Das Band des Krieges

KURZGESCHICHTE | Meine kleine Geschichte beginnt an einem Tag, den ich aufgrund seines Datums nicht vergesse, dem 7.7.77, der erste Sommerferientag in Nordrhein-Westfalen. Opa Hannes fliegt auch in diesem Jahr zu seinem seit den 50ern in den USA lebenden Sohn. Da meine Oma seit dem Frühjahr gesundheitlich angeschlagen ist, lässt er ihr Flugticket kurzerhand auf mich umschreiben. Mit der Erlaubnis meiner Eltern fliege ich an diesem Tag zusammen mit Opa Hannes von Frankfurt nach New York.
»Sag mal, Opa, wieso lassen die uns hinter den Triebwerken aus der Maschine steigen? Die Hitze ist ja irre.«
Er grinste. »Das sind nicht die Triebwerke. Das ist North-Carolina im Sommer. Herrlich! Oder?«
Ich sehe zuerst ihn an, dann die flirrende Luft über dem Taxiway. Einige Meter weiter rollt ein Bus heran, um die Passagiere aufzunehmen. Meine Vorfreude sinkt gegen null. Im Bus friere ich. Es können höchstens 17 Grad sein. Wir fahren Richtung Terminal und stehen endlich vor zwei Menschen, die ich bestenfalls einmal auf einem Foto gesehen habe. Opa fällt dem Mann um den Hals, sie klopfen sich ausgiebig den Rücken. Das ist also mein Onkel Theodor, der seit seit 1956 in den Staaten lebt und seine Frau, meine Tante Jean, Anfang der 50er in Erlangen kennengelernt hat, als sie dort für die US-Armee in einem amerikanischen Kaufhaus arbeitete. Mein Onkel belieferte die Amerikaner mit frischen Eiern. Sie heirateten zügig und zogen nach North-Carolina. Nun also stehe ich vor ihnen.
»Das ist Heinrich, Hildas Sohn«, erklärt Opa stolz und legt die Hand auf meine Schulter. Ich winke kurz, aber mehr als ein ‚Hallo‘ bringe ich nicht raus. In Zeitlupe öffnet Tante Jean ihre langen, dünnen Arme und neigt den Kopf zur Seite. Elegant schnippt sie die Zigarette auf den Boden und kommt auf mich zu.
»Aw, er sieht ja aus wie du, Johann. Und wie groß er ist.« Dann schließen sich die Ärmchen um mich, mehrmals, wie ich glaube. Sie drückt zu, als wäre dies unser letzter Tag auf Erden. »Herzlich willkommen in the States. My dear, du bist so tall. Wie groß ist er?«
»Einsneunzig«, antworte ich in ihr linkes Ohr.
»Aw, my god!«
»Na kommt, Kinder. Lasst uns nach Hause fahren.« Onkel Theodor trennt uns, stellt die Koffer auf einen Gepäckwagen und zieht mich mit. Tante Jean hakt sich bei Opa unter und so verlasseen wir das Terminal.

Die Fahrt dauert Ewigkeiten. Von Raleigh geht es ostwärts nach Greenville. Wir sind in einem einen Dodge Van, allerdings gibt hinten im Laderaum keine Sitze. Da Theodor von Beruf Möbelschreiner ist und Prototypen für die Möbelindustrie fertigt, benutzt er den Van, um Prototypen abzuliefern. Opa und ich sitzen auf den Radkästen. Immerhin gibt es eine Klimaanlage. Der Motor ist derart laut, dass an eine Unterhaltung nicht zu denken ist. Ab und zu dreht sich Tante Jean um und deutet irgendwo in die Umgebung. Ich stelle fest, dass das Fahren auf amerikanischen Highways eine Menge Geduld erfordert. Wir kriechen mit 70 Meilen durch eine fast topfebene Landschaft, ab und an kleine Bodenwellen. Fünf Wochen werden wir bleiben. Ich bekomme Bammel, dass diese fünf Wochen nur aus Langeweile bestehen. Nach keiner Ahnung wie viel Stunden ist mein Zeitgefühl komplett im Eimer. Opa sieht mir die Verzweiflung an. »Das liegt an der Landschaft und den für uns ungewöhnlich schnurgeraden Straßen. Ging mir beim ersten Mal auch so.«
Also Augen zu und durch. Gefühlte zwei Tage später sind wir endlich in Greenville, kurven durch einstöckige Häusermeere. Links, rechts, links, links, rechts, zurück, oder doch nicht? Dann sind wir da. Bessere Gegend, würde ich sagen. Ein paar wirklich wuchtige Bäume. Kies knirscht unter den Reifen. Opa grinst und Onkel Theodor öffnet die Schiebetür. »Aussteigen, Private Henry!«, brüllt er. Tante Jean verdrehte die Augen.
»Aw, Theo, don’t do that. It’s over.«
»Sir! Yes, Sir!«, erwidert er. Ich mache eine freundliche Miene zu dem Gebrüll, um mein Unverständnis nicht zu offenbaren. Theodor packt meinen Arm und zieht mich aus dem Bus. Opa schleppt die Koffer ins Haus und ich sehe mich um. »Schau nur, Heinrich«, sagt Theodor. »Alles meins. Das sind zwölf acres, ahm, Jean? Zwölf acres in Hektar?«
»Fünf Hektar!«, ruft sie aus dem Hausflur. Unter fünf Hektar kann ich mir wenig vorstellen, aber es ist mehr als groß. Wie ein alter Park. Viele sehr hohe Laubbäume mit ausladenden, dichten Kronen, nur wenig Licht dringt hindurch. Viel Platz zwischen den Stämmen, ein perfekt geschnittener, gleichmäßig grüner Rasen. Ein breiter Bach mäandert durch das ganze Grundstück. Ich komme mir vor wie in einem mondän angelegten Schlossgarten. »Hier kannst du tun und lassen, was du willst«, ermuntert mich Theodor, »allerdings …«, ich drehe mich ihm zu, »… solltest du auf das ‚poison ivy‘ aufpassen, das giftige Efeu. Wenn du das berührst, geht es dir ein paar Tage schlecht.«
»Ich werde aufpassen«, versichere ich. Er verpasst mir einen ordentlichen Klaps auf die Schulter. »Komm, gehen wir rein. Ich zeige dir dein Zimmer und dann gibt es ein großes Barbecue!« Wenn es die nächsten fünf Wochen so heiß ist, überlege ich, will ich umgehend wieder nach Hause. Ich fühle mich wie unter einem schweren, nassen, modrigen Brett. Kriechen ist vielleicht die einzig mögliche Fortbewegungsart. Im Haus hingegen herrscht Eiszeit. Onkel Theodor führt mich zu einem schmucken Zimmer. Das Fenster ist horizontal zweigeteilt. Oben ein Windkreuz, unten eine summende Klimaanlage.
»Gefällt es dir, Heinrich?«
»Toll«, sage ich staunend, »größer als mein Zimmer daheim.«
Der Koffer steht neben einem großen, weißen Kleiderschrank, Theodor geht winkend raus und eine Stimme sagt: »May I help you?« Ich drehe mich um. Ein Mädchen. Das muss meine Cousine Elisa sein. Kurze, tiefschwarze Haare. Die Augen nicht minder dunkel, fast so groß wie ich. Warum werde ich jetzt rot?, fluche ich innerlich.
»Okay … Elisa?«
»Yes, that’s my name, Henry.«

Das Wort Barbecue existiert nicht im Oxford English Lessons II, aber ich kann auf Opas Erklärungen zurückgreifen, der schon einige Male in den USA war und dieses Ereignis nach jeder Rückkehr in den höchsten Tönen gelobt hat. Mächtige Fleischmengen und sehr exzellente Würzsoßen sind die Höhepunkte eines solchen Barbecues. Onkel Theodors Grill hat den Umfang unseres heimischen Küchentischs. Ein Monster. Gefüllt mit Unmengen Grillkohle, die Glut so rot wie der Schlund eines aktiven Vulkans. Ich staune. Vor allem über mein erstes T-Bone-Steak. So groß, dass es auf drei Seiten über das Holzbrett hinausragt, das mir als Teller dient. Ich muss zugeben, dass ich es nicht ansatzweise schaffe, dieses monströse Stück Fleisch aufzuessen. Dazu kommt, dass ich ein begeisterter Salatesser bin und Tante Jean exzellente Salate gemacht hat. »Lass einfach stehen, wenn du es nicht schaffst«, sagte Jean verständnisvoll. »Ich kann daraus morgen Abend einen Rindfleischsalat machen.«
»Ich schaffe es wirklich nicht, Tante. Solche Mengen Fleisch esse ich daheim nicht«, antworte ich entschuldigend. »Lieber nehme ich noch von deinem guten Tomatensalat.« Sie lächelt und schiebt die Schüssel über den Tisch. Opa und Onkel Theodor sitzen abseits und rauchen kleine Zigarillos. Auf einem kunstvoll geschnitzten Holztisch steht eine Flasche Jack Daniels. Elisa stochert mit der Gabel im Maissalat, parkt die Maiskörner mal hier, mal dort. Meine Tante streift ihr Tun mit einem kurzen Blick, seufzt und lächelt mich erneut an.
»Erzähl mir von deiner Schule, Heinrich. In welche Klasse gehst du denn jetzt?«
»Ich bin jetzt in der achten Klasse.«
Jean nickt und steckt sich eine ihrer langen, braunen und sehr dünnen Zigaretten an, von denen sie heute mindestens zwei Packungen geraucht hat. Elisa sieht mich an. Wissend, verstehend. Sie kann Deutsch, das erkenne ich an ihrem Blick. Ich Trottel. Den Tag über sprachen wir nur Englisch. Es macht mir nichts, mit Elisa Englisch zu sprechen, was sich mit den Hintergedanken meiner Mutter deckt, mein Englisch verbessern. »Möchtest du einmal auf die Universität?«, bohrt Jean weiter. Warum lassen sich Erwachsene nicht mal andere Fragen einfallen? Diesseits und jenseits des Atlantiks herrscht offenbar Einmütigkeit.
»Ich würde gerne Astronaut werden«, erwidere ich, in der Hoffnung, ein solch außergewöhnlicher Wunsch ist imstande, das Gespräch zu beenden, aber Tante Jean zieht die Augenbrauen hoch und vergisst das Rauchen.
»Wirklich?! Das muss ich unbedingt Theodor sagen!« Sie steht auf und beginnt abzuräumen. Elisa grinst mich an, ich erinnere mich an die gute Erziehung und helfe Jean.

Ich friere die halbe Nacht. Das Einstellen der Klimaanlage erfordert die Kenntnisse eines ausgebildeten Ingenieurs. Als ich endlich meine, die Regeleinheit verstanden zu haben, beginne ich zu schwitzen und öffne das Fenster, was aber eine Abschaltung der Anlage zur Folge hat. Es ist zum verrückt werden. Ohne Decke, dann mit Decke und Überdecke, mit Socken, keine Chance. Gegen sechs Uhr stehe ich auf, total übermüdet. Den von Opa angekündigten Jetlag in den Knochen, schleiche ich in die Küche und suche Brot, finde aber nichts. Dafür in der Speisekammer drei Tiefkühltruhen voll mit Pizza, French Fries, Regale mit Konserven, weder Brot noch Butter oder Marmelade. Auf dem Boden ein Karton mit Jeans Zigaretten, mehrere Gallonen Milch und – so kommt es mir vor – eine Schubkarre Cornflakes. Was tun? Das Küchenlicht geht an und Elisa steht hinter mir im Türrahmen.
»Hunger?«
Ich nicke. Sie nimmt meine Hand und führt mich an die Kücheninsel, zieht aus einer Schublade ein Messer und von einem abgehängten Bord über uns ein Glas hellbraune Paste. »Schau mal im Schrank hinter dir, da ist Toastbrot, und dort«, sie zeigt auf einen Wandschrank, »ist der Toaster.« Ich hole Brot und Toaster.
»Was ist das für eine Paste?«
»Das ist Jimmy Carters Erdnussbutter«, erklärt sie grinsend. Jimmy Carters Erdnussbutter? Ich erinnerte mich an eine Befürchtung meines Vaters aus dem Frühjahr, dass die Erdnusspreise nun steigen, weil die Amerikaner jetzt einen Erdnussfarmer als Präsidenten haben.
»Willst du mich vereimern?«
»Nein!« Sie macht ein ernstes Gesicht. »Schau!«, bittet sie mich und hebt das Etikett vor mein Gesicht. Carter’s Best Georgia Peanut Butter. In der Tat. Aber Carter’s best klebt mir die Mundhöhle zu. Ich bekomme das Zeug nur mühsam ab. Elisa beobachtet mich bei den Bemühungen und lacht. Tante Jean schlurft in die Küche, eine Zigarette in der Hand.
»Was ist denn hier los? Könnt ihr nicht schlafen?«
Ich erkläre ihr die Schwierigkeiten mit der Klimaanlage. Sie nickt und schiebt eine große Kanne unter die Kaffeemaschine. »Elisa, erklär Heinrich später das Gerät. Und jetzt lasst mich mal ein bisschen alleine. Morgens brauche ich meine Ruhe …«
Elisa zieht mich hinaus auf die Terrasse. Es hat tatsächlich abgekühlt. Wir setzen uns auf die gemauerte Einfriedung der Rabatte und ich folge Elisas Finger, wie er über die Blumenbeete schwingt. »Hier musst du aufpassen«, sagt sie leise. »Unter den Steinen sind sehr oft Schwarze Witwen. In der Dämmerung kommen sie raus und sitzen manchmal auf den Steinen. Ich stehe auf wie mit Eiswasser übergossen.
»Schwarze Witwen?!« Mein Rücken ist eine einzige Gänsehaut, die Muskeln zucken unkontrolliert. Panisch suche ich die kleine Mauer ab. Dabei weiß ich gar nicht, nach was ich suchen soll. Ich denke an monströse, schwarzglänzende Spinnen. »Wie groß sind die?!« Elisa nimmt meine Hand, tippt auf meinen Daumennagel.
»Ungefähr so groß wie der hier.«
»So klein?«
»Groß genug, dir ein paar schmerzhafte Stunden zu verpassen.«
Ich schlucke. »Können wir reingehen?«
Sie lacht. Sie lacht herrlich. Wir schleichen ins Haus und hocken uns vor den Fernseher. Tom jagt Jerry. Das ist mir gerade recht.

Das Wochenende kommt und ich kenne inzwischen alle Waffen im Haus. Onkel Theodor hat über jeden Türrahmen, beidseitig, eine Waffe aufgehängt. Alle sind geladen und schnell abnehmbar. Man kann nie wissen, betont er und führt mir alle in Handhabung und Funktionsweise vor. Sein ganzer Stolz ist das Ding über der Haustür. Eine Schrotflinte, Remington 870, schwärmt er. Unter dem Kopfkissen hat er einen Colt 1911 Kaliber 45, mit einigen Schrammen. Noch aus Vietnam, sagt er mit verklärtem Blick. Ich wohne für fünf Wochen in einer Waffenkammer.
Als erster Höhepunkt folgt am Samstagabend wieder ein Barbecue, aber dieses Mal mit Gästen. Tante Jean rennt zwischen Garten und Küche hin und her. Alles was an Gemüse und Kräuter dort zur Verfügung steht, wird ins Haus getragen und von Elisa und mir nach Anweisung geschnitten. Zusammen zaubern wir zehn Salate. Ich ertappe mich immer wieder dabei, achtbeinige Untiere in Ecken oder anderen Winkeln zu suchen. Obwohl jede Tür und jedes Fenster mit Fliegennetzen geradezu perfekt abgedichtet ist, lässt mir die Schwarze Witwe keine Ruhe. Elisa erzählt von der Schule, Freundinnen, den Männern, die an diesem Abend kämen und quetscht mich nach Mädchen aus, mit denen ich vielleicht schon dies und das getan hätte, schweigt aber sofort, sobald Jean in der Nähe ist. Ich schneide mir irgendwann in den Finger und fluche. Elisa biegt sich vor Lachen.

Dann kommen die ominösen Männer. Wenn ich das so schreibe, meine ich es auch so. Es sind vier gegerbte, breitschultrige, tätowierte Bunker aus Testosteron, zwei davon mit Frauen, aber die machen den Eindruck eines Schoßhündchens. Lediglich die Leine fehlt. Die einzig authentische Begrüßung ist die zwischen Theodor und den Vieren. Sie umarmen sich kreisförmig, schweigend, stehen für eine Minute auf dem Vorplatz und als sich das Knäuel auflöst, sehe ich einen von ihnen weinen. Still gehen sie außen herum zur Terrasse.
»Das sind sie«, flüstert Elisa in mein Ohr und zieht mich am Ärmel hinterher. Diese Innigkeit und Elisas geflüsterte Ehrfurcht macht mich stutzig. Mit was muss ich hier rechnen? Ein Geheimbund? Die Rächer der Enterbten? Opa sitzt schon am Tisch und Theodor stellt ihn vor. Die Vier geben ihm die Hand und setzen sich. Elisa und ich holen Getränke aus dem Eisschrank, Bier, Eistee, Wasser, stellen alles auf den Tisch. »Das ist mein Neffe Heinrich, aus Deutschland«, sagt Theodor und steht auf. Alle erheben sich, mustern mich ernst und nicken. Nur einer ist größer als ich. Artig gebe ich allen die Hand und frage sie nach ihrem Wohlbefinden. Aber sie bleiben ernst und mir wird mulmig. Noch verwirrender ist, dass Tante Jean und die beiden Frauen an einem Tisch abseits sitzen und unentwegt quasseln. Elisa und ich übernehmen die Bedienung aller, und das ist kein einfacher Job, denn es wird getrunken, was die Reserven hergeben. Mit jeder Flasche lösen sich zusehends Mienen, Zungen und Gemüter. Irgendwann stellen wir eine ganze Batterie Bier und Jack Daniels auf den Tisch, inklusive eines Bottichs Eiswürfel und setzen uns dazu, denn Opa Hannes, Theodor und die vier Großen rutschen in ihre Vergangenheit ab. Ich lausche fasziniert.

Zu beschreiben, was sie erzählen, abwechselnd, sich ins Wort fallen, lachen und auch weinen, das sprengt meinen Horizont, erweitert meine Welt um ein Vielfaches, gräbt sich in meine Seele wie reißende Fluten in ausgemergelte Erde. Ich weiß, warum Elisa unter dem Tisch meine Hand nimmt und immer stärker drückt, je weiter die Stunde voranschreitet. Sie muss hinhören, da bin ich mir sicher. Ebenso wie ich. Und sie leidet. Um uns herum sitzen fünf Männer, die über viele Jahre bei den Green Berets dienten, den Special Forces, mit Aufträgen bedacht wurden, die sie im Dschungel an der Grenze von Vietnam zu Laos oder Kambodscha auszuführen hatten, egal ob Aussicht auf Erfolg bestand oder nicht. Sie schlichen sich tief in nordvietnamesisches Gebiet, verloren Kameraden, töteten alles Lebendige in ihrem Umkreis, bildeten Montagnards aus, um diese auf den Ho-Chi-Minh-Pfad loszulassen. In ihren Worten, dem Lachen und Weinen, steckt das Blut und der Tod aus Jahren an Ausweglosigkeit und letztlicher Niederlage. Sie trinken all das unter den Tisch. Ich will die Taten nicht hören und lausche doch fasziniert. Es ekelt mich und hänge ich an ihren Lippen und dem Bodycount. Wie konnten sie nur? Und wie kann ich das wissen wollen? Unbedingt? Warum sitzt neben mir Elisa und drückt sich die Angst aus den Fingern? Weil ihr Vater neben uns sitzt. Der Vater, der sie liebt und den sie liebt.
Theodor übersetzt das eine oder andere für Opa Hannes und dem kommen alsbald die Tränen, dann fragt ihn der Wuchtige, warum er weint, und Opa startet mit seiner Story über den Partisanenüberfall des Nachts im Spätjahr 1941, nahe der Rollbahn von Smolensk nach Moskau, und wie ihre Sturmgeschützeinheit zusammen mit einer SS-Division ein Dorf dem Erdboden gleichmachte, mit allen Lebendigen darin. Ich bin mitten im Krieg, stehe auf, schüttle Elisas Hand ab und suche einen Weg in den großen, dunklen Park. Zum Bach, der sanft plätschert. Dann weine ich — und spüre Elisas Hand auf meiner Schulter. Ich bin drauf und dran zu explodieren und ahne, dass es Elisa ebenso geht. Diese Männer, unsere Opas, Väter, Onkel, sie übertragen uns da ein Vermächtnis, dass wir nicht tragen können, nicht tragen wollen, aber müssen. Wir haben sie nicht darum gebeten; aber sie bitten uns darum.

Wir räumen ab. Schweigend. Elisa ist still, sagt kein Wort und sieht mich nicht an. Die Sonne steht schon hoch. Opa schläft noch, Onkel Theodor sitzt mit einem Eisbeutel auf dem Kopf vor dem Fernseher und seine Vietnam-Kumpel haben in der Werkstatt auf dem Boden genächtigt. Tante Jean gesellt sich mit üblicher Zigarette und der x-ten Tasse Kaffee zu uns raus. »Geht ein bisschen spazieren, ihr beiden. Ich mache den Rest. Vielen Dank für eure Hilfe.« Wir nicken und ziehen los. Etwa fünfzig Meter nach dem Haus wird der Wald dichter. Aus ihm kommt der Bach und an dessen kurvigem Verlauf schlendern wir entlang.
»Heinrich?« Sie stoppt und dreht sich.
»Ja?«
Elisa setzt sich an den Rand des Wassers und stellt die Füße hinein.
»Hat es da drin Wasserspinnen oder so?«
Sie lächelt abwesend. »Nein. Nur Bachkrebse. Aber die tun nix. Man kann sie essen.« Ich setze mich neben sie, ziehe die Schuhe aus und tue es ihr gleich. Wie kühl das Wasser ist. In den Bäumen über uns tschilpen und keckern unzählige Vögel. »Zwei Mal im Jahr kommen seine Kameraden. Keiner von denen hat ein normales Leben. Nur Papa. Seine Werkstatt füllt ihn aus. Möbel schnitzen ist sein Lebenswerk. Aber die anderen vier …« Sie schweigt und sieht mich an, greift nach meiner Hand, zieht sie an ihren Hals und legt den Kopf hinein. »Opa hat noch nie vom Krieg erzählt«, beginnt sie von neuem. »Und er war ja schon fünf Mal hier. Ich wusste nicht, dass er … dass er auch …« Wieder Stille. Eine Stille ohne Tränen. Eine unbegreifliche Stille, denn was können wir uns sagen? »Ich möchte so schnell wie möglich von hier weg«, erklärt sie dann. »Verstehst du das?«
»Ja, das kann ich verstehen.« Elisa atmet tief ein und aus, steht auf und ich folge ihr.

Ein paar Tage später sitze ich am Bach, die Füße im Wasser und spähe nach diesen essbaren Bachkrebsen. Ab und zu meine ich, ein Neunauge zu entdecken, bin mir aber nicht sicher, ob es die auch in ostamerikanischen Süßgewässern gibt. Opa, Elisa und Jean waren in der Stadt, Geld ausgeben. Die Tür zur Werkstatt klappert und Onkel Theodor kommt her. »So! Pause! Heinrich, komm mal, ich zeig dir was!« Er steht vor einem mächtigen Baum und kramt etwas aus seiner Hosentasche hervor. Seufzend stehe ich auf und gehe zu ihm, doch zehn Meter bevor ich ihn erreicht, dreht er sich wie der Blitz um und starrt mich an. »Stopp! Nicht näher kommen! In die Hocke!« Ich überlege, ob er mich meint. »In die Hocke, Private!«
Also tue ich, was er verlangt. Theodor macht einen Schritt auf die Seite und zeichnet mit weißer Kreide eine Figur auf den Baumstamm vor ihm. Ins Gesicht setzt er zwei asiatisch aussehende Augen, Reisstrohhut, vor der Brust eine Maschinenpistole. Dann kommt er angeschlichen. »Gook-Patrouille«, flüstert er, legt den Zeigefinger auf die Lippen. An seinem Handgelenk entdecke ich einen breiten Lederriemen, so etwas wie Taschen daran und daraus lugen drei Stahlklingen hervor. Er hebt die linke Handfläche, macht eine Faust, dann zwei Finger, winkelt den Zeigefinger Richtung Baum. Ich schweige, bin mucksmäuschenstill. Was soll ich auch sonst tun? Dann bewegt sich sein rechter Arm, formt eine schnurgerade Linie, so schnell, dass ich dieser Bewegung nicht wirklich folgen kann. Die Stahlklingen aus dem Lederband stecken von einem Atemzug auf den nächsten im Kopf des ‚Gooks‘.
»Tot«, stellt er fest. »Situation geklärt.« Mit einer geschmeidigen Bewegung kommt er aus der Hocke, pirscht zum Baum, zieht die Messer raus und wischt sie doch tatsächlich an seiner Hose ab. »Hast du Durst?«, will er wissen. »Ist ziemlich warm. Lass uns einen Eistee trinken.« Ich nicke, wir gehen hinein. Die Frage, vor wem ich mehr Angst haben sollte, vor Onkel Theodor oder den noch nicht entdeckten Schwarzen Witwen im Garten, drängt sich mir auf. In der Küche stellt er zwei Dosen Eistee auf die Kücheninsel und kramt aus einer Papiertüte weitere leere Dosen. Ich trinke das süße Gebräu auf einen Zug leer, während er in den Weiten des Hauses verschwindet und mit dem Colt 1911 wiederkommt. Theodor lässt Eistee Eistee sein. »Komm, Heinrich. Wir schießen auf Dosen.«
»Äh …«
»Nicht zögern, Private«, fordert er mich auf und ich packe sechs der leeren Dosen. Draußen entnimmt er das Magazin, kontrolliert den Füllstand, schiebt es hinein, schaut in den Lauf, ob eine Patrone drin ist. Am Bach angekommen, stellt er sich neben mich. »Wirf die Dosen hinein.« Die letzte Dose ist noch nicht im Wasser, da reißt er die Waffe hoch und schießt drei Mal. Ich halte mir reflexartig die Ohren zu. In zwei von ihnen entdecke ich je ein Loch. Sie laufen voll und sinken. »Mist! Nur zwei von drei. Ich werde alt.« Er sieht mich an.
»Jetzt du.«
»Ich?«
Theodor drückte mir die Waffe in die Hand. Sie ist enorm schwer und ich kann mir nicht vorstellen, wie man damit ruhig zielen sollte. Er bemerkt mein Zögern. »Zielen? Vergiss das Zielen. Was zielt, ist dein Kopf. Und wenn der das kann, tut deine Hand das Richtige. Schau die Dose an, nimm die Waffe hoch und drück ab. Es muss eine durchgehende Bewegung sein. Wenn du überlegst, bist du tot.« Das Herz rutscht mir in die Hose, Schweiß bricht aus.
»Okay.« Ich fixiere die Dose, reiße den Klumpen Metall hoch und drücke ab. Der Rückstoß fegt die Waffe aus meiner Hand und meinen Arm nach hinten. Glühend heißer Schmerz zuckt durch meine Schulter und ich schreie. Theodor fängt den Colt auf und ich sinke jammernd in die Knie.
»Na gut«, meint er, »du hättest die Schulter nach vorne drücken müssen. Eine Linie mit Waffe, Arm … hab ich doch glatt vergessen.« Er hilft mir auf und schiebt mich ins Haus.

Die Woche über halte ich die Schulter still und blättere in Theodors Bücherbestand, der sich wie folgt zusammensetzt: Vietnam und Korea. Es handelt sich hauptsächlich um Bildbände. Krieg. Am Freitagnachmittag stehen Tante Jean, Elisa, Opa Hannes und Theodor auf der Terrasse und als ich aus der Küche kommt, sagt mein Onkel: »Fertig, Heinrich?« Ich weiß nicht, was er meint, aber sie ziehen mich ums Haus herum in den Van, der mit Matratzen, Schlafsäcken, einer Holzbank und jeder Menge Proviant ausgestattet ist.
»Du und Elisa dürfen vorne sitzen.«
Wir fahren los. Offenbar haben sie eine Überraschung geplant, die mir niemand verraten will. Den Lebensmittelreserven nach zu urteilen keine kurze Fahrt. Opa und Tante Jean reden fast ausnahmslos über meine Mutter, Pforzheim, Oma, Deutschland und die RAF. Die Sonne rechts und die Straßenschilder zeigen, dass es nach Süden geht. Gegen frühen Abend erreichen wir South-Carolina, durchqueren es, dann kommt die Staatsgrenze von Georgia.
»Carter’s Best Peanut Butter«, flüstert Elisa in mein Ohr. Ich lächle und die Nacht kommt. Irgendwann döse ich ein, wache wieder auf, als es ruckelt, entdecke ein Schild, auf dem Interstate 95, Savannah 20 Meilen steht, spüre Elisas Kopf auf meiner Schulter und bemerke ganz tief in mir drin, dass mich die Berührung ihres Kopfes freudig stimmt. Sie vertraut mir. Und ich vertraue ihr. Wie leise sich doch diese Vertrautheit angeschlichen hat, ohne dass ich mir dessen bewusst wurde. Jacksonville, Florida, 92 Meilen. Opa und Tante Jean schlafen auf den Matratzen. Ich decke Elisa und mich zu und döse weiter.

Onkel Theodor gähnt ausgiebig und laut. Daytona Beach, 2 Meilen, ein paar hundert Meter weiter thront eine große Tafel am Straßenrand, Kennedy Space Center, 80 Meilen, Visitor Center open. Ich werde schlagartig hellwach, rucke hoch und Elisas Kopf rutscht herab. Ich fange ihn auf, lege ihn zurück auf meine Schulter und starre durch die dreckige Scheibe. Onkel Theodor pfeift leise einen Song. Cape Canaveral!
Kurz vor neun Uhr in der Früh fahren wir auf den Besucherparkplatz, krabbeln stocksteif aus dem Dodge, dehnen und strecken alles, was wir an Knochen und Muskeln besitzen. Theodor legt sich in den Wagen. »Ihr geht rein, ich muss schlafen. Mich interessiert das Weltraumzeug eh nicht.« Aber mich! Ganz Feuer und Flamme marschiere ich los. Wir erreichen das Vorgelände und ich komme aus dem Staunen nicht raus. Mercury und Juno, Vanguard-Raketen, Redstone … wie in meinen Büchern. Ich laufe von links nach rechts, zurück, nach vorne, einen Bogen, studiere jede Tafel, bis Opa mit der Hand winkt. Er setzt sich auf eine Bank. »Ich laufe keinen Meter mehr. Hier hast du Geld«, er drückt mir dreißig Dollar in die Hand.
»Geh du mit Elisa und …«, Tante Jean winkte ab. »Nichts für mich.«
»… mit Elisa hinein. Wir treffen uns dort drüben im Restaurant um zwölf Uhr.«
Elisa und ich ziehen von dannen, auf die große Halle zu, bezahlen den Eintritt und legen los. Die Halle der Astronauten, Porträts, die Apollo 11-Kapsel, ein Raum mit einem immens großen Triebwerk. »Du meine Güte«, sagt Elisa und bleibt stehen. »Ist das ein Triebwerk?«
»Der F1-Motor der Saturn V«, erkläre ich und bekomme weiche Knie. Kurze Zeit später erreichen wir die zweite Halle. In ihr steht mein brennender Busch. Die wenigen Menschen mit uns schweigen, nur ein paar flüstern, alle sind voller Ehrfurcht für die Saturn V, die Mondrakete. Langsam und andächtig schreitet Elisa mit mir das 110 Meter lange Wunderwerk ab. Nach der ersten Stufe schnappt sie meine Hand. »Was denkst du jetzt?«, fragt sie, an der Spitze angekommen, dem Rettungsmodul. Ich muss mich setzen.
»Alles auf einmal und nichts«, gebe ich ehrlich zu. Ich blicke Elisa an.
»Ich ahne, zu was wir in der Lage wären, gäbe es keine Kriege.«
Still lausche ich ihren Worten. Sie ist so alt wie ich, vierzehn Jahre. Aber diese Worte hören sich weise und klug an, als säße ich neben einem Hundertjährigen, der schon alles gesehen und erfahren hat. Ich verstehe nicht, wie solch ein enormes Stück Metall mich derart zu überwältigen in der Lage ist, dass ich feuchte Augen bekomme und bald darauf Tränen über meine Wangen rollen, die Elisa mit ihrem Shirt abtrocknet. »Jetzt weiß ich gar nicht, warum ich weinen muss«, gestehe ich ihr. Sie steht auf und reicht mir die Hand.
»Vielleicht, weil wir Menschen das gebaut haben.«
Ja, denke ich und nicke. Ich glaube, sie hat recht.
Wir sind pünktlich um zwölf Uhr im Restaurant und drücken weiche Hamburger in uns hinein, dann statten wir dem Gatorland in Orlando noch einen Besuch ab, staunen über Alligatoren, ziemlich große Schlangen und eine Unmenge Wellensittiche. Abends fahren wir wieder nach Norden, übernachten im Bus auf einem Rastplatz. Die Nacht ist moskitoverseucht. Damit meine ich nicht, dass uns mal die eine oder andere Mücke quält. So etwas habe ich noch nicht erlebt. Am Sonntagmorgen sind wir gerädert und setzen den Weg nordwärts fort.

Onkel Theodor plant für das Wochenende drauf die nächste Tour, allerdings nur ‚um die Ecke‘, wie er sagt. Ein Freund von ihm besitzt in Wrightsville Beach auf Parmele Isle ein Strandhaus. Das überlässt er uns für ein paar Tage. So fahren wir nach dem Mittagessen Richtung Atlantik. Ich freue mich auf das Meer, weil es kühlere Temperaturen verspricht. Der Küste von North Carolina ist eine ganze Inselkette vorgelagert, ein einziger, großer Strand mit tiefen Dünen und Wochenendhäusern dazwischen. Unseres ist mehr als groß genug, komplett aus Holz, weiß lackiert, ein richtiges Schmuckstück. Onkel Theodor, Tante Jean und Opa Hannes machten es sich gleich zu Anfang auf der Veranda gemütlich und stellen klar, dass sie sich von dort nur noch ins Bett bewegen. Elisa und ich gehen zum Strand, legen ein großes Badetuch aus und schauen, auf die Ellenbogen gestützt, dem Atlantik zu. Schon einige Male war ich mit meinen Eltern an Nord- oder Ostsee gewesen im Urlaub, aber das hier ist etwas völlig anderes. Der Atlantik! So verheißungsvoll wie sein Name, so mächtig dunkelgrün breitet er sich vor uns aus, über den ganzen Horizont. Auf der anderen Seite Afrika. Er spricht zu uns, durch sein behäbiges Wogen, lässt uns seine Tiefe fühlen.
»Ich geh ein bisschen schwimmen«, sagt Elisa und springt auf. »Kommst du mit?«
»Lass mich noch etwas sitzen. Ich möchte den Anblick genießen und komme gleich nach.«
Sie grinst und rennt in die Wellen. Es gibt kaum Mädchen, die fast so groß sind wie ich. Elisa schwimmt nicht wirklich, ist kaum bis zur Hüfte im Wasser, lässt sich lieber mit den brechenden Wellen zum Strand treiben, ein Handstand folgt, das obligatorische Radschlagen. Dann stehe ich auf und gehe zu ihr. Keine zweihundert Meter links hat man einen langen Pier auf unzähligen Holzstämmen ins Meer gebaut, eine Plattform am Ende, auf der eine Menge Angler ausharren und auf Fische hoffen. Der Sand ist ist so fein und weiß, ganz fest unter meinen Füßen, das anrollende Wasser warm, das beständige Rauschen hypnotisiert mich. Ich lasse mich einfach hineinfallen.
»Kannst du schwimmen, Heinrich?«
Elisa erhebt sich aus der abziehenden Welle. Ich blicke zu ihr auf. Sie tritt einen Schritt heran. Gegen den blauen Himmel starrend, stelle ich fest, dass sie ungemein schön ist. Mit warmer Stimme und ansteckendem Lachen. Ich erschrecke vor dieser Erkenntnis und rolle in die nächste Welle. Dann springe ich auf. »Ja, ich kann schwimmen.«
Sie reibt das Wasser aus ihren Augen. »Ich weiß nicht, ob ich hier ins Wasser will. Es ist so weit und endlos. Als könnte ich darin verschwinden.« Weit und endlos. Das ist es. Und durchtränkt mit tiefem Grün, wie es auf keinem Gemälde dieser Welt existiert. Am Horizont ein dunkles Band, sich auftürmende Wolkenberge, blendend weiß an den Spitzen, fast schwarz über dem Wasser. »Sieht aus wie ein Gewitter«, ruft sie in den Wind hinein.
Mein Bild von Elisa verändert sich zusehends, sekündlich, mit jedem Augenaufschlag wächst meine Verwirrung und ich vergesse meine Angst vor der Tiefe, lasse mich ins Wasser fallen und schwamm hinaus, zwei Meter, dann zehn Meter, als wäre ich in diesen Äther hineingeboren. Kein Grund mehr unter den Füßen. Elisa winkt, ich erwidere es und lache. Ihr Kopf ist ein Stück kleiner. Vielleicht bin ich jetzt frei? Der Krieg kann es nicht bis in den Atlantik schaffen. Keine Träne vermag mich hier zu erreichen. Ein starkes Kribbeln rollt durch meinen Körper und ich schließe die Augen, lege mich auf den Rücken. Weit und endlos. Über den ganzen Horizont.
Dann spüre ich den Sog. Wie eine Faust umschließt er alles Wasser und nimmt mich in seine Mitte. Ein Menschlein ohne Verstand. Panisch öffne ich die Augen und blicke mich um. Wie mit einem Motor, zieht eine Unterströmung mich ins offene Meer. Mir ist, als höre ich die kalte Tiefe rufen. Auf dem Pier erblicke ich mit allen Armen wedelnde Menschen, hüpfend, Hände zu einem Trichter geformt. Schon bin ich auf Höhe der Plattform, an die zweihundert Meter. Unmöglich! Hinter mir, nein, vor mir Afrika. Und noch etwas anderes. Auf den Kämmen der Dünung entdecke ich eine rote Masse. Rotes Wasser? In sich bewegend. Wimmelnd. Die Erkenntnis dauert. Quallen! Wie ein Blitz durchzuckt es mich. Faustgroße, rote Quallen! Unmengen. Bald links und rechts. Mein Startschuss! Kraulen, Heinrich, kraulen! Schließlich bist du in der 4 x 100 m-Staffel. Nur ohne Team! Finger zusammen, eine Linie, zwei Züge und atmen, zwei Züge und atmen, gegen den Sog. Drei Züge und atmen. Dann erkenne ich, dass es klüger ist, mit der anrollenden Dünung zu schwimmen, ziehe ins Wellental und tauche durch den Wellenberg, ziehe ins Tal, durch den nächsten Berg. Das Bild der roten Quallen in meinem Kopf. Bestimmt schon an meinen Füßen. Nicht denken, Heinrich, nur ziehen! Mehr als langsam nähere ich mich dem Strand, der hüpfenden und schreienden Elisa entgegen, die bald ins Wasser rennt und mir entgegen schwimmt, was ich nicht will, denn ich habe noch genügend Kraft. Komm nicht her, denke ich. Bitte nicht! Elisa kommt und ich strenge mich noch mehr an. Dann treffen wir uns, umkreisen einander. Sie schreit ihre Angst raus. Ich ziehe sie mit mir. Bald haben wir Grund unter den Füßen, es wird flacher und wir stehen auf, von der Dünung rhythmisch angehoben. Elisa weint. Die Menschen auf dem Pier johlen, klatschen, wedeln mit Tüchern. Ich winke zurück. Schnell aus dem Wasser. Erschöpft fallen wir aufs Badetuch und beruhigen unsere Atmung. In der Ferne rumpelt es und Wind kommt auf. Ich spüre ihre Finger meine Hand suchen, sie packt zu, dann drückt sie sich auf den Ellenbogen und mustert mich lange.
»Du hättest sterben können, Heinrich.«
Ja, das hätte ich. Gewiss sogar. »Ich weiß, Elisa. Ich weiß.«
Sie steht auf und geht durch die Dünen Richtung Haus. Ich setze mich aufrecht und starre auf den Atlantik, dessen Grün mehr und mehr schwindet, sich unter der nähernden Wolkenbank zu einem dunklen Grau wandelt. Hin und wieder zucken Blitze quer über den Horizont. Es donnert. Ich packe das Badetuch zusammen und verlasse den Strand.

Das Wochenende liegt hinter uns. Die Alkoholbestände in Theodors Haus sind dezimiert. Opa und Tante Jean ziehen los, um sie aufzufüllen, noch andere Lebensmittel zu besorgen und ich liege auf der Couch, studiere ein Buch über den Koreakrieg. Elisa schläft auf dem Sessel, ihre Beine auf dem kleinen Tisch. Ich ertappe mich dabei, diese langen Beine als wunderschön anzusehen und schäme mich. Von draußen ruft mich Onkel Theodor. Seufzend folge ich dem Ruf und staune nicht schlecht, als ich ihn in Tarnkleidung neben einem Rhododendron entdecke. Er hält ein langes Etwas in der Hand. »Heinrich! Das ist was für dich! Schau!« Vorsichtshalber wahre ich den Abstand. Aus seiner Tasche nimmt er etwas, hält es in die Luft. »Ein schöner Kieselstein!« Er lässt ein Ende von diesem langen Etwas los und ich erkenne darin eine Schleuder. Der Stein verschwindet in einer Art Beutel und er nimmt das andere Ende wieder auf. Dann beginnt Onkel Theodor das Ganze zu drehen. Über eine Schlaufe. »Eine Bola«, ruft er. »Benutzen die Nung.«
»Die Nung?«
Er nickt und zeigt mit der freien Hand in die Baumkrone über uns. Die Bola surrt in der Luft. »Siehst du den Raben?« Ich versuche den Raben im Geäst zu entdecken. Aus dem Augenwinkel sehe ich Theodor das freie Ende loslassen und der Stein fliegt mit irrer Geschwindigkeit in die Krone. Etwas krächzt und der schwarze Vogel fällt wie ein Stein auf den Boden. Eine Menge Federn kreisen langsam dem Rasen entgegen. »Eine stille, aber tödliche Waffe«, stellt Onkel Theodor fest. »Damit haben sie Charlie das Fürchten gelehrt«, erklärt er weiter. Dann streckt er sich und drückt mir im Vorbeigehen die Bola der Nung in die Hand. »Schenk ich dir. Du musst aber kräftig üben«, ordnet er an.
»Danke, Onkel Theodor. Mach ich.«
Mit einem schnellen Griff packt er den Vogel, schmeißt ihn in die Mülltonne und verschwindet im Haus. Ich starre das an, was in meiner Hand liegt und frage mich, ob es tatsächlich noch aus dieser Zeit stammt und Menschen getötet hat. Ich schüttle den Kopf und mache es mir am Bachufer bequem. Elisa tauchte wie aus dem Nichts neben mir auf.
»Hat er dir seine Bola gezeigt?« Sie setzt sich, versenkt die Füße im Wasser und legt ihre Hand auf meinen Oberschenkel. Ich zeige ihr die Schleuder.
»Er hat sie mir geschenkt.«
»Das ist etwas Besonderes«, sagt sie.
»Wann ist Onkel Theodor aus Vietnam zurückgekommen?«
Elisa überlegte einen Moment.
»Das war 1973, mit dem Abzug der restlichen Truppen. Aber«, sie schluckt hörbar, »ich glaube, er wäre gerne bis an sein Lebensende geblieben.« Ich erinnere mich an Opa Hannes.
»Du bist nicht mehr im Krieg, du wirst zum Krieg, nicht wahr?«
Elisa sieht mich überrascht an. »Wer hat das gesagt?«
»Unser Opa. In den letzten Jahren ist es besser geworden, aber als ich klein war, hatte er oft Aussetzer, schlafwandelte, erzählte mir auf langen Spaziergängen das, was wir uns am Barbecue-Abend anhörten …«
Elisa plätschert mit den Zehen durch das klare Wasser. »Komm, lass uns Bachkrebse suchen. Sie sind meist weiter hinten, im schattigen Wald.« Ich nicke, stehe auf. Mit den Augen auf wundervoll geschwungenen Waden, folge ich ihr in den Wald, gedankenverloren. Den Blick nach innen gerichtet. Etwas Mächtiges ist entstanden zwischen ihr und mir. Eine stille und intensiver werdende Empfindung. Das macht mir Angst. Ich sehe sie nicht stehenbleiben und laufe auf, halte sie fest und stolpere über eine Wurzel. Das Gleichgewicht verlierend, stürze ich in einen Busch. »Oh nein!«, höre ich sie rufen. Elisa hält sich den Mund zu.
»Nix passiert, Elisa.«
»Doch«, erwidert sie. »Giftefeu.« Sie zeigt auf den Busch, in dem ich liege. Hastig springe ich auf. Kurze Hose, Hochgerutschtes T-Shirt. Ich spüre nichts. Das soll Giftefeu sein? Diese Pflanze steht hier an vielen Stellen. Mein Fehler! Ich Trottel suche stets nach der mir bekannten Blattform, dunkelgrün, rankend.
»Komm, Heinrich! Schnell zurück. Wir haben eine Salbe …«, schon ist sie auf dem Weg. Ich trotte hinterher. Müsste das nicht sofort wirken? Wie bei Brennnesseln? Kurz vor dem Haus beginnt es. Und nicht nur an den Stellen, die mit der Pflanze in Kontakt waren. Jemand entzündet in mir ein Feuer. Es setzt sich fort wie eine Zündschnur, aus Armen und Beinen in mein Rückgrat, die Brust hinauf, in den Hals. Ich schaffe es nicht mehr ins Haus und setze mich auf die Fliesen. Von einem Moment auf den anderen zittere ich wie Espenlaub. Als säße ich mitten im Schelfeis, trotz der unzähligen Hitzenadeln in mir. Elisa, will ich rufen, aber es klappt nicht. Onkel Theodor kommt, Opa im Schlepptau. Sie heben mich so gut es geht hoch, ziehen das zitternde Bündel ins Haus, legen es auf der Couch ab. Elisa bringt eine große Salbentube.
»Er hat eine allergische Reaktion«, stellt Theodor fest. Aber ich bin mir gar nicht sicher, ob er das wirklich gesagt hat, denn Opas Mund bewegt sich ebenso, doch höre ich nichts. Ich bin nicht mehr ich und schließe die Augen. Feuer und Kälte rauben mir die Sinne, Hören und Sehen.
»… Arzt rufen …«, »… zudecken …«, … Nein! Nicht zudecken …«

Ich erwache. Immer noch im Wohnzimmer, auf der Couch. Es ist Nacht und lediglich ein Steckdosenlicht bringt etwas Helligkeit in den Raum. Ein Waschlumpen schiebt sich von hinten in mein Gesichtsfeld, legt sich auf meine Stirn. Dann erscheint Elisas Gesicht. Kopf drehen, Arm heben, kein Befehl funktioniert. Aber ich höre wieder Geräusche, höre Elisa aufstehen und den Stuhl verschieben, neben die Couch. Im Augenwinkel taucht ihre Hand auf. Sie beugt sich über mich. »Ich schmiere dir jetzt Salbe auf die Schwellungen. Wenn du etwas merkst, dann zwinkere mit den Augen oder so.«
Elisa fängt. Hin und wieder spüre ich eine angenehme Kühle, wie ein dumpfes Echo, nicht wie auf meiner Haut passierend, woanders, kilometerweit entfernt. »Du spürst noch immer nichts?« Augenzwinkern klappt. »Warte … und jetzt?«
Was meint sie? Da ist nichts. Augenzwinkern. »Ich habe meine Hand auf deinem Penis«, sagt sie. »Er schläft.« Es ist mir nicht möglich, im Boden zu versinken. Also erwidere ich ihren sanften Blick. Was zwischen uns entstanden ist, entzieht sich der Lähmung. Ich bin froh und spüre ein Auge feucht werden. »Schlaf«, flüstert Elisa.

Ganze vier Tage bin ich außer Gefecht. Und was auch immer da in mir getobt hat, es wirkt nach. Ab und an zuckt ein Muskel, wenn ich esse oder im Bett liege, pinkle oder am Bach das Wasser absuche; plötzlich zittert mein Oberschenkel, die rechte Schulter. Ich komme mir vor wie ein Teil von Galvanis Froschschenkel-Experiment. Noch etwas anderes macht mir zu schaffen: Elisas Worte verschwinden nicht mehr aus meinem Kopf. Ich empfinde etwas für sie – und sie für mich. Bin ich verliebt? Dieses Gefühl taucht aus den Abgründen meines Bewusstseins auf, wie ein Wal aus den Tiefen des Atlantiks, dem Licht entgegen, Sehnsucht nach Sauerstoff. Zumindest empfinde ich es als immense Zuneigung, wie ich sie in meinem kurzen Leben noch nicht gespürt habe. Was tun? Mich von ihr fernhalten? Die Sehnsucht legt Baumstämme in diesen Weg. Also wende ich mich ihr zu.

Onkel Theodor plant ein letztes Barbecue und lädt einen Gast ein, der einen großen Teil des Essens mitbringen wird. Opa und Theodor holen diesen Gast und seine Frau ab, die in einer abseits gelegenen Hütte in den Blue Ridge Mountains wohnen. Das hört sich alles schon sehr seltsam an und so beschreibt Elisa diesen Gast auch: Als seltsam. Ebenso wie Theodor und die vier anderen bei den Special Forces. Eine Art Einzelkämpfer ist er gewesen, in Theodors Zug, aber alleine unterwegs. Elisa sagt, er heißt Tecumseh und lehrt mich auch gleich, wie man es ausspricht: Tiikammsie. Ein Cherokee. Tante Jean leiht sich von einem Nachbar ein Auto und fährt nach Raleigh zu ihrer Mutter, die dort in einem Seniorenheim untergebracht ist, um mit ihr einen Tag in der Stadt zu verbringen, Kleiderkauf, Kaffee und Kuchen, Spaziergang, und uns trägt man auf, Salate, Grill, Getränke bis sieben Uhr abends vorzubereiten, was keine besondere Schwierigkeit ist. Ich zupfe Tomaten, Gurken, ziehe Radieschen, zwei weiße Rettiche, hole Zwiebeln aus dem Boden und gehe mit dem Gitterkorb ins Haus. Elisa ruft mich, als ich das Gemüse auf die Kochinsel stelle. Sie steht am Blumenbeet mit einer Unkrauthacke.
»Sollen wir mal eine Schwarze Witwe suchen?«, fragt sie grinsend. Ich schüttle energisch den Kopf, weiß aber, dass ich nachgeben werde.
»Okay«, antworte ich mutig, trete einen Schritt zurück. Elisa dreht einen Stein nach dem anderen um. Jeder eine Niete, was mich beruhigt. Unter der Nummer acht jedoch ist etwas, denn sie stoppt in der Bewegung.
»Komm her, Heinrich …« Langsam, schon eine Gänsehaut auf den Armen, schleiche ich neben sie und schaue auf die feuchte Stelle, die der Stein bedeckt hat. In der Tat eine sehr kleine Spinne, drei Zentimeter groß, schwarz glänzend, großer Hinterkörper, im Vergleich zum Rest, und an beiden Seiten scharf abgegrenzte, rote Dreiecke. Es schüttelt mich.
»Bitte, leg den Stein wieder drauf …«
»Hast du wirklich eine solche Angst?«
Ich nicke und drehe mich um. Nun werde ich den ganzen Tag an dieses Vieh denken, am Abend alle Minute unter dem Tisch nachsehen … Elisas Hand legt sich auf meinen Rücken. Wir gehen ins Haus. Die Magnetstreifen der zwei Fliegennetztüren klacken. »Tut mir leid«, höre ich sie hinter mir sagen. Ich lege die eingesammelten Gemüse ins Waschbecken und drehe das Wasser auf. Dann spüre ich Elisas Körper dicht hinter mir. Sie lehnt sich an, umschließt meine Brust mit den Händen und streicht mit kreisenden Bewegungen über mein T-Shirt. »Du bist schon sehr anders als die Jungs hier. Sanft und vorsichtig.«
Eine Hand rutscht über meinen Bauchnabel abwärts, in meinen Bund hinein und ruht dann auf meinem Glied, das augenblicklich hart wird. Ich muss mich umdrehen! Tue es und sehe Elisa in die Augen.
»Bin ich schön?«, fragt sie unvermittelt.
»Du bist schön.«
Sie schluckt. »Alle sagen, ich bin ein hässliches Entlein, und mein Cousin aus Deutschland sagt, ich sei schön.« Sie ahnt meine Frage. »Viel zu groß und so kleine Brüste, zu kurze Haare«, fährt sie fort. »Das ist nicht schön«, stellt sie fest. »Außerdem …« Sie schweigt und legt ihren Kopf an meine Schulter. »Außerdem will niemand kommen, weil sie sagen, mein Dad sei ein Spinner. Er hätte einen Schuss.«
Elisa ist einsam. Wie ich. Ich bekomme eine Ahnung von dem unsichtbaren Band, dass uns beide wie geschmiedet verbindet. Das Einsamsein. Es bleibt mir nur, meine Arme um sie zu legen. Entgegen meiner Angst, entgegen der Verbote, die es überall gibt.
»Ich mag kurze Haare. Das macht dich sehr besonders«, sage ich. »Was ist gegen groß einzuwenden? Und große oder kleine Brüste, das hat wohl nichts mit Schönheit zu tun. Oder? Man ist, was man ist.«
Kraftvoll drückt sie sich ab, packt meine Oberarme und fixiert mich mit ihren schwarzen Augen. Eine Art Feuer lodert darin, das Wasser läuft immer noch, ihr Mund landet auf meinem. Ich weiß gar nicht, was ich tun soll, doch Elisa weiß es umso besser. Ich lasse sie gewähren, tue einfach alles, was ihr Mund, ihre Zunge anstellen und so faszinierend schön ist. Wie der Ruf des Atlantik, ihm nun in die Tiefe zu folgen. Langsam rutschen wir am Spülschrank abwärts, auf den Boden, küssend, mit fiebrigem Greifen die Haut des anderen streichelnd. Elisas Schoß drückt sich auf mein schmerzhaft hartes Begehren, reibt sich daran, mehr und mehr, immer fester. Plötzlich setzt ihr Atem aus und ein heftiges Zittern bewegt ihren ganzen Körper. Wir glühen vor Hitze, meine Hände sind unter Elisas Shirt, kleben auf sanfter Haut. Wie von Sinnen suchen ihre Finger einen Weg in meine Hose, Knopf, Reißverschluss, kein Hindernis, der Griff nach meinem Glied. Sie reibt, bis nichts mehr bleibt als eine Explosion in meinem Kopf und einen Schrei, den sie mit ihren Lippen auffängt. Als die Fluten sich verziehen, bleibt das Band zurück. Wir sehen uns in die Augen und wissen, es ist da. Zwischen unseren Seelen. Nichts und niemand kann es zerstören.
»Du bist wunderschön«, flüstert sie.
»Wir beide sind es, Elisa.«

Alle Salate sind mit Liebe gemacht, denke ich. Der Gedanke gefällt mir. Trotzdem bin ich froh, dass wir nicht zusammen geschlafen haben. Ganz hinten in meinem Kopf höre und spüre ich die Verbote. Das Tabu. Es ist mächtig und malträtiert mein Gewissen. Wir haben an uns gehalten, aber das wird uns vielleicht nicht immer gelingen. Deswegen bin ich froh, dass wir in ein paar Tagen den Rückweg antreten – und gleichzeitig sterbensunglücklich, Elisa verlassen zu müssen.

Die Gäste kommen. Onkel Theodor und Opa sind voll des Lobes über unser Arrangement. Der Grill glüht, Salate und Getränke sind auf der Kücheninsel so abgestellt, dass man sich im Vorbeigehen nehmen kann, Blumen und Kerzen dazwischen, genug kühle Getränke. Nur Tante Jean fehlte. Und das macht Onkel Theodor Sorgen. Sie ist nicht die beste Autofahrerin, sagt er zu jedem von uns mehr als einmal und dreht Kreise im Rasen wie Dagobert Duck auf dem Teppich im Geldspeicher. Die beiden einzigen Menschen, die in der Ruhe geboren wurden, und sicher auch darin sterben, sind der Cherokee Tecumseh und seine Frau Nayeli. Sie sprechen nicht viel. Ich bin der Grillmeister, der die besonders eingelegten Wapiti-Steaks unter seiner Aufsicht hat. Elisa versorgt Opa und das Cherokeepärchen mit Getränken und Geschichten. Gegen zehn Uhr telefoniert Onkel Theodor mit der Highway Patrol, doch es ist kein Unfall gemeldet. Kurz vor Mitternacht kommt sie schließlich, begrüßt uns kurz und geht ins Bett. Migräne, sagt sie. Onkel Theodor folgt ihr, kocht Tee, macht Umschläge und ist bald darauf verschwunden. Ebenso Opa, dem zunehmend die Augen zufallen. Elisa und ich setzen uns auf die Bank gegenüber Tecumseh und Nayeli. Sie schweigen, was mich nervös macht. Dann zieht er aus einem Strohkorb zwei Schalen und reicht sie uns.
»Unser Geschenk«, sagt er mit sonorer Stimme. In den Schalen ist eine Art gelber Pudding mit vielen schwarzen Punkten darin. Ich runzle die Stirn.
»Was ist das?« frage ich misstrauisch. Elisas Ellenbogen landet in meiner Seite. Ich schau sie an. Sie bedankt sich und fängt an zu essen. »Vielen Dank für das Geschenk«, sage ich, nehme den Löffel und schiebe die erste Ladung in den Mund. Süß und bitter. Es knirscht beim Kauen. »Ameisen in Honig«, erklärt Tecumseh. Ich stoppe kurz das Kauen, traue mich nicht zu schlucken.
»Ameisen in Honig?«
»Nur Freunde bekommen Ameisen in Honig«, brummt er und nickt Nayeli zu. Sie sieht uns an und lächelt ein Lächeln, wie es ein hundert Jahre lang meditierender Buddhist nicht hinbekäme. Ich esse weiter, denn ich bin schließlich ein Freund. Mir gegenüber sitzt vielleicht ein Nachfahre von Sitting Bull. Mit jedem Löffel schmeckt es besser, deshalb vergesse ich die knirschenden Ameisen und leere die Schale. Die beiden lächeln.

»Darf ich Sie etwas fragen, Tecumseh?«
»Natürlich.«
»Wenn Sie denken, ich sollte das nicht fragen, sagen Sie es bitte …« Er nickt. »Sie waren mit meinem Onkel in Vietnam. Ich …«, nervös fahre ich mit dem Finger auf der Tischplatte umher. Tecumsehs Hand legt sich auf meine und bleibt wie ein Briefbeschwerer auf ihr liegen. Aus ihr strömt ein Fluss an Ruhe und Kraft. »Ich … ich verstehe das Töten nicht. Verzeihen Sie. Ich verstehe den Krieg nicht. Warum? Für was?« Elisas Hand landet unter dem Tisch auf meinem Oberschenkel. Sie krallt sich ins Fleisch. Es tut weh. Dann schnieft sie, schluchzt los, steht auf und läuft ins Dunkle. Tecumseh blickt zu Nayeli und nickt. Die erhebt sich und geht Elisa nach. Dann schiebt er seine andere Hand über den Tisch, die Handfläche oben. Ich verstand, lege meine hinein und er umschließt sie.
»Ich liebe meine Frau, Nayeli. Uns verbindet das Band der Liebe. Das Band des Krieges aber verbindet die Generationen. So bin ich verbunden mit deiner Tante. Ihr Großvater starb durch mein Volk, und mein Großvater durch ihr Volk. Es ist das, was wir Menschen tun.« Aus seinen Augen fließt schwarzes Licht. Das ist es, was ich fühle.
»Dann sind wir also verloren«, stelle ich fest.
»Nur, wenn du und Elisa es zulassen.« Ich lehne mich zurück. Er hält mich ohne Anstrengung. »Ich habe es zugelassen«, sagt er dann. »Diese Schuld ist ein schwerer Wagen, den ich jeden Tag hinter mir herziehe.«
»Onkel Theodor und Opa Hannes ziehen diesen Wagen bis ans Ende ihres Lebens …«
»… und noch viele andere«, beendete er meinen Satz. Wir schweigen eine lange Zeit. Ich vergesse, dass wir uns an den Händen halten. Was für ein besonderer Mensch, denke ich und bin dankbar, ihm begegnet zu sein. »Das Band zwischen Elisa und dir ist sehr stark«, flüstert er mir zu. Mir stockt der Atem. Dann beginne ich zu weinen.

Donnerstag, 11. August 1977, der Tag des Abschieds. Die Fahrt nach Raleigh ist eine Qual für Elisa und mich. Onkel Theodor, Tante Jean und Opa Hannes schmieden Pläne für das nächste Jahr. Ich will an nichts denken und denke doch an alles. Elisa und mich verbindet das Band des Krieges. Von den Vätern und Großvätern aufgebürdet. Sind wir diejenigen, die man darum bat, es sich anzuhören, zu ertragen, die darauf ihre Einsamkeit gründen? Mehr und mehr will ich hier weg. Nach Hause.

Diese Geschichte

Geschrieben im Jahr 2021 als Abschluss der vier Geschichten über den Vietnamkrieg. Behandelt die Entstehung der Texte über Vietnam, die Herkunft. Natürlich sind alle Namen ge- und verändert, die Orte ebenso weitestgehend. Bundesstaat ist korrekt, auch der Ort am Strand ist identisch, und natürlich Fahrstrecken, Florida etc. Auch das Jahr ist identisch, sowie die historischen Gegebenheiten (Präsident Jimmy Carter). Kriege sind nie weit weg, weder im Ort noch in der Zeit. Ihr Erbe überträgt sich und kann enorm drücken, Folgegenerationen eine schwere Bürde auflegen. Damit umzugehen, lernen wir erst langsam. Sagt mir gerne Eure Meinung. Wie immer sachlich.

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Beste Grüße
Heiko

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