocknet. Es ist viel zu heiß. Langsam döst er ein.

Als er erwacht, muss Maxim an zu lange gegrilltes Gemüse denken. So ähnlich wird es sich anfühlen. Ein Stück Morast in schlabbriger Schale. Das helle Band der Milchstraße reicht von einem zum anderen Ende des Horizonts. Das Staubband schimmert gelblich-braun, dahinter das gleißende Zentrum. Für diesen Anblick lohnt es sich zu warten, zur Not ein ganzes Leben, denkt er und hört ein Stöhnen. Danil fällt ihm ein.
»Lebst du noch, Danil?«
»Vermutlich«, flüstert eine heisere Stimme.
»Ich sehe nach, was Artjom macht …«
Maxim erhebt sich mühselig, nimmt den Schlauch neben Danil auf und trinkt eine große Menge Wasser. Wie gut das schmeckt! Dann geht er um den Aufbau herum und steigt die Stufen hoch. Im kalten Licht der Deckenlampe schimmert das Blut auf der Liege in einem fast grauen Farbton. Artjom ist bleich wie das Aluminium um ihn herum. Maxim nickt, die ganzen Schritte bis zum Tisch, nickt immer noch, als er zwei Finger an Artjoms Hals drückt und sie erschrocken zurückzieht. Kalt wie das Metall. Hastig nimmt er das Dosimeter aus der Schublade und schaltet es an, wartet die Kalibrierung ab. Langsam setzt er es an seine Brust, hoch zum Kopf, runter zu den Füßen. Den Lautsprecher zu aktivieren, wagt er nicht, betrachtet nur die Zahl. 2,24 Sievert. Maxim erinnert sich an die Tabelle der Einstufungen, LD35/30, Letale Dosis und tödlicher Verlauf bei 35% der Betroffenen nach 30 Tagen. Er weiß jedoch nicht, wie nah die beiden Brüder dem Reaktorgebäude waren, wie lange und welche Strahlung sie abbekamen. Er geht hinaus. Da ist das Band der Milchstraße über ihm. Er ist sich dessen bewusst, kann es sehen und beschreiben, viel von dem erklären, was dort passiert. Und er kann diese Schönheit fühlen, wirklich fühlen, ein Kribbeln, lange und tiefe Schauer auf seinem Rücken. Fast meint er, dort oben Teile von ihm zu erkennen, Bruchstücke, Schwestern und Brüder. Bis ihm die Tränen von den Wangen laufen. Langsam geht er zurück zu Danil.

»Wie geht es Artjom?«, bringt Danil nur noch tonlos heraus.
»Er schläft noch.« Danil sieht ihn lange an. Seine Augen schimmern.
»Kann ich auch mal diese Brille aufsetzen?«
»Klar«, sagt Maxim und holt die Geräte aus der Kabine. Vorsichtig setzt er ihm die VR-Brille auf. »Ich steuere für dich über das Tablet. Du siehst, was ich sehe. Kann aber sein, dass dir schwindelig wird.«
»Viel schlechter als jetzt, kann es nicht werden.«
»Also los!«
Maxim aktiviert die sechs Propeller, es sirrt, die Drohne steigt empor. Danils Rücken dehnt sich. »Uihuih!«, ruft er überrascht und neigt sich dem Flug der Drohne entsprechend. Maxim stellt sich neben ihn, stützt mit seinen Beinen den Oberkörper. »Beim heiligen Sankt Georg!«, hört er Danil sagen. In zweihundert Metern Höhe sieht man deutlich die blau leuchtenden Kreise in der Ebene. An manchen Rändern züngeln gelbrote Flammen.
»Ich vergrößere das Bild, Danil. Erschrick nicht.«
»Hm … oh!«
Maxim lässt die Drohne kreisen, umrundet alle neun Feuer ohne den Blickwinkel zu ändern. Das Außenmikrofon überträgt das Fauchen und Zischen, lässt Verpuffungen hörbar werden. »Ich habe noch nie etwas Schöneres gesehen«, sagt Danil leise. »Es erinnert mich an Vater, wie er uns von der Hölle erzählt hat, dem Haus Satans, darin gefangen die bösen Menschen. Werdet niemals böse Menschen, sagte er dann. Sonst verstoße ich euch …«
Maxim setzt zu einem tiefen Überflug an über den größten der feurigen Kreise. Danil macht es offensichtlich Freude. Es geht steil nach unten und Danils Oberkörper folgt dem Winkel, kippt nach vorne. Er ächzt. Dann ist es still. Maxim lässt die Drohne nur noch schweben, setzt sich neben Danil, richtet ihn auf und wischt den Höhenregler nach oben und aktiviert die obere Kamera. Die Drohne steigt immer höher. Das Band der Milchstraße erscheint auf dem Tablet und vor Danils Augen. Er kann es nicht mehr sehen.

Diese Geschichte

Entstanden im Jahr 2022 und die Nummer acht in der Reihe der Klimageschichten. Russland, nördliches Sibirien. In der Nähe von Bilibino, einem auf Permafrost gebauten AKW. Im aufgetauten Boden sinkt es ein, es kommt zum GAU. Menschen werden verstrahlt. Maxim nimmt zwei von ihnen mit auf seinem Weg nach Pewek, um von dort vielleicht auf eine der Inseln zu gelangen.

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Heiko

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