Die einprägsamsten Momente

Lyrik, Gedichte, Kurzprosa … bilden die einprägsamsten Momente im Leben ab. Meist nur sekundenkurze Situationen mit enormer emotionaler Wucht. Oder Momente intensivster Wahrnehmung. Die Aufmerksamkeit steigert sich, die Konzentration ist auf höchstem Level, alle Sinne sind im Alarmzustand. Und dann? Kommt das Tal. Dunkler und tiefer als gewünscht. Dann suchen wir nach Worten für das Erlebte. Fängt man mit dem Schreiben an, sind die Worte meist zahllos und blumig. Eine Adjetktivflut. Aber je älter frau/man wird, desto konzentrierter und zielsicherer werden die Beschreibungen. Lyrik, Gedichte, Kurzprosa … sind auch ein Mittel der Reflexion, des Reifens. Sie dienen nicht nur dazu, sich selbst von außen zu betrachten, sie schärfen auch alle Sinne, halten sie am Laufen und auf hohem Niveau. Wie mit allem, was psychische Abhängigkeiten erzeugen kann, ist auch das Schreiben von Lyrik früher oder später eine Sucht. Je intensiver Situationen und Reflexion durch das Beschreiben, desto früher wird es zur Sucht. Schreiben kann sehr süchtig machen.

Heinrich entdeckt den Moment

Im Band „Heinrich entdeckt den Moment“ finden sich Worte aus mehr als 35 Jahren. Sie sind auch Teil eines beobachtbaren Weges. Nicht selten werden sich Leser:innen darin wiederfinden; denn die Auswirkungen von Lebenssituationen sind für viele Menschen identisch. Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall Freude beim Lesen der Zeilen und freue mich auf Kommentare. Und bitte beachten Sie die Regeln der Kommunikation beim Kommentieren. Vielen Dank.
Ihr Heiko Tessmann
Heinrich entdeckt den Moment

Der lange Arm der Gewalt / 1

Im bald erscheinenden Buch „Der lange Arm der Gewalt“ nehme ich auch gesammelte Fragen auf, die ich im Laufe der Jahre während vieler Vorträge zusammengetragen habe. Auf Seite 308 heißt die Frage:

F: Wie geht es Dir mit dem Wissen um die Großeltern?

A: Mir persönlich machte der Komplex einige Jahre zu schaffen. Als Anfang der 2000er-Jahre auf dem Gelände des KZ Neuengamme die Jugendhaftanstalt abgerissen wurde, um Platz für die neue Gedenkstätte zu schaffen und es dann nach langer Umbauzeit eine Eröffnung gab, wurden aus ganz Europa KZ-Überlebende oder auch Angehörige schon Verstorbener eingeladen. Die große Halle, in der damals von den Häftlingen die Ziegel verarbeitet wurden, war voller Menschen auf Bierbänken. Aus vielen Ländern Europas. Viele alte und sehr alte Menschen und ich saß mittendrin. Überlebende. Erlebende. Ich war sehr still. Man hat diesen Menschen das Erlebte deutlich angesehen. Es war der besondere Ausdruck in den Augen. Ich hörte den Sprachen zu, verstand manches und wurde plötzlich gefragt, wer ich sei. Ich antwortete wie es war. Der Enkel des letzten Kommandanten vom Polizeigefängnis Fuhlsbüttel und als das KZ-Außenlager errichtet wurde, auch dem dafür Verantwortlichen. Die Menschen schwiegen kurz und sahen sich an. Ich musste aufstehen und rausgehen. Ein alter Mann, der links neben mir saß und aus Belgien war, folgte mir nach draußen in den leichten Nieselregen; es war schon fast dunkel. Er ahnte, dass ich weinte. Aber welche Tränen waren das? Die für meinen Opa? Für die Menschen dort drin? Oder meine eigenen? Er legte seinen Arm um meine Schulter und sagte in gutem Deutsch, ich müsse mir verzeihen, er hat auch verziehen. Nicht vergessen, aber verziehen. Dann ging er wieder hinein. Ich brauchte noch zehn Minuten, dann schaffte ich es wieder hineinzugehen, setzte mich und lauschte der xten Rede. Etwas Seltsames war passiert. Die Menschen um mich herum sahen mich immer wieder an und lächelten. Ihre Gesichter waren freundlich, die Blicke offenherzig. Ab und zu landete die Hand meiner rechten Nachbarin, einer älteren Frau aus der Tschechei, auf meinem Unterarm. Ich habe einige Wochen benötigt, um wieder in die Spur zu kommen. Dann wurde mir langsam klar, dass da in meinem Kopf etwas passierte. Es war nicht nur das Durchbrechen eines Teufelskreises innerhalb einer Familie oder von zwei, drei Generationen, nein, ich wurde endgültig erwachsen. Und die damit einhergehende Verantwortung für etwas, was aus mehr als deinem eigenen Leben besteht, wurde mir so richtig bewusst. Dass es da mehr gibt, als nur dein Leben, das sagen auch die Nazis. Aber in deren Sache kommen die Ausgegrenzten nicht vor. Mit den Ausgegrenzten saß ich an einem Tisch. Alle Menschen saßen an einem Tisch. So viele Sprachen, so viele unterschiedliche Länder, Religionen, Hautfarben. Diese Sache ist es, für die sich zu kämpfen und zu streiten lohnt. Für die Menschen. Und zwar für alle. Das in der Halle war eine Familie. Und das ist, was wir Menschen auf diesem Planeten sind: eine Familie.

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