Ich erinnere an … / Teil 2

Minna Lieberam

Frau Lieberam wurde am 2. April 1891 in Erfurt geboren, ist verheiratet und hat drei Kinder. Ihre Zeugenaussage lautet wie folgt (exakte Abschrift):

Vernehmung von Minna LIEBERAM

Ich bin Minna LIEBERAM, geborene LIEBERAM, geboren am 2-IV-1891 in Erfurt und ich bin religionslos. Ich bin Hausfrau von Beruf. Ich bin verheiratet und habe drei Kinder. Ich habe niemals der NSDAP angehört. Vor 1933 war mein Sohn Mitglied der Antifaschistischen Jugend. Er wurde deshalb 34 verhaftet und ins KZ-Lager eingesperrt. Nachdem mein Sohn entlassen wurde, sind wir stets von der Gestapo beobachtet worden. 1943 sandte die Gestapo mir einen Spitzel namens HUNGER ins Haus, der ungefähr ein Jahr bei mir verkehrte. Später kam auch PANEK zu mir. Die beiden haben alles was ich sagte notiert und auf Grund dessen wurde ich Ende 1944 verhaftet. Ich wurde ins Polizeigefängnis Fuhlsbüttel […] und verblieb dort bis zum 13-IV-1945. An diesem Tag wurde ich nach Kiel-Hassee geschickt, wo ich am 28-IV-1945 befreit wurde. Die meisten Beamtinnen von Fuhlsbüttel haben das Schlagen und Misshandeln zum System gemacht.

Besonders [her]vorgetan haben sich folgende Beamtinnen: SCHULZ, BORGEMEHN, BURMEISTER, BOCH. Ich habe einmal gesehen wie zwei polnische Mädchen den Flur entlang gingen und Stühle trugen. Sie sprachen dabei ein wenig. Dies wurde von SCHULZ bemerkt, die von hinten kam und ihnen ein paar Schläge auf den Kopf versetzte. Ich habe einmal gesehen, wie BORGEMEHN in einer Zelle Ausländerinnen schlug. Als sie raus kam, sagte sie zu mir: „Ich muss sie schlagen, weil ich anders mit dem verfluchten Ausländerpack nicht fertig werde.“

Ich weiß, dass BORGEMEHN, falls sie Dienst hatte, den Empfang der Neuzugänge übernahm. Ich habe im ersten Stock das Klatschen der Schläge und das Schreien der Frauen gehört. Ich habe gesehen, wie BURMEISTER die Ausländerinnen geschlagen hatte. Die meisten waren Polinnen und Russinnen. Ich habe gesehen, wie BOCH in den Russensaal reinstürmte und nach links und rechts Schläge austeilte. Als sie mich bemerkte, sagte sie: „Die müssen das haben.“ In meiner Zelle, die dem Bereitschaftsraum gegenüber lag, gab es in der Tü[h]r einen Ritz. Durch diese Öf[f]nung konnte ich alle Vorgänge im Bereitschaftsraum beobachten. Auf diese Weise habe ich beobachtet, wie die Beamtinnen unsere Lebensmittelzuteilungen regelmäßig besto[h]len haben. Eine andere beliebte Strafform war der Essensentzug. Dies wurde von allen Beamtinnen verhängt, besonders aber BURMEISTER. Am 10., 11. und 12. April 45 wurden in Fuhlsbüttel Bespre[ä]chungen zwischen TESSMANN und den Beamtinnen abgehalten. W[e]ährend dieser Bespr[…]chungen wurde das Los der noch in Fuhlsbüttel gebliebenen Frauen entschieden.

Ich weiß, dass die Beamtinnen das Los der Frauen mitbestimmten, da mir BISMARK sagte, dass sie mich vom Transport nach Kiel-Hassee befreite. Am selben Abend sagte mir BORGEMEHN, dass sie zum Kommandanten muss, weil es wieder eine Bespr[ä]echung gi[e]bt. Gegen Mitternacht teilte sie mir mit, dass w[e]ährend der [B]bespr[ä]echung doch entschieden wurde, dass ich auf Transport gehen solle. Ich kam nach Kiel-Hassee mit dem Transport der Kranken und Körperbehinderten. Auf einem Wagen kamen dieje[h]nigen mit uns, die w[e]ährend der Verhöre so zusammengeschlagen wurden, dass sie sich nicht mehr bewegen konnten. Auf dem Wege kamen wir an den marschierenden Kolonnen vorbei. Die Menschen waren in einem furchtbaren Zustande. Die meisten waren barfuß, und ihre Füße waren mit eiternden Wunden bedeckt. In Kiel-Hassee haben mir Kameraden erz[ä]ehlt, dass viele Menschen auf dem Transport erschossen wurden.

Anmerkung des Autors

Denjenigen unter uns, die der Meinung sind, Pandemie-Maßnahmen in Deutschland bzw. weltweit, seien auch nur ansatzweise mit Handlungen der Gestapo oder den totalitären Wesenszügen des Dritten Reichs vergleichbar, möchte ich nahelegen, solche Zeugenaussagen aus dem Prozess II der drei Fuhslbüttel-Prozesse zu lesen. Ich kann nur schlussfolgern, dass hier ein sehr begrenztes Wissen bzw. Ahnungen oder Hörensagen vorliegen und man sich in keinster Weise mit den massenhaft zur Verfügung stehenden Quellen beschäftigt hat, sondern sich auf das verlässt und man dem folgt, was moderne Rattenfänger streuen, um eigene Ziele zu verfolgen. Das ist peinlich und beschämend. Zumal im Zuge dieser Rattenfänger-Maßnahmen der Antisemitismus aufblüht, und Mitmarschierer sich diesen automatisch zu eigen machen.

Ich erinnere an … / Teil 1

Frau Dreher wurde am 30. April 1915 in Hamburg geboren. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und ist Hausfrau. Nach ihrer Verhaftung und dem Verhör durch die Gestapo im Holstenglacis, wurde sie nach Fuhlsbüttel überstellt. Ihre Zeugenaussage lautet wie folgt (exakte Abschrift):

Vernehmung von Gertrud Wilhelmine Mathilde Therese DREHER

Vernehmung unter Eid von Gertrud Wilhelmine Mathilde Therese DREHER, weiblich, aus Hamburg 20, Brödermannsweg 77c.

Ich bin Gertrud Wilhelmine Mathilde Therese DREHER, geborene GRONAU, geboren am 30.4.1915 in Hamburg. Ich bin religionslos. Von Beruf bin ich Hausfrau. Ich bin verheiratet und habe 2 Kinder. Ich habe weder der NSDAP noch irgendeiner NS-Organisation angehört.

Nach meiner Verhaftung wurde ich ins Gestapo-Gebäude gebracht. Dort wurde ich von HELMS verhört. Später, als ich in Fuhlsbüttel eingeliefert wurde, bin ich von TESSMANN verhört worden, der mich dabei geschlagen hat. Ich weiß auch, dass er andere Häftlinge verhört hat.

Ich habe gesehen wie Ella SCHULZ, während sie Häftlingskolonnen in ein anderes Gebäude führte, Ausländerinnen, die ihre Befehle nicht verstanden, Ohrfeigen versetzte. Falls die Betroffenen versuchten sich zu entschuldigen, wurden sie weiter geschlagen.

Sonntags pflegte SCHULZ Saalrazzien durchzuführen. Dies wurde in den Ausländersälen durchgeführt. Sie hatte immer noch eine zweite Beamtin zu Hilfe, meistens BORGEMEHN oder BURMEISTER. Alle Frauen mussten sich im Flur nackt ausziehen und ihr Zeug wurde durchschaut. Falls der SCHULZ etwas missfiel, wurde die betroffene Frau geschlagen.

Die BORGEMEHN hatte die Ausländerinnen bei der Arbeit zu überwachen. Falls irgendein Werkzeug verloren ging oder die Frauen das vorgeschriebene Pensum nicht schafften, wurden sie von ihr geschlagen und das Essen wurde ihnen auf meistens eine Woche entzogen.

Anfang November 1944 wurde angeblich im Saal auf B 1 eine Decke zerrissen. Daraufhin ordnete die BORGEMEHN an, dass sämtlichen Ausländern die Decken entzogen wurden. Infolgedessen haben die Ausländerinnen 3 Wochen lang keine Decken gehabt. Als sich die Diphterieepidemie verbreitete, wurde ihnen wieder eine Decke zugeteilt, aber dann mussten sie nackt ins Bett gehen und die Kleider vor die Tür legen.

Im August 1944 wurde in Fuhlsbüttel eine Französin namens ROLAND eingeliefert. ROLAND hatte bei einem Gastwirt namens RATHJENS, wohnhaft am Siemensplatz, gearbeitet. Sie war nierenkrank und wurde vom Arzt als arbeitsunfähig geschrieben. Daraufhin klagte RATHJENS sie bei der Gestapo wegen Arbeitsverweigerung an. In Fuhlsbüttel versuchte BORGEMEHN ihr Vertrauen zu gewinnen. BORGEMEHN redete der ROLAND ein, dass – falls sie Aussage machte – sie entlassen wird. Die ROLAND hatte BORGEMEHN geglaubt und der Gestapo Aussagen gemacht, in denen sie Schwarzmarktbetreibungen des RATHJENS preisgab; unter anderem. Das hat sie mir selbst erzählt, mit der Bemerkung, dass sie jetzt bald entlassen wird. Daraufhin wurde sie mit dem nächsten Transport nach Ravensbrück zur Vernichtung geschickt. Auf meine Frage, wo ROLAND sei, sagte mir BORGEMEHN: „Die habe ich erledigt. Ist auf Vernichtung nach Ravensbrück gegangen. Die Ausländer seien nichts anderes Wert, als dass man sie vernichtet.“

Ich habe gesehen, wie BURMEISTER die Ausländerinnen die vom Fischkommando zurückkamen, nach geschmuggelten Lebensmitteln und Zigaretten untersuchte. Falls sie etwas fand, schlug sie die Betreffende, entzog ihr das Essen und beantragte meistens 14 Tage Arrest.

Die BURMEISTER kam manchmal morgens in die Ausländersäle und fragte, wer sich zum Arzt melden wolle. Denjenigen die sich meldeten, entzog sie dann die Fettzuteilung. Die BISMARCK hat eng mit TESSMANN gearbeitet. Sie hatte sich, eine mütterliche Weise für vorheuchelnd, das Vertrauen der Häftlinge erworben und sie dann der Gestapo preisgegeben Ich habe gesehen wie BISMARCK bei verschiedenen Gelegenheiten die Ausländerinnen geohrfeigt und geschlagen hat. Bei der Gelegenheit meines ärztlichen Besuches, beobachtete ich folgenden Vorfall. Es wurde eine Russin zum Arzt gebracht, die nach einem Verhör offene Wunden auf dem Gesäß hatte. Eine Wunde war so groß, dass man eine Faust reinstecken konnte. Doktor SCHNAPPAUF besah sich die Wunden und sagte, dass dies nicht schlimm sei und überließ den Verband dem Heildiener MAU. Die Wunden eiterten, weil sie tagelang nicht verbunden gewesen sind. MAU reinigte die Wunden überhaupt nicht, sondern streute ein wenig weißes Pulver hinein, bedeckte dies mit einem Stück Gaze und verklebte mit 2 Stück Leukoplast. Während der Behandlung bat er die BURMEISTER ihm zu helfen, was die ablehnte mit der Begründung, dass sie Russin schmutzig sei. Ich stellte mich dem MAU zur Verfügung und deshalb hab ich alles gut beobachten können. Dieser Verband hielt nicht und als die Russin aufstand, fiel alles herunter. Darauf sagte MAU, die muss damit selber fertig werden. Die Russin musste sich ankleiden und wurde in ihre Zelle geführt. Die Hose, die die Russin an hatte war ganz mit Blut und Eiter bedeckt. Ich bat die BURMEISTER ihr eine andere Hose zu geben, die mir antwortete, dass ich das ihr überlassen solle. Es ist noch nicht notwendig, die Hose ist noch nicht so schmutzig.

Diese Russin gehörte einer Gruppe von 6 russischen Mädchen an, die angeblich wegen Plünderung verhaftet wurden. Nach ungefähr einer Woche sind sie auf Vernichtungstransport gegangen. Ich möchte bei dieser Gelegenheit erwähnen dass ERKRUTH mir sagte, dass sie zusammen mit BORGEMEHN 6 Russinnen nach der Einlieferung verprügelte, obwohl sie schon beim Verhör in der Gestapo schrecklich geschlagen wurden. Sie hat mir auch gesagt, dass es sicher ist, dass sie aufgehängt werden.

Anmerkung des Autors

Denjenigen unter uns, die der Meinung sind, Pandemie-Maßnahmen in Deutschland bzw. weltweit, seien auch nur ansatzweise mit Handlungen der Gestapo oder den totalitären Wesenszügen des Dritten Reichs vergleichbar, möchte ich nahelegen, solche Zeugenaussagen aus dem Prozess II der drei Fuhslbüttel-Prozesse zu lesen. Ich kann nur schlussfolgern, dass hier ein sehr begrenztes Wissen bzw. Ahnungen oder Hörensagen vorliegen und man sich in keinster Weise mit den massenhaft zur Verfügung stehenden Quellen beschäftigt hat, sondern sich auf das verlässt und man dem folgt, was moderne Rattenfänger streuen, um eigene Ziele zu verfolgen. Das ist peinlich und beschämend. Zumal im Zuge dieser Rattenfänger-Maßnahmen der Antisemitismus aufblüht, und Mitmarschierer sich diesen automatisch zu eigen machen.

Der lange Arm der Gewalt / 3

Eine schwierige Frage

Willi und Lieselotte Tessmann
Willi und Lieselotte Tessmann ca. 1935

F: Findest Du es richtig, dass dein Opa hingerichtet wurde?

A: Diese Frage wird nicht oft gestellt in Vorträgen. Und ich habe mich wiederum gefragt: Warum nicht? Warum halten sich die Menschen mit dieser Frage zurück? Denn ich wette, es interessiert sie brennend. Aus meiner Sicht gibt es dafür nur einen Grund: Scham. Allerdings basiert ihr Scham wiederum auf zwei Annahmen meinerseits.
1. Sie schämen sich, die Frage zu stellen, weil sie denken, man hielte sie für Relativierer von Nazi-Verbrechen.
2. Sie schämen sich, weil sie mir nicht zu nahe treten wollen, mit solch einer – aus ihrer Sicht vielleicht – Gewissensfrage.
Ich kann diese Menschen aber beruhigen. Sie dürfen diese – aus meiner Sicht – ganz natürliche, sehr menschliche Frage stellen. Das setzt natürlich voraus, dass die oder der Befragte darüber nachgedacht hat. Und das habe ich. Die Antwort ist kurz. SIe lautet: Nein. Eine sprichwörtlich lebenslängliche Strafe: Ja.

Warum ‚Nein‘?

Auch das ist aus meiner Weltsicht einfach zu beantworten: Weil ich grundsätzlich gegen Todesstrafe bin. Ohne Wenn und Aber. Egal für wen. Für mich besteht der Sinn einer Strafe aus der in ihr angelegten Möglichkeit, zu Einsicht zu gelangen. Zuvor jedoch muss sich die Gesellschaft darüber klar werden, welchen Sinn eine Todesstrafe haben könnte und ab welcher Schwere der Tat sie durchgeführt wird. Schon hier möchte ich anmerken, dass es dann heißen muss: Wir als Gesellschaft bestrafen dich durch Tötung. Es ist eine Bestrafung durch Tötung eines Individuums (oder mehrerer). Eine Gesellschaft entledigt sich ihrer kriminellen Elemente. Da es trotz der Strafe durch Tötung (abschreckende Wirkung als Argument) zu keiner Abwesenheit schwerer Straftaten gekommen ist und in nächster Zeit sicher auch nicht kommen wird, bleiben als Motiv für die Strafe durch Tötung nur noch Rache, ökonomische Gründe und der sich evolutionär gebildete Selbstschutz der Gruppe. Lebenslänglich im SInne des Wortes – oder sogar eine irgendwie angestrebte Resozialisierung – ist teuer. Das muss man sich leisten wollen und können (je nach Anzahl der schweren Fälle). Rache ist ein Motiv, das sich ein Staat durchaus zu eigen machen kann, also der in einen gesellschaftlichen Kontext eingebundene Rachegedanke, ausgestattet mit der dazugehörigen Rhetorik (Recht auf Vergeltung, Rache). In der Bundesrepublik haben wir die Todesstrafe abgeschafft. Unsere Statistik der schweren Straftaten zeigt deutlich, dass trotz fehlender „Abschreckung durch Tötung des Täters“ die Zahlen nicht nach oben schießen. Abschreckung als Argument für die Tötung fällt also weg. Ein Affekttäter wird sich zuvor eh nicht überlegen, was er tut, und die geplanten Morde werden durchgeführt, weil sie in der Logik der Kriminellen notwendig sind.

War es also falsch? Die historische Betrachtung …

Jetzt sind wir genau an dem Punkt, der die möglicherweise emotionale Sicht der Bewertung dieses Todesurteils von der historischen Bewertung unterscheidet – und an dem Punkt, an dem sich Erkenntnis von eingeschränkter Sicht abhebt. Die Strafe durch Tötung aus heutiger Sicht zu bewerten, ist sinnlos. Das Urteil wurde im September 1947 gefällt. Was für uns heute bleibt, ist das Herausfinden aller Details zu diesem ganzen Komplex. Sowohl auf der Seite meines Großvaters als auch auf britischer bzw. alliierter Seite. So lässt sich sagen, dass die Militärrichter nach Lage der Dinge innerhalb ihres Standardrahmens entschieden haben. Ihre Erkenntnis- und Erfahrungswelt und das zuvor festgelegte Regelwerk, haben zu diesem bzw. diesen Urteilen geführt in genau diesem Prozess. Aus Sicht der britischen Militärrichter war dieses Urteil nur folgerichtig. Die Conclusio für uns Betrachter ist nicht die emotionale oder ideologische Betrachtung, nur die historische, wertfreie. Was wir daraus ziehen, ist Erkenntnis und das Ziel, verantwortlich mit diesen Erkenntnissen umzugehen, um Handlungsempfehlungen zu geben, die in Bildung und Erziehung einfließen; was am Ende zu einer humaneren Gesellschaft, zu beständiger Aufklärung, führen soll.

Verantwortung oder Schuld

Die britischen Militärrichter haben vor 74 Jahren, gemäß ihrer Richtlinien, Eingebungen und nach Aktenlage, eingebettet in ihr historisches Umfeld, auf Tod durch den Strang entschieden. Diese Würfel sind gefallen. Die Frage, ob das Urteil gerecht war oder nicht, kann uns nur dazu führen, dass wir für unsere Gegenwart die Fragen stellen, was gerecht ist und was nicht? Es gibt noch genug Länder mit existierender Todesstrafe (damit meine ich nicht die Länder, die diese Methode als totalitäres Werkzeug verwenden). Eine Gesellschaft muss sich immer wieder infrage stellen. Und das geschieht am besten, indem sie sich ein Geschichtsbuch zur Hand nimmt, um vergleichen zu können. Erkenntnis zu gewinnen. So klärt sich also auch die Frage nach der Schuld über dieses Prinzip von Erkenntnis und Verantwortung. Aus Geschichte entsteht ganz automatisch Verantwortung. Dem können wir uns nicht entziehen. Diejenigen, die darauf pochen, dass eine „obskure Elite“ den Deutschen ewige Schuld einreden will, sind diejenigen, die sich dieser historisch gewachsenen Verantwortung nicht stellen wollen. Die Ewiggestrigen. Sie kommen zu keiner Erkenntnis und leben in ihrer kleinen Welt, während die Menschheit stetig versucht, eine bessere Familie zu werden. Abgeurteilte Straftäter können an diesem steten Prozess von Aufklärung, Erkenntnis und Schlußfolgerung teilnehmen, wenn sie möchten und wenn wir ihnen die Möglichkeit dazu geben. Nicht in jedem Fall wird das zu einem Erfolg führen. Tote jedoch können nichts mehr lernen.

Der lange Arm der Gewalt / 2

Dokumente sind online

1943/44 im KolaFu
Willi Bernhard Tessmann (Mitte) vor dem Verwaltungsgebäude in Fuhlsbüttel

Zum demnächst erscheinenden Buch „Der lange Arm der Gewalt“ gibt es alle Dokumente online. Grund: Steckte ich alle Dokumente in ein Buch, müsste man es mit der Schubkarre aus der Buchhandlung holen. Es macht also Sinn – zumal heutzutage – diese online zur Verfügung zu stellen. Es gibt zwei Arten, um die Informationen zu betrachten: 1. online in einem Fenster und 2. als Download (PDF). Leser:innen können das Buch natürlich ohne alle Begleitdokumente lesen; der Sinn erschließt sich auch so, aber als Unterrichtsmaterialien müssen sie auf jeden Fall zur Verfügung stehen. Durch die Einzelverfügbarkeit lassen sich bestens Einzel-, Team- oder Gruppenarbeiten planen. Die PDF-Variante ist so angelegt, dass man noch Notizen darauf anbringen kann. Es ist eine Dokumentnummer vergeben, um es im Netz wiederzufinden. Neben den Dokumenten aus meinem Privatarchiv liegen bei mir 50 Dateien aus dem Bundesarchiv. Für die Zurverfügungstellung müsste ich laut Reglement Gebühren zahlen. Hier versuche ich noch eine Lösung zu finden, denn schließlich sind Originaldokumente aus dem Rasse- und Siedlungshauptamt der SS von erheblicher Bedeutung, um einen Einblick in die Funktionsweise des nationalsozialistischen System zu bekommen. Ich hoffe, es wird mir gelingen. Weiterhin gibt es Dokumente aus dem Prozess #2 im Curio-Haus in Hamburg. Die Quelle dieser Dokumente ist das Britische Nationalarchiv. Ich stelle sie online zur Ansicht bereit, allerdings nicht als PDF. Bitte beachten Sie alle von mir hinterlegten Rechtshinweise auf den einzelnen Seiten.

Ein Grund? „Anne Frank“ aus Kassel?

Es gab lediglich einen Grund, dieses Buch zu machen: Der Versuch, aufzuzeigen, wie einzelne Menschen – dann ganze Familien – in totalitäre Lebensumstände abrutschen. Bis hin zum engagierten Mitmachen. Inzwischen jedoch gibt es einen zweiten Grund: Die unseligen Vergleiche zwischen Maßnahmen zur Eingrenzung pandemischer Situationen und dem totalitären NS-Regime, die Coronaleugner bzw. Querdenker aus Unwissenheit oder kalkulierter Provokation in allen Medien und auf öffentlichen Demonstrationen anwenden. Bilder von gelben Judensternen mit dem Aufdruck „ungeimpft“ sind unerträglich, weil sie das Geschehene dermaßen verzerren, alle Opfer des Nationalsozialismus instrumentalisieren, um staatliche Maßnahmen zu geißeln, die der Staat – und damit im gesellschaftlichen Auftrag – tun muss, ansonsten es kein Staat wäre. Mit solch einem Verhalten wird eine Abwesenheit von Bildung und Verstehen von Zusammenhängen zur Schau gestellt, die beschämend ist. Sich auf einer genehmigten Demonstration mit einem aus Deutschland nach Holland geflüchteten Mädchen zu vergleichen, das in einem Speicherversteck ausharrte, um doch am Ende ermordet zu werden – das macht erst mal sprachlos. Und dann wütend. Es ist eine Melange aus kognitiver Dissonanz, Ignoranz, Leben und Denken im Paradigma, Esoterik und extremer Ideologie, die uns da begegnet. Wer sich tatsächlich mit der Geschichte des Nationalsozialismus beschäftigt hat – auch in seiner Entstehung – wird dort dieselbe Melange finden.

Jana und die anderen im Kola-Fu

In einem tatsächlich totalitären Staat, hätte mein Großvater als Kommandant genau diese Menschen in den Verhörkellern begrüßt, wo sie barfuß auf dem Beton, mit kaltem Wasser abgespritzt und bei Essensentzug in die Dunkelzelle gesperrt worden wären. Ein paar Tage später auf den Holzbock gebunden und mit der Gerte bearbeitet, mit dem Gewehrkolben, ohne Schuhe auf Split und Asche exerzieren lassen. Sie wären noch nicht mal auf die Demonstration gekommen, sondern vorher aus ihren Wohnungen geholt worden. Niemand hätte irgendwelche Querdenker auf einem Platz demonstrieren sehen. Sich mit den Opfern des Nationalsozialismus zu vergleichen, ist eine Unverschämtheit … und bodenlose Dummheit. Das Ganze ist ein Lehrstück dafür, wie Geschichte und historisches Wissen nach dem Sterben der „Erlebensgeneration“ langsam aber sicher verpuffen und jede/r alles nach Gutdünken, Lust und Laune oder ideologie für die eigenen Zwecke nutzen – oder sich instrumentalisieren lassen kann. Und natürlich – wie sollte es auch sonst sein – den Rattenfängern auch noch bares Geld für den „guten Zweck“ überweist.

Warum „… die Reste vom Krieg“?

Band 1 und die Fragen

Band 1: Heinrich und die Reste vom Krieg

Über Facebook erreichte mich von zwei unterschiedlichen Menschen die identische Frage: „Warum hat der Roman diesen Titel?“ Eigentlich schnell beantwortet. Ich erinnere mich an die vielen Male, die ich mit meiner Mutter oder meiner Oma mit dem Oberleitungsbus (O-Bus) der Linie 9 in die Stadt fuhr. In der in Pforzheim so benannten ‚KF‘, der Kaiser-Friedrich-Straße, gab es zwischen dem einen oder anderen Haus Lücken. In diesen Lücken standen Mauerreste, ein Schornstein, Bewuchs zwischen den Mauern. Ich fragte, was dieses kaputte Haus sei. Und die Antwort war: „Das sind die Reste vom Krieg.“ Da drunter konnte ich mir erst mal nichts vorstellen. Ich musste mir das Wissen aus Puzzleteilen zusammensetzen.

Zu diesen kleinen Puzzleteilen gehörten die Reaktionen der Erwachsenen auf für mich harmlose Situationen. Dazu zähle ich die monatliche Sirenenübung (Fliegeralarm, ABC-Alarm, Entwarnung). Als ich realisierte, dass meine Oma bei Beginn des Heultons unter dem Küchentisch verschwand – oder manchmal unter die Eckbank – meiner Mutter sich die Haare stellten, war ich natürlich neugierig, und auch hier kam die Antwort, die so ähnlich ausfiel: „Die Reste vom Krieg.“ Wenn propellergetriebene Flugzeuge über die Stadt flogen, begegnete ich den Reflexen, im Graben Schutz suchen zu wollen bei meiner Oma. Noch intensiver war dies alles aber bei meinem Opa (der mein Stiefopa war, den ich aber sehr gerne hatte). „Sein Krieg“ war noch so lebendig, dass ein Teil von ihm noch „dort drin gefangen“ war. Er war bei der Panzertruppe in Russland (ab dem 22. Juni 1941, Barbarossa). Als seine Einheit 1943 aufgerieben wurde und man die Division neu aufstellte, kam er nach Italien, denn die Amerikaner waren dort gelandet. In den letzten Wochen wurde er dort nördlich von Bologna in einem Granattrichter verschüttet. Bis man ihn ausgrub, war er ohne Sauerstoff, was neurologische Schädigungen nach sich zog. Er konnte nicht mehr dauerhaft als Goldschmied arbeiten, Konzentrationsabbruch, nächtliches Schlafwandeln, Flashbacks, wie man heute so schön sagt. Also eine Kombination von Sauerstoffentzug mit PTBS. Er war ein sehr humorvoller Mensch, der Schalk saß ihm im Nacken. Doch wenn die Bilder aus seinem Inneren aufstiegen, gab es kein Halten.

Zu den Lebensumständen meines Opas gehörte es, dass er auch daheim arbeiten konnte. Er war ein sehr guter Goldschmied und die Firma brachte ihm Aufträge ins Haus. Wenn er sich nicht mehr konzentrieren konnte, schnappte er sich seinen Enkel und wir gingen zusammen immer denselben Weg, den sogenannten „Wasserleitungsweg“ in den Schwarzwald hinein. Oft stundenlang. Bis hinter Neuenbürg. Er konnte viel erzählen über die Tiere, die Pflanzen, seine Heimat (Nürnberg). Wurde er stiller, kamen die Bilder hervor. Dann setzten wir uns irgendwo hin und er fing an zu erzählen. Geschichten aus Russland. In diesen Geschichten kam alles vor, was vom Russlandfeldzug bekannt ist. Trommelfeuer der Artillerie, Stalinorgeln, Siege, Beinahetode, Schrappnelle in seinem Körper, Partisanen und Partisanenermordung, das Sterben von Kameraden, Rotarmisten und Bevölkerung. Und da war noch etwas, was er nicht mit dem Wort benannte, aber durch Weinen bekundete: Er fühlte sich schuldig. Schuldig, Taten begangen zu haben, die „eines Soldaten nicht würdig waren.“ Als Kind wusste ich nichts über das, was eines Soldaten würdig war. Aber ich bemerkte im Laufe der Jahre deutlich, wie sich „sein Krieg“ in meinem Kopf festsetzte. Und so gab es in mir plötzlich auch „… die Reste vom Krieg.“

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